Ein Beispiel aus Hannover-Linden im Wandel der Zeit

Zur Geschichte der Kleingärten

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Ein kleiner Garten im Verein Linden e. V., ohne Stromversorgung, zu erreichen durch zwei kleine Tore, unscheinbar an der Ecke des Weges – Angela Lautenbachs Garten wird seit Jahrzehnten durch ihre Familie gepachtet und bewirtschaftet. Vor ihr waren ihre Großeltern Pächter*innen des Gartens und bauten viel Obst und Gemüse an.
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Abb. 1: Garten von Angela Lautenbach in Hannover-Linden. Foto: Josephine Rother, 2023

Viele Menschen waren insbesondere in und nach den Weltkriegen auf die Selbstversorgung mit frischen Lebensmitteln angewiesen. Heute besuchen wir Angela Lautenbach in ihrem Garten, in dem sie sich gerne an die Vergangenheit mit ihrer Familie, ihren Großeltern und ihrer Tochter erinnert und in dem sie sich nach Feierabend erholen kann.

Geschichte der Kleingärten im Allgemeinen

Mit Beginn der Industriellen Revolution veränderte sich das Stadtleben enorm. Immer mehr Menschen zogen in die Stadt, um Arbeit zu finden. Die Betriebe wuchsen schnell und die Entwicklung schritt rasch voran. Die Lebensumstände der einfachen Arbeiterschaft waren jedoch sehr schlecht. Die Arbeiter:innen erhielten einen geringen Lohn, arbeiteten viel und waren dabei teilweise Schadstoffen und Chemikalien ausgesetzt. Die Gesundheit der Menschen nahm schnell Schaden durch Mangelernährung und zu hohe Belastung.

Als eine Begleiterscheinung der Industriellen Revolution entstanden im 19. Jahrhundert viele sogenannte Armengärten. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden auch vielerorts Arbeitergärten etabliert, welche die Familien und Angehörigen der Angestellten versorgen und ihnen als Erholungsraum dienen sollten. Ende des 19. Jahrhunderts begann die Zahl der Kleingärtnervereine zu steigen. Diese schlossen sich 1921 zum sogenannten Reichsverband der Kleingartenvereine zusammen.

Durch die Folgen des Ersten Weltkrieges gewannen die Gärten immer mehr an Bedeutung, und schließlich konnte nur durch aktives Zutun der Bevölkerung die Lebensmittelversorgung annähernd gesichert werden. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Entwicklung wieder angehalten und die demokratischen Strukturen der Vereine wurden aufgehoben. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Städte zum großen Teil derart beschädigt und Wohnraum so knapp, dass das übergangsweise Wohnen in den Gartenlauben gestattet wurde. Und auch in dieser Krise wurden die Gärten erneut ein wichtiger Faktor in der Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln.

Heute haben Kleingärten nach wie vor eine wichtige Aufgabe. Sie versorgen nicht nur die einzelnen Pächter*innen mit eigens angebautem Obst und Gemüse, sie dienen auch als Regenwasserspeicher in den stark versiegelten Städten Deutschlands. Außerdem sind sie ein wichtiger öffentlicher Freiraum, ohne welchen die meisten Städte große Schwierigkeiten bekommen dürften, die eigenen Bewohner:innen mit frischer Luft und Grünflächen versorgen zu können.

In Deutschland nutzen insgesamt etwa fünf Millionen Menschen einen Kleingarten. Freunde und Familien der deutschlandweit etwa 900.000 Pächter*innen kommen gerne mit in die Gärten: zum Grillen, Sonnen und Genießen. Im Bundesverband Deutscher Gartenfreunde sind 13 310 Vereine organisiert.

Im Durchschnitt umfasst ein Kleingarten in Deutschland eine Fläche von rund 370 Quadratmetern, was auf die Bundesrepublik gerechnet 44.000 Hektar ausmacht.

In Hannover leben derzeit 552 710 Menschen (Stand 31.03.2023). Insgesamt gibt es in der Stadt rund 20.000 Kleingärten auf 1048 Hektar, etwa 5 Prozent der Stadtfläche. Das bedeutet, es gibt ein Verhältnis von einem Kleingarten pro 28 Einwohner:innen.

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Abb. 2: Kleingarten in der Ratswiese. Foto: Josephine Rother, 2023
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Abb. 3: Kleingärtnerische Nutzung, Ratswiese. Foto: Josephine Rother, 2023

Geschichte der Kleingärten in Hannover

Im Vergleich zu anderen Städten gewannen die Kleingärten in Hannover erst später an Bedeutung. So waren in Leipzig und Kiel bereits 1830 erste Entwicklungen zu beobachten, in Hannover hingegen erst mit Beginn des Ersten Weltkriegs. Damals wurden Kleingärten insbesondere von den Arbeiterfamilien genutzt. 1919 wurde eine Amtsstelle für den Kleingartenbau eingerichtet, welche direkt das Kleingartenwesen fördern sollte.

Die Hauptaufgabe lag darin, Flächen für die gezielte Entwicklung von Kleingartenland vorzuhalten und entsprechende Anlagen zu entwickeln. Innerhalb von etwa fünf Jahren (von 1927 bis 1932) konnte die Anzahl der Kleingärten in der Stadt Hannover auf 20.000 gesteigert werden. Zu dieser Zeit wurde ein großes Augenmerk auf die wohnortnahe Bereitstellung von Gärten sowie auf die Herstellung von Grünflächen in Gegenden mit schlechter Freiraumversorgung gelegt.

Im Nationalsozialismus wurden demokratisch gewählte Vertreter:innen ihrer Ämter enthoben und durch linientreue Parteimitglieder ersetzt. In dieser Zeit konnte die Anzahl an Kleingärten auf ein absolutes Maximum von 26.000 gesteigert werden. Allerdings ging diese Zahl in den folgenden Jahren wieder zurück und erreichte auch nie wieder einen derart hohen Wert.

Auch in Hannover war durch den Zweiten Weltkrieg die Versorgung mit Lebensmitteln derart schlecht, dass die Kleingärten zunehmend wieder in den Fokus gerieten. In den folgenden Jahren gründeten sich erneut einige Anlagen und die Nachfrage stieg wieder an.

Seither ist sie stets hoch geblieben und viele Vereine haben lange Wartelisten. Die Stadt versucht seit 2016, mit Beschluss des sogenannten Kleingartenkonzepts, die Zahl der Gärten zu steigern und der erhöhten Nachfrage gerecht zu werden.

Insbesondere in der Zeit von Corona, Ausgangssperren und Abstand ist die Bedeutung eines eigenen Gartens noch einmal wichtiger geworden, und die Nachfrage in vielen Vereinen spiegelt dies wider.

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Abb. 4: Lautenbachs Garten heute. Foto: Josephine Rother, 2023
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Abb. 5: Plan Linden e. V. Foto: Hannover-GIS, Kleingärten, 2023

Der Verein Linden e. V.

Bereits seit 1909 ist der Verein Linden e. V. in Pachtbüchern zu finden und gehört somit zu den ältesten seiner Art in der Stadt Hannover. 1919 wurde der Kleingärtnerverein Linden e. V. offiziell begründet. Insgesamt hat der Verein acht Kolonien – Lindener Alpen, Bergfrieden, Schwarze Flage, Lindener Eisen und Stahl, Ihlpohl I und II, Langenfelde und Struckmeyers Erben.

Das Vereinsgelände erstreckt sich über rund 29 Hektar und ist zahlenmäßig der zweitgrößte Kleingartenverein in der Stadt Hannover mit etwa 700 Pächter*innen. Zur Gründung waren noch einige weitere Kolonien dem Verein angegliedert, welche heute eigenständigen Vereinen angehören. Hierzu zählen unter anderem Tiefland und Hans Hache e. V.

1925 hatte der Verein Linden e. V. über 1000 Mitglieder und der Vorstand war stark gefordert, um sämtliche Interessen und Anliegen zu vereinen. 1926 wurde das erste Kolonieheim erbaut. Bis zum Beginn des Nationalsozialismus konnte sich eine funktionierende Gartengemeinschaft aufbauen. 1933 wurde der Vorstand abgesetzt; es wurden neue Satzungen und Gartenordnungen verabschiedet. Fortan durften nur noch Reichsdeutsche einen Garten bewirtschaften oder Mitglied im Verein werden.

Der Verein Linden e. V. gründete sich 1946 erneut, und der Wiederaufbau der Anlage, welche durch den Krieg beschädigt worden war, wurde Stück für Stück umgesetzt. In den folgenden Jahren war der Verein immer wieder von städtebaulichen Planungen betroffen. Größere Umbauaktionen gab es aber nicht und 1983 konnte die Anlage als Dauerkleingartengebiet planerisch gesichert werden.

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Abb. 6: Großeltern mit der Apfelernte. Foto: Lautenbach, 1976
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Abb. 7: Großmutter mit Blumen. Foto: Lautenbach, 1997
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Abb. 8: Laube von Innen. Foto: Josephine Rother, 2023

Der Garten von Angela Lautenbach

Lautenbachs Großeltern waren beide auf dem Land aufgewachsen und gärtnerisch sehr interessiert. Durch die familiären Umstände hatten sie mit Landwirtschaft zu tun und wussten, was es bedeutete, einen Garten zu bewirtschaften. Angelas Großvater arbeitete damals in einer Tischlerei im Stadtteil Linden. Über den Inhaber des Betriebs bekam er Zugang zum Kleingarten.

So konnten er und seine Frau den Garten zunächst noch als Leihgabe unterhalten – jemand anderes pachtete den Garten, sie bewirtschafteten ihn. Später konnten sie ihn als Pächter*innen übernehmen. Angela Lautenbach erinnert sich, seit sie denken kann, an den Garten ihrer Großeltern. Sie bauten hier viel Obst und Gemüse an. Ihr Großvater betätigte sich unermüdlich bis ins hohe Alter im Garten, ihre Großmutter weckte über Jahrzehnte das geerntete Obst ein und erfreute sich an der Blumenpracht des Bauerngartens.

Damals führte noch ein Weg durch den Nachbargarten, welcher heute nicht mehr vorhanden ist. Größere bauliche Veränderungen gab es nicht. Die Laube steht immer noch und auch das Innere ist größtenteils unverändert.

Ihr Garten ist in der Kolonie Lindener Alpen einer von zweien, welcher auch heute noch ohne Strom bewirtschaftet wird, und Lautenbach ist sehr froh darüber. Sie habe vor einigen Jahren die Möglichkeit gehabt, Strom verlegen zu lassen, aber ihr seien die Ruhe und das Runterkommen wichtiger. Wobei sie auch gesteht, dass "das Schneiden von Bäumen und Hecken sowie das Rasenmähen (. . . ) mitunter sehr anstrengend" sei, ohne Strom zu nutzen.

Angela Lautenbach selbst konnte den Garten 1997 übernehmen und legt heute Wert auf das ökologische Gärtnern – und darauf, "dass alles bienen- und insektenfreundlich ist". Ihr ganzer Stolz, so sagt sie, ist die winterharte Fuchsie. Bereits ihre Großmutter hatte diese gepflanzt und sie war ihr besonders wichtig. Lautenbach verstand damals nicht, was an dieser Pflanze besonders sein sollte, aber heute ist auch sie begeistert, wie die Fuchsie stets dem deutschen Winter trotzt.

Außerdem liebt sie den Fackelknöterich neben ihrer Terrasse. Daneben gibt es im Garten Apfel-, Zwetschgen- und Feigenbaum, eine Brombeere, die eher unfreiwillig hier wächst sowie eine Mirabelle und Johannisbeeren. Früher gab es noch einen alten Pflaumenbaum mit einer Schaukel. Dieser war aber bei einem Sturm beschädigt worden und musste etwa 1971 von der Feuerwehr gefällt werden. Im hinteren Garten stehen noch alte Badewannen: Hierin, so erinnert sich Lautenbach, badete sie an heißen Sommertagen wie auch später ihre eigene Tochter und deren Freundin.

Angela Lautenbachs Garten ist etwa 500 Quadratmeter groß und damit etwas größer als der Durchschnitt. Im Sommer ist sie gerne an den Wochenenden hier und genießt die Ruhe, auch wenn die nicht immer eintritt. Viele Menschen träumen vom eigenen Kleingarten und wünschen sich einen Rückzugs- und Erholungsort in der Stadt.

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Abb. 9: Wannen im Garten. Foto: Josephine Rother, 2023
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Abb. 10: Blick in den Garten. Foto: Josephine Rother, 2023

Kleingartenwesen in Hannover und seine Zukunft

Die höchste Anzahl an Kleingärten hatte Hannover im Jahr 1935; damals waren es etwa 26.000. Seither hat sich die Anzahl auf rund 20.000 Gärten reduziert. Eine Entwicklung, die besonders durch politische Entscheidungen und Stadtentwicklung vorangetrieben wurde. Die Bedeutung von Kleingärten ist schon lange bekannt. Neben den Bodenfunktionen, der Frischluft- und Freiraumversorgung hat auch immer wieder die Herstellung von Nahrungsmitteln einen großen Stellenwert gehabt.

Und dennoch hatten andere städtebauliche Veränderungen Vorrang vor der Grünversorgung der Stadt. Seit dem Beschluss des sogenannten Kleingartenkonzepts hat sich die Stadt jedoch ganz klar für die Förderung, Entwicklung und Sicherung der eigenen Kleingartenflächen ausgesprochen und konnte die Zahl der Gärten halten und einige neue Anlagen schaffen.

Die Landeshauptstadt arbeitet derzeit an der Fortschreibung des Kleingartenkonzepts und vielleicht erfüllt sich mit der Neuschaffung von Parzellen noch für einige andere Menschen der Traum vom eigenen Kleingarten.

B. Sc. Josephine Rother
Autorin

Landschaftsarchitektur und Umweltplanung, Leibniz Universität Hannover

Leibniz Universität Hannover

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