Mehr Freiraum wagen

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Ein Spielplatz in Berlin-Zehlendorf. Foto: Hanns-Werner Heister

Kinder, die in Berlin-Mitte oder Hamburg-Ottensen alleine und unbeaufsichtigt auf städtischen Brachen spielen. Für die einen ist das eine romantische Erinnerung an die eigene Kindheit im vergangenen Jahrhundert. Für die anderen ist das eine unverantwortliche Horrorvorstellung. Auf Basis wissenschaftlicher Studien und eines empirischen Befundes als mehrfacher Großvater plädiert Prof. Dr. Hanns-Werner Heister für mehr Gelassenheit in der Erziehung und für mehr Freiheiten beim Spielen.

Kinder brauchen möglichst viel Freiraum. Auch ein gewisses Maß an Abenteuer, ja sogar Risiko, ist für die menschliche Entwicklung wichtig. Das bestätigen wissenschaftliche Studien einschließlich eigener, allerdings noch sporadischer Forschungen. Wir müssen aber scharf unterscheiden: „Kinder“ sind verschieden. Kleinkinder oder gar Säuglinge brauchen selbstredend mehr Schutz und Bewachung als größere. Und Jugendliche, Teenager, haben wiederum andere Bedürfnisse; sie sind aufs Ganze gesehen vielleicht noch schlechter mit nicht-kommerziellen Angeboten wie Spielplätzen versorgt als Kinder. Aber mit dieser Altersgruppe fehlen mir selbst vorerst neuere Erfahrungen. Meine eigenen Enkelkinder sind noch nicht wieder so weit. Ich gestehe gern, dass bei dieser Option für randständige Spielorte auch eigene Kindheits- und Jugenderfahrungen mit hineinspielen.

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Er klettert, wo es garnicht vorgesehen ist. Foto: Hanns-Werner Heister

Passiert ist viel. Aber nie etwas Schlimmes.

Wenn ich an meine eigene Kindheit und Jugend in einer kleinen Stadt im Württembergischen denke, hatten wir damals in den 1950ern und frühen 1960ern kaum öffentliche Spielplätze. Eine Wippe oder ein gleichförmiges Klettergerüst oder gar ein karusellartiges Drehgestell – das war das höchste der Gefühle. Dafür aber konnten wir zu Fuß, ohne Angst vor dem Überfahren- oder Überfallenwerden, über die Straße hinweg Fangen spielen, weil nur alle paar Minuten ein Auto vorbeifuhr. Oder wir sind 15 Minuten den Berg hoch gelaufen, auf Streuobstwiesen, aufgelassene Weinberge, Feldränder, Wiesen oder Wälder. Dort haben wir – selbstverständlich verboten – aus Heu, Laub und meist zu feuchten Ästen ein kleines Feuerchen entfacht. Oder, um ehrlich zu sein, zu entfachen versucht, weil das Brennmaterial meist zu feucht und das nötige Papier rar war. Ich erinnere mich nicht, dass dabei jemals etwas Schlimmes passiert wäre. Dafür haben wir automatisch viel zu sehr auf uns und ich auf den kleinen Bruder aufgepasst.

Früher gab es mehr Freiraum

Mein schönster Spielplatz aber war der enge, verwinkelte und lange Zeit zugepflasterte Hof zwischen mehreren Häusern, dort, wo ich als Kind ab drei Jahren aufgewachsen bin. Für meinen Bruder und mich gab es einen schmalen Streifen am Rand des Zuwege, wo wir im Dreck buddeln konnten, später – etwa ab dem Grundschulalter – nutzten wir auch das Bretter-Lager meines Patenonkels, eines Schreinermeisters, samt bekletterbarem Dach, mit Ecken zum Fangen oder Verstecken. Hinzu kam ein altes Garagentor als Hand- und Fußball-Tor mit ein bisschen Platz davor, das tat bis in die Jugend hinein seine Dienste – alles optimal trotz eines unangenehmen, einen scharfen Schäferhund besitzenden Nachbarn, der unseren Ball behielt, wenn er in seinen kleinen Garten fiel. Insgesamt war früher vieles viel einfacher als heute, allerdings bestimmt nicht alles besser. Mehr Freiraum beim Spielen hatten wir aber allemal.

Emmi Pikler gibt die Richtung vor

Ich favorisiere den Erziehungsstil von Emmi Pikler. Die ungarische Kinderärztin (1902-1984) war überzeugt, dass sich die Persönlichkeit eines Kindes am besten entfalten kann, wenn es sich möglichst selbstständig entwickeln darf. Demnach lernen zum Beispiel alle gesunden Kinder das Gehen von ganz allein. Sie sollten nicht unentwegt angetrieben werden, „endlich“ aufrecht zu stehen und zu laufen.

Matschen mit Lust. Foto: Hanns-Werner Heister
Wasser frei. Foto: Hanns-Werner Heister

Mir zerreißt es immer das Herz, Kinder zu sehen, denen die Ärmchen hochgerissen werden und die so schmerzhaft spazieren gegangen werden. Bei meinen eigenen Kindern haben wir das damals auch nicht gemacht. Und bei meinen vier Enkeln – eindreiviertel, drei, vier und viereinhalb Jahre alt – hat das jedenfalls gut funktioniert, so dann auch beim fünften, jetzt 4 Monate alt. Mein Plädoyer für mehr Freiraum ist aber kein Appell für völlige Autonomie. Klar, wenn ein Kleinkind hilflos auf einer Treppe steht, dann nimmt man es in den Arm und hilft ihm herunter. Aber wenn die Kleinen größer werden, brauchen sie ihren Freiraum zum Spielen wie die Luft zum Atmen.

Spielplätze als Zwischennutzung

Übertragen in die Jetztzeit heißt das, dass wir mehr Freiraum zum Spielen brauchen. Die Brachen als Spielraum in den großen Städten werden immer weniger. Das ist ja auch gut so, dass die Baulücken geschlossen werden. Ich bin selbstverständlich sehr für den Bau von Miethäusern mit bezahlbaren Mieten für alle. Das geschieht aber nicht. Angesichts der vielen tausend kommunalen Wohnungen, die zum Beispiel der Berliner Senat an Finanz-Heuschrecken verkauft hat, sind die etwa fünf Brachen, die ich in den Bezirken Schöneberg, Tempelhof, Wilmersdorf und Zehlendorf vor Augen habe, geradezu lächerlich. Solange diese Brachen aber brach liegen und noch nicht bebaut werden – und dass kann ja schnell mal einige Jahre dauern – sollten sie als temporäre Spielflächen genutzt werden.

Den Stadtrand erreichbar machen

Das Grundbedürfnis des kindlichen Spieltriebs ist auch in den Innenstädten von Berlin, Hamburg und selbst München noch gut zu befriedigen. Meiner Ansicht nach besteht das Hauptproblem gar nicht mal in den Orten zum Spielen, sondern ihre Erreichbarkeit. Der Autoverkehr ist so übermächtig und wirklich lebensgefährlich, dass ein psychologisch-pädagogisch problematisches Ausmaß an Betreuung und Bewachung nötig ist. Am Rand von Berlin – wie wohl in allen Großstädten – gibt es schöne Landschaften, etwa die Krumme Lanke (früher vor dem Hundezeitalter auch den Grunewaldsee) oder das etwas schwerer erreichbare Havel-Ufer zwischen Wannsee und Tegel. Voraussetzung ist Erreichbarkeit mit dem ÖPNV. Der ist generell zu teuer. Hamburg ist da ein negatives Vorbild, Berlin ist „prolliger“ und billiger. Und die Taktfrequenzen vieler Linien sind zu weitmaschig. Zudem müssten die Strände um die Seen herum einigermaßen frei von Hunden gehalten und dafür gesorgt wird, dass nicht alles so vollgekackt wird.

Das Risiko ist beherrschbar

Die Gefahren beim Spielen auf Brachen oder Spielplätzen halte ich für vertretbar. Wenn die Grundbedingungen stimmen. Denn die schlimmsten Unfälle erlebte ich auf gut gesicherten offiziellen Spielplätzen und meist sogar im Beisein der Eltern.

Verbotschilder auf einem Kinderspielplatz in Berlin. Foto: Hanns-Werner Heister
Angebote und Verbote auf einem Kinderspilplatz der Stadt Emden. Foto: Hanns-Werner Heister

Wichtig ist, dass die Brachen, würden sie denn temporäre, vorübergehende Spielplätze, von Müll befreit werden und dann weiterhin frei gehalten werden. Giftiger Schutt, Glasscherben und anderer Unrat sind nicht gesund – letztere finden sich leider nicht ganz selten auch auf offiziellen Spielplätzen. Dass hier wie dort ab und zu unauffällig ein Elternteil vorbeischaut, oder sogar eine Polizeistreife, wenn sie nicht gerade mit der Jagd auf „Terroristen“ oder Linke beschäftigt ist, wäre wohl auch nicht schlecht.

Berlins schönster Spielplatz

In Berlin habe ich einen Lieblingsspielplatz, doch das ist höchst subjektiv: Ein Doppel-Platz in einem sehr kleinen Park mit Rasenfläche, neben Schwimmhalle und Stadtbücherei Schöneberg, also so richtig in der Nähe von Körper- und Kopf-Kultur. Der eine ist kleinräumig, eigentlich ein erweiterter Buddelkasten, aber mit Wasser, sonnig, mit hinreichend Bäumen für eventuell nötigen Schatten, mit einer angedeuteten Felsenlandschaft, dazu ein Holz-Zug zum Klettern, ein komplexes Klettergerüst mit Rutschen. Der andere Teil ist weiterräumig, vor allem für größere Kinder, mit einer Seilbahn und Platz zum Ballspielen.

Kriterien für einen guten Spielplatz

Ein in meinen Augen guter, weil angenommener Spielplatz hat unter anderem einiges zu bieten:

  • Wasser ist wesentlich. Zusammen mit dem ebenfalls unerlässlichen Sand ist „Matschepampe“ eines vom Schönsten für die Kinder zwischen zwei und zwölf. Nutzbare Erde wäre auch nicht schlecht: „Dreck“ ist noch besser als Sand – eben mehr Natur.
  • Ein modelliertes Gelände mit kleingliedrig differenzierten Räumen.
  • Grundsätzlich braucht es Abwechslungsreichtum: Klettern, Balancieren, Schaukeln, Rutschen, bei genug Platz ist auch ein Radfahr-Kreisel toll, braucht aber Platz. Prima sind auch Trampolins. Inzwischen gibt ist sehr viel ungefährlichere Möglichkeiten: direkt am Boden, wo die ganzen Sturzgefahren im wahrsten Wortsinn „entfallen“.
  • Räume zum Ballspielen; manchmal werden ja kriegsbedingte Baulücken nur dafür genutzt. Es muss nicht überall alles angeboten werden.
  • Die Einhaltung des Ruhegebotes. Es reicht nicht aus, mit Schildern darauf hinzuweisen, dass Lärmen und Musizieren verboten sind. Daher ist eine gewisse Kontrolle und Überwachung erforderlich, auch wenn sich das als schwierig erweist.
  • Möglichst auch Spielmaterial vom Hölzchen übers Stöckchen bis zu Steinchen und Steinen – Kinder haben meist noch viel Phantasie, brauchen aber zu deren Verwirklichung auch das entsprechende Material, Dinge, Gegenstände.
Kleiner Mensch, große Pfütze. Foto: Hanns-Werner Heister
  • Überdachte Schutzräume auf Spielplätzen halte ich für ganz wichtig – ich kenne kein einziges Beispiel, wo es einen überdachten Schutzraum gibt gegen Regen, der hierzulande auch im Sommer nicht selten fällt, darin Bänke, Tisch und Platz zum Spielen also nicht zu klein, etwas mehr als die immer mal wieder vorkommenden Haltestellen-Überdachungen für Bus- und Straßenbahn-Linien.

Kinder wollen gefragt werden

Die Einbeziehung der Kinder in die Planung von Spielplätzen gilt heute als sehr wichtig. Auch dass ist herrschende Forschungsmeinung. Dabei steckt darin vielmehr als nur eine Modeerscheinung und Herrschaftstechnik, um für eine antizipative Befriedung an runden Tischen zu sorgen. Kinder können sich bereits im Alter von drei Jahren klar artikulieren. Dass es sinnvoll ist, Kinder und Jugendliche zu befragen, bestätigt auch die Gartenamtsleiterkonferenz (GALK). Leider fehlen auf diesem Feld wirkliche empirische Grundlagen in der Planung und Gestaltung von Spielplätzen. Ich jedenfalls kenne keine bundesweite, repräsentative Umfrage, wie sich Kinder und Jugendliche ihre Lieblingsspielplätze wünschen. Zusammen mit begleitenden Beobachtungen wäre das eine aussagekräftige Grundlage für eine richtungsweisende Spielplatz-Gestaltung. Auch unabhängig von noch genauerer Empirie und Theorie sollten wir jedenfalls bei der Spielplatzgestaltung einfach mehr Freiraum wagen.

Zur Person

Prof. Dr. phil. Hanns-Werner Heister, geboren 1946 in Plochingen am Neckar, studierte Musikwissenschaft, Germanistik, Indogermanistik und Linguistik in Tübingen, Frankfurt/Main und Berlin. 1977 Promotion, 1993 Habilitation. Professor für Musikwissenschaft in Dresden (1992-1998) und TU Hamburg (1998-2011), Zahlreiche Lehraufträge und Gastprofessuren in Weimar, Costa Rica und Parma u.a., Forschungsschwerpunkte: Musikwissenschaft, Spiel sowie Gartenkunst und Gartenkultur.

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