Wann ist eine Grünfläche eine Allmende?

Falsch etikettiert

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Entwurfspläne und Erläuterungen sollen überzeugen: das Publikum, ein Entscheidungsgremium, vielleicht sogar die Fachwelt.¹ Da werden dann auch schon mal Straßen und Plätze (verbal) zur "Piazza" aufgewertet, Rasenflächen zu einem "Anger", das Hochhaus zur "städtebaulichen Dominante", Dinge, die nicht zusammenpassen, werden "dialektisch in Beziehung gesetzt" oder der Entwurf wird insgesamt unter ein verheißungsvolles Motto gestellt: "Park des 21. Jahrhunderts", "grün und kompakt", die "stotternde Allee".
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Die sommerliche Allmende. Foto: Wulf Tessin

Oder man setzt den Entwurf in Beziehung zur Piazza del Campo in Siena, zum Dekonstruktivismus, zu Camillo Sitte oder zum Klimawandel. Dadurch scheint er noch einmal qua Begrifflichkeit und/oder Bezugnahme aufgewertet zu werden und an Überzeugungskraft zu gewinnen.

Am Beispiel des Begriffes "Allmende" soll im Folgenden gezeigt werden, wie eine solche Meliorisierung des Entwurfs qua suggestiver Begrifflichkeiten im Akquisitionsprozess funktioniert. Der Begriff Allmende wirkt ja auf uns aufgrund seiner dörflich-agrarischen Herkunft anheimelnd vertraut, suggeriert Gemeinschaft und ist irgendwie positiv konnotiert.

Wir stellen uns vielleicht Hirten vor, die Schafe oder Enten auf die dörfliche Allmende treiben und dort friedlich weiden lassen (nicht weit weg von Arkadien). Die Allmende steht zudem für eine extensive, nachhaltige landwirtschaftliche Bewirtschaftungsform², was sie zusätzlich auch ökologisch sympathisch macht. Es kommt hinzu, dass heute niemand so recht (mehr) weiß, was eine Allmende wirklich ist oder in vorindustrieller Zeit war, aber sie klingt auch als bloß vage Vorstellung nach "guter alter Zeit" und wirkt in jedem Fall suggestiver als bloß "Grünfläche" oder "Magerrasen".

So hieß es beispielsweise zu den Planungen anlässlich der Weltausstellung 2000 in Hannover am Kronsberg: "Zentrales Element der Landschaftsgestaltung am Kronsberg ist nach dem Entwurf von Kienast (einem damals sehr bekannten Schweizer Landschaftsarchitekten, Erg. d. Verf.) die so genannte 'Allmende'.

Begriff und Idee der Allmende wurden von Kienast geprägt, der diesen gemeinschaftlich nutzbaren Grünflächentyp 1994 in einem städtebaulich-landschaftsplanerischen Konzept für den Kronsberg erstmals einführte."³ Als rund 40 Hektar große öffentliche Grünfläche bildet sie ein schmales, etwa 3 Kilometer langes und 50 bis 250 Meter breites Band zwischen der Neubausiedlung und den jungen Gehölzaufforstungen am Kronsbergkamm und war multifunktional gedacht als Naherholungs-, Naturschutz- und landwirtschaftliche Nutzfläche mit einer Schafherde zum Zwecke ihrer extensiven Pflege.

Da es in der Gegend weder Schäfer noch Schafe gab, musste (mit öffentlichen Geldern) erst beides angeschafft werden. Heute treibt ein (entlohnter) Wanderschäfer seine Herde zwei- bis dreimal im Jahr für jeweils ein paar Tage über die Fläche. Man muss deshalb Glück haben, die Schafherde überhaupt zu Gesicht zu bekommen, wird aber in jedem Fall getröstet durch eine kleine Herde aus Holz, die man in der Fläche "als Ersatz" aufgestellt hat.

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Schmaler Allmendestreifen (in Nord-Süd-Richtung) westlich von roter Linie mit Punkt. Quelle: Schautafel (Ausschnitt) der Landeshauptstadt Hannover, Fachbereich Umwelt und Stadtgrün, im Gelände.

Die beiden Allmende-Begriffe

Diese inzwischen längst umgesetzte Allmende-Entwurfsidee mit den Schafen gefällt fast allen. Die Fläche ist den meisten ein Begriff, wird allerdings eher umwandert oder durchquert als intensiv genutzt4. Aber, so stellt sich die Frage, was macht diese Fläche eigentlich zu einer Allmende?

In der Landwirtschaft (es gibt zwei Begriffskontexte) bezeichnet das Wort Allmende zunächst einmal dörfliches Gemeinschafts- oder Genossenschaftseigentum abseits der parzellierten landwirtschaftlichen Nutzfläche, an dem alle Gemeindemitglieder das Recht zur Nutzung haben, aber auch Verantwortung tragen. Es handelt sich dabei um Weiden und Wälder, um Teiche, Heiden und Moore, die in der Rechtsform der Allmende von der Dorfgemeinschaft (meist extensiv) bewirtschaftet wurden5, wobei die gemeinsame Schafhaltung nur eine mögliche, aber durchaus gängige Nutzung war.

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Die Schafherde aus Holz. Foto: Wulf Tessin
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Die notwendige Mahd breiter Wegraine. Foto: Wulf Tessin
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Der nördliche "Aussichtshügel". Foto: Wulf Tessin

In der moderneren sogenannten volkswirtschaftlichen Güterlehre bezeichnet der Begriff Allmende etwas Anderes, nämlich ein öffentliches Gut, etwa eine Fläche, die allgemeine Zugänglichkeit garantiert, deren Nutzung allerdings potentiell rivalisierend und damit konfliktträchtig sein kann – anders als beim sogenannten Gemeingut, das ebenfalls über die allgemeine Zugänglichkeit definiert wird, aber auch gerade durch die fehlende Rivalität in der Nutzung. Deshalb wird die Allmende (mit potentiell konkurrierender Nutzung) auch als "unreines Gemeingut" bezeichnet und man spricht bisweilen von einer "Tragik der Allmende", weil hier mangels ausreichender Regelungen und Kontrolle unter Umständen schnell ein Verdrängungswettbewerb zwischen den rivalisierenden Nutzungen stattfindet.

Die (landwirtschaftliche) Allmende war dagegen eingebunden in ein vielfältiges Netz von Regelungen, die eine Übernutzung oder gar Privatisierung der Flächen verhinderte. Die Entnahme von Holz aus der Waldallmende etwa für den Bau eines Stalles musste genehmigt werden; durchaus auch mit Blick auf den nachhaltigen Bestand des Waldes als einer Lebensgrundlage der Dorfgemeinschaft. Schweine, Enten, Schafe, die man auf der Allmende weiden ließ, waren in ihrer jeweiligen Zahl kontingentiert und wurden zudem nicht (vorteilssuchend) einzeln, sondern durch einen gemeinsamen 'Dorfhirten' gehütet.

Wegen der seinerzeit noch mehr subsistenz- denn erwerbswirtschaftlich geprägten Mentalität der Bauernschaft und der ohnehin starken sozialen Kontrolle im Dorf war die "egoistische" (Aus- und Über-)Nutzung der Allmende also eher kein Thema. Insgesamt funktionierte deshalb das Prinzip der (landwirtschaftlichen) Allmende bis ungefähr 1800 recht gut, bis die dann einsetzenden Boden-, Land- und Agrarreformen der Allmendewirtschaft ein Ende bereitete

Begriffskoketterie?

Verglichen mit diesem historischen Verständnis einer dörflichen Allmende muss man das Kienast'sche Allmende-Konzept im Rahmen der EXPO-Planungen also eher als Etikettenschwindel, zumindest aber als meliorative Begriffswahl bezeichnen. Er dürfte als gebürtiger Eidgenosse "allmendemäßig" vorbelastet und inspiriert worden sein, denn die Schweiz ist lange Zeit sozusagen das dörfliche Allmende-Land Europas schlechthin gewesen, weil sich dort das Prinzip der lokalen Herrschaft (Basisdemokratie) aufgrund der Abgeschiedenheit der Dörfer und einer bis heute fehlenden Phase zentralstaatlich-absolutistischer Herrschaft länger halten konnte als in anderen Teilen Europas.

Wie sehr dieser Schweizer Hintergrund für Kienast als Inspirationsquelle durchaus entwurfsrelevant gewesen sein mag, zeigt sich auch an seinem Vorschlag, am Kronsberg (aus schweizerischer Sicht eher kein richtiger Berg) noch gesondert, durchaus publikumswirksame6 Aussichtshügel aufzuschütten, damit man den Kronsberg tatsächlich auch als Berg, wenn nicht gar als Bergkette erkennen könne.

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Die Allmende: mehr Drachen- denn Schafhaltung? Foto: Wulf Tessin
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. . . mehr durchquert als genutzt? Foto: Wulf Tessin
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Ein Hauch von Allmende: Stadtrandgarten (seit 2022). Foto: Wulf Tessin

Zu vermuten ist, dass Hügel und Allmende von Kienast vor allem akquisitionsstrategisch eingesetzt wurden, um seinem landschaftsgestalterischen Vorschlag mehr Originalität, das gewisse Etwas mitzugeben, zumal alles ja unter dem Motto "Innovative Landschaftsentwicklung durch Integration von Naturschutz, Landwirtschaft und Naherholung am Stadtrand" stand. Da passte eine landwirtschaftliche Allmende mit ihrem extensiven, nachhaltigen Ansatz an sich natürlich sehr gut in das Konzept.

Dennoch dürfte gerade dem Schweizer Landschaftsarchitekten Kienast klar gewesen sein, dass seine als Allmende meliorativ etikettierte Grünfläche im Grunde nichts Anderes war und ist als eben eine öffentliche Grünfläche, oder, wie es an anderer offizieller Stelle (deutlich neutraler) heißt, eine "offene, durch extensive Mahd oder Beweidung gepflegte Wiesenfläche"7, denn die zentralen Wesensmerkmale einer landwirtschaftlichen Allmende fehlen allesamt:

– Keine landwirtschaftliche Nutzung als Primärzweck (stattdessen allenfalls landschaftspflegerische beziehungsweise allmendemäßig ganz untypische Nutzungen);

– keine gemeinschaftliche (ökonomische) Nutzung (stattdessen Nutzung durch einen einzelnen ortsfremden Schäfer);

– keine Abgrenzung des Kreises der Nutzungsberechtigten, geschweige denn Selbstverwaltung der Fläche durch sie (stattdessen unbeschränkter öffentlicher Zugang und Verwaltung/Pflege durch die kommunale Zentralverwaltung).

Die Fläche als Allmende (im landwirtschaftlichen Sinne) zu "etikettieren", ist also schon recht kühn. Unwissenheit als Grund scheidet wohl aus. Also ironisch gemeint wie die Hügel, augenzwinkernd, also "Quasi-Allmende"? Oder doch gar als innovative Allmende 2.0? Die Stadtverwaltung hat übrigens den Allmende-Begriff damals gern und schnell übernommen. Auch sie brauchte wohl vor dem Hintergrund der Zielsetzung "multifunktionale Landnutzung am Stadtrand" landwirtschaftliche Vorzeigeprojekte und Aushängeschilder (zumindest auf der begrifflichen Ebene).

Anklänge zumindest an den volkswirtschaftlichen Begriff der Allmende könnte man dagegen zunächst im Motto der "multifunktionalen Landnutzung"8 entdecken: Auf der Kronsberg-Allmende sollten die potentiell konfligierenden Nutzungsansprüche von Landwirtschaft, Naturschutz und Naherholung zusammengebracht werden. Und in der volkswirtschaftlichen Güterlehre ist die Allmende als "unreines Gemeingut" (s. o.) ja allein definiert durch öffentliche Zugänglichkeit und konfligierende Nutzungsansprüche.

Aber ob Stadtverwaltung und Kienast-Büro diesen Bezug herstellen wollten (ihn überhaupt kannten)? Und wäre (und ist) dann im Grunde nicht jede öffentliche Grünfläche als eine derartige Allmende, also "unreines Gemeingut", anzusehen, geht es doch (fast) immer um solche (potentiell) konfligierenden Nutzungsansprüche wie Naturschutz, Denkmalpflege, Tourismus, Naherholung, Festivalisierung etc. oder um Konflikte, die bei entsprechender Nutzungsdichte und Inkompatibilität der individuellen Freiraumnutzungen entstehen können, letztlich bis hin zu Verdrängungsprozessen?

Wie man es auch dreht und wendet, die Kienast'sche Verwendung des Allmende-Begriffes macht in Bezug auf beide Definitionsmöglichkeiten wenig Sinn und ist wohl nur als Entwurfsmarketing zu verstehen. Denn noch einmal: die Schafbeweidung allein (ohne die entsprechende gemeinschaftliche Organisationsform) macht noch keine Allmende.

Und im Sinne der volkswirtschaftlichen Güterlehre sind alle städtischen öffentlichen Grünflächen ohnehin Allmenden, "unreine Gemeingüter". Aber das alles schien und scheint niemanden zu stören: Es reicht(e) allen die flüchtige, idyllische Assoziation von Schafhaltung und Allmende. Auch wenn die sich heute nur noch ein paar Mal im Jahr einstellen dürfte. Vom einstigen akquisitionsstrategischen Highlight ist also nicht mehr viel übrig: selten noch Schafe (es sei denn aus Holz), wenig (geschweige denn multifunktionale) Nutzung und eine "richtige Allmende" war die Fläche ohnehin nie. Was nicht heißt, dass sie nicht trotzdem ihren Reiz hat – nur halt falsch etikettiert.

Immerhin sind am Rande der Allmende-Fläche, im Nachgang zur EXPO zwei Projekte entstanden (StadtrandGarten und mehrere Obstwiesen), die an den Allmende-Gedanken erinnern könnten, allerdings heute nun doch mit den aktuell suggestiveren Begriffen wie "solidarische Landwirtschaft" oder "essbare Stadt" etikettiert werden.

Anmerkungen

¹ Vgl. hierzu ausführlich: W. Tessin, 2008: Ästhetik des Angenehmen. Städtische Freiräume zwischen professioneller Ästhetik und Laiengeschmack, Wiesbaden, S. 136 ff.

² Vgl. z. B. B. Marquardt, 2002: Gemeineigentum und Einhegungen – Zur Geschichte der Allmende in Mitteleuropa, in: Ber. ANL, H. 26, S.14–23, S. 21.

³ M. Rode, Chr. V. Haaren, Bearb., 2005: Multifunktionale Landnutzung am Stadtrand, in: Bundesamt für Naturschutz, Hrsg., Naturschutz und Biologische Vielfalt, H. 15, S. 23.

4 Vgl. hierzu ausführlicher: W. Tessin, 2005: Die Entwicklung des Kronsbergs für die Naherholung, in: M. Rode, Chr. V. Haaren, Multifunktionale Landnutzung . . ., a.a.O, S.77–106, S.87 f.

5 B. Marquard, a.a.O., S. 14.

6 W. Tessin, 2005: Die Entwicklung des Kronsbergs für die Naherholung, a.a.O., S. 81.

7 LH Hannover, Hg., 2004: Handbuch Hannover Kronsberg – Planung und Realisierung, Hannover, S. 15.

8 M. Rode, Chr. V. Haaren, Bearb., 2005: Multifunktionale Landnutzung am Stadtrand, a.a.O.

Prof. Dr. Wulf Tessin
Autor

bis 2010 Institut für Freiraumentwicklung an der Leibniz-Universität Hannover

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