Bewegungsraumgestaltung nach TRuST, inspiriert durch Parkour

Wie man Hindernisse überwindet

von

Abb. 1: Schulhof Lise-Meitner-Gymnasium Böblingen, Metallgerüst in Benutzung. Foto: TraceSpace GbR

Öffentliche Räume erfahren in den letzten Jahren durch verschiedenste Bewegungskulturen und neue Sportarten enorm gesteigerten Nutzungsdruck. Planerinnen und Planer sehen sich einem teilweise schwer zu erfassenden Bedarf verschiedenster Interessen- und Nutzergruppen gegenüber. Im Zuge dieser Entwicklung stellt sich die Frage, wie man als Verantwortliche oder Verantwortlicher im Bereich Bewegungsraumgestaltung auf die unterschiedlichen Bedürfnislagen von Sportcommunities, Parknutzerinnen und -nutzer, Städten und Kommunen im Besonderen und die gesellschaftliche Entwicklung (Bewegungsarmut, Digitalisierung, Zuwanderung, etc.) im Allgemeinen reagieren soll. Eine zukunftsgerichtete, pro-aktive Gestaltung öffentlicher Räume ist daher oft gar nicht erst Teil des initiativen Moments. Oft wird daher planerisch nur partikular und ohne umfassende Betrachtung aller möglichen Nutzergruppen reagiert und es werden Räume entworfen, die exklusiven Charakter haben.

Der folgende Beitrag soll eine alternative Perspektive zur Raumgestaltung eröffnen, das Potential von integrativen, vielseitigen und nachhaltigen Bewegungsräumen - inspiriert durch die Disziplin Parkour und das Bildungskonzept TRuST - erläutern und konkrete Entwicklungs- und Gestaltungsansätze verdeutlichen, mit denen die hier skizzierten Problemstellungen aktiv angegangen werden können.

Parkour

Parkour wird auch als Kunst der effizienten Fortbewegung bezeichnet und wird von Traceuren ausgeübt. Diese trainieren den Umgang mit und das Überwinden von Hindernissen. Dabei passen sie ihre Bewegungen, abhängig von ihren individuellen Fähigkeiten und Ressourcen, an die Umgebung an. Parkour basiert auf dem eigenen Bewegungspotential und muss keinen Regeln gerecht werden oder sich nach spezifischen Vorgaben oder Normen richten. Was als Phänomen Anfang der 1990er-Jahre in Pariser Vororten begann, ist nunmehr eine weltumspannende Bewegungskultur mit großen Ambitionen in Bildung, Kultur und Breitensport.

Abb. 2: Schulhof Lise-Meitner-Gymnasium Böblingen, Metallgerüst. Foto: TraceSpace GbR

Abb. 3: Schulhof Lise-Meitner-Gymnasium Böblingen, Robiniengerüst. Foto: TraceSpace GbR

Abb. 4: Waldspielplatz in Kleinmachnow bei Berlin. Foto: TraceSpace GbR

Parkour-Perspektive

Die Perspektive eines Traceurs ist im Kontext der Interpretation und Anpassung an den Raum besonders für Landschaftsplaner, Architekten und Designer interessant. Traceure sind Experten im Erkennen von Objekt- & Raumeigenschaften und dem daraus resultierenden Nutzungs- bzw. Bewegungspotential. Dies gilt explizit für alle Räume, in denen Bewegung möglich ist, von urbaner Architektur bis hin zu unberührter Natur. Dieser interpretative Vorgang bewirkt eine fortwährende Anpassung und Aneignung der räumlichen Gegebenheiten, die grundsätzlich alle für Parkour genutzt werden können, um das individuelle Bewegungspotential zu entfalten.

Aus dieser Perspektive heraus ist also entweder Alles ein "Parkourpark" oder Nichts ist ein "Parkourpark". In der Natur der Disziplin liegt es, sich selbst dem Raum anzupassen, nicht umgedreht. Daher sind zielgerichtet geschaffene "Parks" für Parkour keine Notwendigkeit, sondern aus Sicht des Traceurs bestenfalls eine Luxussituation. Für alle Planerinnen und Planer, die einen explizit auf Traceure zugeschnittenen Bewegungsraum planen, ist diese Erkenntnis ebenso wichtig, wie für die, die hoffen mit solchen Trainingsumgebungen Parkourtraining exklusiv dorthin verlagern zu können.

Jedoch lässt sich die Idee der Traceure, Bewegungsmöglichkeiten und Herausforderungen in nahezu jeder Umgebung zu finden und einzugehen, nutzen, um einen zukunftsgerichteten, integrativen und vielseitigen Ansatz an Bewegungsraumplanung im Allgemeinen zu entwickeln. Die Herangehensweise von Traceuren an ihre Umgebung, die durch den unnormierten Charakter der Bewegungsdisziplin beeinflusst und gekennzeichnet ist, kann als Prinzip und Grundlage für die Planung und Gestaltung von gelungenen Bewegungsräumen für eine breite(re) Zielgruppe betrachtet werden. Dies kann ein Beitrag sein, die aktuellen Probleme von Raumknappheit in Städten, den gestiegenen Nutzerdruck und die schwer einschätzbare und durch den informellen Sportsektor dominierte Diversifizierung der Sport- und Bewegungskultur, pro-aktiv anzugehen.

Abb. 5: Parkour-Bewegungsraum in Lausanne (Schweiz), Ziegelmauern. Foto: TraceSpace GbR

Abb. 6: Parkour-Bewegungsraum in Lausanne (Schweiz), Robinen-Stahl-Konstruktion. Foto: TraceSpace GbR

Abb. 7: Parkour-Bewegungsraum in Lausanne (Schweiz), Draufsicht. Foto: TraceSpace GbR

Bewegungsraumgestaltung nach TRuST

Jedoch ist Parkour nicht nur im Hinblick auf Raumnutzung ein guter Ratgeber für die Gestaltung von Bewegungsräumen. Die ParkourONE Academy, die führende Par-kour-Bildungsinstitution im deutschsprachigen Raum, erkennt in Parkour eine Bewegungsdisziplin mit ganzheitlichem Bildungspotential (Parkour nach TRuST, Bildungskonzept der ParkourONE Academy, vgl.: www.academy.parkourone.com). Par-kour nach TRuST stellt die Persönlichkeitsentwicklung und Potentialentfaltung, Gesundheit, sowie die soziale Kompetenz und Entscheidungsfähigkeit durch klare Werthaltung als zentrale Bildungsziele in den Vordergrund:

Potentialentfaltung:

Jeder Mensch ist einzigartig und hat besondere Fähigkeiten und Talente.

Werthaltung:

Werte bilden die Grundlage für all unsere Entscheidungen.

Gesundheitsförderung:

Physische, psychische und soziale Gesundheit sind essentiell für die Entwicklung und das Wohlbefinden eines Menschen.

Setzt man die Prinzipien aus der Parkourperspektive in Planung und Entwicklung von Bewegungsräumen um und berücksichtigt dabei die Bildungsziele nach TRuST, entstehen multiperspektivische Bewegungsräume. In solchen Räumen können und werden die Nutzerinnen und Nutzer unabhängig ihrer Erfahrung, Ressourcen, ihres Alters oder ihres Standes gefördert und (auf-)gefordert, sich zu bewegen. Die durch diese multiperspektivische Planung entstehenden Bewegungsräume sind demnach integrativ und daher automatisch auch Begegnungsräume - somit werden Werte wie Offenheit, Toleranz, Hilfsbereitschaft, Vertrauen aber auch konkrete Eigenschaften wie Neugierde, Kommunikationsfähigkeit und Vielseitigkeit maßgeblich unterstützt. In diesem Kontext entstehen automatisch auch Potentiale, die zur Gesundheitsvorsorge und -förderung beitragen und gezielt im physischen, psychischen und sozialen Bereich genutzt werden können.

Abb. 9: Sport-Jugend-Club Prenzlauer Berg (Berlin), Panorama. Foto: TraceSpace GbR

Abb. 8: Sport-Jugend-Club Prenzlauer Berg (Berlin), Kinderspiel. Foto: TraceSpace GbR

Abb. 10: Zick-Zack-Zwingli (Berlin), im Bewegungsraum. Foto: TraceSpace GbR

Entwicklungs- & Gestaltungsprinzipien

Wie lassen sich nun diese Konzepte und daraus resultierenden Potentiale in der konkreten Entwicklungsarbeit und Gestaltung von Bewegungsräumen umsetzen?

Verortung

Hier gibt es zum einen die klassische, oft monothematische und räumlich klar eingegrenzte Verortung von Bewegungsräumen als komprimiertes Angebot, entsprechend einem Sportplatz/Spielplatz. Als klar erkennbare Bewegungsräume bieten diese die Möglichkeit, ein großes Maß an Aufmerksamkeit zu generieren und Nutzerinnen und Nutzern durch die oben und nachfolgend skizzierten Gestaltungsgrundsätze durch hohen Aufforderungscharakter einzubinden. Eine zweite Strategie ist Etablierung von niedrigschwelligen Zugängen, Bewegungsmöglichkeiten und -aufforderungen über einen größeren Raum, etwa Innenstädte, Parks o. Ä. Hier steht nicht der offensichtliche Bewegungsraum als strategischer Ankerpunkt im Zentrum, sondern die subversive Einbindung von vielen verschiedenen, kleinen und mittleren Installationen. Hier verwischen die Grenzen zwischen oft eindimensional genutzten und geplanten Flächen und echten Freiräumen, in denen Bewegung und Begegnung beinahe zufällig geschehen aber bewusst geplant sind.

Soziale Einbindung

Dem Grundsatz nach ist Bewegungsraumgestaltung nach TRuST, inspiriert durch Parkour, integrativ. Die Nutzbarkeit und Attraktivität ist unabhängig von Alter, Geschlecht, sozialem oder sportlichem Hintergrund zu gewährleisten. Demnach ist in allen Entwicklungsphasen der Bewegungsräume, von Planung über Umsetzung und Nutzung, eine Einbindung verschiedener Zielgruppen wünschenswert. Eine eingehende Analyse und der Kontakt zu den möglichen Nutzergruppen ist wesentlich, um den gegenwärtigen und zukünftigen Bedarf der Nutzung zu erörtern.

Dies bezieht sich zum einen auf ortsnahe Einrichtungen wie Schulen, Kitas, Unternehmen (betriebliches Gesundheitsmanagement und Bewegungsförderung rund um den Arbeitsplatz wird aktuell zu einem brennenden Themenfeld, auch für Planerinnen und Planer), Senioreneinrichtungen, etc. Mindestens ebenso wichtig ist das Mitdenken und die Einbindung des organisierten Sports und der Vereine und dem Erreichen des "informellen", selbst organisierten Sports. Unter letzterem subsumieren sich alle nicht organisierten Bewegungs- und Sporttreibenden, zum Beispiel aus Trendsportarten ohne klassische Strukturen oder schlicht sportlich aktive Personen ohne Anbindung an Vereine oder organisierte und ansprechbare Gemeinschaften. Nach aktuellen Erhebungen macht diese Gruppe in Berlin 74,2 Prozent aller Sporttreibenden aus.¹

Materialien, Formen, Oberflächen, Komposition

Aus der Perspektive eines Traceurs ist ein vielseitig gestalteter Raum aus unterschiedlichsten Materialien, Formen und Oberflächen ein Motor für Kreativität. Dies gilt letztlich auch für eine breit gefasste Zielgruppe, die man über vielseitigen und abwechslungsreichen Einsatz von Gestaltungsmitteln erreicht. Je diverser die Gestaltung, desto vielseitiger die Umgangsmöglichkeiten und desto höher die Anziehungskraft eines solchen Bewegungsraumes. Die Kombination und Verwendung von Holz , Metall, Mauerwerk, Natursteinen, Beton, diversen Bodenbelägen usw. sollte nicht nur baulichen und wartungsspezifischen Erwägungen entsprechen, sondern mindestens ebenso auf Entwicklungs-, Sozial- und Lernpsychologischen Aspekten beruhen: Der kreative, individuelle, sich die Umgebung aneignende Umgang mit dem Raum ergibt sich unter anderem durch eine nicht standardisierte, hohe Diversität aufbauende Formensprache.

Sensorisches und haptisches Erleben und Lernen wird durch den bewussten Einsatz verschiedenster Materialien und Oberflächen gefördert. Planerisch ist es sinnvoll, durch sanfte Zonierungen, fließende Übergänge zwischen Strukturen und Elementen und einer sukzessiven Steigerung des Komplexitätsgrades die Begegnung und Vereinbarung unterschiedlichster Nutzungen und Nutzer zu gewährleisten. Scheinbar zufallsbasierte Strukturen und Formen und in ihrer Intentionalität eindeutige, auf Nutzergruppen zugeschnittene Elemente können und sollten sich ergänzen. So wird sichergestellt, dass zum einen genügend Raum für Interpretation und individuelle Bewegungsgestaltung vorhanden, jedoch gleichzeitig ein klarer und unmittelbarer Zugang für unterschiedliche spezifische Zielgruppen gewährleistet ist.

Aus(sen)wirkung

Auf Basis dieser Prinzipien entstehen Bewegungsräume mit einem hohen Aufforderungscharakter. Die unkonventionelle und spannende Gestaltung fordert Menschen auf, macht sie neugierig, lädt zum Erkunden und Erleben ein. Gelingt es so, über eine unspezifische Bewegungslandschaftsgestaltung hinaus, zusätzlich für den Bedarf von verschiedensten konkreten Zielgruppen zu gestalten, entsteht in einem Bewegungsraum ein Begegnungsraum. In diesem ist ein gleichzeitiges Ansprechen von diversen Zielgruppen, wie Outdoor-Fitness, CrossFit, Calisthenics, OCR, Tricking, aber auch "normalen" Park- und Spielplatzbesucherinnen und -besuchern, möglich, da sich deren Anforderungspro?le und Bedürfnisse teilweise stark überschneiden.

Abb. 11: Zick-Zack-Zwingli (Berlin), im Bewegungsraum. Foto: TraceSpace GbR

Fazit

Legt man der Gestaltung von Bewegungsräumen die Bildungsleitlinen der Potentialentfaltung, Gesundheitsförderung und Werthaltung (nach TRuST) zu Grunde und verknüpft diese mit der Perspektive eines Traceurs auf seine Umgebung, ergibt sich ein Ansatz zur multiperspektivischen Entwicklung und Gestaltung von Bewegungsräumen.

Wir befinden uns in Zeiten einer sich immer schneller verändernden Welt, die Ideen und sportliche Trends in einer nie da gewesenen Fülle und Geschwindigkeit entstehen lässt und in der Spezialisierung und Abgrenzung Teil dieses Prozesses sind. Daher ist es wichtig, Räume zu entwickeln, in denen Begegnung und Austausch zwischen Nutzergruppen gefördert werden. Bewegungsräume nach TRuST, inspiriert durch Parkour, leisten hier einen konkreten Beitrag, indem sie vielseitige, integrative, nachhaltige und nachgefragte Bewegungsangebote machen, die für jede Zielgruppe gestaltet werden können.

Anmerkungen

¹ www.berlin.de/sen/inneres/sport/sportstudie/
Sportstudie Berlin 2017, Untersuchungen zum Sportverhalten4.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 07/2019 .

Stadt+Grün Stellenmarkt

http://jobs-in-gruen-und-bau.de/index.php?id=123&tx_patzerboerse_paboeplugin[division]=3&tx_patzerboerse_paboeplugin[unterthemen]=426++529++54++450++451&no_cache=1

Parkverwalter (m/w/d), Bad Liebenstein und Greiz  ansehen
Forstwirt/in in Vollzeit, Stadtwald Hettingen  ansehen
Wie kann ich mein Stellenangebot hier veröffentlichen? Weitere Informationen
http://jobs-in-gruen-und-bau.de/index.php?id=123&tx_patzerboerse_paboeplugin[division]=3&tx_patzerboerse_paboeplugin[unterthemen]=426++529++54++450++451&no_cache=1