(Transformations-)potenziale nachkriegsmoderner Freiraumressourcen

Vox populi

von

R-Urban Colombes, F. Foto: BY-SA 2.0

"Grün ist nur eine Farbe"
Sieverts, B. 2013

Heute wie damals werden die großzügigen und offenen Siedlungsstrukturen der ersten Nachkriegsjahrzehnte mit ihrem hohen Anteil an "Grün" vielfach geschätzt und als solche nicht grundlegend hinterfragt. "Grün" verheißt im Allgemeinen Licht, Luft und Sonne, Freizeit und Erholung und gilt als etwas Wünschenswertes im städtischen Kontext. Unbeachtet bleibt, dass dem Begriff "Grün" zunächst keine Eigenschaften oder Qualitäten zugewiesen sind - er sagt noch lange nichts über dessen räumliche Qualität, dessen Nutzbarkeit, Erreichbarkeit und Zugänglichkeit aus. Abstandsgrün und Straßenbegleitgrün ist eben auch "Grün". Neben einer quantitativen Argumentation, welche ökologischen Aspekte wie Biotopvernetzung, Stadt- und Mikroklima berücksichtigt, sollten wir verstärkt qualitativ denken und damit die Grundlage für einen erweiterten und wesentlich differenzierteren Diskurs über urbane Freiräume ebnen.

"Nothing calls for too great a set of changes. Embellishment has no place here. Quality, charm, life exist. The square is already beautiful." (Lacaton & Vassal 2006).

Lacaton & Vassal aus Paris wurden 1996 von der Stadt Bordeaux mit der Neugestaltung des Place Léon Aucoc beauftragt. In ihrer Analyse des Ortes stellten sie jedoch fest, dass der Platz mit seinen Proportionen, seiner Gestaltung, den verorteten Nutzungen und der Lage im städtischen Gefüge bereits große Qualitäten aufweist und in seiner Authentizität exemplarisch für den dortigen öffentlich geförderten Siedlungsbau steht. In ihrem Vorschlag plädieren Sie für die Annäherung an den Freiraum über dessen kulturelle Lesart und der Qualifizierung der bereits vorhandenen Aufenthalts- und Nutzungsqualität anstelle einer Neugestaltung durch ein zeitgenössischeres Design.


Abriss-Neubau der Siedlung Buchheimer Weg in Köln. Architekten: ASTOC, Landschaftsarchitekten, JBBUG; Foto: Neikes

Ausdifferenzierung der Freiräume durch das Nebeneinander von öffentlichen und privaten Nutzungen. Foto: JBBUG

Ausdifferenzierung der Freiräume durch das Nebeneinander von öffentlichen und privaten Nutzungen. Foto: JBBUG

Während historisch gewachsene Stadtstrukturen in Ihrer Entwicklung bereits vielfach überformt wurden, stehen die im Wesentlichen nutzungsgetrennten Siedlungsmuster der Nachkriegsmoderne heute erstmals auf dem Prüfstand. Insbesondere deren Bauten weisen einen dringenden Handlungsbedarf auf, um heutigen gesellschaftlichen Ansprüchen und ökologischen sowie ökonomischen Anforderungen gerecht zu werden. Aber auch die Siedlungs- und Freiraumstrukturen insgesamt stehen aufgrund veränderter Rahmenbedingungen vor großen Herausforderungen.

In den letzten Jahrzehnten wurden einige wesentliche Motoren einer insbesondere seit der Industrialisierung auf Expansion ausgelegten Stadtentwicklung ausgehebelt, andere neue sind hinzugekommen. An Stelle von Wachstum tritt die Frage nach Transformation wieder in den Vordergrund. Während sich also die (Nachkriegs-)Moderne mit ihrem objektbezogenen Städtebau von der historischen Stadt abwendet und ein Gegenbild über Leitbilder wie die "gegliederte und aufgelockerte Stadt" und die "autogerechte und organische Stadt" formuliert, in der der Mensch neu geformt wird, sind wir heute an einem Punkt angekommen, an dem wir unser lineares Denken mit einer von oben implementierten Doktrin grundlegend überdenken müssen. Stadt zu transformieren bedeutet nämlich insbesondere, die jeweiligen Begabungen und Potenziale des Vorhandenen zu erkennen, diese neu zu interpretieren und ihnen eine oder mehrere weitere Bedeutungsebenen zuzuweisen. Die Gleichzeitigkeit von wachsenden, stagnierenden und schrumpfenden Räumen, von konkretem Handlungsbedarf im hier und jetzt und langfristig angelegten Transformationsstrategien verlangt zudem nach neuen Lesarten und Instrumenten, welche den gesamten Organismus städtischer Realitäten in ihrer Vielschichtigkeit betrachten und weiterdenken.

Transformationsstrategien

Im Umgang mit dem Palimpsest unserer Siedlungs- und Kulturlandschaft zwingen uns sich verändernde politische, gesellschaftliche, ökonomische und ökologische Rahmenbedingungen zum Umdenken. Globale Praktiken werden aufgrund eines neuen Bewusstseins für die Begrenztheit unserer Ressourcen und des engen Zusammenhangs zwischen der eigenen Lebensweise und dem Lebensumfeld zunehmend hinterfragt. Der demographische Wandel, eine multikulturelle Gesellschaft sowie sich verändernde Arbeits-, Mobilitäts- und Freizeitmuster konfrontieren uns mit neuen Aufgaben und Fragestellungen über die Nutzung unserer Städte, der Teilhabe an deren Gestaltung und die Herausbildung von Öffentlichkeiten. Nicht unwesentlich prägen auch das Auseinanderdriften von Anspruch und Realität eines kommunalen Fürsorgeverständnisses sowie die Instrumente unserer heutigen Planungspraxis den Fachdiskurs.

Wer macht denn eigentlich Stadt? Und wem gehört die Stadt? Wie und wo wird Wissen generiert? Und welche Rolle spielen unsere Freiräume in diesem Spannungsfeld?

Top-down und bottom-up sind Begriffe, die schon lange in den Planungsdiskurs eingegangen sind. Wir müssen uns aber vielmehr eingestehen, dass es diese scheinbar klare Trennung zwischen Schwarz und Weiß nicht gibt, sondern dass vielmehr eine ganze Reihe Grautöne mit unterschiedlichsten Schwerpunkten in der Entwicklung von Stadt eine Rolle spielen.

Im Folgenden werden einige Beispiele benannt, die Baustruktur, Nutzung und Freiraum intelligent verknüpfen und die Herausbildung von Öffentlichkeiten im Spannungsfeld zwischen privaten, halböffentlichen und öffentlichen Strukturen neu denken. Alle beziehen sich in ganz spezifischer Art und Weise auf die Potenziale des modernen Städtebaus. Sie zelebrieren ihn, indem Sie die vorhandenen Qualitäten zulassen, weiterdenken und dessen Defizite korrigieren. Nie geht es um den neuen großen Wurf. Vielmehr sind es Kombinationen unterschiedlicher Ansätze und Praktiken, die anstelle von top-down und bottom-up offene und integrierte Strukturen herausbilden.

Legenda e.V.-Herbstwanderung "Testsite Stories II" am 3.10.2013 in Duisburg. Foto: Isabel Finkenberger

Ermöglichen und Fördern von Eigeninitiative und Teilhabe

Salford, eine Mittelstadt im Großraum von Manchester gelegen, entspricht in ihrer Entwicklung und heutigen Gestalt einer typischen, ehemals industriell geprägten Mittelstadt in England. Das in den 1960er-Jahren entstandene 16-stöckige Punkthochhaus Apple Tree Court in der Innenstadt von Salford steht exemplarisch für den zeitgeistigen Städtebau, der die bis dahin typischen englischen Back-to-Back Houses mit ihren privaten Gärten abgelöst hat.

Um mehr Einfluss auf die Gestaltung des bis dahin heruntergekommenen Wohnumfeldes nehmen zu können, schlossen sich dessen Bewohner 1988 zu einer Mietervereinigung zusammen, der 1994 die Verwaltung des Gebäudes und des angrenzenden Grundstückes von Seiten der Stadt übertragen wurde. Kurz darauf gründeten sie in Kooperation mit dem Arid Lands and Community Trust die Initiative Urban Oasis mit dem Ziel, einen Nachbarschaftsgarten gemeinsam zu entwickeln und zu bewirtschaften. Diese besondere Akteurskonstellation ermöglichte es den Bewohnern zudem, leichter privatwirtschaftliche Mittel und Spenden zu akquirieren. Allein durch gemeinnützige Arbeit und unter Anwendung besonderer, vertikaler Anbaumethoden konnten sie auf kleinstem Raum im wörtlichen Sinne eine Oase mit verschiedenen Nutz- und Ziergärten (Kleingärten, Kräutergarten, Obstwiese, japanischer Garten, Wildblumenwiese) schaffen. Der Bau von Büro, Küche, Nachbarschaftscafé und Gewächshaus, welches ein Ausbildungszentrum für Besucher integriert, wurde durch Preisgelder in Höhe etwa 200 000 Pfund ermöglicht. Ein Trainingsprogramm für bis zu 20 arbeitslose Jugendliche ergänzt das Angebot.

Das Projekt beweist eindrucksvoll, dass durch Eigeninitiative und Aushandlungsprozesse auf unterschiedlichen Akteursebenen (Stadt, Stiftung, Förderer und Anwohner) der zunächst neutrale Planungsbegriff der Nachbarschaft und die bis dahin als Abstandsflächen fungierenden Freiräume mit Leben gefüllt werden können und damit einen Mehrwert für die ganze Umgebung leisten.

Situative Praxis durch Aneignung und alternative Bewirtschaftungskonzepte

Die kreisförmige Hochstraße, genannt Rondell, ist eine für Z?ilina (Slowakei) wichtige infrastrukturelle Schnittstelle. Hier treffen auf zwei Ebenen Individualverkehr, lokaler Bahnverkehr mit Bahnhof, öffentlicher Busverkehr sowie die Hauptverbindung für Fußgänger und Radfahrer zwischen Innenstadt und den westlichen Stadtteilen zusammen. Umgeben ist das Rondell von sehr heterogenen Stadtstrukturen mit Wohnen, Industrie und Kasernennutzung.

Stanica Žilina: Das ehemalige Bahngebäude beherbergt heute unter anderem ein Café, das auch von den Bahnnutzern regelmäßig frequentiert wird. Foto: Isabel Finkenberger (2009)

Die lokale NGO Truc Sphérique verbindet junge Berufstätige aus den Bereichen Kunst, Kultur und Sozialarbeit. Auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten konnte die Organisation in zweijährigen Verhandlungen mit der Stadt, der Slowakischen Bahn und dem regionalen Department für Infrastrukturen und Straßen einen Deal vereinbaren, der für alle eine Win-win-Situation darstellt. Für die Sicherung und Bewirtschaftung des Geländes innerhalb des Rondells wurden ihnen im Gegenzug der selbstständige Ausbau und die Nutzung des bis dahin leerstehenden Bahnhofsgebäudes gestattet. Mit dem 1993 eröffneten Kulturzentrum und der parallel stattfindenden Bahnhofsnutzung findet Truc Sphérique einen geeigneten Ort für Ihre Veranstaltungen und gleichzeitig eine Möglichkeit, in direkte Kommunikation mit der Öffentlichkeit zu treten. Nach und nach wurden mit einer Mischfinanzierung aus Ehrenamt, Förderung, Spenden und Muskelhypothek gemeinsam mit den angrenzenden Bewohnern ein neuer Veranstaltungsraum und eine Sommerbühne im Selbstbau addiert, ein Quartierspark angelegt und die Fußgängerunterführung qualifiziert. Im Bahnhofsgebäude selbst finden sich ein Café, Veranstaltungsraum, eine Galerie und Werkstätten für Workshops mit Kindern und Jugendlichen. Der bis dahin unwirtliche Ort und Angstraum wurde nach und nach zu einem kulturellen Zentrum und Treffpunkt umgewidmet, der einen erheblichen Mehrwert für die nähere Umgebung und die ganze Stadt darstellt.

In der Nachkriegsmoderne sind neben großmaßstäblichen Ingenieurbauwerken auch oft überdimensionierte Verkehrsräume (Straße und Parkierung) entstanden, die heute aufgrund veränderter Rahmenbedingungen und mangelnder Pflege oft unattraktiv sind oder sogar Barrieren darstellen. Aufgrund von einsetzenden Veränderungen im Mobilitätsverhalten und im Planungsverständnis werden sie mittel- bis langfristig neu interpretiert oder müssen teilweise rückgebaut werden. Umso wesentlicher ist es, deren jeweilige Qualität, aber auch deren Transformationspotenzial zu erfassen und situativ zu interpretieren.

Entwickeln resilienter Stadtstrukturen durch integrierte Systeme

R-Urban beschreibt eine Strategie des Pariser Büros Atelier D'Architecture Autogérée, die urbane Determinanten wie Wohnen, Ökonomie, Mobilität, Landwirtschaft und Kultur in geschlossenen ökologischen Produktions- und Konsumptionszyklen verknüpft und damit neue Praktiken lokaler Widerstandsfähigkeit (Resilienz) etabliert. Gängige Verhaltensmuster und Lebensmodelle sollen durch direktes und alltägliches ökonomisches Handeln auf lokaler Ebene, durch Teilhabe, Selbstverwaltung, gemeinsames Handeln und solidarische Netzwerke sukzessive abgelöst werden. Ziel ist, die materiellen (Wasser, Energie, Abfall, Nahrung) und immateriellen Ströme (lokales Wissen, soziale Ökonomie, lokale Kultur oder Selbstbau) in ein integriertes System zu überführen und anhand von Pilotprojekten sichtbar zu machen. Die Strategie agiert auf unterschiedlichen Maßstabsebenen (häuslich, nachbarschaftlich, städtisch, regional) und Zeitlichkeiten und ist auch für zukünftige Veränderungen offen. R steht dabei für die drei R-Imperative Reduce, Reuse, Recycle, aber beispielsweise auch für Repair, Re-design, Re-think, Re-assemble (Petcou, C./ Petrescu, D. 2012).

Stanica Žilina: Unter der Hochstraße - dem sogenannten Rondel - wurde ein zweiter Veranstaltungsraum aus Bierkisten im Selbstbau errichtet.

Stanica Žilina: Gemeinschaftlich gestalteter Quartierspark außerhalb der Hochstraße. Fotos: Isabel Finkenberger (2009)


Seit 2011 wird R-Urban in Colombes, einer Stadt im Großraum Paris, mit Unterstützung des EU Life + Programms sowie der Stadt Colombes anhand von drei Pilotprojekten umgesetzt. Die AgroCité, eine Zelle mit urbaner Landwirtschaft, integriert eine experimentelle Mikro-Farm, Gemeinschaftsgärten, Bildungs- und Kulturräumen sowie Bausteine zur Energiegewinnung, zur Kompostierung und zum Regenwassermanagement. Das RecycLab wurde in ökologischer Bauweise aus recycelten Materialien errichtet. Neben Infrastrukturen zum Sammeln und Entsorgen von Materialien bietet das Lab auch Räumlichkeiten für Veranstaltungen und Workshops zum Thema Recycling und nachhaltiges Bauen.

Mit dem EcoHab wurde ein gemeinschaftliches, ökologisches Wohnprojekt realisiert, welches sieben experimentelle Gebäude mit differenzierten Wohntypen (sozialer Wohnungsbau, Wohnungen für Forscher und Studierende) und Gemeinschaftsräumen umfasst und teilweise in Selbstbauweise errichtet sind. Nach und nach sollen sich die drei Einheiten mit weiteren städtischen Einrichtungen zu einem integrierten System von Orten, Infrastrukturen und Netzwerken verbinden und Colombes dadurch nachhaltig qualifizieren.

Die Strategie R-Urban regt mit ihrem Ansatz zur Neuinterpretation unserer differenzierten, oft funktionsgetrennten Stadträume und alltäglichen Verhaltensweisen an. Integriertes Denken erfordert ein Verständnis für die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Systeme und Zeitschienen, für globale und lokale Nutzungsmuster. Insbesondere städtische Freiräume haben das große Potenzial, auf unterschiedlichen Maßstabsebenen, als lineare und vernetzte Strukturen, als einzelne Orte oder als Schnittstellen zu agieren und damit die singulären Systemgrenzen zu durchbrechen.

Plädoyer für eine neue kulturelle Lesart

Die beschriebenen Projektstrategien sind in ihrer Ausprägung sehr spezifisch, können aber gleichwohl als Inspiration und erweiterter Denkansatz für andere städtische Räume dienen. Allen gemein ist die intensive Auseinandersetzung mit dem konkreten Ort. Sie identifizieren lokale Potenziale und Stellschrauben und reagieren auf die sich verändernden politischen, ökonomischen, sozialen und ökologischen Rahmenbedingungen von Raumproduktion. Sie denken Gebäude, Nutzung, Nutzer, Infrastruktur und Freiraum als integrale Systeme. Sie agieren in unterschiedlichen Akteurskonstellationen, finanzieren quer und aus unterschiedlichen Töpfen. Im Wesentlichen aber erkennen Sie die große Qualität des Freiraums an, der sich vom nicht genauer definierten "Beiwerk" des Städtebaus der (Nachkriegs-)Moderne als eigenständiger, wenn nicht sogar tragenden Baustein einer zukünftigen Stadtentwicklung etabliert.

Neben den klassischen Freiräumen wie Plätzen, Parks und Gärten, die wir schon aus der historischen Stadt kennen, sind es neue Raumtypen wie Fußgängerzonen, Verkehrsinfrastrukturen, Universitätsneugründungen "auf der grünen Wiese", Schulen und Bildungseinrichtungen, Sportstätteninfrastrukturräume und Wohnstrukturen der gegliederten und aufgelockerten Stadt, die in den kommenden Jahrzehnten ganz grundlegende Veränderungen erfahren werden. Veränderte Einzelhandelslandschaften, die Rückbesinnung darauf, das Wissen nicht im spezialisierten Raum, sondern vielmehr durch Nähe und Erfahrungsaustausch generiert wird, ein verstärktes Engagement in Projekten anstatt in Parteien und die Renaissance durchmischter Stadtstrukturen sind nur einige wenige Stichworte, mit denen wir in Zukunft unsere urbane Umwelt neu denken müssen.

Das Potenzial der Offenheit und der Flächenreserven, die uns die Nachkriegsmoderne der 1950er und 60er-Jahre hinterlässt, muss hinterfragt, gleichzeitig aber auch bestärkt werden. Es wird zukünftig sicherlich nicht darum gehen, alle Flächen zu programmieren oder für Nachverdichtung und Aneignung zur Verfügung zu stellen. Ebenso wenig kann man im Umgang mit diesen Räumen einfach so weiter machen wie bisher.

Ähnlich einer Akupunktur werden wir stattdessen sehr genau Orte identifizieren und entwickeln müssen, die unerwartete Atmosphären erzeugen, Energien bündeln, Nischen und Charaktere ausbilden und damit als Komplementär die Qualitäten des vielen, doch recht ähnlichen "Grüns" herausstellen und anreichern. Wir müssen die Stadt als Ganzes betrachten und den Freiraum als Grundvoraussetzung für eine resiliente und multikulturelle Gesellschaft verstehen. Wir müssen eine neue Transformationskultur etablieren, die die funktionale Trennung unserer zeitgenössischen Stadt neu interpretiert, die in Öffentlichkeiten und Zugänglichkeiten anstatt lediglich in Eigentumsverhältnissen denkt. Wir müssen die Gestaltung, die Nutzung und das Programm von Freiräumen flexibilisieren und vorhandene Regeln neu interpretieren. Wir müssen Qualitäten zulassen, Potenziale stärken, Defizite korrigieren, und Offenheit fördern.

Was aber sind die Bewertungskriterien für unsere Stadträume? Wer entscheidet, was erhaltenswert, was veränderbar ist? Und wie entgehen wir dem Dilemma nur durchschnittliche Räume zu produzieren, die von jedem für jeden und alles sind? Vox populi, die Stimme des Volkes, bedeutet eben nicht nur wie im allgemeinen Sprachgebrauch oft verwendet die von Francis Galton experimentell bewiesene Intelligenz der Masse (Wikipedia 2013), sondern steht vielmehr auch für eine vielschichtige und heterogene Gesellschaft, die ihre Energien aus den differenzierten (Frei-)räumen unser heutigen Stadtstrukturen nährt.


Anmerkung

Dieser Beitrag erschien zuerst in: Bund Heimat und Umwelt (BHU) (Hg.): Grün modern. Bonn 2013; dieser Band ist die Dokumentation der gleichnamigen Tagung vom 15. und 16. Oktober 2013 in Hamburg zu Gärten und Parks der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und kann beim BHU gegen Spende bezogen werden: bhu@bhu.de.

Quellen und Literatur

Atelier D'Architecture Autogérée: R-URBAN - participative strategy for development, practices and networks of local resilience. www.urbantactics.org/projects/rurban/rurban.html. 2013-10-28.

Atelier D'Architecture Autogérée: R-Urban. r-urban.net/en/. 2013-10-28.

BDA, Vöckler, K., A. Denk (Hrsg.) (2009): In der Zukunft leben - Die Prägung der Stadt durch den Nachkriegsstädtebau. - Berlin.

Düwel, J., M. Mönninger (Hrsg.) (2011): Zwischen Traum und Trauma - Stadtplanung der Nachkriegsmoderne. - Berlin.

Hochschule Biberach, IAS (2010): In: Unscharfe Grenzen - Nutzungsoffene Zwischenräume in urbanen Projekten als Motoren und Stabilisatoren nachhaltiger Stadtentwicklung, S. 114-119/ S.145-151. - Biberach.

Lacaton & Vassal (2006): Place Léon Aucoc, Bordeaux. www.lacatonvassal.com/index.php. 2013-10-28.

Oswalt, P. (Hrsg.) (2005): Apple Tree Court, Urban Oasis. - In: Schrumpfende Städte, Band 2: Handlungskonzepte, S. 168. - Ostfildern-Ruit.

Petcou, C., D. Petrescu (2012): R-Urban: Zukunftsfähigkeit. In: Hands-on Urbanism 1850-2012 - Vom Recht auf Grün, S. 332-346. - Wien.

Sieverts, B. (2013) bei der Herbstwanderung "Testsite Stories II" am 3.10.2013 in Duisburg.

Spitthöver, M. (Hrsg.) (2002): Freiraumqualität statt Abstandsgrün - Band 1: Geschichte der Freiräume im Mietgeschosswohnungsbau. - Kassel.

Thorpe, D. (2006): Case study: Apple Tree Court Urban Oasis. www.davidthorpe.info/parkhistory/applecourt.html. 2013-10-28.

von Buttlar, A., Heuter, C. (Hrsg.) (2007): Denkmal!moderne . Architektur der 60er Jahre - Wiederentdeckung einer Epoche. - Berlin.

Wikipedia: Vox populi. de.wikipedia.org/wiki/Vox_populi. 2013-10-28.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 01/2014 .

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