Auch für mehr Gesundheit in der Stadt

Einheitliche Orientierungswerte für öffentliches Grün

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Grünflächen
Luftbild Park am Gleisdreieck. Foto: W.C. Strauss 2014

Die Bedeutung von Grün- und Freiflächen in der Stadt ist unbestritten: neben ihren ökologischen Funktionen bieten sie Raum für Erholung, Begegnung, Bewegung sowie Naturerfahrung und tragen somit zu mehr Lebensqualität in unseren Städten bei. Das Thema Gesundheit rückt hierbei nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Klimawandels und der alternden Gesellschaft sowie jüngst der COVID-19-Pandemie stärker in den Mittelpunkt von städtischer Freiraumentwicklung.

Die Sicherung und gezielte Weiterentwicklung des städtischen Grüns muss angesichts seiner vielfältigen Funktionen und vor dem Hintergrund des anhaltenden urbanen Wachstums, des Klimawandels und des Artenrückgangs oberste Priorität in der Stadtentwicklung haben. Freiraumbezogene Orientierungswerte stellen hierfür eine Planungsgrundlage dar. Orientierungswerte werden in der Stadt- und Regionalplanung vielfach genutzt, und auch für das Thema Stadtgrün gibt es bereits seit Anfang der 1970er Jahre bundesweite, von der Gartenamtsleiterkonferenz (GALK) aufgestellte Kennwerte für die Freiraumversorgung. In einigen Kommunen sind darüber hinaus lokal entwickelte Richtwerte in Hinblick auf die Erholungsvorsorge des urbanen Grüns im Einsatz. Es fehlen jedoch bislang Orientierungswerte, die die Funktionen Gesundheit, Klima und Biodiversität der städtischen Grün- und Freiflächen abbilden.

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Forschungsvorhaben zur Weiterentwicklung freiraumbezogener Orientierungswerte

Der Masterplan Stadtnatur der Bundesregierung (BMU 2019), der zum Ziel hat, Kommunen dabei zu unterstützen, mehr Natur in Städte zu bringen, sieht daher als eine zentrale Maßnahme die Erarbeitung bundeseinheitlicher Orientierungswerte für die Grünausstattung und Erholungsversorgung vor. Diese Orientierungswerte sollen auch neue Herausforderungen der Städte wie anhaltendes Wachstum, bauliche Innenentwicklung, Anpassung an den Klimawandel, Erhalt der biologischen Vielfalt und Umweltgerechtigkeit berücksichtigen. Zur Umsetzung dieser Maßnahme haben die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf und das Deutsche Institut für Urbanistik, gefördert vom Bundesamt für Naturschutz, von Oktober 2019 bis März 2022 das Forschungsprojekt "Stadtnatur erfassen, schützen, entwickeln - Naturschutzfachliche Begleitung der Umsetzung des Masterplans Stadtnatur" durchgeführt. Auf Basis einer bundesweiten Status-Quo-Analyse und von kommunalen Fallstudien zur bisherigen Praxis freiraumbezogener Orientierungswerte wurden in diesem Vorhaben fachliche Empfehlungen für Orientierungswerte erarbeitet und mit einem breiten Kreis von Expert*innen aus Praxis, Fachverbänden und kommunalen Spitzenverbänden sowie Wissenschaft erörtert und weiterentwickelt.

Zentrale Ergebnisse der Status-Quo-Analyse und Fallstudien

Status-Quo-Analyse und Fallstudien liefern einen Überblick über die derzeitige kommunale Praxis in der Anwendung von Orientierungswerten und ermöglichen damit auch Schlussfolgerungen für notwendige Weiterentwicklungen. Im Ergebnis zeigt sich, dass Orientierungswerten vielfach mit dem Fokus auf die Erholungsfunktion von Grün- und Freiräumen genutzt werden. Die Kernindikatoren "Grünversorgung" und "Grünerreichbarkeit" stehen dabei im Mittelpunkt. Diese basieren zumeist auf den GALK-Werten von 1973 und werden in der Regel genutzt, um bei Siedlungsnachverdichtungen und -erweiterungen eine Mindestversorgung an Grün- und Freiflächen für Erholungszwecke zu sichern. Dabei erweist sich eine rein quantitative Betrachtung durch beispielsweise Attribute wie "Erreichbarkeit/Entfernung" sowie die generelle Größe von Flächen als nicht zielführend. Es müssen vielmehr qualitative Merkmale und Indikatoren ergänzt werden (DRL 2006).

Die empirischen Analysen liefern zudem Hinweise auf folgende Bedarfe in den Kommunen:

Weiterentwicklung von Orientierungswerten

Bei der Weiterentwicklung der freiraumbezogenen Orientierungswerte ist im Forschungsvorhaben von folgenden Prämissen ausgegangen worden (s. Abb. 2):

  • Über die Erholung hinaus sollen auch die Klima-, Gesundheits- und Biodiversitätsfunktion von Grünflächen und Grünstrukturen (u. a. Straßenbäume) abgebildet werden.
  • Die Orientierungswerte sollen sowohl gesamtstädtisch als auch für Teilräume der Gesamtstadt (z. B. Stadtteil, Gebiet eines Bebauungsplans) anwendbar sein.
  • Die Orientierungswerte beziehen sich ausschließlich auf öffentliches Grün, da die Städte und Gemeinden auf dieses unmittelbar steuernd einwirken können.
  • Privates und halböffentliches Grün wird bei der Anwendung der Orientierungswerte im stadtstrukturellen Kontext berücksichtigt (Absenkung oder Anhebung der Orientierungswerte je nach Grünausstattung im betrachteten Umfeld).
  • Vorrangig sollen die in den Städten und Gemeinden vorhandenen Daten genutzt werden können, weitere Datenerhebung sollte nur in geringem Maß nötig sein.

Zur Ableitung von Orientierungswerten wurden die vier Funktionen Erholung, Gesundheit, Klima und Biodiversität gesondert betrachtet. Zu jeder Funktion wurden folgende Arbeitsschritte durchgeführt (s. Abb. 2).

Grünflächen
2 Forschungsvorhaben zur Weiterentwicklung freiraumbezogener Orientierungswerte. Abbildungen und Tabellen: Peter Blum, Christa Böhme, Christina Kühnau, Markus Reinke, Luise Willen

Im ersten Schritt wurden für jede der vier identifizierten Funktionsbereiche Qualitätsmerkmale von Grünflächen und Grünstrukturen identifiziert. Für die Gesundheitsfunktion zählen dazu zum Beispiel die Merkmale "Grünversorgung" oder "Umweltgerechtigkeit". Um die Qualitätsmerkmale in Quantitäten fassen zu können, wurden für alle Merkmale quantitative Indikatoren bestimmt. Diese beinhalten auch sog. "Berechnungsanleitungen", wie zum Beispiel der Versorgungsgrad der Einwohner*innen mit öffentlichen gesundheitswirksamen Grünflächen in Quadratmeter pro Einwohner. In einem weiteren Schritt wurden alle quantitativen Indikatoren nach den vier Kriterien Validität, Querbezüge zu anderen Funktionen, Datenverfügbarkeit/Datengenerierbarkeit und Datenqualität bewertet und gefiltert (s. Abb. 3). Ziel war es, zu "Kernindikatoren" zu gelangen, die eine hohe Praxistauglichkeit aufweisen.

Die Ableitung und Empfehlung von Orientierungswerten für alle ausgewählten Kernindikatoren bildeten den letzten Arbeitsschritt. Diese Empfehlungen wurden - wieder für alle vier Funktionen - mit einem Expert:innenkreis im Rahmen von Fokusgruppen diskutiert, validiert und weiterentwickelt.

Im Ergebnis wurden getrennt nach den vier Funktionen für folgende gesamtstädtischen beziehungsweise teilräumlichen Qualitätsmerkmale Kernindikatoren und Orientierungswerte entwickelt (s. Abb. 4):

  • Erholungsfunktion: Grünversorgung, Grünerreichbarkeit, Ausstattung mit Straßenbäumen, Umweltgerechtigkeit
  • Gesundheitsfunktion: Grünversorgung, Grünerreichbarkeit, Ausstattung mit Straßenbäumen, Ausstattung mit Straßenbegleitgrün, Grünraumvernetzung/Konnektivität, Umweltgerechtigkeit
  • Klimafunktion: Grünversorgung, Grünerreichbarkeit, Ausstattung mit Straßenbäumen, Ausstattung mit Straßenbegleitgrün, Grünraumvernetzung/Konnektivität, Umweltgerechtigkeit
  • Biodiversitätsfunktion: Arten-und Lebensraumvielfalt, Naturnähe/Naturschutzrelevanz, Ausstattung mit Straßenbäumen, Ausstattung mit naturnahem Straßenbegleitgrün, Grünraumvernetzung/Konnektivität.
Grünflächen
3 Kriterien für die Bewertung der Indikatoren. Abb.: Peter Blum, Christa Böhme, Christina Kühnau, Markus Reinke, Luise Willen
Grünflächen
4 Qualitätsmerkmale der vier Grünfunktionen Erholung, Gesundheit, Klima und Biodiversität.

Gesundheitswirksames Grün: Qualitätsmerkmale, Kernindikatoren, Orientierungswerte und Kenngrößen

Stadtgrün spielt in Bezug auf die Gesundheit eine wesentliche Rolle: beispielsweise durch kompensatorische Funktionen mit Blick auf gesundheitsbelastende Umweltbedingungen oder als Ort der Begegnung und Kommunikation. Gesundheit ist ein Querschnittsthema und dieGesundheitsfunktion ist mit vielen Klima- und Erholungsaspektenverknüpft. So gibt es viele Überschneidungen zwischen den Qualitätsmerkmalen gesundheitswirksamer Grünflächen und -strukturen undden Qualitätsmerkmalen der anderen Grünfunktionen. Zur Bewertung der Gesundheitsfunktion städtischer (Teil)Räume können sowohl die Grünraumversorgung und -erreichbarkeit, die Ausstattung mit Straßenbäumen und Straßenbegleitgrün als auch dieGrünraumvernetzung/Konnektivität und Umweltgerechtigkeit als Merkmaleherangezogen werden.

Für ausgewählte Kernindikatoren zu der Funktion Gesundheit wurden explizite Orientierungswerte entwickelt. Exemplarisch für die Funktion Gesundheit zeigt Tabelle 1 eine Übersicht aller für die Gesundheitsfunktion betrachteten Merkmale und Indikatoren sowie vorgeschlagenen Orientierungswerte auf der Ebene der Gesamtstadt bzw. von Teilräumen.

Die in Tabelle 1 dargestellten Orientierungswerte beziehen sich auf die öffentlichen Grünflächen beziehungsweise Grünstrukturen größerer Bezugsräume beziehungsweise der Gesamtstadt. Da nicht jede einzelne Grünfläche alle Teilfunktionen gleichermaßen erfüllen kann und soll, werden für jeden Funktionsbereich einfach handhabbare Kenngrößen vorgeschlagen. Anhand derer kann geprüft werden, welchen Beitrag eine Grünfläche jeweils zur Funktionserfüllung leistet. In Tabelle 2 ist dargestellt, welche Kenngröße eine einzelne Grünfläche erfüllen muss, damit ihr Beitrag für die Gesundheitswirksamkeit auf den jeweiligen Orientierungswert angerechnet werden kann.

Vor dem Hintergrund des hohen Stellenwerts und des großen Potenzials von Stadtgrün für den Schutz und die Förderung von Gesundheit geht es bei der Gesundheitsfunktion von Grünflächen und Grünstrukturen ganz generell darum, das urbane Grün - mit Blick auf den Menschen - zu erhalten sowie quantitativ und qualitativ zu entwickeln (Claßen et al. 2012). Die vorgeschlagenen Orientierungswerte und Kenngrößen stellen dafür ein wertvolles Instrument dar. Sie helfen Mindeststandards zu erfüllen und bieten auf kommunalpolitischer Ebene eine wichtige Argumentationshilfe für die Entwicklung gesundheitsrelevanten urbanen Grüns.

Grünflächen
Tab.1: Empfohlene Kernindikatoren und Orientierungswerte fur gesundheitswirksame öffentliche Grünflächen und Grünstrukturen. Tabelle: Peter Blum, Christa Böhme, Christina Kühnau, Markus Reinke, Luise Willen
Grünflächen
Tab.2: Kenngrößen zur Bestimmung der Gesundheitswirksamkeit einzelner Grunflachen. Tabelle: Peter Blum, Christa Böhme, Christina Kühnau, Markus Reinke, Luise Willen

Ausblick: Konventionsbildungsprozess und Praxistest

Die empfohlenen funktionsbezogenen Orientierungswerte wurden im laufenden Forschungsprozess mit einer Vielzahl von Expert*innen aus kommunalen Verwaltungen, kommunaler Planungspraxis, Verbänden und Wissenschaft erörtert und qualifiziert. Der eigentliche Konventionsbildungsprozess steht jedoch noch aus. Hierfür ist es erforderlich, die im Forschungsvorhaben entwickelten fachlichen Empfehlungen in verschiedenen Fachgremien und -verbänden (u. a. Gartenamtsleiterkonferenz, kommunale Spitzenverbände, BDLA, SRL) zu erörtern und abzustimmen. Begleitet werden sollte dieser Konventionsbildungsprozess von einem Praxistest der empfohlenen Orientierungswerte in mehreren Modellkommunen mit unterschiedlichen Ausgangs- und Rahmenbedingungen (u. a. Größe, naturräumliche Gegebenheiten, Siedlungsentwicklung, Verwaltungsstrukturen).

Anmerkung

Die Ergebnisse des Forschungsvorhabens "Stadtnatur erfassen, schützen, entwickeln - Naturschutzfachliche Begleitung der Umsetzung des Masterplans Stadtnatur" werden voraussichtlich im September 2022 in der Reihe "BfN-Schriften" des Bundesamtes für Naturschutz veröffentlicht.

Literatur

BMU (2019): Masterplan Stadtnatur. Maßnahmenprogramm der Bundesregierung für eine lebendige Stadt. Hg. v. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit.

Claßen, Thomas; Heiler, Angela; Brei, Björn (2012): Urbane Grünräume und gesundheitliche Chancengleichheit - längst nicht alles im "grünen Bereich". In: Umweltgerechtigkeit durch Chancengleichheit bei Umwelt und Gesundheit - Konzepte, Datenlage und Handlungsperspektiven. Online verfügbar unter pub.uni-bielefeld.de/record/2610811.

DRL (2006): Freiraumqualitäten in der zukünftigen Stadtentwicklung. In: Schriftenreihe des Deutschen Rates für Landespflege (78).

Dipl.-Ing. Peter Blum
Autor

Hochschule Weihenstephan-Triesdorf

Hochschule Weihenstephan-Triesdorf
Dipl.-Ing. Christa Böhme
Autorin

Deutsches Institut für Urbanistik

Deutsches Institut für Urbanistik
Dr. Christina Kühnau
Autorin

Hochschule Weihenstephan-Triesdorf

Hochschule Weihenstephan-Triesdorf
Prof. Dr. Markus Reinke
Autor

Hochschule Weihenstephan-Triesdorf

Hochschule Weihenstephan-Triesdorf
Dipl.-Geogr. Luise Willen
Autorin

Deutsches Institut für Urbanistik

Deutsches Institut für Urbanistik

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