Frankfurt am Main: Grünflächen unter Druck

Wachsende Stadt mit stagnierenden Mitteln

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Stadtteilpark mit Regenwasserrückhaltefunktion: Der Kätcheslachpark auf dem Frankfurter Riedberg. Foto: Stadt Frankfurt am Main, Grünflächenamt

Frankfurt wächst. Die Mainmetropole gehört zu den Kommunen mit den am schnellsten steigenden Einwohnerzahlen mit einer Wachstumsrate von etwa zwei Prozent, vergleichbar mit München und Leipzig. Zu den aktuell etwa 740 000 Einwohnern gesellen sich täglich geschätzt rund 500 000 Pendler und Touristen - tagsüber wird das kleine Frankfurt zur Millionenstadt. Seit der Jahrtausendwende entstanden zahlreiche neue Wohngebiete, zum Beispiel auf dem Riedberg an der nördlichen Stadtgrenze für 15 000 neue Einwohner, und im citynahen Europaviertel für 10 000 Einwohner.

Dies alles geschieht auf einem recht kleinen Stadtgebiet von gerade einmal knapp 250 Quadratkilometern. Zusammen mit den neuen Baugebieten und auf Konversionsflächen sprießen auch die öffentlichen Grünflächen, seit 2012 kamen insgesamt 65 Hektar hinzu, im Durchschnitt also 13 Hektar pro Jahr. Das Frankfurter Grünflächenamt ist mit den Friedhöfen und dem Stadtwald aktuell für knapp 5350 Hektar Stadtgrün zuständig, das ist etwas mehr als ein Fünftel der Stadtfläche.

Das Frankfurter Freiraumsystem

In einem Schriftstück aus dem Jahr 1962 des Frankfurter Gartenamtes unter der Ägide des damaligen Gartenbaudirektors und GALK-Gründungsmitglied Johannes Sallmann, das die reizvolle landschaftliche Lage der Stadt beschreibt, wird die Erholungsfunktion städtischen Grüns in den Vordergrund gehoben. Flanieren, wandern, und "sich in den städtischen Grünanlagen ergehen"¹. Die Voraussetzungen dafür sind bis heute günstig. Frankfurt verfügt über ein solides Freiraumsystem aus den drei "grünen Ringen" Wallanlagen, Alleenring und GrünGürtel, den Relikten der alten Patriziergärten und den weitläufigen Volksparks. Ruhepol im Großstadtleben ist der über 70 Hektar große Frankfurter Hauptfriedhof aus dem Jahr 1829 mit seinem alten Baumbestand. Mit 3800 Hektar innerhalb des Stadtgebietes ist der Frankfurter Stadtwald einer der größten zusammenhängenden kommunalen Wälder in Deutschland, seit 2015 FSC-zertifiziert und Bestandteil des Frankfurter GrünGürtels. Dieser umgibt seit mehr als 25 Jahren die Stadt und verbindet ihn mit der umgebenden Landschaft. Pulsader der Stadt ist das Mainufer. Seit der "Initialzündung" im Jahr 1998, als das frühere Schlachthofgelände zum Wohngebiet mit Mainuferpromenade umgestaltet wurde, hat sich Frankfurt den Fluss Stück für Stück zurückerobert, zuletzt den Hafenpark auf einem ehemaligen Schrottlagerplatz im Ostend.

Wegeverbindung innerhalb des künftigen „Grünen Ypsilons“ im heutigen Zustand. Foto: Stadt Frankfurt am Main, Grünflächenamt

Das südliche Mainufer an einem Sonntagmorgen. Foto: Markus Emmerich, FES

Grüne Infrastruktur ist soziale Infrastruktur

Doch Flächen für die Naherholung zu bieten ist längst nicht mehr das Einzige, was öffentliche Grünflächen heute leisten müssen. Parks und Grünanlagen in Großstädten sind vor allem eines: Räume für die soziale Interaktion. Der Zugang ist für alle jederzeit kostenfrei möglich, der Aufenthalt an keinerlei Konsum gebunden. Das hat Seltenheitswert, gerade in einer wirtschaftlich starken Stadt wie Frankfurt. Der Besuchermix in Parks ist dementsprechend immer ein Abbild der Stadtgesellschaft. Hier treffen sich alle Altersgruppen, alle Einkommensklassen, Einheimische und Zugezogene aus dem In- und Ausland mit ihren jeweiligen Wertvorstellungen und Traditionen. Die Ansprüche der Parkbesucher an öffentliche Grünflächen sind entsprechend vielseitig: Immer sauber, tags mit viel Schatten durch mächtige alte Bäume und nachts beleuchtet, für das persönliche Sicherheitsempfinden bei der Joggingrunde nach Feierabend. Die Wege stabil auch bei Dauerregen, aber die Entwässerungsrinnen so flach, dass man auch mit dem Fahrrad noch ungebremst drüberfahren kann. Naturnah sollen die Parks gestaltet sein, mit Blumenwiesen, aber ordentlich gepflegt, und schöne Rosenbeete dürfen auch nicht fehlen. Die Hunde brauchen ungestörten Auslauf, die Tüten für das Häufchen sollen direkt aus dem Spender nebenan kommen. Kostenlose Sportgeräte, fantasievolle Spielplätze und saubere Toiletten sollen zur Verfügung stehen. Nicht zuletzt wollen alle grillen, und die ganze Stadt soll "essbar" sein.

Gemeinschaftsgärten sprießen auch in Frankfurt in vielen Stadtteilen und oft auf Plätzen, die zu Beginn der 2000er-Jahre mit dem vorwiegenden Anspruch auf Funktionalität geplant und angelegt wurden. Zu monoton die Gestaltung, zu wenig Schatten - erstaunlich, wie bereits ein paar Hochbeete für mehr Leben auf der Pflasterfläche sorgen. Seit Gartenbaudirektor Sallmann hat sich doch recht viel getan. Diversität statt Wechselflor bestimmt das Bild in den Grünanlagen der Stadt.

Wohlfahrtsleistungen zum Spartarif

Abgesehen von ihrer Rolle im Sozialgefüge der Stadt rücken neuerdings auch andere, seit Langem bekannte, aber von anderen Fachdisziplinen oft schlichtweg unterschätzte Funktionen des Stadtgrüns in den Fokus: Nur mit Grünflächen kann die Anpassung an die Folgen des Klimawandels gelingen, nur Grünflächen schaffen den Regenwasserrückhalt bei Starkregenereignissen, nur mit entsprechend gepflegten Grünflächen kann dem Artenrückgang der Pflanzen- und Tierwelt begegnet werden, (s. a. Artikel Seite 46 ff.).

Parks, Grünanlagen, Bäume und Wiesen erbringen monetär kaum erfassbare Wohlfahrtsleistungen für die Stadtbevölkerung, die das Frankfurter Grünflächenamt für zwölf Millionen Euro pro Jahr sicherstellen muss. Der Etat für die Pflege der kommunalen Grünflächen ist nicht mit dem eingangs beschriebenen Flächenzuwachs oder der Aufgabenmehrung gestiegen. Er stagniert seit 2013 bei diesem Wert mit der Folge, dass die Unterhaltungsleistungen in Qualität und Umfang sukzessive zurückgefahren werden müssen. Der Gesamtanteil der Grün- und Freiflächenpflege am Haushalt der Stadt Frankfurt am Main inklusive der Kosten zum Beispiel für Mieten, Personal, Versicherungen oder Abschreibungen liegt bei 1,23 Prozent. Mehr als ein Fünftel dieses Etats muss mittlerweile allein für die Müllbeseitigung aufgewendet werden, Tendenz steigend. Durch die sowieso angespannte Lage werden weitere verordnete Einsparungen auch für die Bevölkerung sofort bemerkbar, etwa durch gesperrte Spielplätze, wuchernde Hecken und verschlammte Bolzplätze. Oder andersherum: Mit ein wenig mehr finanziellem Spielraum ließen sich durch Maßnahmen im öffentlichen Grün die Lebensqualität in der Stadt und die Zufriedenheit der Bürger deutlich erhöhen.

Ballfangzäune im Hafenpark: Seriell herstellbares Design. Foto: Stadt Frankfurt am Main, Grünflächenamt

Wiese im Hafenpark. Foto: Stadt Frankfurt am Main, Grünflächenamt

Gute Pflege beginnt mit guter Fachplanung

Investitions- und auch Fördermittel für die Planung und Neuanlage von öffentlichen Grünflächen stehen im Gegensatz zu den konsumtiven Mitteln bisher noch in durchaus auskömmlichem Maße zur Verfügung. Auch das aus dem Weißbuchprozess des Bundesbauministeriums generierte Bund-Länder-Förderprogramm "Zukunft Stadtgrün" unterstützt ausschließlich investive Maßnahmen. Doch es lassen sich damit auch Potenziale für eine spätere gute Grünflächenbewirtschaftung ausschöpfen.

Frankfurt hat sich mit dem Projekt "Grünes Ypsilon" erfolgreich um Mittel aus dem Förderprogramm beworben. Diese Planung sieht eine Vernetzung innerstädtischer Grünflächen mit den peripheren Stadtteilen und schließlich dem Frankfurter GrünGürtel vor. In Zusammenarbeit von Stadtplanungs- und Grünflächenamt sollen bereits in der Planungsphase durch frühzeitige Beteiligung von Bürgern und Interessensgruppen vor Ort die Ansprüche der späteren Nutzer berücksichtigt werden und in die Gestaltungsplanung einfließen. Vorhandene Grünflächen innerhalb des Fördergebiets werden entsprechend des aktuellen Bedarfs nachqualifiziert. Da sich viele der Flächen in direkter Nachbarschaft zu Quartieren befinden, die eine erhebliche Nachverdichtung erfahren werden, müssen zudem neue Funktionen wie Klimaschutz und Regenwassermanagement mitgedacht und -gebaut werden.

So kann bereits in der Planung die spätere Pflege noch stärker als bisher berücksichtigt werden, und zwar in vielerlei Hinsicht: Die Auswahl standortgerechter, das heißt im Stadtkontext vor allem klimaangepasster Pflanzenarten, wie trockenheitstolerante Staudenmischungen, hitzeverträgliche Straßenbäume oder die Verwendung robuster, einfach zu reparierender und kostengünstig zu ersetzender Ausstattungselemente wie Bänke, Poller und Abfallbehälter. Eine gelungene, auch später in ihrer Unterhaltung wirtschaftliche Planung für den öffentlichen Raum zeichnet sich längst nicht mehr allein durch gewagte Entwürfe aus, ebenso wenig durch allein auf Einsparungen bedachte Gestaltung. Sie muss vielmehr sowohl die Kommunen in ihrer Bauherrenfunktion als auch spätere Parkbesucher mithilfe durchdachter, nutzbarer, robuster und pflegeextensiver Details langfristig überzeugen.

Nachhaltiges Design am Mainufer

Dass dies nicht zu Lasten der Kreativität und des Designs gehen muss, zeigt in Frankfurt zum Beispiel der Hafenpark: Die charakteristischen Ballfangzäune um die Sportflächen wurden zwar eigens für den Park entworfen, können aber seriell hergestellt werden, falls einmal Ersatz notwendig wird. Für die Sitzgelegenheiten wurde das Modell der in der Stadt allgegenwärtigen "Frankfurter Bank" abgewandelt, so dass sie ins postindustrielle Ambiente des Parks passen, aber ebenso schnell repariert werden können wie das Standardmodell.

Im Hafenpark können dank der geschickten Kombination unterschiedlicher Funktionsräume auch alternative Konzepte der Grünflächenbewirtschaftung ausprobiert werden. Trotz des hohen Nutzungsdrucks am gesamten Mainufer werden hier einzelne Felder im Wiesenband extensiv mit einer zweischürigen Mahd gepflegt, um die Artenvielfalt zu fördern.

Nachhaltige Planung hat in Frankfurt übrigens Tradition: Bereits bei der Sanierung der ersten Abschnitte des Mainuferparks plante das Grünflächenamt, ausgestattet mit einem Sonderbudget im Angesicht der damals bevorstehenden Fußball-WM 2006, für die intensivst genutzten Rasenflächen rund um den Eisernen Steg eine Bewässerungsanlage, die mit Flusswasser gespeist wird. So können die Rasenflächen nach Großveranstaltungen wieder schnell regenerieren. Die Uferpromenade ist durchgängig asphaltiert oder gepflastert, was sie sowohl widerstandsfähig bei Hochwasser als auch bei Hochbetrieb, etwa beim Museumsuferfest macht. Auf aufwändige Ausstattungsdetails wurde weitgehend verzichtet, dafür aber umso mehr Wert auf eine einheitliche Formensprache entlang der mittlerweile rund acht Kilometer langen innerstädtischen Uferlinie gelegt.

Gegen die tagtäglich anfallenden enormen Mengen an Glasflaschen, Pizzaschachteln, Kronkorken und Zigarettenkippen ist allerdings auch das Mainufer nicht gewappnet: An einem "normalen" Sommerwochenende kommen hier schon mal 15 Kubikmeter Abfall zusammen. Größe und Leerungsrhythmus der Papierkörbe wurden längst erhöht, das riesige Müllvolumen können sie dennoch kaum aufnehmen. Den Abfall einfach liegenzulassen scheint ebenfalls bereits Usus geworden zu sein, nicht nur am Mainufer.

Der Grüneburgpark vor der 2017 beendeten Sanierung. Foto: Stadt Frankfurt am Main, Grünflächenamt

Der Grüneburgpark nach der 2017 beendeten Sanierung. Foto: Stadt Frankfurt am Main, Grünflächenamt

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Im Rahmen einer echten doppelten Innenentwicklung spielen nicht nur der Erhalt öffentlicher Grünflächen, sondern auch deren Neuschaffung und ganz besonders die Nachqualifizierung bestehender Anlagen eine wichtige Rolle. Ziel muss es sein, die gute Erreichbarkeit von Grünflächen für den nicht motorisierten Verkehr und deren zeitgemäße und nutzungsgerechte Ausstattung sicherzustellen. Ein aktuelles Beispiel für diese Bestrebungen ist die Neugestaltung der Frankenallee im Gallusviertel.

Lange Zeit vorwiegend als Hundeklo innerhalb der dichten Bebauung eines gründerzeitlichen Arbeiterviertels verkannt, hat sich der Grünzug nach dem ersten (2007) und zweiten Bauabschnitt (2016) durch eine sorgfältige, kooperative Planung von Stadtplanungs- und Grünflächenamt unter Einbindung von Anwohnern vieler verschiedener Herkunftsländer und benachbarten Schulen in eine Flaniermeile mit zahlreichen Aufenthalts- und informellen Spielmöglichkeiten gewandelt.

Der Pflege- und Nutzungsaspekt wurde vom beauftragten Landschaftsarchitekten von Beginn an mitgedacht. So gibt es etwa neben der wassergebundenen Wegedecke auch einen "Allwetterstreifen" aus heimischem Granitpflaster, der auch nach Regengüssen begehbar bleibt. Beete wurden neu geordnet und bepflanzt, so dass sie für die Gärtnerkolonnen einfacher zu erreichen und zu pflegen sind. Die Bänke sind unterpflastert und ihre Umgebung dadurch leichter von Wildwuchs frei zu halten. Durch die Neugestaltung wurde auch die Vernetzungsfunktion der Frankenallee wieder deutlich: Mit einem Katzensprung erreicht man die neuen Parks im benachbarten Europaviertel, innerhalb von 15 Minuten ist man mitten im GrünGürtel. Mit der Fertigstellung des nächsten Bauabschnitts rückt das Gallus dann auch näher an die Innenstadt heran.

Resilienz durch Flexibilität

Die Gartenamtsleiterkonferenz fordert seit Langem die Einstufung der Grünflächenbewirtschaftung als kommunale Pflichtaufgabe. Grünflächenämter und vergleichbare kommunale Einrichtungen müssen zuverlässig und dauerhaft befähigt werden, die Herausforderungen des Stadtwachstums, den Umgang mit den Klimafolgen und die Verantwortung für die urbane Artenvielfalt zu meistern Hierfür müssen die bereits vorhandenen personellen und finanziellen Kapazitäten entsprechend ausgebaut werden können, unabhängig von der Unberechenbarkeit der städtischen Haushaltsentwicklung. Kommunen können sich neuen, veränderten oder zusätzlichen Anforderungen nur dann stellen, wenn neben dem Alltagsgeschäft noch Zeit und Luft ist zum Kooperieren, Neuorientieren und Ausprobieren. Flexibilität im Denken und Handeln gerade in der kommunalen Verwaltung ist eine Grundvoraussetzung für die Anpassungsfähigkeit in stürmischen Zeiten, im wörtlichen Sinn.

Frankfurt wird weiter wachsen. Die Prognosen prophezeien mehr als über 810 000 Einwohner im Jahr 2030². Die Stadt wird diese Bevölkerungszahl nur bewältigen können, wenn ausreichend nutzbare, das heißt gut geplante und gepflegte Grünflächen zur Verfügung stehen - und zwar nicht zu Dekorationszwecken oder als in den letzten Jahren neu erkannter Standortfaktor im Städteranking, sondern um das Leben in einer dicht bebauten Metropole überhaupt erst erträglich zu machen.

Den vielen Funktionen von öffentlichen Grünflächen auch als Sozialraum muss seitens der Politik dauerhaft die angemessene Beachtung geschenkt und Rechnung getragen werden. Dies muss sich in ihrer Quantität und in ihrer Qualität sowohl hinsichtlich Planung als auch Bewirtschaftung niederschlagen. Gerade am Pflegezustand von Parks und Grünanlagen lässt sich bereits heute der Weitblick einer Kommune ablesen und die Wertschätzung, die sie dadurch ihren Bürgern entgegenbringt.

Frankenallee mit informellen Spielelementen. Foto: Otfried Ipach

ANMERKUNGEN

¹ Gartenamt der Stadt Frankfurt am Main (1952): Das oeffentliche Gruen in Frankfurt am Main.

² Bürgeramt, Statistik und Wahlen der Stadt Frankfurt am Main (2015): Regionalisierte Bevölkerungsvorausberechnung für Frankfurt am Main bis 2040; Frankfurter Statistische Berichte 2015.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 06/2018 .

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