Zur Gestaltung und Erhaltung eines Gartendenkmals

Yihe-Yuan, der Sommerpalast in Beijing

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Baukomplex um den Turm des Buddhaduftes, Frontansicht. Foto: Wie-Zhentian-Dage

Yihe-Yuan (sprich: [ji:h?-juan]), im Westen als Sommerpalast bekannt, ist der einzige erhaltene kaiserliche Garten Chinas. Er liegt in Beijing, zirka 10 Kilometer nordwestlich des Zentrums und hat eine Größe von 295 Hektar. Er besteht hauptsächlich aus dem Langlebenshügel (Wanshou-Shan) und dem südlich angrenzenden Kunmingsee, wobei der See, die größte natürliche Wasserfläche der Stadt, drei Viertel der gesamten Fläche einnimmt.

Yihe-Yuan wurde ab 1749 durch den Kaiser Qianlong (Regierungszeit 1735-1795) angelegt.² Er ist als Zentrum des sogenannten Drei-Hügel-fünf-Gärten-Komplexes konzipiert worden. Dieser Gartenkomplex im Nordwesten der Hauptstadt bestand aus drei natürlichen Hügeln und fünf größeren kaiserlichen Gärten, die von Lage und Gestaltung her miteinander eine Einheit bildeten. Yihe-Yuan wurde als letzter Garten dieses Komplexes 1764 endgültig fertiggestellt.1860 wurden alle fünf Gärten zerstört. Die damalige Regentin, Kaiserin-Witwe Cixi (Regierungszeit 1861-1906), ließ wegen finanzieller Not nur den Yihe-Yuan wieder aufbauen und nutzte ihn bis 1906 als Hauptresidenz. Seit 1924, zwölf Jahre nach dem Fall der Kaiserdynastie, ist er öffentlich zugänglich und wurde 1998 in die Liste Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen.

Yihe-Yuan ist heute eine der beliebtesten Touristenattraktionen Chinas. Jährlich kommen 17 Millionen Besucher³, um diesen Garten, der in einer 3000-jährigen Tradition der klassischen chinesischen Gartenkunst steht und das brillanteste Exemplar ihrer letzten Blütezeit darstellt, zu bewundern. Durch die Besucherströme und den Entwicklungsdruck der Stadt Beijing als Weltmetropole mit rund 21 Millionen Einwohnern, ist die Erhaltung und Pflege von Yihe-Yuan zu einer enormen Herausforderung geworden. Dieser Beitrag erläutert zuerst die wichtigsten Gestaltungsprinzipien und stellt dann die heutige Pflege der denkmalgeschützten Bäume vor.

Gestaltungsprinzipien

Als kaiserlicher Garten hatte der Yihe-Yuan primär die Funktion, Macht und Tugenden des Kaisers sowie seiner Dynastie zur Schau zu stellen. Die gesamte Gestaltung dreht sich um diese Leitidee. In der chinesischen Gartenkunst kommt ein Wesensmerkmal der chinesischen Kultur, das des "Zeigens durch Verstecken" ganz besonders zum Vorschein. Im Folgenden werden die Gestaltungsprinzipien, die dieses Wesensmerkmal ausprägen, anhand einzelner Bereiche des Gartens erklärt.

Der Yihe-Yuan kann grob in drei Bereiche eingeteilt werden. Dies sind erstens der Palastbereich am Ostufer, zweitens der Vorderhügel-Vordersee-Bereich mit dem Gebäudekomplex um den Turm des Buddhaduftes (Foxiang-Ge) und dem weiten Ausblick über drei Seiten des Kunmingsees hinaus sowie drittens als Kontrast der Hinterhügel-Hintersee-Bereich mit versteckten kleinen Höfen, geschlängelten Pfaden und dem kanalförmig verengten See mit bizarren Uferformationen.

Der Palastbereich: Betonung der Rangordnung durch Bescheidenheit

Das Osttor, der Haupteingang des Yihe-Yuans, ist auch der Eingang zum Palast. Es ist durch eine Kaiserstraße mit der damaligen Hauptresidenz, dem nordöstlich gelegenen Yuanming-Yuan verbunden. Der Palastbereich hat, anders als die gewöhnliche Nord-Süd-Richtung, eine Ost-West-Achse. Auf dieser befindet sich die Hauptempfangshalle des Kaisers beziehungsweise der Kaiserin-Witwe Cixi. Danach fängt der Wohnbereich mit einem Knick der Achse nach Norden an. Der Reihe nach angelegt sind die Wohnhöfe des Kaisers, der Kaiserin sowie als größtem der von Cixi. Der Letztere ist am Schönsten gelegen: mit dem Rücken direkt am Berg und mit der Front zum See. Das Größenverhältnis sowie die Lage der Wohnhöfe demonstrieren die Rangordnung ihrer Bewohner. Diese Rangunterschiede werden außerdem, wie in allen kaiserlichen Bauten, durch zahlreiche Details, wie Dachform, Türgriffe, Muster auf dem Fensterrahmen, Dekorationen im Hof oder Anzahl der Möbel nach strengsten Regeln veranschaulicht. Im Sinne des "Zeigens durch Verstecken" ist Cixis Hofmauer weiß verputzt, wie bei einem normalen Bauernhof in Südchina.

Panorama des Vorderhügel-Vordersee-Bereichs mit den Westbergen: ein aufgerolltes langes Gemälde. Foto: Miao-Xingxia

Yihe-Yuan im Drei-Hügel-fünf-Gärten-Komplex. Abb.: Zeichnung nach Zhou (2008)

Grundriss Yihe-Yuans. Abb.: Zeichnung nach Zhou (2008)

Bunt bemalte Querbalken des Langen Gangs. Foto: von Wei-Zhentian-Dage

Der Lange Gang: langsame Einführung in die Hauptlandschaft

Der westliche Eingang von Cixis Wohnhof ist verbunden mit dem Eingang des Langen Gangs (Chang-Lang) und somit des Gartenbereichs. Der lange Gang wurde als einer der drei Hauptbesichtigungsrouten gestaltet. Alle drei Wege fangen hier an, wo der Besucher zuerst gezielt durch den mit Häusern und Höfen gefüllten Palastbereich "mühsam" herbeigeführt wird, um plötzlich hinter dem Eingang mit der scheinbar unendlichen Weite des Kunmingsee überrascht und beeindruckt zu werden. Diese langsame Einführung in den Garten ist eine übliche Gestaltungsmethode der meistens deutlich kleineren privaten Gärten in Südchina. Qianlongs Gartenarchitekt hat diese Methode trotz der stolzen Größe von Yihe-Yuan angewandt.

Mit seinen 728 Metern ist der Lange Gang die längste Gartengalerie Chinas. Er säumt das Nordufer des Sees und ist, anders als die üblichen Wandelgänge, die entweder geschlängelt oder zickzackförmig sind, fast gerade. Damit sollten die Spaziergänge des Kaisers mit seinem Gefolge besonders majestätisch und zeremoniell wirken. Um trotzdem jegliche Starrheit und Langweile durch die gerade Linie zu vermeiden und Abwechslung zu schaffen, sind im Langen Gang sechs Pavillons eingebaut und die Querbalken mit über 14 000 unterschiedlichen bunten Gemälden dekoriert.

Der Baukomplex um den Turm des Buddhaduftes

Der Lange Gang macht in der Mitte dennoch einen halben Bogen nach Norden zum Langlebenshügel, um vor dem Tor des Baukomplexes am Turm des Buddhaduftes einen freien Platz zu umschließen. Der Baukomplex, der den Südhang des Hügels emporsteigt, bildet die Zentralachse des gesamten Gartens. Für die damaligen und ebenso heutigen chinesischen Gartenarchitekten gehört er zu den am besten gelungenen Gartenbauten überhaupt.

Der Baukomplex war vor 1860 eine Tempelanlage, die Qianlong 1750 seiner Mutter zu ihrem 60. Geburtstag geschenkt hatte. Da die Ehrerbietung für die Eltern als wichtigste Tugend der konfuzianisch geprägten chinesischen Gesellschaft gesehen wird, rechtfertigte schon ein Geburtstag der Kaiserinmutter den weiteren Ausbau des Yihe-Yuans. Zusätzlich konnte Qianlong dadurch zeigen, dass er, als liebender Sohn, auch den Respekt und die Treue seines Volkes verdiente.

Der Baukomplex besteht aus drei Terrassenhöfen, die nacheinander den Südhang emporsteigen: dem Turm des Buddhaduftes als Zentrum des Komplexes mitten am Hang, einer kleinen Halle oben auf dem Bergkamm sowie links und rechts jeweils zwei kleineren Tempelhöfen, die zwei Nebenachsen darstellen. Die Bauten sind mit Steintreppen sowie Galerien untereinander verbunden. Diese Art des Verdeckens eines natürlichen Bergs mit Bauten fand ihr Vorbild zu Qianlongs Zeit im berühmten Tempel des Goldbergs (Jinshan-Si) der südchinesischen Stadt Zhenjiang. Der Sinn lag darin, die relativ sanfte Kontur des Südhangs des Hügels zu ergänzen. Dadurch, dass sich das zentrale Bauwerk, der Turm des Buddhaduftes, nicht oben auf dem Kamm befindet, sondern aus der Mitte emporwächst und mit seiner Spitze die Höhe des Bergkamms hinter ihm übertrifft, erhält der ganze Südhang von der Seite aus gesehen, eine kurvenreichere Form.

Das wechselseitige Ausleihen von Landschaft an Gebäude und von Gebäuden an die Landschaft

Durch seine ungeheure Größe von 80 Metern über dem Wasserspiegel des Kunmingsees kann der Turm von der gesamten nördlichen Hälfte des Vordersees sowie von der nördlichen Hälfte beider Ufer aus gesehen werden. In diesem Bereich verweilten damals der Kaiser sowie Cixi am liebsten, meistens in einer buntbemalten, mit Gold und Jade geschmückten Ausflugsbarke. Je nach Blickwinkel zeigt sich der Baukomplex zusammen mit verschiedenen anderen Bauten sowie Szenerien und präsentiert dem Zuschauer immer wieder neue Landschaftsbilder. So hat er vom Ostufer aus die Pagode auf dem Jadequellenhügel sowie die Westberge4 als Hintergrund, von der Südseeinsel (Nanhu-Dao) aus sieht man die Brücken, Wasserhöfe und die weiße Mauer des nordwestlichen Seebereichs, die an das Alltagsleben in Südchina erinnern, unterhalb des Baukomplexes am Fuß des Hügels. Hier besteht ein beeindruckender Kontrast zwischen dem Ländlichen und dem Majestätischen.

In den Gärten Chinas ist das wechselseitige Ausleihen von Landschaft an Gebäude und von Gebäuden an die Landschaft eines der wichtigsten Gestaltungsprinzipien. Der Turm des Buddhaduftes ist dafür ein gutes Beispiel. Er wurde von überall aus gesehen und kombinierte sich gut mit anderen Szenerien. Hier wurde also das Gebäude an die Landschaft ausgeliehen. Wenn aber der Besucher im Hof des Turms stand, hatte er nach Osten hin einen schönen Überblick über den Changchun-Yuan, den damaligen Garten der Konkubinen, und einen Teil des Yuanming-Yuans, der damaligen Hauptresidenz, nach Westen hin über die Westberge wie in einer Tuschemalerei und nach Süden hin den Anblick der weit reichenden Reisfelder, als ob der Garten grenzenlos wäre. Hier leiht sich also der Turm aus drei Blickrichtungen Landschaften aus.

Durch die Wasserregulierungsarbeiten im Jahr 1749 wurde die Lagekonstellation des Langlebenshügels und des Kumingsees geändert: See und Hügel umarmen sich nun gegenseitig wie Yin und Yang, welches nach der Geomantie besonders günstig ist. Abb.: Zeichnung nach School of Architecture of the Tsinghua-University (Hg.) (2000)

Bauten auf dem Langlebensberg: „Abtupfen“ von Symmetrie; Abb.: Zeichnung nach School of Architecture of the Tsinghua-University (Hg.) (2000)

"Abtupfen" von Symmetrie

Damit der Baukomplex nicht zu auffordernd und protzig erscheint, wurden verschiedene gartenkünstlerische Mittel angewendet. Die wichtigste ist das "Abtupfen von Symmetrie". Die Mittelachse ist zwar streng symmetrisch aufgebaut, im Vergleich dazu sind die Tempelbauten jedoch auf den beiden Nebenachsen lediglich von der Lage her symmetrisch, aber von der Form her unterschiedlich. Die Achsen dritter Ordnung sind nur noch schwer erkennbar. Auf diese Weise werden die Bauten in Richtung Peripherie immer kleiner, lichter, scheinbar ungeordneter, lebendiger und versteckter. Dadurch werden Stabilität, Standhaftigkeit und Ordnung der zentralen Bauten hervorgehoben. Gleichzeitig fehlt es so am Südhang des Hügels nicht an Heiterkeit und Abwechslung. Darüber hinaus wird die Offenheit des Südhangs durch die Geschlossenheit des Nordhangs kontrastiert, worauf an späterer Stelle eingegangen wird. Letztendlich steht die große Wasserfläche des Vordersees zum Südhang des Hügels in derselben Beziehung wie Yin zu Yang: Sie schränken sich gegenseitig ein und beleben sich zugleich.

Der Kunmingsee: Ein Traum von Unsterblichkeit

Während ein schönes Bauwerk auf einem Berg in einem Garten für die Chinesen so wichtig ist wie die Augen und Augenbrauen für ein Gesicht, wird das Wasser des Sees als Seele des Gartens gesehen. Der Kunmingsee mit einer Wasserfläche von 220 Hektar wird seit alters her mit dem Westsee der südchinesischen Stadt Hangzhou verglichen. Der Kaiser Qianlong, selbst begeistert vom Westsee in Hangzhou, ließ die schönen Landschaften dort um den See malen und bemühte sich, diese am Kunmingsee nachzuahmen. Im Vordersee, der die größte Fläche des gesamten Sees ausmacht, wurden drei Inseln gebaut, darunter die schon erwähnte Südseeinsel, welche die größte von allen darstellt. Dieses Ein-See-drei-Inseln-Modell ist seit dem Kaiser Wudi (Regierungszeit 141-87 v. Chr.) obligatorisch für die kaiserlichen Gärten Chinas. Sie hat ihren Ursprung in der Nachahmung der Wohnstätten der Unsterblichen aus der Mythenwelt. Generationen von chinesischen Kaisern träumten davon, den Wohnort der Unsterblichen im weiten Ostmeer in ihren eigenen Gärten nachzubauen und hofften, dass die Unsterblichen zu ihnen kommen und ihnen das Geheimnis der Langlebigkeit verraten würden.

Nachahmung und Anspielung

Qianlong begnügte sich nicht mit der einfachen Nachbildung dieses Sees, sondern erstrebte in vielen Details in Yihe-Yuan Anspielungen auf den berühmten Kaiser Wudi. In Anlehnung an Wudi ließ Qianlong wie dieser auf seinem See, auf dem Kunmingsee die Seestreitkräfte trainieren, was später wiederum Cixi nachgeahmt hat. Am Ostufer des Sees ließ er eine Kuh aus Kupfer gießen, und am Westufer ließ er Maulbeerbäume pflanzen, um Seidenraupen fürs Weben zu züchten, wie Wudi es getan hatte. Kuh und Seidenraupen symbolisieren zwei Sternbilder auf beiden Seiten der Milchstraße aus der Volkslegende des Kuhhirten und der Weberin. Sie waren ein Liebespaar und konnten sich nur einmal im Jahr in der Mitte der Milchstraße treffen. Qianlong bildete damit einen Teil des Kosmos in seinem Garten nach, um zu zeigen, dass er seiner Rolle als Kaiser Chinas und dementsprechend als Sohn des Himmels gerecht wird. Die Kuh sowie das Feldbestellen und das Weben sind außerdem die Basis des Imperiums. Es war eine jahrtausendealte Tradition, dass die Eliten bewusst ihre enge Verbindung zum Land und Ackerbau als tugendhaft darstellten. Die Statue der Kuh ist heute noch in Yihe-Yuan zu sehen, versehen mit der originalen Handschrift des Kaisers.

Die Südseeinsel ist durch eine 17-bogige Brücke aus weißem Marmor mit dem Ostufer verbunden. Durch den größten Bogen in der Mitte konnten der Kaiser sowie Cixi mit ihren großen Hausbarken hindurchfahren. Die Brücke und die Insel bilden eine Linie, die mit dem Turm des Buddhaduftes am Südhang des Hügels kommuniziert.

Blick auf den Jadequellenhügel und die dahinter gelegenen Westberge vom Turm des Buddhaduftes aus: eine "ausgeliehene" Landschaft. Foto: Miao-Xingxia

Lotos und Trauerweide am Westufer des Kunmingsees: eine Nachbildung der Landschaft in Südchina. Foto: Miao-Xingxia

Blick auf die Südseeinsel und die 17-bogige Brücke. Foto: Miao-Xingxia

Der Hintersee: geschlängelt und verborgen, ein Kontrastbild zum Vordersee. Foto: von Liu-Chen

Yihe-Yuan, umgeben vom modernen Beijing. Foto: Miao-Xingxia

Der Hinterhügel-Hintersee-Bereich: Kontrast nach Außen und in sich

Die kanalförmige Fortsetzung des Kunmingsees hat den Namen Hintersee (Hou-Hu) und der Nordhang des Langlebenshügels heißt Hinterhügel. Sie bilden gemeinsam den Hinterhügel-Hintersee-Bereich. Der Hintersee hat eine Länge von etwa 1000 Metern. Damit der lange See nicht eintönig bleibt, wurden mit dem Aushub sowie mit Felsblöcken bizarre Ufer geformt. Die Wasserfläche wurde dadurch mal breiter, mal enger, sodass abwechslungsreiche Anblicke entstehen, wenn man mit einer Barke hindurchfährt.

Der Hinterhügel wirkt mit seinen Erhebungen, Tälern und Schluchten geheimnisvoll, verborgen und manchmal etwas verwunschen. Um eine introvertierte und einsame Grundstimmung zu erzeugen, die ein Kontrast zum Südhang darstellt, gestaltete der Gartenkünstler ihn mit geschlängelten Pfaden, in Tälern halb versteckten Höfen und mit Felsen arrangierten Schluchten. Selbst in diesem Bild befinden sich aber immer noch Ordnung und zudem Prunkbauten. Eine Tempelanlage tibetisch-buddhistischen Stils befand sich als Zentralbau auf einer Mittelachse, etwas westlich versetzt zu der Zentralachse am Südhang. Diese Anlage wurde 1860 komplett zerstört und Cixi ließ sie aus finanziellen Gründen nicht wiederherstellen. Auch wurden hier Pavillons auf Felsterrassen gebaut, die eine Heiterkeit und Offenheit zeigen und schöne Ausblickpunkte bieten. Auf der Besichtigungsroute am Bergkamm, die sich mehrfach zum Hinterhügel abzweigt, kann der Besucher nach einer Weile des Spazierengehens in Dickicht und Schatten immer wieder einen anmutigen Pavillon am Wendepunkt finden und sich von diesem aus an dem schönen Ausblick auf den Turm des Jadequellenhügels und auf die Westberge erfreuen.

Der Garten als Vereinigungsort irdischer, kosmischer und mythologischer Welten

Insgesamt findet man in Yihe-Yuan fast alle Arten von Gewässern, die es auch in der Natur gibt: Bäche, die die Täler des Hinterhügels hinunterspringen, kleine Kaskaden, den Hintersee, der wie ein natürlicher Fluss gestaltet wurde; Kanäle, Bäche, Teiche und Sümpfe, die im nordwestlichen Seebereich netzartig miteinander verbunden sind und den Vordersee, der das Meer symbolisiert und den Südhang des Hügels widerspiegelt. So hat Qianlong außer der mythologischen Welt der Unsterblichen, dem Kosmos mit Sternbildern, auch alle natürlichen Landschaften in seinem Garten vereint, um die Omnipräsenz seiner Macht zu demonstrieren.

Symbolik der Koniferen und ihre Pflege

Einen Zusammenhang zwischen moralischen Werten und natürlichen Gegenständen herzustellen, ist Tradition in der chinesischen Philosophie, Ästhetik, Literatur und Kunst. Diese Tradition geht zurück auf Konfuzius, der die Eigenschaften eines edlen Menschen mit Jade, Koniferen und Landschaft verglich. Er schrieb:

"Erst im Winter, wenn alles verwelkt ist, merkt man, dass Kiefern und Lebensbäume Ausdauer haben."5

In diesen Baumarten sah er menschliche Eigenschaften wie Beständigkeit, Durchhaltevermögen und Geduld in Notzeiten. Durch die Herstellung solcher Zusammenhänge wird die Wertschätzung edler Menschen auf die mit ihnen assoziierten Pflanzen und Gegenstände übertragen. Die Chinesen lieben Bambus, Pflaumenbaum (Prunus mume), Orchidee und Chrysantheme, weil sie darin wichtige Eigenschaften eines edlen Mannes wie Bescheidenheit, Stolz und Beharrlichkeit sehen. Daher waren sie in klassischen Gärten sehr beliebte Gestaltungsmittel. Im Vergleich dazu nahm die Kiefer, häufig mit dem Lebensbaum zusammen, aber eine noch herausragendere Stellung ein, insbesondere in der Gestaltung kaiserlicher Gärten. Weil sie von Natur aus immergrün ist und sehr alt werden kann, hat sie zusätzlich noch die Symbolik der Langlebigkeit erhalten. Wie schon erwähnt, hatte das Bestreben der chinesischen Kaiser nach Unsterblichkeit eine lange Tradition, und so durften in ihren Gärten Pflanzen dieser Symbolik nicht fehlen.

In Yihe-Yuan beherrschen bis heute Lebensbaum (Platycladus orientalis), Kiefer (Pinus tabuliformis) und Bunges Kiefer (Pinus bungeana), die am Langlebenshügel flächig gepflanzt wurden, die Hügellandschaft. Auf dem dunkelgrünen Grundton dieser Nadelbäume kommen die Gebäude mit roten Mauern und goldgelben Dächern besonders gut zum Vorschein. Auch die Zwergpfirsiche (Prunus persica), die Chinesischen Wildpfirsische (Prunus davidiana) und die Zwergmandelbäume (Amygdalus triloba), die am Hinterhügel zahlreich gepflanzt sind, sehen im Frühjahr vor diesem Hintergrund fröhlich und lebendig aus. In den Höfen der repräsentativen Bauwerke wie den Empfangshallen, Tempeln und dem Langen Gang entlang stehen Lebensbäume und Kiefern in geraden Reihen, was in der chinesischen Gartenkunst sehr unüblich ist, um eine seriöse, hoheitsvolle und bei Bedarf feierliche Atmosphäre zu erzeugen.

Ab dem 8. Jahrhundert erlebte die Kiefer in den Künsten einen Wandel ihrer ästhetischen Wahrnehmung. Neben den hohen, geraden Kiefern und Lebensbäumen, die mit der jugendlichen Lebensenergie in Zusammenhang standen, entwickelte man eine Vorliebe für besonders alte Kiefern. Durch das Alter erhält eine chinesische Kiefer oft eine auffallend bizarre bis "groteske" Form, die von den damaligen Chinesen als ausgefallen, schauderhaft und extravagant sehr geschätzt wurde. Ihr Stamm ist oft gekrümmt, übersät von Knollen, halb bedeckt von dunkellila, schuppenartiger Rinde, ihre Wurzel entblößt und ihre Krone bietet Schatten wie ein rieseger Schirm . In solchen Erscheinungen sahen chinesische Dichter und Künstler auf der einen Seite die Weisheit des Alters, Lebenserfahrung, Zähigkeit, Selbstbewusstsein und Würde, auf der anderen Seite eine Art stolze Einsamkeit, abgeschieden von Reichtum, Macht und Ruhm der Welt. Dieses Eremitendasein stellte für Gelehrte und Eliten schon ab dem 3. Jahrhundert ein erstrebenswertes Ideal sowie eine Tugend dar. Da ein komplettes Zurückziehen in eine Einsiedelei für die meisten unrealistisch war, übernahm der Garten die Rolle des einsamen Ortes, wo sich die Gelehrten, Staatsmänner und selbst der Kaiser von den Irrungen und Wirrungen der Welt erholen konnten. Alte Kiefern im Garten verstärkten für sie das Gefühl der Abgeschiedenheit und wurden oft als ein alter Weiser angesehen, der ihnen den Sinn des Lebens vermittelt. Ein Schriftsteller und Kunsttheoretiker des 17. Jahrhunderts Yu Li schrieb:

"Kiefern und Lebensbäume haben meistens im hohen Alter erst einen beachtlichen ästhetischen Wert. All die Blumen und Bambusse sind im Vergleich dazu in ihren jungen Jahren schöner. Wer die Schönheit dieser Bäume in seinem Garten haben will, der muss entweder ein altes Haus mit fertig angelegten Kiefern im Garten kaufen, oder eigenhändig die Bäume anpflanzen, damit seine Nachfahren den Liebreiz der alten Bäume genießen können. [...] In einem Garten sind die schwachen Blumen und Sträucher, die der Zeit nicht trotzen können, ohne ein paar alte Kiefern und Lebensbäume als deren Gebieter undenkbar. Es ist so, als ob ein edler Mann all seine Zeit mit seiner Frau und seinen Kindern verbringt, ohne dass ein alter weiser Lehrer seinen Geist anregt und beflügelt."6 In China war die höhere Bildung damals den Männern vorbehalten. Hier ist mit `dem edlen Mann`, (`Jun Zi`), ein Gelehrter mit hohen moralischen Ansprüchen gemeint.

Ein Alter Baum im Hof beim chinesischen Frühlingsfest. Foto: Wie-Zhentian-Dage

Wurzelschutzmaßname: erhöhte Holzhüllen am Gehweg. Foto: Wei-Zhentian-Dage

Denkmalgeschützte Bäume heute

Im Sommerpalast Yihe-Yuan befinden sich heute 1608 alte Bäume unter Denkmalschutz. Darunter sind 97 älter als 300 Jahre. Über 98 Prozent dieser Bäume sind Kiefern und Lebensbäume. An vielen Stellen kann ein Besucher heute besonders schöne einzeln stehende alte Kiefern sehen, die durch ihr bedeutendes Alter selbst Gestaltungelemente darstellen. Entweder sind sie ein Blickfang in einer bestimmten Szenerie oder dienen als Rahmen für das dahinter stehende Gebäude. Selbst wenn man nichts von ihrer Symbolik weiß, wird man von ihrer auffallenden Form und Ausstrahlung fasziniert sein. Sowohl diese Bäume als auch die am Hügel und an den Gehwegen stehenden, sind heute den Besucherströmen ausgesetzt, was zu massiver Beeinträchtigung führen kann. Ein Teil davon leidet unter Verletzungen am Stamm, manche drohen einzugehen. Oft werden sie zu stark gedüngt und verlieren ihre schöne Kronenform durch zu schnellen Wuchs. Immer weniger junge Gartenfachleute kennen sich mit der besonderen Kunst des Schnittes aus, damit die Form der Äste ästhetisch bleibt.

Die Parkverwaltung, das Grünflächenamt, das Verwaltungszentrum der öffentlichen Parks und Gärten und das Wasseramt der Stadt Beijing sowie das Amt für Nationalkulturerbe sind für die Erhaltung des Yihe-Yuan zuständig. Sie haben verschiedene Maßnahmen veranlasst und Techniken entwickelt, um die alten Bäume, die ästhetisch und symbolisch unersetzbar sind, zu beschützen. Alle Schutz- und Präventionsmaßnahmen befolgen hierbei das "Prinzip des nicht Berührens". Das bedeutet, dass jegliche neuen Bauten, Pflanzungen und Reparaturen genauso altehrwürdig wie das Original aussehen müssen.

Wurzelschutz

Die Wurzeln der alten Kiefern und Lebensbäume sind besonders von der Bodenverdichtung durch die Besucherströme gefährdet. Daher ist Wurzelschutz ein Schwerpunkt der Schutzmaßnahmen. Neben der Umzäunung einzelner Bäume, Schutzgittern aus Metall oder Kunststoff über den Baumscheiben werden vor allem an Gehwegen um 20 bis 35 Zentimeter erhöhte Hüllen aus Holz über die Baumscheiben gebaut, die sich nach oben verjüngen. Diese Holzhüllen werden in der Farbe der Gehwege lackiert und an den Kanten mit Warnstreifen gegen das Stolpern versehen. Im Bereich der Wurzelansätze werden die Hüllen individuell ausgeschnitten, sodass schöne Wurzelformen für die Besucher sichtbar bleiben. Um die Baumscheiben herum wird der Boden mit traditionellen grauen Ziegelplatten belegt. Solche Ziegelplatten werden im geschlossenen Ofen unter Sauerstoffmangel gebrannt damit sie besonders durchlässig für Luft und Feuchtigkeit sind. So entsteht ein optimales Klima für die Wurzelentfaltung.

Stammpflege und Kronenschutz

In Verletzungen am Stamm kann sich Regenwasser ansammeln und dadurch können betroffene Bäume faulen. In solchen Fällen wird erst der faulende Bereich ausgehöhlt, das Loch desinfiziert, dann mit einer 3 : 1-Mischung aus Baukalk und Sand gefüllt und am Ende die Öffnung mit einer Lederschicht zugenagelt. In China wird noch immer nach dieser Methode gearbeitet, anstatt die Pflege nach dem CODIT-Prinzip zu bevorzugen.

Alte Bäume, die schief gewachsen sind und umzufallen drohen, werden mit einer Spange am Stamm umschlossen. Um diese Spange herum werden sie mit Metallstangen gestützt. Bäume, die unter Schädlingen leiden, werden mit einem Stoffband, das mit Pflanzenschutzmittel durchtränkt ist, am Stamm umwickelt. Auf Kronen von besonders vom Blitzschlag gefährdeten Bäumen werden Blitzableiter installiert.

Züchten von Ersatzbäumen

Nach den "Bewertungskriterien der Bäume unter Denkmalschutz der Stadt Beijing" werden historische Bäume in normalem, abgeschwächtem und gefährdetem Wachstum klassifiziert.7 In Yihe-Yuan fallen 20 Prozent der alten Bäume in die zweite, und 3 Prozent in die letzte Kategorie. Von diesen Bäumen werden von Fachleuten detailgetreue Zeichnungen angefertigt. Anhand der Zeichnung werden dann genetisch identische, von der Größe und Form her ähnliche Ersatzbäume am Langlebenshügel sowie an Hügeln und auf Bergen in der Nähe gesucht. Die geeigneten Ersatzbäume werden gekennzeichnet, dokumentiert, speziell gepflegt und vor allen Dingen regelmäßig anhand der Zeichnungen der originalen Bäume geschnitten, so dass im Falle eines Ausfalls ein fast identischer Baum als Ersatz gepflanzt werden kann und dadurch die klassischen Szenerien erhalten bleiben.

Seit 2012 wird der Drei-Hügel-fünf-Gärten-Komplex im Nordwesten der Hauptstadt wieder aufgebaut. Es wird eine Art Resort entstehen mit Yihe-Yuan und der Ruine von Yuanming-Yuan als historischer Hauptsubstanz, den schönen Landschaften um den westlich gelegenen Duftberg (Xiang-Shan) als Ausflugsareal und den Universitäten, die auf den Ruinen der östlich von Yihe-Yuan gelegenen kaiserlichen Gärten gebaut wurden - als kulturelle Umrahmung. Dadurch sollen Freizeitaktivitäten wie Picknicken, Flanieren, Wandern sowie andere Sportarten von Yihe-Yuan in die umgebenden Gebiete umgeleitet werden. Der Yihe-Yuan selbst soll zukünftig mehr die Rolle eines Museums als die eines öffentlichen Parks übernehmen.

Literatur

Han, Hongyan (2015): Yi He Yuan Gu Shu Gen Bu Huan Jing Gai Shan Cuo Shi (Verbesserung des Klimas von Baumwurzeln in Yihe-Yuan); In: 2014 Beijing Cheng Shi Yuan Lin Lü Hua Yu He Xie Zhi Du Jian She (Entwicklung der Grünflächen und Bau der harmonischen Hauptstadt), Beijing-Yuanlin-Xuehui-Verlag, Beijing.

Li, Li (2004): Zhong Guo Song Bai Wen Hua Chu Lun (Einführung in die Koniferen-Kultur Chinas); In: Journal of Beijing Forestry University, Heft 3, 2004, Beijing-Linye-Daxue-Verlag, Beijing.

School of Architecture of the Tsinghua-University(Hg.) (2000): Yi He Yuan (Yihe-Yuan), Jianzhu-Gongye-Verlag, Beijing.

Sun, Zhen (2017): Xi Shan Wen Hua Dai Jian She Bei Jing Xia De Yi He Yuan Bao Hu Yu Fa Zhan (Erhaltung des Yihe-Yuan im Zusammenhang des Wiederaufbaus des Drei-Hüge-fünf-Garten-Komplexes); In: Beijing Yuan Lin (Landschaftsarchitektur Beijing), Heft 2, 2018, Beijing-Yuanlin-Verlag, Beijing.

Zhao, Weiqi (2018): Yi HeYuan Wan Shou Shan Zhi Wu Zhong Zhi Bao Hu Xing Shi Yan Jiu (Eine Studie über die Bepflanzung und ihren Schutz auf dem Langlebenshügel in Yihe-Yuan); In: Xian Dai Yuan Yi (Xiandai Horticulture); September 2018; Jiangxi-Xiandai-Yuanyi-Zazhi-Verlag, Zhangshu.

Zhao, Yazhou/Han, Hongyan/Dai, Quansheng/Li, Shuhua (2015): Selection an Cultivation of Sustitution of Reserve Ancient Trees in the Summer Palace, Beijing; In: Feng Jing Yuan Li Zhi Wu (landscape Architecture); Heft 3, 2015; Fengjing-Yuanlin-Zazhi-Verlag, Beijing.

Zhou, Weiquan (2008): Zhong Guo Gu Dian Yuan Lin Shi (Geschichte der klassischen chinesischen Gartenkunst), 3. Aufl., Qinghua- Daxue-Verlag, Beijing.

Anmerkungen

¹ Ich bedanke mich herzlich bei Frau Professorin Dr. Grit Hottenträger der Hochschule Geisenheim für ihre Anregungen und ihre Unterstützung! Ein besonderer Dank gilt Frau Erhong Deng aus Beijing für die Beschaffung wichtiger Literatur in chinesischer Sprache.

² Der Garten wurde 1750 vom Kaiser Qianlong Qingyi-Yuan (Garten der klaren kleinen Wellen) genannt und 1888 von der Kaiserinwitwe Cixi in der Absicht, dort ihren Lebensabend zu verbringen, zu Yihe-Yuan umbenannt. Der Name Yihe bedeutet "glückliche harmonische Altersjahre" und Yuan ist das chinesische Wort für Garten und Park.

³ Daten der Verwaltung von Yihe-Yuan, 2018.

4 Die Westberge, Chinesisch: Xi-Shan, bilden einen nördlichen Ausläufer des nordchinesischen Gebirges Tai-Hang. Sie umgeben den Norden und Westen der Stadt Beijing. Die Westberge sind für ihre in der Tiefe geschichtete Aneinanderreihung von Bergen und Gebirgsketten als schöne Landschaft sehr geschätzt. Yihe-Yuan befindet sich unmittelbar südöstlich von ihnen.

5 Zhu, Xi (1992): Lun Yu Ji Zhu (Komentare zu Lun Yu), Qilu-Shushe-Verlag, Seite 92, Jinan.

6 Li, Yu (2000): Xian Qing Ou Ji, Zhong Zhi Bu (Sammelband des alten Manns mit dem Strohhut, das Teil mit den Pflanzen), Shanghai-Guji-Verlag, Seite 333, Shanghai.

7 Grünflächenamt der Stadt Beijing, 2007

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 09/2019 .

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