Quo Vadis Kleingärten?

Wie man die Grünflächen vor Überbauung schützt

Wollen die Kleingärter dem Nutzungsdruck widerstehen, müssen sie sich auch der Öffentlichkeit öffnen, etwa durch die Umwandlung von Kleingärten in Kleingartenparks … Foto: Reiner Sturm, pixelio.de

Die direkten Angriffe auf Flächen der Kleingartenanlagen nehmen in Deutschland zu. In "Zeit Magazin" wird über die Abgeschlossenheit und Spießigkeit Berliner Kleingärten und -gärtner polemisiert. Eine Online-Petition "Gartenstädte statt Gartenzwerge" fordert in Berlin den Regierenden Bürgermeister Michael Müller dazu auf, die Vertragsverlängerungen bei der Pacht von Kleingärten zu verweigern, um mehr Wohnungen zu bauen. Auch die Bildzeitung schwingt sich zum Angriff auf die Kleingärten auf, und fordert ihre Bebauung in Berlin. Schließlich fordert der Berliner Landesvorsitzende vom Bund Deutscher Architekten auf Berliner Schrebergärten 300 000 Wohnungen zu bauen, um die Wohnungsnot einzudämmen.

Um diese Forderungen aufzugreifen und entgegenzutreten, lud der Berliner Kleingärtnerverband Ende Januar zu einem wissenschaftlichen Forum. Ziel war das Sammeln von Argumenten für die Kleingartenanlagen und Perspektiven zu diskutieren.

Prof. Klaus Neumann, Präsident der Deutschen Gartenbau Gesellschaft 1822, nannte als Gastredner dazu die zentralen Argumente und Vorschläge für die Kleingärten

1. Bildung eines Rückzugsortes in der stressigen Stadt: Das Gärtnern führt zur Entschleunigung und Entspannung und wird sogar für die Krisenintervention in der Familienarbeit eingesetzt, (s. a. "Vom Klischee der Kleingeister zur hippen Heimat", Süddeutsche Zeitung, 12.01.2019). Dort wurden etwa alle Zäune entfernt. Der dort portraitierte Kleingärtner Franz Sollinger berichtet, dass es früher um Macht und Neid in den Kleingärten gegangen sei, heute gehe es um Ruhe und Erholung. Und davon würden nicht nur Leute mit niedrigem Einkommen profitieren. Auch Banker, IT-Experten und Wissenschaftler hätten eine Scholle.

2. Integration von Migrantinnen und Migranten

Nach den Prognosen des Bundesamtes für Statistik wird es in Deutschland künftig erhebliche Einbußen bei der Bevölkerungszahl geben. Demnach müssten in den kommenden Jahrzehnten pro Jahr circa 400 000 Menschen zuwandern, um nicht von 80 Millionen Einwohnern 2016 auf 28 Millionen Einwohner bis 2060 zu schrumpfen. Dies erfordert natürlich eine hohe Anstrengung an Integrationsmaßnahmen, die wiederum auch durch das gemeinsame Gärtnern unterstützt werden kann.

3. Raum für neue Lebens- und Freizeitmodelle

Gärten bieten Raum, um sich neu auszuprobieren. Das Klischee "Kleingärtner seien Kleingeister" bestehe noch, werde aber inzwischen vielfach aufgebrochen. Die britische Times habe sogar, so Neumann, erklärt "Gärtnern ist der neue Sex". Auch wenn dies natürlich eine Überzeichnung ist, ist das Begehren groß: Allein in Berlin stehen 12 000 Personen für einen Kleingarten auf der Warteliste.

4. Urban Gardening-Angebote durch Öffnen der Kleingärten für die Stadtbewohner

Wollen die Kleingärtner den wachsenden Ansprüchen und Begehrlichkeiten etwas entgegensetzen, müssen sie sich in der Tat auch den Menschen der Stadt öffnen und nicht, wie in der "Zeit" zurecht moniert wird, über Gäste beschweren, die sich in der Kleingartenanlage mal umschauen oder nur spazieren gehen wollen. Verschiedene Städte probieren derzeit neue Modelle aus. Etwa in Lahnaue, wo zentrumsnahe abgeschlossene Kleingartenanlagen in offene Kleingartenparks verwandelt wurden, (s. Stadt+Grün 11/2018, S. 11ff). Gemeinschaftliches Gärtnern statt reiner Abgeschlossenheit würde das Ansehen der Kleingartenparks heben und eine breite Akzeptanz ermöglichen.

5. Angebote von e-gardening und echtem Gärtnern verbinden

Für die jüngere Generation gibt es inzwischen e-Gardening-Angebote, in denen man von zu Hause aus oder über das Smartphone ein Stück eigenen Garten überwachen, bewässern und pflegen kann. Diese Ideen sollten mit Angeboten zum Gärtnern vor Ort ergänzt werden, damit sich reales und virtuelles Leben nicht entfremden, sondern zusammenfinden.

6. Gesundheitsvorsorge und Vorsorge gegen Depressionen gerade für Ältere

Die Studien zur medizinischen Wirksamkeit von Gartenarbeit sind inzwischen hinlänglich bekannt. Gärtnern senkt nachweislich den Blutdruck, schützt vor Herz-Kreislauferkrankungen und hat zudem auch noch hemmende Wirkung auf Depressionen, denn auch die Kommunikation und das soziale Miteinander kommen nicht zu kurz.

7. Klimawandel abmildern, Artenvielfalt in der Stadt erhalten und ausbauen

Dass Hitzeinseln in der Stadt bis zu zehn Grad Temperaturunterschiede gegenüber zu Grünflächen hinterlassen, war im trockenen Hitzesommer 2018 deutlich zu spüren. Die Kleingärten wirken dann wie Frischluftschneisen und regulieren die Temperatur auf ein zuträgliches Maß. Darüberhinaus wirken sie als Biotop für seltene Arten. Bedroht sind insbesondere Insekten, die seit 1989 dramatisch zu 75 Prozent zurückgegangen sind.

8. Kleingärten als Weltkulturerbe

Nicht zuletzt erinnerte DGG-Präsident Neumann an die historische Rolle, die die Kleingärten in Großstädten gespielt haben - als Gärten gegen die Armut und als Orte, an denen die sozial Schwächsten ein Freiraum gewährt wurde und plädiert dafür, die Kleingärten als immaterielles Weltkulturerbe anerkennen zu lassen. Mit diesem Schutzfaktor könnten sich die Kleingärten dann stärker politisch und sozial behaupten.

Mechthild Klett

… Damit wird die Akzeptanz von Grünflächen im Stadtzentrum erhöht, auf denen gerade wegen der Wohnungsnot besonders hoher Bebauungsdruck liegt. Foto: Dieter Schütz, pixelio.de

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 02/2019 .

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