Wie Helligkeit etwa das Räuber-Beute-Verhältnis ändert
Lichtverschmutzung fördert Artenschwund
von: Jochen KrautwaldErnst-Peter Fischer hat dies aus kultureller Perspektive betrachtet: Wenn die Dunkelheit schwindet, ergibt sich ein Wandel, ökologisch wie kulturell, dessen Folgen kaum abschätzbar sind (E. P. Fischer & Pantheon, 2017). Lichtverschmutzung ist auf eine besondere Art und Weise ein kulturelles Phänomen, da es wahrscheinlich wie keine oder kaum eine andere Form der Umweltverschmutzung von einem Moment auf den anderen vermeidbar wäre, indem man das Licht, das sie verursacht, ausschaltet. Künstliches Licht ist längst Teil menschlicher Kultur. Bereits 1928 blickte in Berlin eine Ausstellung auf die "Beleuchtung in alter Zeit" zurück (Bibo, Günther, 1928).
Wie das Bild links zeigt, waren an einer Laterne am Müllroser See Spinnennetze gesponnen worden. Deren Verschmutzung zeugt von der Klebwirkung der Fangfäden. Es ist bekannt, dass Spinnen vom Prädatorenvorteil durch Kunstlicht profitieren. Auch Wespen und Hornissen jagen frühmorgens Fluginsekten an Lampen ((Hausmann, A, 1992) nach (Eisenbeis, G. & Hassel, F., 2000, S. 153)).
Das Räuber-Beute-Verhältnis an beleuchteten vs. unbeleuchteten Klein-Habitaten im Litoralbereich wurde im Sommer 2016 in den USA untersucht (Parkinson et al., 2020, S. 1). Hierfür suchten sich die Autoren einen See, der nicht direkt durch künstliches Licht beleuchtet wird (ebd., S. 3). Sie konnten es nicht ganz vermeiden, dass der See nicht vollständig außerhalb von künstlichem Himmelsleuchten ("skyglow") beziehungsweise einer Fernwirkung von Lichtverschmutzung lag (ebd., S. 3).
An experimentell beleuchteten Stellen über ufernahem Wasser fanden sie 51 Prozent mehr Spinnen als an unbeleuchteten (ebd.). Anhand des Gewichts der Spinnen (weiblich +176 %, männlich +34 %) sowie der Anzahl (+139 %) der von diesen gefangenen Insekten an beleuchteten gegenüber unbeleuchteten Orten konnten sie die Vorzüge der beleuchteten Orte nachweisen (ebd.).
Zudem setzten sie künstliche Fallen ("pan-traps") zum Nachweisen der Insekten ein (ebd.). Die Artenvielfalt war an ungestörten (unbeleuchteten) Orten höher und in Bezug auf die Lebensgemeinschaften ausgeglichener (ebd.). Beleuchtung zog vor allem Eintagsfliegen (Canidae) an (ebd.). Im Uferbereich lassen sich mehr Fluginsekten durch das zusätzliche Vorkommen derer, die ans Wasser gebunden sind, fangen (ebd.).
Die Autoren beschreiben Licht als einen der grundlegendsten Umweltparameter und sehen ihre Studie als einen Beleg dafür, wie stark der Mensch in Räuber-Beute-Beziehungen eingreift (ebd.). Sie verweisen abschließend darauf, dass andere Studien einen Rückgang von Prädatoren unter Verhältnissen künstlichen Lichts beschreiben (ebd., S. 11). Dies hängt davon ab, wieweit Ökosysteme bereits gestört sind.
Die Autoren geben zu bedenken, dass vieles noch nicht verstanden ist (ebd). Zu berücksichtigen, dass litorale Ökosysteme zu den durch den vom Menschen am stärksten gestörten zählen (ebd.). Und: Parklandschaften in Städten liegen erfahrungsgemäß nicht selten an Gewässern, entlang von Flüssen, oder um größere und kleine Seen herum (Niemitz 2004).
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Gerd Eisenbeis, hatte in den 1990er Jahren als Biologieprofessor in Mainz die Attraktionswirkung von Außenlampen für Nachtfalter als "Staubsauger-Effekte" beschrieben (Springeld, Kirsten, 2009, S. 6). Die Wirkung der leuchtenden Lichtsauger besteht Eisenbeis zufolge unter anderem darin, dass die Insekten die Lichtquelle bis zur Erschöpfung und/oder vorzeitigen Eiablage umkreisen; sie entkommen dem Lichtkegel nicht (ebd.).
Bei stärkerem Licht wie zur Fassadenbeleuchtung, können Insekten auch durch das Licht verbrennen (ebd.). Beleuchtete Wege in der Landschaft wirkten wie Barrieren (ebd.). Aus Eisenbeis' Beobachtungen kann man bereits Störungen ganzer Ökosysteme durch künstliches Licht ableiten, wenn man den pyramidenartigen Aufbau der Nahrungsketten berücksichtigt, bei dem Insekten und Spinnen weit unten stehen.
Licht kommt ein hoher Wert zu. Dessen Spektrum, das heißt, die Farbe, die wir als Mensch wahrnehmen, spielt auch eine Rolle bei Kaufentscheidungen. Dies deutete sich möglicherweise 2009 an, als Kunden offenbar bereit waren, perspektivisch mehr Geld auszugeben, als notwendig gewesen wäre. Wie die folgende Aufnahme (Abb. 2) zeigt, wurde darauf gesetzt, dass es Kunden geben würde, welche sich mit 100-Watt-Glühbirnen bevorraten würden, als deren Produktion (nicht der Verkauf) aufgrund ihrer geringeren Effizienz gegenüber LEDs in der EU zum 1.9.2009 verboten wurde.
Eng verbunden mit dem Thema ist das des Vogelschlags an Fenstern und Glasfassaden. Dies hat, wie eine Diplomarbeit zeigte, etwas zu tun mit der künstlichen Beleuchtung von innen wie von außen, ist artspezifisch und vom Wetter, der Bewölkung und deren künstlicher Erhellung abhängig (von Maravic, 2009).
In Bonn geriet der an den Rheinauen gelegene DHL-Tower aufgrund starken Vogelschlages bundesweit in die Schlagzeilen. Nachdem die Beleuchtung reduziert wurde, nahmen die Vogeltotfunde ab (Korner et al. 2022). Der BUND Berlin hat die Folierung großer Glasflächen am BER Willy Brandt durchgesetzt. Einfache Aufkleber mit Vogelschemata haben keinerlei Nutzen. Es helfen nur genau definierte Streifen- und Punktmuster (s. a. "Den modernen Vogelfängern das Handwerk legen"! in Stadt+Grün, 01–2025, S. 35ff.)
"Light pollution" ist ein Problem, das von dem Astronomen Kurt Riegel (1973) erstmals beschrieben worden ist. Inzwischen geben Organisationen wie "Dark Sky" oder die "Paten der Nacht" Empfehlungen ab, wie man am besten beleuchten sollte, so man dies für notwendig hält. Sämtliche Tipps kann man auch für Parkanlagen beachten.
Davies und Smith nennen zehn Gründe, warum Lichtverschmutzung bei der Betrachtung des globalen Wandels im Fokus stehen sollte (Davies & Smyth, 2018, S. 872ff.):
- Verbreitung des Problems,
- Größe der Himmelssphäre, die beeinflusst wird,
- Verzögerungs-Effekte,
- Ausbreitung der LEDs,
- Evolutionäre Erstmaligkeit,
- Vielfalt biologischer Antworten,
- Sensitivität biologischer Reaktionen,
- Auswirkungen auf menschliche Gesundheit,
- Mensch-Umwelt-Beziehungen und
- Umsetzbarkeit von Lösungen.
Die größte globale Problematik besteht allerdings weniger in der Nichtsichtbarkeit der Sterne, sondern in der des Artenschwundes (Lesch & Kamphausen, 2018, S. 245). Daran hat die Lichtverschmutzung mit Sicherheit einen gravierenden Anteil. Sie verschont kaum eine Art, auch höhere nicht. Eine Expertendatenbank listete zum Thema "Artificial Light At Night" (ALAN) am 25.03.2025 bereits 5335 Titel zu allen Bereichen wie der Botanik.
Längst wird Lichtverschmutzung auch als gesundheitliches Problem für den Menschen betrachtet. Die Publikationen hierfür steigen exponentiell, vergleichbar zu anderen Umweltproblemen, ähnlich dem der Lärmbelastung an. Im Folgenden dargestellt sind entsprechende Publikationstätigkeiten bei dem weltweit größten medizinischen Portal (eigene Projektion, Abfrage nach Jahr).

Das Thema Sicherheit und Beleuchtung wird oft diskutiert, nicht zuletzt wenn es um Parkanlagen geht. Hierbei geht es nicht selten um irrationale Gefühle von Angst als eines der stärksten Gefühle des Menschen. Dabei existiert bis heute keine Studie, die eindeutig nachweist, dass Beleuchtung für mehr Sicherheit sorgen würde.
Vielmehr ist Beleuchtung in der Lage durch Blendung erst recht Dunkelräume zu schaffen. So berichtete der Tagesspiegel über den tragischen Fall einer 18-Jährigen, die bei der Querung eines Parks ermordet wurde (Füchsel, Katja, 2021). Ein Zeuge, der etwas gehört hatte, hatte gedacht, es handelte sich um Wildschweine, und war weitergegangen. Die Ermittler stellten das Geschehen nach. Der Mann konnte tatsächlich nichts gesehen haben. Kurz davor war die Beleuchtung auf LEDs umgestellt worden. Der Weg war perfekt ausgeleuchtet, aber links und rechts davon war nichts zu erkennen. Mit den alten, schwächeren Leuchten hätte er wenigstens eine Chance gehabt, etwas zu erkennen (ebd.).
Für Parklandschaften und die Situationen in Städten ist zu bedenken, dass urbane Räume für viele Arten in den letzten Jahrzehnten Rückzugsorte geworden sind. Waren Amseln früher Waldbewohner, findet man sie heutzutage hauptsächlich in Städten. In Berlin gibt es mehr Nachtigallen als in ganz Bayern (Planillo et al 2021). Dies hat auch etwas damit zu tun, inwieweit Landwirtschaft heutzutage ökologisch gesehen weitgehend tote Flächen produziert, wenn der einzige Sinn darin besteht, möglichst effizient der Nahrungsmittelproduktion zu dienen.

Ökologische Studien zum Thema Lichtverschmutzung sind bislang selten aber Ergebnis einer Studie der Universität Jena ist, dass bereits wenig Licht Ökosysteme zu gefährden mag (Hirt et al 2023). Der Verlust von mehr als 75 Prozent der Biomasse der Insekten in den letzten 30 Jahren und über 50 Prozent der Avifauna sind jedoch dramatisch (Hallmann et al 2017); der Rückgang von Insekten und Samen fressenden Vögeln in Europa wird für 1990–2015 auf 13 Prozent und 28 Prozent beziffert (Bowler et al 2019). Über den an den Rheinauen Bonns stehenden DHL-Tower war bundesweit in der Presse wegen Vogelschlags berichtet worden. Ein installierter Skybeamer wurde abgeschaltet und die Beleuchtung reduziert. Die Vogeltotfunde am Gebäude nahmen danach ab.
Wenn Parks durch Lichtschneisen zerschnitten werden, hat dies für die Tiere der Stadt sehr wahrscheinlich besonders gravierende Folgen. Für Fledermäuse ist nachgewiesen worden, dass sich diese bevorzugt in den Parks und entlang von Gewässern fortbewegen (Voigt et al 2020). Dies war anders kaum zu erwarten gewesen, denn alle Tiere sind miteinander darauf angewiesen, in naturnäheren, ökologisch hochwertigen Habitaten zu leben, die eben solche sind, auch weil sie unbeleuchtet bleiben. Dort können sie Nahrung finden und sich verstecken, oder, diese Übertragung sei erlaubt: wie der Mensch auch, sich erholen.

Literatur
Bibo, Günther. (1928). Die Beleuchtung in Alter Zeit: Ausstellung im Märkischen Museum.
Bowler, D. E., Heldbjerg, H., Fox, A. D., De Jong, M., & Böhning?Gaese, K. (2019). Long?term declines of European insectivorous bird populations and potential causes. Conservation Biology, 33(5), 1120–1130. https://doi.org/10.1111/cobi.13307
Davies, T. W., & Smyth, T. (2018). Why artificial light at night should be a focus for global change research in the 21st century. Global Change Biology, 24(3), 872–882. https://doi/10.1111/gcb.13927
Eisenbeis, G. & Hassel, F. (2000). Zur Anziehung nachtaktiver Insekten durch Straßenlaternen – eine Studie kommunaler Beleuchtungseinrichtungen in der Agrarlandschaft Rheinhessens. 75(4), 145–156.
Fischer, E. P. & Pantheon. (2017). Durch die Nacht Eine Naturgeschichte der Dunkelheit.
Hallmann, C. A., Sorg, M., Jongejans, E., Siepel, H., Hofland, N., Schwan, H., Stenmans, W., Müller, A., Sumser, H., Hörren, T., Goulson, D., & de Kroon, H. (2017). More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLOS ONE, 12(10), e0185809. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0185809
Hausmann, A. (1992). Studies of the mass mortality of moths near municipal lights (Lepidoptera, Macroheterocera). Atalanta 23:411–416, 6.
Hirt, M. R., Evans, D. M., Miller, C. R., & Ryser, R. (2023). Light pollution in complex ecological systems. Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences, 378(1892), 20220351. https://royalsocietypublishing.org/doi/10.1098/rstb.2022.0351
Korner, P., Von Maravic, I., & Haupt, H. (2022). Birds and the 'Post Tower' in Bonn: A case study of light pollution. Journal of Ornithology, 163(3), 827–841. https://link.springer.com/article/10.1007/s10336-022-01985-2
Krop-Benesch, A. (2019). Licht aus!?: Lichtverschmutzung—Die unterschätzte Gefahr.
Lesch, H., & Kamphausen, K. (2018). Die Menschheit schafft sich ab: Die Erde im Griff des Anthropozän (Vollständige Taschenbuchausgabe). Knaur.
Niemitz, C. (2004). Das Geheimnis des aufrechten Gangs: Unsere Evolution verlief anders. Beck.
Parkinson, E., Lawson, J., & Tiegs, S. D. (2020). Artificial light at night at the terrestrial-aquatic interface: Effects on predators and fluxes of insect prey. PLOS ONE, 15(10), e0240138. https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0240138
Planillo, A., Fiechter, L., Sturm, U., Voigt-Heucke, S., & Kramer-Schadt, S. (2021). Citizen science data for urban planning: Comparing different sampling schemes for modelling urban bird distribution. Landscape and Urban Planning, 211, 104098. https://doi.org/10.1016/j.landurbplan.2021.104098
Springfeld, Uwe (Writer)Springeld, Kirsten (Regisseur). (2009, Juli 9). Strahlende Finsternis. Lichtverschmutzung in Deutschland. [PDF]. In Forschung und Gesellschaft. https://t1p.de/vq2mw (Deutschlandfunk)
Voigt, C. C., Scholl, J. M., Bauer, J., Teige, T., Yovel, Y., Kramer-Schadt, S., & Gras, P. (2020). Movement responses of common noctule bats to the illuminated urban landscape. Landscape Ecology, 35(1), 189–201. https://doi.org/10.1007/s10980-019-00942-4
von Maravic, I. (2009). Einfluss beleuchteter Hochhäuser auf den nächtlichen Vogelflug am Beispiel des Posttowers in Bonn. Diploma thesis [Diplomarbeit im Fach Biologie]. Universität Bonn.
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