Zwischen Gestaltungsideal und Standortrealität
Fit For Future
von: Dipl.-Ing. Jörg Michel, Dipl.-Ing. Karen BrixSie sollen klimaresistent sein, keine Pflege benötigen oder Allergien auslösen. Sie sollen „natürlich schön“ und heimisch sein, niemals giftig und immergrün. Sie sollen Schatten spenden, Verdunstungskühle erzeugen, CO₂ binden, Insekten ernähren, die Stadtkulisse verschönern und ein wohliges Naturgefühl vermitteln, das häufig einem romantischen Landschaftsbild des 19. Jahrhunderts entspringt. Pflanzen als universelle Problemlöser, fast wie Produkte aus dem Baukasten – sofort verfügbar, wartungsfrei und dauerhaft perfekt. Doch was, wenn diese Wunschbilder mit der Realität kollidieren?
Die Diskrepanz zwischen Erwartungen und Standortbedingungen ist enorm. In der Praxis leiden Pflanzen in unseren Städten unter harten physischen Einschränkungen: Enge Wurzelräume, Leitungsgräben, technische Einbauten, verschmutzte und verdichtete Böden, unzureichende Substratqualität. Hinzu kommen klimatische Extrembelastungen durch städtische Hitzeinseln und Starkregenereignisse, oder chemische Belastungen durch winterliches Streusalz.
Vor allem aber fehlt oft die Bereitschaft, Pflege dauerhaft einzuplanen und zu finanzieren. In politischen Debatten und Planungsprozessen wird diese häufig als ein unliebsamer Kostenfaktor betrachtet, der am besten auf ein Minimum reduziert oder ganz gestrichen werden soll, da er in der ursprünglichen Haushalts- und Projektfinanzierung oft unberücksichtigt bleibt.
Doch Pflege sollte nicht optional sein. Wenn es um Menschen geht, ist Pflege ein wichtiger Bestandteil unseres Gesundheitssystems, der eine entscheidende Rolle für das Wohlbefinden und die Lebensqualität vieler Menschen spielt. Warum sollte dies nicht auch für Gehölz- und Staudenpflanzungen gelten? Pflege muss nicht nur ein elementarer Bestandteil der Planung sein, sie ist die Voraussetzung einer jeden erfolgreichen Pflanzung und letztlich mitverantwortlich für einen dauerhaften – und nur so nachhaltigen – Projekterfolg.
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Doch wie stellt es sich dar, wenn Wunsch und Wirklichkeit nicht zusammenfinden, politische Bekenntnisse ohne Taten bleiben und Pflege - wenn überhaupt - nur minimal erfolgt? Bedeutet ein Verzicht auf Pflege auch den Verzicht auf Pflanzung, Verzicht auf ökologische Vielfalt, Verzicht auf Schönheit (wie auch immer man diese definiert), Verzicht auf eine Verbesserung des Mikroklimas unserer hitzebelasteten und zunehmend verdichteten Städte?
Wir brauchen eine neue Haltung im Umgang mit der Pflanzung, wir brauchen einen neuen gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Umgang, ein neues Miteinander. Denn so wie wir mit uns umgehen, so gehen wir auch mit den Pflanzen um.
Es ist Zeit für einen grundlegenden Wandel – in unserem Selbstverständnis und in der Haltung, mit der wir unser Leben, unseren Alltag und unser Planungsverständnis gestalten: Weniger Form, mehr Resonanz! Es braucht Pflanzungen, die weniger genormte Räume definieren, sondern in sich wild, widersprüchlich und unbequem im Rahmen vertrauter ästhetischer Erwartungen sind.
Es braucht Pflanzungen, die heilsam wirken, weil sie als Möglichkeitsräume für Begegnung, Wandel und Transformation verstanden werden. Das bedeutet nicht zuletzt, dass wir unsere Sehgewohnheiten anpassen müssen.
Die zentrale Frage lautet daher, ob wir bereit sind, das Idealbild der „perfekten Pflanze“ loszulassen und Platz zu schaffen für eine neue nachhaltige Ästhetik, die auch uns Menschen eine Überlebensstrategie aufzeigt: Eine neue Ästhetik des gegenseitigen Verständnisses und des Miteinanders – von der Pflege, die wir uns Menschen gegenseitig zugestehen, bis hin zu unserer Umwelt und den Pflanzen, die Teil von dieser sind.
Wer von Nachhaltigkeit spricht, muss sich darüber im Klaren sein, dass sie nur dann entstehen kann, wenn Pflege nicht als nachgelagertes Problem, sondern als integraler Bestandteil der Planung verstanden wird, der Ausdruck eines gesellschaftspolitischen Selbstverständnisses ist. Nachhaltigkeit ist kein Schlagwort. Keine auch noch so gut gelungene Pflanzenauswahl kann als nachhaltig betrachtet werden, wenn diese nicht auch im Kontext ihres Entwicklungsprozesses begriffen wird.
Wer glaubt, mit der Auswahl vermeintlich „pflegefreier“ Arten ließe sich ein dauerhaft stabiles Grün schaffen, ignoriert biologische Realität. Pflanzen sind Lebewesen, keine statischen Objekte. Sie wachsen, altern, unterliegen Dynamiken und reagieren auf Veränderungen des Standortes. Wer ihre Ansprüche ignoriert, scheitert langfristig – ganz gleich, wie robust oder trockenheitsresistent eine Art in Broschüren beschrieben wird.
Der Umgang mit Pflegekosten verdeutlicht die systemischen Defizite. Während Millionen in spektakuläre Einweihungen, Pflanzaktionen oder gar kurzfristige „grüne“ Image-Projekte fließen, fehlen häufig Mittel für die laufende Entwicklungspflege. Dabei machen gerade die ersten drei bis fünf Jahre den entscheidenden Unterschied für Erfolg oder Misserfolg einer Pflanzung: Anwuchspflege, Bewässerung, Nachpflanzungen und Pflegeschnitte sind zwingend erforderlich, um langfristig stabile Bestände zu etablieren. Die Praxis zeigt jedoch, dass in vielen Ausschreibungen diese Leistungen auf ein Minimum begrenzt sind, gleichwohl unter Kostendruck zusammengestrichen.
Besonders kritisch zu betrachten ist die bei Auftraggebern verbreitete Erwartungshaltung, öffentliche Grünflächen hätten „pflegearm“ oder gar „pflegefrei“ zu sein. Fachliche Untersuchungen zeigen, dass realistische Pflegekosten bei Straßenbäumen durchschnittlich 40–60 Euro pro Baum und Jahr allein für Baumschnitt, Bewässerung und Baumkontrolle betragen.
In den ersten drei Jahren, der Anwuchspflegephase, steigen die Kosten auf 120–150 Euro pro Baum und Jahr (GALK, 2021). Bei Staudenpflanzungen liegen die Pflegekosten – je nach Konzept – zwischen 5–12 Euro pro m² und Jahr, in der Entwicklungsphase sogar bei bis zu 15 Euro pro m².


Wie es nun gelingen kann, die Ansprüche der Pflanzen und der dazugehörigen Pflege im Rahmen der Planung zu berücksichtigen und gleichzeitig ein Beispiel für zukünftige Projekte zu schaffen, zeigt die Begrünung des Autobahndeckels über der A7 im Hamburger Stadtteil Schnelsen, geplant von POLA Landschaftsarchitekten. Die Grünanlage oberhalb der Autobahn wurde nach der Schnelsener Bildhauerin Dorothea Buck benannt und heißt heute „Dorothea-Buck-Park“.
Ziel der Planung war eine langlebige, robuste und gleichzeitig ökologisch wie gestalterisch hochwertige Grünfläche, die von einer zentralen Esplanade geprägt wird. Entlang des Hauptweges wurden Amberbäume (Liquidambar styraciflua ‘Worplesdon’) gepflanzt, die sich durch Trockenheitsverträglichkeit auszeichnen. Ihre spektakuläre Herbstfärbung macht sie zu einem klimaresilienten Blickfang mit hohem gestalterischem Wert. Unter den Amberbäumen liegen ausgedehnte Staudenflächen, deren Pflanzplanung auf zwei unterschiedlich zusammengesetzte Pflanzmodule zurückgreift.
Diese wurden bewusst asymmetrisch angeordnet, um ein lebendiges und abwechslungsreiches Bild zu erzeugen. Die Pflanzenauswahl konzentriert sich auf robuste, trockenheitsverträgliche und strukturstabile Arten, die sich langfristig an veränderte Standortbedingungen anpassen können. Prägende Arten sind Garten-Reitgras (Calamagrostis × acutiflora ‘Waldenbuch’), Pfeifengras (Molinia caerulea ‘Edith Dudszus’) und Steppensalbei (Salvia nemorosa ‘Caradonna’ und ‘Amethyst’).
Ergänzt werden diese durch Silberährengras (Achnatherum calamagrostis), Färberhülse (Baptisia australis), Herbst-Kopfgras (Sesleria autumnalis), Sonnenhut (Rudbeckia fulgida), Steppen-Wolfsmilch (Euphorbia seguieriana) und Natternkopf (Echium vulgare). Diese Mischung schafft saisonale Dynamik, strukturelle Tiefe und ökologische Wertigkeit.
Auf dem angrenzenden Geschwister-Tölke-Platz, benannt nach den Stifterinnen Erika und Ilse Tölke, sorgen in einem klaren Raster gepflanzte Japanische Maienkirschen (Prunus yedoensis) für eine elegante Grundstruktur. Ergänzende Zieräpfel (Malus ‘Red Sentinel’) erhöhen die ökologische Vielfalt, bieten Insekten und Vögeln Nahrung und setzen durch Blüte und Fruchtschmuck attraktive Akzente.
POLA setzte auf Diversität, auf dynamische Entwicklung statt statische Dauerbilder und drängte auf eine fachlich fundierte Pflege. Für die Parkanlage wurde ein gesondertes Pflegekonzept entwickelt, um die Erhaltung, Weiterentwicklung und Anpassung der Pflanzung sicherzustellen. Denn Pflegekonzepte können bei den eingangs genannten Missständen Abhilfe schaffen. Sie definieren Pflegeziele, Zuständigkeiten, Frequenzen und Qualitätsstandards, schaffen Transparenz und eine Grundlage für Budgetplanungen.
werden sie häufig nicht umgesetzt: Eine Umfrage unter 60 deutschen Kommunen ergab, dass nur 38 Prozent über verbindliche Pflegekonzepte verfügen und lediglich 21 Prozent die Einhaltung regelmäßig kontrollieren (GALK, 2022). Häufig liegt das daran, dass Pflegebudgets erst nachträglich verhandelt werden – oft unter Druck der Haushaltsplanung. Dadurch entsteht ein systematischer Zielkonflikt: Ambitionierte Begrünungskonzepte werden realisiert, aber nicht dauerhaft unterhalten.
Drei Jahre nach seiner Fertigstellung präsentiert der Dorothea-Buck-Park heute ein stabiles Pflanzbild mit hoher ökologischer Wertigkeit.



Die Biodiversität stieg gemessen an der Zahl blütenbesuchender Insekten im Vergleich zu konventionellen Rasenflächen um über 400 %. Entscheidend für den Erfolg des Projekts war ein von Beginn an implementiertes Pflegekonzept mit einem jährlichen Budget von 7,50 Euro pro Quadratmeter Staudenpflanzung, vertraglich gesichert für fünf Jahre.
Dieses Beispiel macht deutlich, dass stresstolerante Pflanzungen keine Modeerscheinung, sondern eine Notwendigkeit sind. Trotzdem wird in Ausschreibungen häufig an dieser wichtigen Stelle gespart. Die Konsequenzen sind bekannt: Abgestorbene Gehölze, verunkrautete Staudenbeete, verdichtete Böden, fehlende Nachpflanzungen.
Solche Defizite führen nicht nur zu finanziellen Verlusten, sondern untergraben auch das Vertrauen in städtische Begrünung. Bürgerinnen und Bürger sehen ungepflegte Grünflächen und zweifeln an der Sinnhaftigkeit von Investitionen in städtisches Grün. Der öffentliche Diskurs verschiebt sich, aus anfänglicher Begeisterung wird Skepsis, nicht selten gefolgt von Ablehnung.
Damit wird die Chance verspielt, Stadtgrün als elementaren Bestandteil klimafreundlicher, resilienter Städte zu etablieren. Eine Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zeigt, dass bis zu 30 Prozent aller Neupflanzungen innerhalb der ersten fünf Jahre ausfallen, wenn keine qualifizierte Entwicklungspflege erfolgt.
Auch wenn Pflegekonzepte aufwendig erstellt werden, wird doch oft ihre Umsetzung nicht kontrolliert, die Einhaltung von Pflegestandards nicht nachverfolgt. Verantwortlichkeiten verschwimmen: Wer ist zuständig, wenn Pflanzungen eingehen? Die Planer, die Ausführenden, Ämter, Dienstleister oder gar die Bürger:innen? Klare vertragliche und rechtliche Regelungen fehlen häufig, ebenso wie ein Bewusstsein für die Folgen mangelnder Pflege.
Doch wie kann man diesen Kreislauf durchbrechen? Erstens muss die Pflanze wieder als das gesehen werden, was sie ist: Ein Lebewesen mit Ansprüchen. Sie ist kein frei verfügbares Werkzeug, das sich beliebig in ein Planungsbild einfügt. Zweitens müssen Pflegekosten von Beginn an transparent und verbindlich eingeplant werden. Sie dürfen nicht erst in späteren Haushaltsdebatten diskutiert, sondern müssen als fester Bestandteil des Projekts mitgedacht werden – genauso selbstverständlich wie Bau- und Materialkosten. Drittens ist ein Bewusstseinswandel erforderlich:
Pflege ist keine lästige Zusatzleistung, sondern ein Qualitätsmerkmal von Stadtentwicklung und gesellschaftlichem Wandel. Der Übergang von dekorativen Pflanzbildern zu resilienten Pflanzsystemen erfordert einen Paradigmenwechsel – fachlich, organisatorisch und politisch. Nur dann werden Stadtgrün und Stadtgesellschaft gleichermaßen fit für die Zukunft.
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