WILA 2025 48h Women in Landscape Architecture Festival
Macht ist eine Zuschreibung

Das WILA 48-Stunden-Format, ein eigenes Festival zur Landschaftsarchitektur als Nukleus innerhalb des WIA Women in Architecture Festivals, hat sich bewährt. Bereits 2021 erfolgreich initiiert, fand es in diesem Sommer erneut in Kooperation mit dem Bund Deutscher Landschaftsarchitekt:innen (bdla) statt. Kollektiv kuratiert, organisiert und durchgeführt von 17 Landschaftsarchitektinnen aus Berlin und Brandenburg zielten Austausch und Empowerment auf den "Mut zur Zuversicht"– so Titel und Quintessenz des Festvortrags von Vera Starker.
Denn aktuell findet sich die Gesellschaft in einem Backlash wieder, sei es hinsichtlich Lösungen für die Klimakrise, der Freiheit von Forschung und Lehre oder der Demokratie selbst, erst recht im Blick auf Diversität und Gleichstellung. Aus Sicht der Veranstalterinnen kann die Welt da draußen es sich gar nicht leisten, auf die Visionen, Tatkraft und Erfahrungen bestens ausgebildeter Landschaftsplanerinnen und -architektinnen zu verzichten. Angesichts überhitzter Städte, Klimakatastrophen, Artensterben und sozialer Spannungen kann das Klima eigentlich gar nicht schnell genug runtergekühlt werden und exzellent gestaltete, multifunktionale, ästhetisch gewinnende Freiräume sollten viel schneller gebaut werden.
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Räume für Solidarität und Zusammenhalt
"Das ist Ihr Beruf - Räume zu schaffen für Solidarität und Zusammenhalt, für die Grundlage, Vertrauen ineinander zu haben", führte Prof. Dr. Jutta Allmendinger in ihrer Keynote vor Augen. Entscheidend sei, dass Landschaftsarchitektinnen soziale Umwelten entwerfen und die bedrohlich zunehmende Segregation in unseren Gesellschaften verhindern oder auflösen. Denn wo öffentliche Orte fehlen, "in denen ich mich wohlfühle, kann ich mit meiner wunderbar gentrifizierten Wohnung relativ wenig anfangen".
Auch in der Podiumsdiskussion, moderiert von Luisa Balz, lautete die Frage, wie sich wirklich gleichberechtigt Räume schaffen lassen, nicht nur ortsbezogen betrachtet, sondern zwischen Disziplinen, Geschlechtern, Generationen und Hierarchieebenen. Wo ordnen sich Berliner Planer:innen ein, wie blicken sie auf ihre Berufspraxis, fünf Jahre nach der Pandemie, die eine Zäsur für Arbeits- und Bürostrukturen war und Freiräume, Parks, Plätze und (Nachbarschafts-) gärten als Must-Haves erkannte.
Energiegeladen optimistisch schlug Susana Ornelas, Leiterin Marketing und Produktentwicklung bei Competitionline, zur Gleichstellung von Frauen und Männern drei Methoden vor: Sich männlicher Instrumente wie exklusiver Netzwerke oder Stammtische zu bedienen, Planung als "Sorgearbeit" zu verstehen und KI gezielt für die Durchsetzung von mehr Interdisziplinarität, Beteiligung und Parität einzusetzen.
Planung als 'Care-Arbeit' ausweiten
Auf Seite der Kommunen sieht Carolin Buttker, Servicebereichsleiterin der Stadtentwicklung in Cottbus, die Chance, Fördermittel bewusst an Vorgaben der Diversität und Inklusion zu knüpfen. Dr. Moritz Ahlert, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Habitat Unit am Institut für Architektur an der Technischen Universität Berlin, warnte, dass gerade jene Forschungsfelder zunehmend von Kürzungen und inhaltlichen Beschränkungen betroffen sind, die sich mit Diversität, Gleichstellung und Inklusion beschäftigen.
"Freiraum ist auch politisch", erinnerte Ahlert und rief auf, die Inhalte von Planung in Forschung, Lehre und Praxis dementsprechend wach zu verteidigen. Ein großes Lob galt der Partizipation, weil sie bereits entscheidend zur Diversität, Gleichstellung und Inklusion im Stadtraum beiträgt. Zwar brauche es ein noch höheres Bewusstsein für intersektionale Benachteiligung, wie Dr. Xenia Kokoula, Landschaftsarchitektin im Berliner Planungsbüro gruppe F, forderte. Sie griff den Slogan "Die Bauwende ist weiblich" auf, von architects for future geprägt, und hob ebenfalls die große Chance hervor, den Begriff der "Sorgearbeit" als Konzept für eine Allen zugewandte Freiraumplanung zu etablieren.
Dahinter steckt die Erkenntnis, dass Frauen, die aktuell mit 44.3 Prozent mehr Zeitaufwand als Männer die unbezahlten Care-Leistungen der Gesellschaft schultern, von Kinderbetreuung über Altenpflege bis Ehrenamt, genau hiermit ein enormes Erfahrungspotential aufbauen, um auch beruflich eine sozial gerechte Bauwende und neue Wege der Zusammenarbeit zu prägen.
Wären Frauen die besseren Gestalterinnen? Das ist die falsche Frage und ohnehin schwer zu beantworten, denn zu viele gut ausgebildete Frauen verschwinden aus dem Beruf. Im Studium sind Frauen in der Überzahl, spätestens in der Familienphase driften sie in Teilzeit oder ganz ab und sind etwa als Büroinhaberinnen kaum mehr zu finden. Nenne fünf international berühmte Landschaftsarchitektinnen!? Auf diese Bitte folgt zumeist ratlose Stille.
Auch der Gender Pay Gap ist in der Branche überdurchschnittlich. Es geht aber auch gar nicht um das Ausspielen der Geschlechter gegeneinander, sondern dass mit Hilfe der "Baustelle Gleichstellung" – unter diesem Slogan trat das zweite WIA Festival deutschlandweit an – mehr Diversität in der Planungskultur gefördert wird.


Neues Selbstverständnis prägen
Sich besser aufstellen, nicht ausgebremst werden, dazu braucht es Macht und Mut, tragfähige Netzwerke, die Frauen aus der Rolle der Alleinverantwortlichen für die Care-Arbeit befreien und zielgerichtete Fortbildungen, damit Planerinnen im Beruf durchstarten können. Genau darauf waren beide WILA 2025 48-Stunden-Festival-Tage ausgerichtet und mit 100 Teilnehmer:innen ausgebucht.
International tätige Expert:innen boten am ersten Tag in Impulsvorträgen einen generationenübergreifenden Wissensaustausch, während Tag zwei in Workshops und diskursiven 'Reflektionsräumen' an den individuellen Lebenssituationen der Teilnehmer:innen ansetzte: von besserer Rentenabsicherung und Finanzmanagement bis hin zu erstrebenswerten Skills in der Mitarbeiterführung oder als Bauleitung auf der Baustelle.
In die Zukunft des regenerativen Bauens führte Landschaftsarchitektin Carla Lo aus Wien die Anwesenden anhand eines Pilotprojekts des Circular Design, das 2017 startete. Als in Wien ein Büro Headquarter aus den 80er-Jahren abgerissen wurde, wagten sich Architekten nicht an die Wiederverwendung von Glasatrium oder Betonfassaden. Die Landschaftsarchitektin aber schon! Für sie wurde es ein lehrreiches Experiment, wie und ob sich Abrissmaterial ressourcenschonend und ästhetisch für den Außenraum eignet.
Die Formensprache der 80er-Jahre sollte nicht völlig verschwinden, sondern als Erinnerung am neuen Ort mitschweben. Vier Jahre später strukturieren Betonelemente der einstigen Bürofassade formschön eingestreut als Trittsteine die gepflanzte Wildnis in den Höfen eines geförderten Mietwohnungsbauensembles am nördlichen Stadtrand von Wien. Selbst klobige Edelstahl-Treppengeländer erleben ein Revival als phantasieanregendes Rutsch- und Spielobjekt oder als Fahrradständer.
Beispielhaft, wenn auch an Grenzen stoßend, zeigt das Projekt, dass regeneratives Bauen tiefer greift als bloße Nachhaltigkeit, weil Klimaanpassungsmaßnahmen obsolet werden. "Wenn schon so eine kleine Aufgabe große Auswirkungen auf Arbeitsweise und Ästhetik hat, was benötigen wir an neuen Fähigkeiten und Denkweisen bei größeren Aufgabenstellungen?", summiert Carlo Lo. Sie rief das Bild des "bricoleur" auf, des Bastlers und Sammlers, der (oder die) mit dem Vorhandenen arbeitet, was völlig konträr läuft zum gängigen ingenieursorientierten Handeln.
Diversität als Planungsressource erkennen, Komplexität meistern, statt sich von ihr treiben zu lassen, forderten ergo Olympia Tomczyk und Sara Rusch, die auf Seite der Veranstalterinnen das Thema zusammen mit Carla Lo in einem Workshop vertieften. Wie kommen wir weiter auf dem Weg zu einer Kultur des regenerativen Planens und Bauens? Es braucht mehr Kommunikation darüber und mehr Reallabore, eine kooperativere Planungskultur und mehr Mut und Raum für Experimente.
Noch mehr Best-Practice aus Österreich: Eva Kail, langjährig verantwortliche Expertin für frauengerechtes Planen und Bauen im Amt für strategische Planung in Wien informierte über viele lehrreiche Got-To-Dos aus 30 Jahren Erfahrung mit gendersensibler Planung. "Wien steht dafür, dieses Gender-Planning zu versuchen, in die Stadtplanung umzusetzen. Wir haben es in Wien genderbewusst genannt, weil es um eine Differenzierung jenseits der biologischen Kategorie geht."


Planerischer Perspektivwechsel
Ihr Rat lautet, das Grüne zuerst zu denken und schon in der Besetzung der Vorprüfung eines Wettbewerbs darauf zu achten, dass genderbewusste Vorgaben ernstgenommen werden. Eva Kail verknüpfte ihre Expertise, angefangen bei den ersten frauengerechten Quartieren 1993 bis hin zur Seestadt Aspern anschaulich mit den Ansätzen von Barbara Willecke, der Berliner Expertin für räumliche Gerechtigkeit.
Vor Jahren hat Willecke es mit ihrem Team geschafft, einen Kriminalitätshotspot in Berlin-Reinickendorf den Anwohnern als Pocket-Park zurückzugeben und ist jüngst eine ähnlich prekäre Lage am Maxplatz im Wedding angegangen. Ihre Devise lautet: Mit Partizipation die Bedarfe aller Gruppen und Nutzer:innen transparent aushandeln, in die Rolle des anderen schlüpfen, zuhören und Dominanzen auflösen. "Man macht sich leer und nimmt Informationen auf und die Gestaltung kommt beinah von allein", ermutigt Barbara Willecke.

Vom Festival zur bundesweiten Bewegung
Ach wenn es doch immer so einfach wäre! Oder sich allein durch gute Methodik lösen ließe! "Über Diversität, Gleichstellung und Inklusion kann gar nicht oft genug gesprochen werden", regt Landschaftsarchitektin Anna Buchwald an, die in Berlin ein Panel zum Thema "Stärkenorientiertes Führen" leitete. Zumindest in der aktuellen Situation, in der, wie Jutta Allmendinger einführend warnte, mit den Fragen nach "Diversity, Equality, Inclusion (DEI) in der politischen Diskussion gerade wieder Schluss gemacht wird, bevor wir überhaupt zufriedenstellende Ergebnisse erreicht haben". Und Vera Starker mahnte zurecht "Macht ist eine Zuschreibung". Ein Satz, der auf dem langen Weg zu einer gerechteren Planungskultur durchaus zu motivieren vermag, weil er nahelegt, das eigene Mind-Setting einfach etwas umzusteuern.
Was bleibt von den 264 Veranstaltungen des WIA Festivals in ganz Deutschland? Die Erkenntnis, dass Chancengleichheit und Diversität uns als Gesellschaft stärker machen und aus dem Festival eine bundesweite Bewegung wurde, wie Andrea Gebhard, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer attestiert. Was bleibt von WILA 48h? Die Erkenntnis, wie sehr es sich lohnt, stärker in den Austausch mit Kolleginnen und Role Models zu treten. In Berlin steht das WILA-Netzwerk auch über das Festival hinaus bereit.







