Das Landschaftsarchitekturbüro Erich Hanke und die WIG 74

Ein Paradiesgarten anno 1971

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Abb. 1: Kurpark Oberlaa, Schwanensee mit dem Partygarten (Oktober 2022). Foto: Christian Hlavac

Nationale und internationale Gartenschauen sind - im Nachhinein betrachtet - auch Seismographen für die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse. Dies trifft auch für die vom 18. April bis 14. Oktober 1974 stattgefundene Wiener Internationale Gartenschau 1974 (kurz WIG 74) zu, wie im Folgenden gezeigt wird.

Startschuss im Jahr 1968

Für die WIG 74 bot sich - so die damalige Erzählung - am Fuße des Laaer Bergs im Süden Wiens die Gelegenheit, eine Gartenschau mit der Schaffung einer großen Grünanlage, dem heutigen Kurpark Oberlaa, zu verbinden. Die Gestaltung sollte - so Eduard Slezak 1970 in der Fachzeitschrift Der Aufbau - "eine städtebauliche Aufwertung des Wiener Südrandes bewirken [. . . ] Ja, es soll den Wienern ein neuer, der Erholung dienender Großpark gestaltet werden."

Wann die ersten (inoffiziellen) Gespräche über die Abhaltung der WIG 74 innerhalb der Politik und Verwaltung stattfanden, ist naturgemäß nicht zu klären. Und somit müssen die Wiener Gemeinderatssitzungen vom 17. und 20. Dezember 1968 als politische Startschusstermine für dieses Großprojekt gelten. Am 17. Dezember 1968 dürfte der für Tiefbau verantwortliche Stadtrat Kurt Heller erstmals öffentlich über dieses gesprochen haben:

"Auf dem zum größten Teil unter Landschaftsschutz stehenden Sanierungsgebiet [. . . ] soll in den nächsten Jahren eine Großgrünanlage von einmaliger Schönheit entstehen. Dieses prachtvolle Gebiet [. . . ] ist 86 Hektar groß, liegt direkt im Gebiet des künftigen Oberlaaer Kurbereiches, ist verkehrsmäßig gut aufzuschließen und daher als Erholungsgebiet und auch als Kurpark bestens geeignet. Die Anlage, mit deren Bepflanzung schon im nächsten Jahr begonnen werden müßte, soll im Jahre 1974 fertiggestellt und mit einer internationalen Gartenschau offiziell eröffnet werden."

In der Gemeinderatsdebatte am 20. Dezember 1968 meinte Kurt Heller, dass es sich beim Grundstück "um ein landschaftlich sehr schön gelegenes Landschaftsschutzgebiet handelt, das allerdings derzeit, wie der Wiener sagt, eine Gstätten¹ ist, jedoch mit sehr schön gelegenen Ziegelteichen [. . . ]. Ein nicht minder wichtiger Grund für die Auswahl dieses Grundstückes war, daß die von uns vor einiger Zeit erbohrte Schwefelquelle ganz nahe bei diesem Grundstück liegt und die Absicht besteht, auf diesem Gelände oder am Rande dieses Geländes einmal ein Kurzentrum mit all den Einrichtungen, die für ein Kurzentrum notwendig sind, zu errichten." Heller stellte dementsprechend den Antrag, die "Errichtung einer Großgrünanlage sowie die Durchführung einer Wiener Internationalen Gartenschau im Jahre 1974" in Wien-Oberlaa grundsätzlich zu genehmigen und den Magistrat zu beauftragen, die Vorarbeiten einzuleiten sowie einen internationalen Ideenwettbewerb durchzuführen.

Das vorgesehene Areal mit einem Höhenunterschied von 50 Meter umfasste damals neben Äckern ein ehemaliges Lehmabbaugelände für die Produktion von Ziegeln samt mehreren Teichen, die noch bis Baubeginn zum Baden verwendet wurden, und einige kleine illegale Müllablagerungsplätze.

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Abb. 2: Flugaufnahme des WIG-Geländes, 1974. Nachlass Erich Hanke, HHStAW. Repro: Christian Hlavac
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Abb. 3: Kurzentrum Oberlaa, Postkarte, um 1975. Postkarte: Sammlung Christian Hlavac
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Abb. 4: Kinderspielplatz "Universum" (Entwurf Büro Hanke), 1974. Nachlass Erich Hanke, HHStAW. Repro: Christian Hlavac

Sinn und Zweck

Die Gartenschau sollte - wie schon bei der WIG 64 am Gelände des heutigen Donauparks - als Vehikel für den kostenaufwendigen Bau einer Grünanlage dienen, diesmal nahe der Thermalschwefelquelle, deren provisorische "Quellenstation" im Oktober 1969 eröffnet worden war. Da diese bald nicht mehr den Anforderungen genügte, beschloss die Stadt, ein neues Kurzentrum mit größerer Kapazität zu bauen, welches zur Gartenschau fertiggestellt werden sollte. Das Kurzentrum wollte man - wie für Kurorte üblich - durch einen öffentlich zugänglichen Kurpark ergänzen. Um diesen politisch und finanziell zu stemmen, diente die Gartenschau als Legitimation. So konnte man einerseits eine repräsentative Schau österreichischen Gartenbaus zeigen, andererseits ein neues Erholungsgebiet für die südlichen Bezirke Wiens schaffen.

Der Bundespräsident und einstige Wiener Bürgermeister Franz Jonas meinte im Vorwort des offiziellen Ausstellungskatalogs: "Hier kann der licht- und lufthungrige Großstadtmensch nicht nur Erholung finden, es wird ihm auch eine neue Begegnung mit der Natur und ihrem Reichtum vermittelt." Etwas anders klang es in einer Presseaussendung der Stadt Wien vom April 1974:

"Die Stadt Wien nützte die einmalige Chance, eine kranke Stadtlandschaft an ihrer südlichen Peripherie in einen großartigen Naturpark zu verwandeln." Ähnlich äußerte sich Stadtrat Heller in seiner Ansprache bei der WIG-Schlussschau am 10. Oktober 1974. Demnach sei "in einem neu ausgebauten Stadtteil eine kranke Stadtlandschaft in einen Erholungspark verwandelt" worden. In diesen und ähnlichen Wortmeldungen wird somit ein negativ konnotierter "kranker" Landschaftsteil einem positiv konnotierten Erholungsraum gegenübergestellt.

Schon im Februar 1969 hatte ein Wiener Gemeinderatsmitglied zustimmend zur geplanten Gartenschau gemeint, dass dadurch "eine Mistgstätten saniert" werde. Gleichzeitig sprach dieser von den schönen Seiten des Geländes: Die "Ziegelteiche waren und sind auch heute noch für die Jugend ein Eldorado für ihre Spiele, aber auch bei den Fischern und Krebsefangern sehr beliebt."

Internationaler Wettbewerb

Wie schon angeführt, hatte Stadtrat Heller in der Gemeinderatssitzung vom 20. Dezember 1968 die Abhaltung eines internationalen Wettbewerbs für die Gestaltung des Gartenschaugeländes angekündigt. Im Juli 1969 stellte man den Ideenwettbewerb in einer Pressekonferenz erstmals vor:

Man forderte von den Teilnehmern einen Entwurf im Maßstab 1:1000, ein Erschließungs- und Versorgungskonzept (1:1000), einen Situierungsplan des Kurzentrums (1:500), Entwürfe von allen Hochbauten im WIG-Bereich (1:200), zwei "Detailfragen aus dem Gartenschauprogramm" (1:200) nach freier Wahl sowie ein Entwurfsdetail zu einem Wassergarten (1:200). Dazu kamen Flächenübersichten und Bauvolumina nach vorgegebenen Formblättern sowie eine Charakteristik des "Ideen-Entwurfes" als Text. Teilnahmeberechtigt waren "Arbeitsgemeinschaften, bestehend aus berufsausübenden autorisierten Landschafts- und Gartenarchitekten und Architekten". Gleichzeitig lief der nationale, beschränkte Wettbewerb für die Gebäude des Kurzentrums, zu dem zehn österreichische Architekten eingeladen worden waren.

Im April 1970 verlautbarte man die Ergebnisse des WIG-Wettbewerbs. Demnach waren 87 Projekte aus allen Kontinenten - außer Australien - eingesandt worden. Der Juryvorsitzende Gunnar Martinsson (Schweden) hielt fest, dass vor allem die Realisierbarkeit und die Originalität des Einfalls Maßstab für die Beurteilung gewesen wären. Bekanntgegeben wurde, dass die Jury keinen ersten Preis vergeben habe. Der zweite Preis ging an das Büro von Erich Hanke in Sulzbach am Taunus (Hessen), dessen Entwurf laut der Jury eine "gute Einbindung in die südliche Stadtlandschaft von Wien" bringe und die einzelnen Gestaltungsbereiche und Hochbauten "übersichtlich miteinander" verbinde.

Hervorgehoben wurden auch die leichte Realisierbarkeit und die Wirtschaftlichkeit des Entwurfs. Die zwei dritten Preise gingen an den polnischen Architekten Leszek Lesniak und Mitarbeiterinnen (Gartenarchitektin Lidia Koziel und Architektin Krystyna Holeska-Lesniak) sowie an die Landschafts- und Gartenarchitekten Hans Friedrich Werkmeister und Martin Heimer (BRD).

Erich Hanke und die Gesamtplanung

Der Preisträger Erich Hanke, am 7. Juni 1912 in Berlin geboren und am 6. Jänner 1996 in Sulzbach am Taunus (nahe Frankfurt am Main) gestorben, hatte eine Gärtnerausbildung absolviert. Nach der Arbeit in verschiedenen Betrieben studierte er von 1946 bis 1948 an der Hessischen Lehr- und Forschungsanstalt für Wein-, Obst- und Gartenbau in Geisenheim und schloss mit dem Diplom als staatlich diplomierter Gartenbauinspektor ab. Mit seinem 1949 gegründeten Planungsbüro in Sulzbach am Taunus gestaltete Hanke zahlreiche größere Grünanlagen, vornehmlich in Hessen.

Für Erich Hanke war die Teilnahme am Wettbewerb - zusammen mit dem Architekten Peter Schröder - nach eigener Aussage ein großes berufliches "Ereignis", bei dem ab Herbst 1969 bis zum Februar 1970 die verschiedenen Pläne ausgearbeitet wurden. Die offiziell erst im Jänner 1971 durch den Tiefbauausschuss des Wiener Gemeinderats erfolgte Beauftragung mit der planerischen Gesamtleitung änderte sein Leben und das seiner Familie.

Geplant wurde im ersten halben Jahr noch im Sulzbacher Büro, erst dann entstanden im Wiener Planungsbüro in einem alten Haus in Oberlaa die weiteren Detailplanungen. In der ersten Zeit leitete Jürgen Reinke das Büro in Wien. Im August 1971 kamen direkt nach Abschluss ihrer Ingenieurprüfung Erich Hankes Tochter Eva und sein späterer Schwiegersohn Werner Kappes nach Wien. Werner Kappes wurde von Erich Hanke mit der Koordinierung, Steuerung und Bauleitung betraut, Eva Kappes war für die Anfertigung unzähliger Pläne zuständig. Die beiden wohnten bis Mitte 1974 in einem Privathaus im südlichen Wien. Erich Hanke hingegen flog alle drei Wochen am Montag von Frankfurt nach Wien und am freitagabends zurück nach Frankfurt.

Spätestens im Oktober 1970 war ein Strukturmodell des Gartenschaugeländes im Maßstab 1:1000 und ein Vorentwurfsplan fertiggestellt, die beide nachweislich in der Wiener Gemeinderatssitzung am 16. Oktober 1970 im Sitzungssaal ausgestellt wurden. Neben der Gesamtplanung (künstlerischen Oberleitung) des Gartenschaugeländes und der Bauaufsicht wurde das Büro Hanke mit zahlreichen Detailplanungen betraut. Die Entwürfe stammten von Erich Hanke, die Zeichnungen wurden von den verschiedenen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen seines Büros ausgeführt, die in fast allen Fällen mittels der Planlegende einer Person zugeordnet werden können. Dies gilt auch für den für heutige Verhältnisse etwas bizarren Paradiesgarten der uns heute noch viel über das Mobilitätsverhalten der damaligen Zeit verrät.

Der Paradiesgarten

Der vom Büro Hanke spätestens ab April 1971 geplante und zum großen Teil noch heute erhaltene Paradiesgarten war und ist ein begehbarer Garten im wahrsten Sinne des Wortes. Die "richtige" Benutzung dieses Gartens gab der Ausstellungskatalog vor:

Lassen sich die Besucher nämlich durch die mit weißen Fußspuren markierten Wege leiten, so gelangen diese über zwei getrennte Treppenaufgänge, mit "Sie" und "Er" gekennzeichnet, in ein durch Pappeln umrahmtes Plateau zum "Stelldichein" vor einer Uhr. Unter einem metallenen "Kugelbaum" (Entwurf aus Juli 1973), umgeben von Blumen, soll sich das erste "Du" ergeben. Gemeinsam gelangen Sie und Er zum vertieften "Platz der Freude". Im Tanzschritt verlegte Fußspuren, vorbei an polsterartigen Blumenpflanzungen und einer metallenen Himmelschaukel, führen zum "am Wegrand abgestellten Glücksauto".

Damit fahren die beiden "durch einen mit Rosen bewachsenen Laubengang" und kommen in der Mitte zu zwei, heute nicht mehr existierenden eng verschlungenen lebenden Kugelbäumen, welche "die gemeinsame Fahrt in den 7. Himmel der Liebe symbolisieren. Dieser originelle Garten will die stets amüsanten Stationen des menschlichen 'Sich-Findens' aufzeigen." Nach Angaben einer Zeitzeugin standen auf einer Tafel die Worte: "Die Uhr, erste Begegnung, die Bank unter dem Baum, ein Wiedersehen - Tanz und verliebtes Fröhlichsein, die Fahrt ins Paradies - ein Leben!" Erich Hanke selbst schrieb in der Fachzeitschrift Garten und Landschaft von einer "Geschichte, die sich mit unserem Dasein, mit unserem Lebensweg befaßt."

Laut einem im August 1971 von Lidia Koziel, die zu jener Zeit als freie Mitarbeiterin im Wiener Büro von Erich Hanke arbeitete, gezeichneten Plan waren die noch heute vor Ort erhaltenen Fußspuren "aus mit Dyckerhoff Weiß eingefärbten Beton" in einer Stärke von 6 Zentimeter herzustellen. Die Platten sollten praktischerweise auf beiden Seiten die gleiche Oberflächenqualität aufweisen, damit sie als rechte und linke Fußsohlenmarkierung benutzt werden konnten. Der männliche Fußabdruck ist 51 Zentimeter lang, der weibliche mit 36 Zentimeter deutlich kürzer. Die Skizzen zu den weißen Möbeln wurden in Abstimmung mit einem Wiener Schmiedemeister erstellt. In lockerer Atmosphäre besprach man im Wiener Büro, was wie umgesetzt werden kann; dabei spielte vor allem die Rohrstärke für die Biegung eine wichtige Rolle.

Auch wenn der Paradiesgarten, von dem sich 14 Entwürfe und Detailpläne - fast alle von Eva Kappes gezeichnet - erhalten haben, nicht mehr die gesamte einstige Ausstattung aufweist, beeindruckt noch heute die weiße Möblierung aus Metall, die jedoch nie bequem war. Trotzdem lassen sich vor Ort immer wieder Personen beobachten, die für kurze Zeit das Glücksauto besteigen oder die "Sitzmöbel" nutzen.

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Abb. 5: Ideenskizze zum Partygarten (Ausschnitt), Februar 1971, gezeichnet von Jürgen Reinke (Büro Hanke) AÖGBM. Repro: Christian Hlavac
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Abb. 6: Plan zum Paradiesgarten (Ausschnitt), März 1972, gezeichnet von Eva Kappes (Büro Hanke). Nachlass Erich Hanke, HHStAW. Repro: Christian Hlavac

Weitere Detailplanungen des Büro Hanke

Auch für zahlreiche weitere Gartenbereiche hatte das Büro Hanke die Planungen erstellt, unter anderem für den Rosengarten, den Treppengarten, den Wasser- und Irisgarten, den Partygarten, den Konzertgarten, die Baumschulenschau, die Gestaltung rund um den Seerosenteich und drei Kinderspielplätze.

Beim Betrachten der umgesetzten Entwürfe wird das Vorherrschen runder und geschwungener Formen deutlich. Den Kreis als Grundform finden wir unter anderem beim Rosengarten, dem Konzertgarten und den Kinderspielplätzen sowie beim Seerosenteich mit runden Treppenstufen unterschiedlicher Pflasterung.

Geschwungene Linien lassen sich im Partygarten, im Wassergarten und bei Sitznischen ablesen. Nur der Treppengarten fällt mit seinen - im wahrsten Sinne des Wortes - Ecken und Kanten aus diesem Formenvokabular heraus.

Erich Hanke betonte in seinen Aufsätzen über die WIG 74 seinen gestalterischen Ansatz immer wieder: "Bei den einzelnen Gärten wurde häufig der Kreis Ausgangspunkt der Gestaltung", und durch das Gelände sei das "Gestaltungsprinzip vorgegeben: Fließende Formen, schwingende Flächen, Bewegung in allen Bereichen."

Detailplanungen anderer Büros

Die Auftragsvergabe für Detailplanungen an andere Planer ist ohne Ausnahme aus den Wettbewerbsbeiträgen (Preisträger, Ankauf und lobende Anerkennung) hervorgegangen. Die Entscheidung, wer welchen Gartenbereich planen werde, traf der Stadtgartendirektor Alfred Auer (1922-2002), auch auf Empfehlung von Erich Hanke.

Der Münchner Gartenarchitekt Gottfried Hansjakob (geb. 1937) wurde mit der Planung des "Kurgartens" im unteren Drittel des Gartenschauareals beauftragt. Laut ihm war der Kurgarten für die passive Erholung vor allem der Kurgäste bestimmt. Promenieren, Lesen und Ausruhen sollten ermöglicht werden; das visuelle und sensuelle Erlebnis stand hier im Vordergrund.

Den Planungsauftrag für den Gräsergarten im Südosten des Gartenschauareals erhielt der Wiener Gartenarchitekt Josef Oskar Wladar (1900-2002). Sein Vorentwurf für die "Gräser- und Wildrosenschau" - so der interne Titel - datiert mit April 1971. Die Gräser- und Wildrosenschau auf einer Fläche von 30.000 Quadratmeter war durch eine am höchsten Punkt errichtete Stern-Pergola sowie eine "Birkenbastion" im Zentrum geprägt.

Ursprünglich befand sich auf der Fläche ein mit Schilf versehener Teich, den Wladar in seine natürlich wirkende Gestaltung einbezog. Diese sollte einen bewussten Gegensatz zum danebenliegenden Kurgarten bilden. Für die Weganlagen und die Ausgestaltung kamen daher nur "naturbezogene" Werkstoffe in Frage; das Terrain modellierte man anscheinend ohne Einsatz von schweren Planiergeräten.

Für die Planung des "Wassertals" wurde der Grazer Garten- und Landschaftsarchitekt Hermann Kern (1935-2017) - unter Mitwirkung des Wiener Landschaftsarchitekten Karl-Heinz Walzer - beauftragt. Der erste erhaltene Entwurf von Hermann Kern für das Wassertal stammt vom Juni 1971. Dieses Tal war jener Bereich des Gartenschauareals, der zum großen Teil noch auf die Teich-Wasser-Landschaft aus der Zeit der Lehmgewinnung zurückging.

Kerns und Hankes Credo dürfte hier gewesen sein, das Tal in seinem natürlichen Charakter zu belassen, das geschützt vor den rauen Winden war und daher laut Kern bereits vor Planungsbeginn eine interessante Strauchschicht aufwies. Die bestehenden Teiche, die in ihren Dimensionen nur wenig verändert worden sein dürften, mussten jedoch ausgebaggert und mit einer Abdichtung versehen werden.

Utopischer Garten

Herbe Kritik erhielt der "Utopische Garten", der von den Pariser Architekten Michel Herbert und Roland Jiptner geplant worden war. So schrieb Martin Gruhler nach einer kurz vor Ende der WIG durch Erich Hanke höchstpersönlich erfolgten Führung einer Gruppe von Studenten des fünften Semesters Landespflege der FH Geisenheim: "Selbst die progressiven Studenten waren schockiert. So etwas wollte man nicht zulassen, selbst wenn es sicherlich Argumente für solche Experimente gibt."

Laut Presseaussendung der Stadt Wien vom Juni 1972 stellten sich die beiden Pariser Architekten einen künstlichen Garten vor, der "Bekanntes in ungewohnter Form" erleben lässt. Nach eigenen Aussagen Roland Jiptners ruhte die Konzeption auf folgender Überlegung: "Der Utopische Garten kann als Garten mit besonderem Charakter weder einen anzustrebenden Idealzustand, noch die zu vermeidende mögliche Katastrophe festhalten. Er wäre dann nicht utopisch."

Das Gestaltungsprinzip mit dem Quadrat als Grundform beruhe "auf dem Gegensatz von streng geometrischer abstrakter Form und freier Naturform." Der sehr abstrakte Ansatz, der dominierende Einsatz von Beton und das Fehlen von Pflanzen irritierte jedoch die meisten Besucher.

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Abb. 7: Paradiesgarten: Himmelschaukel, Blütenbaum und Laubengang, 1974. Nachlass Erich Hanke, HHStAW. Repro: Christian Hlavac
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Abb. 8: Fußspuren im Paradiesgarten (Oktober 2022). Foto: Christian Hlavac
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Abb. 9: Paradiesgarten: Glücksauto und Bank unter einem metallenen Kugelbaum (September 2014). Foto: Christian Hlavac
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Abb. 10: Himmelschaukel und Uhr im Paradiesgarten (Oktober 2022). Foto: Christian Hlavac

Autogerechte Planung

Bereits bei der Debatte um die grundsätzliche Genehmigung der WIG 74 hatte Stadtrat Heller von der Verlängerung einer schon bestehenden Straßenbahnlinie nach Oberlaa gesprochen. Es dürfte jedoch manchen an der Planung Beteiligten rasch klargeworden sein, dass ein zusätzliches öffentliches Verkehrsmittel eingerichtet werden muss.

Im November 1970 stand die Einführung einer zusätzlichen Autobuslinie zum zukünftigen Gartenschaugelände fest. Doch trotz dieser beiden (kapazitätsmäßig nicht ausreichenden) öffentlichen Verkehrsmittel war gemäß der damals noch immer propagierten "autogerechten Stadt" der Bau neuer hochrangiger Straßen zum Gelände und eine enorme Anzahl an Pkw-Stellplätzen vorgesehen, wobei die Quellen eine eindeutige Aussage über die genaue Anzahl nicht zulassen.

Bereits im Dezember 1969 sprach ein Wiener Gemeinderatsmitglied von 10.000 zu errichtenden Abstellplätzen, wovon 7000 als Provisorien für die Dauer der Gartenschau errichtet werden sollten. Er hoffte, dass diese 10.000 Plätze "für den Individualverkehr genügen."

In einer Presseaussendung der Stadt Wien vom November 1970 nannte man ebenfalls die Zahl von 10.000 Parkplätzen, im April 1972 war hingegen nur mehr die Rede von 5700 Parkplätzen. Im Jänner 1973 bewilligte der Tiefbauausschuss die Errichtung von 2700 Pkw-Stellplätzen, wobei nun 1240 nach der Gartenschau bestehen bleiben sollten. Kurz vor der Eröffnung der WIG schrieb der Pressedienst der Stadt Wien von 3500 Parkplätzen; im offiziellen Ausstellungskatalog wurde jedoch noch die Zahl von 5700 Parkplätzen angegeben.

Unabhängig von der tatsächlichen Anzahl an Pkw-Stellplätzen wird bei der Verkehrserschließung, den Parkplätzen und dem Paradiesgarten wird deutlich, wie das Automobil in jener Zeit direkt und für alle sichtbar die Vorstellung eines "paradiesischen" Parks beeinflusste². Eine autogerechte Planung stand auf der einen Seite, während auf der anderen Seite erste Naturschutzgedanken in die Planung einflossen, wie bei der Planung des "Wassertals" zu sehen ist. Fraglich ist, ob den Beteiligten der - aus heutiger Sicht deutlich auffallende - Widerspruch bewusst war . . .

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Abb. 11: Kurgarten, nach einem Entwurf von Gottfried Hansjakob (August 2020). Foto: Christian Hlavac
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Abb. 12: Utopischer Garten, nach einem Entwurf von Michel Herbert und Roland Jiptner, 1974. Nachlass Erich Hanke, HHStAW. Repro: Christian Hlavac
Anmerkungen

¹ Im Wienerischen wird mit "Gstätten" eine unbebaute, verwilderte und kaum erschlossene Fläche bezeichnet, die im Gegensatz zu einem Garten oder Park nicht gepflegt wird und von der staatlichen Ordnungsmacht keine besondere Aufmerksamkeit erhält.

² Die durch den Jom-Kippur-Krieg (Oktober 1973) ausgelöste Ölkrise konnte sich verkehrsplanerisch nicht mehr auf die WIG 74-Planung auswirken.
Der Beitrag basiert auf den Ergebnissen des von der Stadt Wien Kultur geförderten Forschungsprojekts "Die Planungsgeschichte der Wiener Internationalen Gartenschau 1974" (Autor: Christian Hlavac, Januar 2023, unveröffentlicht).

Archivalische Quellen und Literatur
  • Nachlass Erich Hanke (Hessisches Hauptstaatsarchiv, HHStAW).
  • Archiv des Österreichischen Gartenbaumuseums (AÖGBM).
  • Nachlässe von österreichischen Landschaftsarchitekten im Archiv Österreichischer Landschaftsarchitektur (BOKU Wien).
  • Galehr, Anna: WIG 74. Entwicklung und Nachnutzung des Areals der Wiener Internationalen Gartenschau von 1974 bis 2016. Masterarbeit Universität für Bodenkultur. Wien 2016 (unveröffentlicht).
  • Hlavac, Christian: Wiener Internationale Gartenschau 1974. Herausforderungen für die Pflege im heutigen Kurpark Oberlaa. In: Stadt+Grün, Heft 4/2016, S. 40-45.
  • Hlavac, Christian: Wiener Parkgeschichten. Wien 2021.
Dr.- Ing. Christian Hlavac
Autor

Gartenhistoriker und Gartentouristiker am Zentrum für Garten, Landschaft und Tourismus, Wien

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