Wie Natur- und Küstenschutz mit dem Tourismus vereinbar sind

Die neue Nationalparkpromenade in Norddeich

Die Neugestaltung des Strandabschnitts von Norddeich unter dem Namen "Nationalparkpromenade Norddeich" ist Teil der zeitgemäßen Umgestaltung und Attraktivierung des gesamten Vordeichgeländes. Ziel dieses riesigen touristischen Infrastrukturprojekts ist die Schaffung von Aufenthalts- und Erholungsqualität sowie neuer, abwechslungsreicher Freizeitangebote, die für alle Menschen nutzbar sind.
Tourismus Naturschutz
1 Deich West mit barrierefreien Übergängen zum Strand. Foto: Guido Erbring

Der Tourismus an der Nordseeküste ist für die Region von großer wirtschaftlicher Bedeutung, bringt jedoch auch enorme Herausforderungen im Hinblick auf den Natur- und Küstenschutz mit sich. Die hohe Besucherzahl und der Bau touristischer Einrichtungen wie Hotels, Ferienhäuser oder Campingplätze belasten die empfindlichen Ökosysteme der Küstenregion. Insbesondere der Schutz von Dünen, Wattflächen und Salzwiesen ist für den Erhalt der Artenvielfalt und des natürlichen Gleichgewichts von großer Bedeutung.

Bei der Neugestaltung des Strandbereichs von Norddeich ging es für den Landkreis Norden als Bauherren daher um den Spagat zwischen den Belangen des Natur- und Küstenschutzes auf der einen, und den Interessen des Tourismus und der Wirtschaftsförderung auf der anderen Seite.

Auf einer Fläche von 13,6 Hektar wurde der gesamte Strandbereich zwischen Wasserkante und Deichanlage neugestaltet und durch attraktive Strand- und Freizeiteinrichtungen vitalisiert. Darüber hinaus wurden die Dünen erhalten, saniert und in Richtung Westen erweitert. Der Übergang zwischen dem Ort Norddeich und dem Deich sowie die Erschließung der Salzwiesen- und Wattlandschaft wurden deutlich verbessert.

Die Planung wurde der Arge WES LandschaftsArchitektur mit INROS Lackner übertragen. Das gestalterische Gesamtkonzept entwickelte WES LandschaftsArchitektur.

Ziele

Der Tourismus ist für den Landkreis Norden ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, denn die Nordseeküste ist ein ausgesprochen beliebtes Reiseziel. Um die Attraktivität der Region zu steigern und sich gegen die Angebote der direkt gegenüberliegenden Inseln Norderney und Juist zu behaupten, ist die Neugestaltung des Strandbereichs von Norddeich ein herausragendes Projekt.

Es sollten vielseitige Freizeitangebote für Sport und Spiel, für Entspannung und Genießen, für große und kleine Veranstaltungen, entstehen. Diese Angebote sollten für alle nutzbar sein: für Radfahrer, Rollstuhlfahrer, Kinderwagen und Fußgänger, für Jung und Alt. Barrierefreiheit hatte daher im gesamten Projektgebiet, von der Deichquerung bis zur Wasserkante, größte Bedeutung.

Die Planung musste die gewünschte Attraktivierung des Strandbereichs und der touristischen Angebote mit den Belangen des Natur- und Küstenschutzes in Einklang bringen. Dabei ging es um den Erhalt und die Sanierung von Deich und Dünen, die Erschließung der Wattlandschaft, um Hochwasserschutz und um die Vermittlung der Bedeutung des Weltnaturerbes Wattenmeer.

Darüber hinaus sollte die Verbindung des Ortes Norddeich mit der Dünen- und Strandlandschaft verbessert werden.

Rahmenbedingungen und Herausforderungen

Um all diese ehrgeizigen Planungsziele zu erreichen, war eine enge Abstimmung zwischen Planern, Behörden, Verbänden und Institutionen notwendig. Mehr als 30 Genehmigungsanträge mussten gestellt werden, bis alle erforderlichen Zustimmungen eingeholt waren.

Barrierefreiheit in allen Bereichen herzustellen, also auch am Strand, im Wattenmeer oder bei der Überquerung der Dünen, erwies sich durchaus als Herausforderung. Daneben mussten alle Maßnahmen die schwierigen äußeren Umstände wie Sturmfluten, Salzwasserbelastung und Tideeinfluss berücksichtigen.

Die Gesamtbauzeit betrug vier Jahre, die Nettobauzeit aber nur 20 Monate. Das lag daran, dass die Bauzeit aufgrund des Deichschutzes und der Sturmflutsicherung auf fünf Monate im Jahr (April bis September) beschränkt war.

Die Gesamtbausumme lag bei rund 17 Millionen Euro brutto.



SUG-Stellenmarkt

Relevante Stellenangebote
gartentechnische Leitung (w/m/d) der Regiebetriebe..., München  ansehen
Landschaftsarchitekt (m/w/d) mit Vertiefung Wasser..., Heilbronn  ansehen
Alle Stellenangebote ansehen
Tourismus Naturschutz
Foto: Guido Erbring
Tourismus Naturschutz
Foto: Guido Erbring

Der Rundweg

Das Herzstück des Projekts ist die als Rundweg angelegte Promenade. Sie ermöglicht den Besuchern einen barrierefreien Rundweg entlang des Deichs, der Dünen, des Strandes und der Wasserkante. Eine neue, barrierefreie Rampenanlage am Haus des Gastes erleichtert das Überqueren des Deiches.

Entlang der Wasserkante prägen das neu errichtete Deckwerk und die darin liegenden Treppenanlagen das Bild. Diese weitläufigen Treppenanlagen bieten großzügige Sitz- und Liegemöglichkeiten sowie Zugang zum Wasser.

Außerdem sind sie mit Duschen und Fußduschen ausgestattet. Eine Rampenanlage mit einer Neigung von drei Prozent ermöglicht auch Menschen mit Einschränkungen den Zugang zum Wasser.

Ein windgeschützter halbrunder Platz am nordwestlichsten Punkt der Promenade lädt zum Verweilen ein: der "Ausguck". Auf Sitzbänken können Besucher hier das Treiben auf der Promenade, die Nordsee bei Hochwasser und Sturmfluten oder den Blick bis zur Insel Borkum genießen.

Die Promenadenbeläge aus sandsteinfarbigem Walzasphalt fügen sich harmonisch in den Strandbereich ein. Ein taktiles Leitsystem gewährleistet den vorgeschriebenen Abstand zum benachbarten Deckwerk. Lichtpoller mit Bodenstrahlern sorgen für eine ausreichende Beleuchtung entlang der Promenade.

Hochwasserschutz und Trampelpfade

Die Sanierung der Nationalparkpromenade Norddeich durfte natürlich die ursprüngliche Aufgabe des Deichs als Hochwasserschutz nicht beeinträchtigen. Darüber hinaus sollte die trennende Wirkung zwischen Ort und Strand verringert werden.

Um diesen Zweck zu erreichen, wurde der Deichwanderweg auf 2,4 Meter verbreitert, die Rasenberme beidseitig des Weges und der vorhandene Unterbau des Deichkronenweges wurden erhalten. Breitere Bereiche wurden genutzt, um kleine Plätze mit Bänken zu schaffen und damit die Aufenthaltsqualität zu erhöhen, auch am Abend. Bodenleuchten auf der Deichkrone erzeugen ein Streiflicht über den Wegebelag.

Zur Schonung der Düne wurden die vorhandenen Trampelpfade reduziert und stattdessen drei neue Wege zur Querung angelegt. Diese bestehen aus zwei Meter breiten Holzstegen mit Geländern und massiver Gründung, die dem Hochwasser standhalten müssen. Durch Nachpflanzungen konnten sowohl die Dünen- als auch die weitläufige Strandlandschaft wiederhergestellt werden.

Tourismus Naturschutz
4 Belebte Sitzstufenanlage an der Promenade. Foto: Guido Erbring
Tourismus Naturschutz
5 Rampenanlage mit einem barrierefreien Weg ins Wattenmeer. Foto: Guido Erbring

Wattenmeer und Salzwiesen

Ein weiteres Ziel der Sanierung der Nationalparkpromenade Norddeich war es, das Weltnaturerbe Wattenmeer für Besucher erlebbar zu machen. Neben der Neugestaltung der Düne wurden dazu auch ein Lehrpfad mit 20 Stationen, eine Salzwiesenlandschaft, ein Infocontainer sowie Spiel- und Erlebniselemente für Kinder und Jugendliche geschaffen.

Am westlichen Ende des Dünenwegs befindet sich die Plaza, die als Veranstaltungsort dient und einen Informationscontainer des Nationalparks beherbergt. Hier werden Erläuterungen zur Flora und Fauna der Region angeboten sowie barrierefreie und behindertengerechte Sanitäranlagen zur Verfügung gestellt. Während der Wintermonate müssen beide Container aus Küstenschutzgründen abgebaut werden.

Von der Plaza aus führt eine barrierefreie Stufen- und Rampenanlage hinunter zu den Salzwiesen, wo Besucher Exkursionen mit Wattmobilen unternehmen oder spielerisch beim Wattmatschen teilnehmen können. Der gesamte Strandbereich wurde erhöht, um bei Normalwasserständen Strand zu erhalten. Die Meerespromenade wurde daher am Wasser auf einer Höhe von 3,00 NN angelegt, der Strandbereich steigt bis an die Düne auf 4,00 NN an.

Angebote am Strand und in den Dünen

Die Strandlandschaft gliedert sich in drei Bereiche: Im Westen liegt der Hundestrand, in der Mitte der Badestrand und im Osten der Sportstrand. Der Hundestrand ist durch eine transparente Absperrung vom Badestrand abgetrennt.

Zur Düne hin läuft die Strandlandschaft aus. Sie wurde dort großflächig mit Strandhafer bepflanzt. So entstehen in den Nischen der Dünenlandschaft Ruhemulden und Rückzugsmöglichkeiten für die Strandbesucher. Die größeren Mulden bieten Platz für verschiedene Spiel- und Erlebniselemente rund um die Themen Dünen und Watt, die bei Kindern und Jugendlichen das Bewusstsein für Naturschutz und Naturerbe spielerisch fördern sollen. Dazu gehören eine Wattwurm-Rutsche, ein Kletterkrebs, eine Erlebnismuschel und eine Meeresspinne.

Tourismus Naturschutz
6 Ausguck an der nordwestlichen Ecke der Promenade mit Blick auf die Insel Borkum. Foto: Guido Erbring
Tourismus Naturschutz
7 Trampelpfade und Holzstege zur Durchquerung der Dünen. Foto: Guido Erbring
Tourismus Naturschutz
8 Informationscontainer und barrierefreie sowie behindertengerechte Sanitäranlagen. Foto: Guido Erbring
Tourismus Naturschutz
9 Spiel- und Freizeitgeräte am Sandstrand zum Thema Nationalpark Wattenmeer. Foto: Guido Erbring

Herausforderungen und Besonderheiten

Aufgrund des Einflusses der Gezeiten, insbesondere während der Sturmfluten, und dem Bauen im Gezeitenbereich mussten alle Bauwerke und Installationen statisch gegen den Höchstwasserstand und Wellenschlag bemessen werden. Stufenanlagen, Rampen und das Deckwerk zum Wattenmeer konnten nur bei Niedrigwasser errichtet werden, also in einem Zeitfenster von gerade einmal sechs Stunden. Die Bauwerke mussten dem folgenden Hochwasser im Zwischenbauzustand mit Wellen und Überschwemmungen standhalten können.

Die ganzjährig nutzbaren Holzstege wurden auf bis zu neun Meter langen Stahlpfählen errichtet, während die Betonbänke an der Promenadenkante zum Deckwerk über zwei Meter lange Stahlrohre gegründet wurden und somit das ganze Jahr über genutzt werden können.

Aus Gründen des Deichschutzes mussten alle anderen Einrichtungen demontierbar gebaut werden, weil sie mit Beginn der Sturmflutsaison abgebaut werden – darunter Duschen, Spiel- und Sportgeräte, Fitnessgeräte, Holzbänke, Sanitär- und Informationscontainer sowie die Handläufe ins Wattenmeer.

Eine Reise für alle

Im Rahmen des Projekts legten alle Beteiligten großen Wert darauf, dass die Planung auch die Qualitätskriterien der Barrierefreiheit für eine Zertifizierung "Reisen für Alle" erfüllt. Ziel war es, allen Gästen die Möglichkeit zu geben, die Promenade und das Wattenmeer unabhängig von eventuellen Einschränkungen zu erleben. "Reisen für Alle" ist ein Bewertungs- und Informationssystem, das es Gästen ermöglicht, die Eignung touristischer Angebote für ihre individuellen Bedürfnisse selbst zu beurteilen.

Anhand zuverlässiger Detailinformationen können Gäste im Vorfeld der Reise prüfen, welche Angebote für sie geeignet sind und diese gezielt buchen. Die Kriterien für sieben Personengruppen (Menschen mit Gehbehinderung, Sehbehinderung, kognitiven Beeinträchtigungen, Hörbehinderung, Rollstuhlfahrer, Gehörlose Menschen und Blinde Menschen) sind in einem Katalog aufgeführt und klassifiziert.

Das Land Niedersachsen hat das Projekt aufgrund seiner Barrierefreiheit in den Kategorien Menschen mit Gehbehinderung, Rollstuhlfahrer, Menschen mit Sehbehinderung und Blinde Menschen ausgezeichnet. Darüber hinaus wurde die Nationalparkpromenade Norddeich bereits für den "Deutschen Landschaftsarchitektur-Preis 2023" und den "Polis Award 2023" nominiert.

Tourismus Naturschutz
10 Promenade mit Strand und dahinterliegender Dünenlandschaft. Foto: Guido Erbring

Fazit

Bei Planung und Bau der Nationalparkpromenade Norddeich ist es allen Beteiligten gemeinsam gelungen, die Belange des Natur- und Küstenschutzes und die Interessen des Tourismus zu einer in jeder Hinsicht gewinnbringenden Symbiose zu verschmelzen.

Sichtbare Ergebnisse sind die direkte Erreichbarkeit des Wattenmeers über barrierefreie Rampen und Stufen, die Schaffung eines außergewöhnlichen Freizeit-, Sport- und Spielangebots sowie der Erhalt und die Sanierung von Düne, Salzwiese und Wattenmeer. Das stärkt natürlich auch den Tourismus, der das Projekt unter dem Namen "Das Deck" vermarktet, und damit die Wirtschaftskraft der Region.

Ein Gewinn ist dieses Projekt natürlich für alle Nutzer, egal ob mobilitätseingeschränkt oder nicht: für Alt und Jung, Einheimische wie Urlauber.

Weitere Projektinformationen

  • Auftraggeber:Wirtschaftsbetriebe der Stadt Norden GmbH
  • Größe: 116.000 m²
  • Planung: WES LandschaftsArchitektur, Hamburg
  • Partner: INROS LACKNER SE, BremenOC|Lichtplanung, Diepholz
  • Auszeichnungen:
  • "Barrierefreiheit geprüft" nach den Kriterien der bundesweiten Kennzeichnung "Reisen für alle"
  • Deutscher Landschaftsarchitektur Preis 2023 – Nominierung
  • polis Award 2023 – Nominierung
  • Lichtdesign Preis 2023 – Nominierung

Ausgewählte Unternehmen
LLVZ - Leistungs- und Lieferverzeichnis

Die Anbieterprofile sind ein Angebot von llvz.de

Redaktions-Newsletter

Aktuelle grüne Nachrichten direkt aus der Redaktion.

Jetzt bestellen