Menschen suchen kleine Fluchten aus Pandemie und Kriegstreiben

Landesgartenschau Beelitz: Sehnsucht nach einer heilen Welt?

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Brandenburg Landesgartenschauen und Grünprojekte
Pavillon am Mühlteich. Foto: www.laga-beelitz.de

Die Gartenschau in Beelitz wirkt verspielt, romantisch, irgendwie aus der Zeit gefallen - und könnte gerade damit einen Nerv treffen. Viele Menschen sehnen sich nach zwei Jahren Pandemie nicht nur zurück in die Normalität, sondern nach einem Stück "heiler Welt". Und genau die will ihnen Beelitz bieten. Angesichts der noch immer herrschenden Pandemie und den aktuellen Ereignissen in der Ukraine scheint dieser Wunsch verständlich. Der Park wurde als schlichter Landschaftspark in das Auengebiet zwischen Stadt und Nieplitz eingebettet, die Ausstattungen wurden nach und nach ergänzt und gehörten ursprünglich gar nicht zum Entwurfskonzept des Parks.

"Ein Gartenfest für alle Sinne"

Unter diesem Motto findet vom 14. April bis 31. Oktober 2022 nun die 7. Brandenburger Gartenschau statt. Die Hoffnungen der Veranstalter sind groß, dass mit der Eröffnung Mitte April die Ängste und Einschränkungen im Zusammenhang mit Corona nachlassen. Eine weitläufige Veranstaltung im Freien bietet hierfür optimale Bedingungen. Schon im letzten Sommer war das starke Bedürfnis nach Kultur und Unterhaltung spürbar. Der Umsatz bei den Fernreisen zieht wieder an, hat aber noch lange nicht das vorpandemische Niveau wieder erreicht. Der Urlaub in der Region und der Tagestourismus werden daher - laut Prognosen - boomen.

Beelitz und die Region wollen sich im Gartenschaujahr als Gastgeber präsentieren und laden die Besucher ein, einen ganzen Sommer lang gemeinsam zu feiern, zu schlemmen und Freunde zu treffen - genau das also, auf was wir so lange verzichten mussten.

Das Gelände

Eine Fläche von rund 15 Hektar zwischen historischer Altstadt und Nieplitzauen wurde zu einem neuen Park gestaltet, der nahtlos in Wiesen, landwirtschaftliche Flächen und Gartennutzungen übergeht. Die Fläche war schon immer feucht und blieb daher unverbaut. Beeinträchtigende Nutzungen wie Garagen und Teile eines ehemaligen Klärwerks wurden entfernt, ein landschaftlich störendes und nicht mehr wirtschaftlich zu betreibendes Freibad wurde verlagert. Die reizvolle Kulisse des historischen Ortskerns trifft nun direkt auf den neu gestalteten Landschaftsraum.

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Boomstadt in Brandenburg

Beelitz ist eine aufstrebende brandenburgische Stadt mit rund 13.000 Einwohnern unweit von Potsdam und im weiteren Einzugsbereich von Berlin. Die Stadt konnte sich ihre jahrhundertealte und für Brandenburg typische Struktur einer Ackerbürgerstadt bewahren. Seit der Wiedervereinigung wird die Beelitzer Altstadt kontinuierlich saniert und erstrahlt heute in neuem Glanz. Der Tourismus wurde neben landwirtschaftlichen Produkten zu einem zunehmend wichtigen Standortfaktor.

Aktuell erwacht das nahegelegene Areal "Beelitz Heilstätten" aus einem langen Dornröschenschlaf. Die imposanten Ruinen eines denkmalgeschützten Klinikkomplexes, der zwischen 1898 und 1930 errichtet wurde, waren lange nur als gruselige Filmkulisse oder "Lost Place" bekannt. Nun wird das Areal von insgesamt rund 200 Hektar schrittweise zu einem neuen Quartier entwickelt und wird viele neue Bewohner in die Region ziehen. Ein Baumkronenpfad erschließt das Areal inzwischen touristisch und macht Architektur, Geschichte und Natur gleichermaßen erlebbar.

Leitmotiv Kulinarik

Beelitz ist in der Region für den Spargelanbau berühmt. "Spargelstadt Beelitz" lautet der offizielle Name der Stadt seit 2013. Das jährliche Spargelfest zieht bis zu 40.000 Besucher an einem Wochenende an. Inzwischen steht aber auch der Anbau und die Weiterverarbeitung anderer regionaler Produkte hoch im Kurs, wie Erdbeeren, Heidelbeeren, Kürbisse oder die Modepflanze Aronia. Einige Spargelhöfe haben sich zu wahren Erlebniswelten entwickelt - mit Hofladen, Gastronomieangeboten und vielen Aktions- und Unterhaltungsangeboten.

Die Gartenschau soll nun das Image einer "Genussregion" weiter stärken. "Kulinarik" zieht sich deshalb wie ein roter Faden durch viele Ausstellungsbeiträge. Neben einer Hauptgastronomie, die sich zu frisch gekochtem, hochwertigem und kreativem Essen verpflichtet hat, wird es mehrere "Genussinseln" geben: Cafés in einem Pavillon und der sanierten Mühle, eine Cocktailbar, ein Grillareal sowie mehrere Picknickplätze. Besucher sollen auch die Restaurants und Cafés der Altstadt besuchen. Auf einem Regionalmarkt rund um die zentrale Stadtpfarrkirche werden darüber hinaus heimische Erzeugnisse und Gerichte angeboten.

Festspielstadt Beelitz

Vor allem durch das leidenschaftliche Engagement des Bürgermeisters hat sich Beelitz seit 2013 zu einer erfolgreichen Festspielstadt entwickelt. Unter freiem Himmel wurde alle zwei Jahre mit viel Aufwand eine große Bühne aufgebaut und die gesamte notwendige Infrastruktur bereitgestellt. Gezeigt werden aufwendig inszenierte Stücke aus Operette und Theater. Durch den Umbau einer ehemaligen Kläranlage entsteht nun ein Amphitheater und damit eine feste Spielstätte, die auch für Konzerte und weitere Großveranstaltungen genutzt werden kann.

Nieplitz, Mühlenfließ und Mühlteich

Beelitz liegt in einer von den Flüsschen Nuthe und Nieplitz eingerahmte Niederungslandschaft inmitten eines Naturparks. Dieser ist als Vogelparadies bekannt. Die Nieplitz wurde im Zuge der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie im mittleren Verlauf, der auch die Bereiche des Gartenschaugeländes einschließt, naturnah umgestaltet. Bereiche des Ufers wurden abgeflacht, bepflanzt und mit strukturgebenden Einbauten versehen. An einer Stelle wird das Wasser nun über eine Treppenanlage für Besucher unmittelbar erlebbar.

Ein wesentliches Ziel der Renaturierung war die Überwindung eines alten Wehrs, welches bislang Fischwanderungen verhindert hat. In einer Machbarkeitsstudie wurde untersucht, ob als Umgehung das Mühlenfließ, ein ehemaliger Wassergraben unmittelbar südlich der Altstadt, wieder geöffnet werden kann. Er wurde zum Betreiben einer Wassermühle genutzt und in den 1960er Jahren zugeschüttet. Letztlich hat man sich für eine kostengünstigere Fischaufstiegsanlage am Wehr entschieden. Das Mühlenfließ sollte dennoch wieder entstehen - nun aber als künstliches und künstlerisch gestaltetes Wasserband, das die neue Parkpromenade südlich der Altstadt begleitet.

Auch der ehemalige Mühlteich ist neu entstanden - aus genehmigungsrechtlichen Gründen allerdings als nur temporär genehmigter Löschwasserteich. Mühlenfließ und Teich entstand in Zusammenarbeit mit dem Büro Polyplan-Kreikenbaum aus Bremen, das sich durch innovative Planungen rund um das Wasser einen Namen gemacht hat.


Beelitz als Sehnsuchtsort?

Als Planungsbüro haben wir wie die Stadt Beelitz mit der ganzen Bevölkerung das Ziel, möglichst viele Besucher*innen anzulocken. Doch welches ist das richtige Rezept? Auf der Landesgartenschau in Würzburg 2018 waren wir für das Ausstellungskonzept verantwortlich. In einem sehr modern gestalteten Stadtpark des Berliner Büros hutterreimann Landschaftsarchitektur legten wir den Schwerpunkt auf Zukunftsthemen: Klimawandel, neue Wohnformen, Ernährung, Innovationen. Ziel war es, Gartenschauen weiter zu entwickeln, dem Zeitgeist anzupassen, sie neu zu erfinden. Viele Besucherinnen und Besucher, die eine "klassische Gartenschau" erwartet haben, zeigten sich jedoch enttäuscht. Neue Zielgruppen konnten wir nur zum Teil erreichen. Waren wir zu ehrgeizig? Haben wir an den Wünschen der Besucher vorbeigeplant?

Die Gartenschau in Beelitz hatte von Anfang an eine ganz andere Zielsetzung und wirkt nun wie ein Gegenentwurf zu Würzburg. Hier ist eine Art Arkadien entstanden - ein verlorener Garten Eden, der ganz im Kontrast zu den avisierten Fortschrittsvisionen etwa von Würzburg steht. Die auf Wunsch des Bauherren und seiner künstlerischen Berater platzierten Ausstattungen und Dekorationen wirken wie aus einer anderen Zeit, einer Traumwelt: so etwa die historisierenden Pavillons am Teich und im Park, die klassischen Steinfiguren, eine Sphinx an der Freilichtbühne oder ein Schiffswrack, das zum Café umfunktioniert wurde und vieles mehr. Von den bisherigen Besuchern bei Führungen und auf den Social-Media-Kanälen gibt es vorab sehr gutes Feedback. Die Veranstalter können sich sicher sein, dass die Gartenschau unter den aktuellen Rahmenbedingungen ein Publikumserfolg wird.

Der Weg zur Gartenschau

Unser Büro durfte die Stadt bereits bei der Bewerbung um die Austragung einer Landesgartenschau 2019 unterstützen. Ein "Kompetenzteam" aus Bürgermeister, Mitgliedern der Verwaltung und externen Beratern erarbeitete nach einer erfolgreichen Interessenbekundung die Bewerbungsunterlagen. Den Zuschlag erhielt damals die Stadt Wittstock. Man wollte eine bedürftigere Region und nicht das boomende, wirtschaftlich starke Beelitz im Speckgürtel Berlins weiter stärken. 2017 erhielten dann überraschend die beiden für 2019 nicht berücksichtigten Bewerber Beelitz und Spremberg eine erneute Chance, sich für 2022 zu bewerben. Die politischen Parameter hatten sich inzwischen gewandelt, Beelitz erhielt den Zuschlag.

Einen ersten Parkteil durfte Beelitz schon nach der noch erfolglosen ersten Bewerbung als "Trostpflaster" über Fördermittel realisieren. Zwei weitere Bereiche wurden nach dem Zuschlag über europaweite Vergabeverfahren ausgeschrieben, die wir im Team mit weiteren Fachplanern für uns entscheiden konnten. Für den Bereich "Festspielareal" wurde ein offener freiraumplanerischer Wettbewerb ausgelobt. Den Zuschlag erhielt das Büro RMP Stephan Lenzen Landschaftsarchitekten.

Während beispielsweise Bayern im laufenden Bewerbungsverfahren für Gartenschauen in den Jahren 2028 bis 2030 den Umfang der Bewerbungsunterlagen inzwischen stark beschränkt, geht Brandenburg den entgegengesetzten Weg. Nach einer noch wenig aufwendigen Interessenbekundung als erste Stufe konkurrieren die als erfolgversprechend eingestuften Städte durch sehr umfangreiche und detaillierte Unterlagen. Diese reichen von Planungen in Vorentwurfstiefe über ein detailliertes gärtnerisches und kulturelles Programm, einem Marketingkonzept bis hin zu Besucherprognosen, Mobilitätskonzepten und der Kalkulation von Eintrittspreisen. Unter diesen Vorzeichen läuft auch das aktuelle Auswahlverfahren für die Austragung der 8. Brandenburger Gartenschau 2026.

Was bleibt nach der Gartenschau?

Im Hinblick auf den langfristigen Nutzen der Anlage ist die Gartenschau auf jeden Fall ein großer Erfolg für Beelitz. Es ist eine robust gestaltete Parkanlage von bleibendem Wert entstanden. Die unbebaute Fläche südlich der historischen Altstadt bleibt dauerhaft als Freifläche mit hohem ökologischen Wert erhalten. Das neue Wegenetz bietet unterschiedlich lange Rundwege und ist verwoben mit überörtlichen Fuß- und Radwegeverbindungen. Heutige und zukünftige Bewohner aus Beelitz und Umgebung finden neue Naherholungsangebote unmittelbar vor den Toren der Stadt. Neben der historischen Altstadt wird sicher auch der neue Park an der Nieplitz mit seinen bleibenden Attraktionen zum beliebten Ausflugsziel und so den Tourismus weiter stärken. Und endlich gibt es genug Platz und eine ausgebaute Infrastruktur zur Durchführung der immer beliebter werdenden Veranstaltungen und Feste.

Die Pandemie mit ihren mentalen Auswirkungen hat offensichtlich zu neuen Wünschen, Bedürfnisse und Anforderungen an Freiräume geführt und stellt an uns als Planer die Frage, welche Angebote wir künftig machen können und wollen. Für uns ist die Gartenschau in Beelitz ein spannendes Experiment: Welchen Zuspruch, welche Reaktionen wird sie auslösen? In welche Richtung sollen sich Gartenschauen zukünftig entwickeln? Gerne möchten wir mit unseren Kolleginnen und Kollegen in den Planungsbüros hierzu eine Debatte beginnen.

Dipl.-Ing. Christian Loderer
Autor

Landschaftsarchitekt, Geschäftsführer der plancontext GmbH

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