Starkregenereignisse für höhere Biodiversität nutzen

Regenwassermanagement naturnah gestalten

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Abb.1: Der Klimawandel erfordert ein Umdenken bei der Nutzung von Regenwasser. Es muss nicht immer weggleitet werden, sondern kann für die Flora und Fauna gewinnbringend eingesetzt werden. Foto: Reinhard Witt

Abb. 2: Lebensfeindlichkeit pur. Viele Außenflächen von Gewerbeanlagen sind Beispiele, wie wir schnell und gründlich dazu beitragen könne, dass es bald noch weniger Wildpflanzen und Wildtiere in unserer Heimat geben wird. Das ist gelebte Artenvernichtung. Durch das untergelegte Vlies kann Regenwasser selbst in solchen Schottermulchfläche nicht schnell genug versickern und wird auf die Parkflächen und damit in die Kanalisation abgeleitet. Hier eine auch ästhetisch fragwürdige Lösung mit Marmorschotter an einem Baumarktparkplatz irgendwo in einem der unzähligen Gewerbegebiete Süddeutschlands. Foto: Reinhard Witt

Abb. 3: Hektarweise Schurrasen. Hier warten unzählige Quadratmeter wöchentlich gemähten Schurrasens, dass endlich einer mal ein Einsehen hätte. Zwar kann hier Regenwasser natürlich versickern, doch was hätte eine naturnahe Planung mit den hektarweisen Dachwassermengen an Lebendigkeit gestalten können? Nebenbei bemerkt: Als Beitrag zur Steigerung der Biodiversität im Außengelände kann man das Areal eines bedeutenden Klinikums in den weiten Norddeutschlands ebenfalls nicht messen. Foto: Reinhard Witt

Abb. 4: Naturnah oder nicht? So oder so. Auf der linken Hälfte das naturnah gestaltete Außengelände von Skywalk in Marquartstein mit wildblumiger Vielfalt und einer modellierten Landschaft im Miniformat. Rechts dagegen eine konventionelle Gewerbegrüngestaltung. Einige Hochstammbäume und Schurrasen, das war´s. Foto: Reinhard Witt

Abb. 5: Versickerungsmulde im Gewerbe. Beim Firmengelände von Wenniger & Kugler in Niederneuching plante Reinhard Witt 1997 diese Versickerungsmulde in einem Kiesbecken hinter dem Bürogebäude ein. Bepflanzt wurde sie mit Schwertlilie, Wasserdost und Co, besiedelt alsbald von Laubfröschen. Das Bild stammt von 2012. Foto: Reinhard Witt

Abb. 6: Versickerungsmulde im Kindergarten. In der Astrid-Lindgren-Kita Bersenbrück ließ Helmut Hechtbauer das Dachwasser mitten im Spielgelände versickern. Die Mulde wurde mit Wildblumen besät und sieht aus wie ein Spielplatz. Ist es auch. Foto: Reinhard Witt

Das große Thema unserer Zeit: Der Klimawandel schlägt immer bemerkbarer zu, mit all seinen Extremwetterereignissen. Nicht nur die Temperaturen spielen verrückt und ein Jahrhundertsommer folgt auf den nächsten. Auch so genannte Starkregenereignisse finden immer mehr statt, in einer Weise und Häufigkeit, wie Meteorologen sie nicht kennen und kaum vorhersagen können. Das bedeutet ein Umdenken im Umgang mit dem Regenwasser. Es ist grundverkehrt, es einfach wegzuleiten und damit die Hochwasserwellen der Flüsse zu verstärken.

Man kann es gewinnbringen, auch finanziell gedacht, im Gelände unterbringen und so für viele einen Mehrwert schaffen: Mensch, Natur, Pflanzen und sogar Tiere. Stichwort Biodiversität. In Zeiten des massenhaften Wegsterbens von Tierarten in einer ehemals artenreichen Natur und Landschaft kommt dem Siedlungsraum eine rettende Aufgabe zu. Die großen Grün- und Freiflächen könnten und sollen naturnah oder wenigstens näher werden. Naturnah gestaltete Bereiche können tatsächlich bedrohten Tierarten helfen, (Witt 2014). Und in diesem Zusammenhang lohnt auch der Blick auf Gewerbegebiete und Industrieareale, die oft mitten im Siedlungsbereich liegen oder für die der Siedlungsbereich weiter anwachsen muss, um ein weiteres Stück freie Landschaft zu versiegeln.

Lebensfeindlichkeit pur

Viele Außenflächen von Gewerbeanlagen sind Beispiele, wie wir schnell und gründlich dazu beitragen können, dass es bald noch weniger Wildpflanzen und Wildtiere in unserer Heimat geben wird. Das ist gelebte Artenvernichtung. Durch das untergelegte Vlies kann Regenwasser selbst in solchen Schottermulchfläche nicht schnell genug versickern und wird auf die Parkflächen und damit in die Kanalisation abgeleitet. Hier eine auch ästhetisch fragwürdige Lösung mit Marmorschotter an einem Baumarktparkplatz irgendwo in einem der unzähligen Gewerbegebiete Süddeutschlands.

Hektarwiese Schurrasen

Hier warten unzählige Quadratmeter wöchentlich gemähten Schurrasens, dass endlich einer mal ein Einsehen hätte. Zwar kann hier Regenwasser natürlich versickern, doch was hätte eine naturnahe Planung mit den hektarweisen Dachwassermengen an Lebendigkeit gestalten können? Nebenbei bemerkt: Als Beitrag zur Steigerung der Biodiversität im Außengelände kann man das Areal eines bedeutenden Klinikums in den weiten Norddeutschlands ebenfalls nicht messen.

Naturnah oder nicht?

So oder so. Auf der linken Hälfte das naturnah gestaltete Außengelände von Skywalk in Marquartstein mit wildblumiger Vielfalt und einer modellierten Landschaft im Miniformat. Rechts dagegen eine konventionelle Gewerbegrüngestaltung. Einige Hochstammbäume und Schurrasen, das war´s.

Regenwasser versickern statt wegleiten

Inzwischen ist es verpönt, Regenwasser in die Kanalisation zu leiten. Mag sein, dass es dereinst sogar einmal verboten sein wird. Heute wird vielerorts mit einer Art Strafzoll (Versiegelungsabgabe) belegt, wer Regenwasser unnötigerweise in den Kanal schickt. Anders gesagt: Jeder Quadratmeter nicht versiegelter Boden oder Dachbegrünung spart Geld und reduziert die Hochwassergefahr flussabwärts. Im Normalfall werden zur Regenwasserversickerung riesige Rigolen gebaut, also unterirdische Versickerungseinrichtungen, die das Regenwasser von Starkregenereignissen auf einen Schlag aufnehmen können. Das mag in Innenstädten mit kleinen Grundstücken und großen Versiegelungsflächen unabdingbar sein, ist es aber keineswegs, wenn etwas mehr Platz zur Verfügung steht. Selbst bei genereller Rigolenentwässerung sollten auf jeden Fall einige kleinere Bereiche zusätzlich oberflächlich entwässert werden, allein wegen der Ästhetik feuchter Lebensräume und mehr noch aus Naturschutzmotiven. Im Zweifelsfall also das Wasser oben versickern lassen und nicht vergraben. Ansonsten addieren sich technisch anspruchsvolle unterirdische Entwässerungs- und Versickerungskonzepte zum teuren architektonischen Irrweg.

Firmengebäude von Skywalk in Marquartstein

12. Mai 2016, 13:32 Uhr: 1000 Quadratmeter Dachfläche entwässern in sechs Regenwasserrohren - in naturnahe Versickerungsgräben, in denen im Kiesbett heimische Wildpflanzen der Feucht- und Trockenstandorte vereint stehen, Biodiversität realisieren und einen Hort der Lebensfülle schaffen. Der Wolkenbruch füllt die Sumpfgräben und die Versickerungsbecken und liefert Nachschub für vier ins Entwässerungssystem integrierte, mit Folie abgedichtete Regenwasserteiche. Nass schießt aus allen Rohren. Das Skywalk-Firmengelände liegt unmittelbar am Alpenwildfluss Tiroler Achen, der bloß noch ein Abbild früherer Zeiten ist. Sieben Meter hoch eingedämmt und verdeicht mündet er einige Kilometer weiter unten in den Chiemsee. Nur hier, auf dem Firmengelände, darf sich ursprüngliche Dynamik noch entfalten. Das Regenrohrwasser hat einen kleinen Wildbach die Böschung hinabgegraben, mit Prall und Gleithängen, Kiesinseln und Gumpen. Eine Miniaturausgabe der einstigen Tiroler Achen. Nur, dass dieses Wasser nicht den großen Strom schnell verstärkt und flussabwärts zu Überschwemmungskatastrophen führen wird. Dieses Wasser spendet vor Ort bleibend Leben.

Oberflächenversickerung

Im Idealfall und mit einem naturnahen Planer an der Hand, kann man sogar sämtliches auf dem Grundstück anfallendes Oberflächen- und Dachwasser vor Ort versickern lassen. Das bedeutet nicht einmal eine Beeinträchtigung der Gestaltung, sondern einen ästhetischen Gewinn. Eine Faustregel besagt, dass pro 100 Quadratmeter Dachfläche rund drei Quadratmeter Versickerungsraum freigehalten werden sollen. In regenreichen Gegenden und bei fortschreitendem Klimawandel und häufigeren oder größeren Starkregenereignissen aber lieber auf fünf Quadratmeter (= 5 % der Dachfläche) gehen. Diese Seiten dienen auch der Erkenntnis, wie schön Wasser in all seinen Formen sich auf dem Grundstück auswirken kann.

Hauptgewinn für den Naturschutz

Darüber hinaus wirkt die naturnahe, direkte Regenwasserversickerung wie ein gewaltiger Anschub für den Naturschutz. Es entstehen die landesweit am meisten zurückgegangenen Feuchtbiotope neu. Damit kehren viele fast verschwundene und hochgradig gefährdete Tier- und Pflanzenarten zurück. Dass Laubfrösche, Unken, Molche, Libellen und sogar Regenpfeifer in der Lage sind, inmitten des Siedlungsraumes erfolgreich zu leben, zeigen inzwischen etliche realisierte Beispiele des Autors. Natürlich profitieren solche Arten noch mehr, wenn nicht nur die Regenwasserversickerung naturnah ist, sondern das gesamte Gelände nach diesem Konzept gestaltet wurde. Dabei zählt freilich der Versiegelungsgrad. Naturschutzverbände fordern zehn Prozent der Landesfläche für einen effektiven Naturschutz unserer Heimat. Das muss auch das Minimum des Flächenanteils zum Beispiel für naturnahe Gewerbegebiete oder Betriebsgelände sein. Projektbeispiele des Autors zeigen, dass dieser Wert leicht umzusetzen ist und nicht selten sogar weitaus größere Flächenanteile erreicht werden können. Im Optimalfall konnten sogar 58 Prozent, teils sogar 80 Prozent des Firmenareals unversiegelt bleiben und naturnah gestaltet werden.

Welche Böden geeignet sind

Über die Bodenart in Versickerungsbecken und Gräben gehen die Meinungen weit auseinander. In der Regel heißt es: Ohne Oberboden geht es nicht! In entsprechenden Regelungen und Empfehlungen in Deutschland wird die Oberbodenversickerungsmulde propagiert. Ebenso in Österreich. So empfiehlt das Land Oberösterreich Oberbodenauflagen von 30 Zentimetern, die dann allerdings mit heimischen Hochstauden bepflanzt werden können. Dabei sind die in der konventionellen Baupraxis üblichen Oberbodenmulden gar nicht so gut zur Versickerung geeignet. Sie haben, besonders wenn sie mit Rasenmischungen angesät werden, eine um bis zu 30 Prozent schlechtere Versickerungsleistung als etwa Staudenpflanzungen oder Blumenwiesenansaaten. Auch durchlässige Unterböden sind bestens. Doch auch hier wird leider noch oft mit zum Beispiel Splitt 2/5 Millimeter gemulcht, statt ganz auf feinkörnige mineralische Substrate mit Nullanteil zu setzen, so wie es die folgenden Praxisbeispiele zeigen.

Während die eine Fraktion also noch auf versickerungsfähige Untergründe mit Oberboden-Rasenauflagen als Nonplusultra setzt oder wenigstens den Rasen durch heimische Stauden ersetzt, gehen die Erkenntnisse weiter. Von Rasenansaaten ist man woanders schon mal weg. So hat zum Beispiel die Landesanstalt für Garten- und Weinbau Veitshöchheim in Studien nachweisen können, dass auch mineralische Substrate gut oder sogar sehr gut sind. Sogar in Österreich geht es anders. In Vorarlberg durfte und konnte der Autor Versickerungsmulden für Oberflächenwasser auch ohne Oberboden anlegen, mit dem lokal anstehenden Kies.

Bepflanzung

Auch in Sachen Bepflanzung teilen sich die Ansichten. Die konventionell architektonisch infizierte Fraktion setzt weiter auf ökologisch relativ wertlose Schurrasen in Becken und Mulden mit der besagten Oberbodenminimalvegetation. Die andere nachhaltig-naturgärtnerisch ökologisch-naturschützerisch orientierte Fraktion favorisiert hingegen eine artenreiche Bepflanzung. Lassen sich Oberbodenflächen noch einigermaßen erfolgreich mit starkwüchsigen, konkurrenzstarken Wildstauden bepflanzen, so sind Ansaaten ein Wagnis. Denn Oberboden, wir erinnern uns, kann voller Unkrautsamen und vor allem mit Wurzelunkräutern verseucht sein, was jegliche Bemühungen torpediert. In den gesetzlich vorgeschriebenen Fällen, wo Oberboden zwingend ist, können - das zeigen Markus Kumpfmüllers Beispiele im Naturgartenbau-Buch - bei entsprechendem Knowhow trotzdem zufriedenstellende Ergebnisse erzielt werden. Erstaunlicherweise prägen nicht die Arten der Feucht- und Nassstandorte solche Versickerungsflächen, sondern gerade andersrum - Trockenrasenbewohner. Je nach Regenmenge, Staunässe und Versickerungsleistung der Anlagen können zu trockenheitsliebenden Wildblumenbeeten, -wiesen oder -säumen aber auch mehr oder weniger feuchte Pflanzenarten und Elemente kommen. Im Idealfall lassen sich sogar tendenziell trockene mit ständig nassen bzw. feuchten durch punktuelle Abdichtungen kombinieren.

Fassen wir zusammen: Es funktioniert auch anders als in Grünanlagen, Neubaugebieten oder auf Gartenschauen als vorbildlich vorgeführt. Naturnahe Regenwasserversickerung arbeitet so, wie wir an vielen Stellen bereits kennenlernen konnten:

  • Nach Möglichkeit keinen Oberboden (und wenn, dann keinen mit Wurzelunkräutern verunkrauteten!), stattdessen unkrautfreie, auf Wunsch sogar nährstoffreiche Substrate zum Beispiel aus Unterbodenmischungen.
  • tendenziell eher nährstoffarme Substrate wie Sand, Kies oder Schotter (immer mit Nullanteil, z. B. 0/16 oder 0/32 mm). Auch entsprechende mineralische Unterböden eignen sich.
  • Keine Mulchauflagen aus Splitt oder Rundkies (Kies-Splittdecke, z. B. mit Korngröße 2/5 oder 8/16 mm ohne Feinkornanteil).
  • Keine Schurrasenflächen, aber punktuell gerne mit heimischen Stauden- und Gehölzpflanzungen.
  • Nicht nur bepflanzen, sondern zwischen den Pflanzlücken auf jeden Fall säen.
  • Aus Kostengründen schwerpunktmäßig mit Ansaaten von heimischen Blumenwiesen, Wildblumensäumen und Einzelarten.

Versickerungsmulde im Gewerbe

Beim Firmengelände von Wenniger & Kugler in Niederneuching plante der Autor 1997 diese Versickerungsmulde in einem Kiesbecken hinter dem Bürogebäude ein. Bepflanzt wurde sie mit Schwertlilie, Wasserdost und Co., besiedelt alsbald von Laubfröschen. Das Bild stammt von 2012.

Versickerungsmulde im Kindergarten

In der Astrid-Lindgren-Kita Bersenbrück ließ Helmut Hechtbauer das Dachwasser mitten im Spielgelände versickern. Die Mulde wurde mit Wildblumen besät und sieht aus wie ein Spielplatz. Ist es auch.

Praxisbeispiel: Ober- und Unterboden-Versickerungsgräben am Straßenrand

Beim Allgäuprojekt von Reinhard Witt nahm auch die Kommune Benningen bei Memmingen teil. Sie brachte fürs zukünftige naturnahe öffentliche Grün einige konventionelle Versickerungsmulden auf den Tisch. Einige waren (leider) schon mit Oberboden und ökologisch fragwürdigen Regel-Saatgut-Mischungen (RSM) besät, andere noch nicht. Dort konnte mit relativ unkrautfreien sandigen Unterböden gearbeitet werden. Alles in allem keine idealen Voraussetzungen, dafür reale. Versucht wurde trotzdem, mit passenden Ansaaten das Einheitsgrün in ein buntes Wildblumenkleid zu stecken. Schauen wir, ob´s gelungen ist.

Keinen Oberboden und Rasen in der Versickerungsmulde! Indem wir beides weglassen und durch unkrautfreien Kies, Schotter oder Sand mit Nullanteil im Feinstkorn ersetzen, potenzieren wir an einer weiteren Stelle im Außengelände die Chancen auf artenreiche Ansaaten und Bepflanzungen.

Mit Oberboden. Abb. 7a: Mutterboden mit Standardrasen. Ein übliches Bild. Ohne große Gedanken an potenzielle Ästhetik oder Biodiversität zu verschwenden, macht die Straßen-, Stadt- und Landschaftsplanung das: 20-30 cm Oberboden auf versickerungsfähigem Unterbau mit einer x-beliebigen billigen Rasenmischung. Ein Fall fürs häufige Ausrücken des Grünpflegetrupps, denn Gras wächst auf Oberboden schnell. Foto: Reinhard Witt

Mit Oberboden. Abb. 7b: Mutterboden mit Wildblumenwiese. Zwei solcher bereits eingesäten Mulden wurden vom Standardrezept der Rasenmischung befreit und wenigstens mit einer Wildblumenwiese eingesät. Zweimal mähen statt ständig. Was Bürgermeister, Bauhof, Bevölkerung und Bienen besser gefällt, darf geraten werden. Foto: Reinhard Witt

Mit Unterboden. Abb. 7c: Planerfreude. Hier war es noch nicht zu spät. Gerade noch rechtzeitig vor der RSM-Rasenmischung wurde umgeplant. Was? Natürlich Wildblumen! Der sandige Unterboden erwies sich als nahezu unkrautfrei, ein großes Plus. Foto: Reinhard Witt

Mit Unterboden. Abb. 7d: Planerglück. Der Mai des Folgejahres zeigte das Potenzial natürlicher Ansaaten. Fette Wildblumenwiese für die Mitte, mageren Blumen-Schotter-Rasen am Rand. Hoch lebe die Wildblume. Foto: Reinhard Witt

Mit Unterboden. Abb. 7e: Planerstolz. Im Juni des zweiten Jahres konnten solche traumhaften Wiesenbilder geschossen werden. Der Planer war nicht der einzige Fotograf am Ort. Foto: Reinhard Witt

Mit Unterboden. Abb. 7f: Straßenlang Wildblumen. An anderer Stelle fand sich ebenfalls unkrautfreier Unterboden entlang einer ganzen Anliegerstraße. Oberflächenentwässerung und Wildblumen gehen hier Hand in Hand. Die Kritiker des Wildblumenprojektes sind inzwischen in einen Nachbarort gezogen, wo alles noch normal ist. Foto: Reinhard Witt

Mit Unterboden. Abb. 7g: Wildblumenlang Straße. Ja ich weiß, Sie wollten noch den Juni anhimmeln. Und siehe da, im regnerischen Allgäu gehört sogar der feuchtigkeitsliebende und eigens eingesäte Blutweiderich ins Ortsbild. Foto: Reinhard Witt

Mit Unterboden. Abb. 7h: Einige Jahre später. Werden die Flächen wie eine echte Blumenwiese ein- bis zweimal im Jahr gemäht und das Mähgut abtransportiert, dann steigt die ästhetische und ökologische Qualität sogar mit den Jahren. Stichwort Biotoptrittstein Straßenrand. Foto: Reinhard Witt

Praxisbeispiel: Kies-Versickerungsmulden mit Wildblumensaaten

Genau, 58 % der 3547 m2 Firmengelände von Skywalk in Marquartstein wurden naturnah. Und von diesen 58 % wiederum 625 m² (fast 18 % der Gesamtfläche) Versickerungsmulden, und -gräben inklusive einiger Teiche. Gearbeitet hat der Autor mit regionalem Kies und mit verschiedensten Wildblumensaaten von Wiesen und Säumen. Schwerpunkt bildeten magere Lebensräume, allerdings wurden punktuell auch Arten der Feuchtstandorte zugefügt. So ergibt sich ein feinstrukturiertes Mosaik verschiedenster artenreicher Lebensräume nicht nur für Amphibien.

Abb. 7i: Ostseite vorher. Der Gewerbebau liegt in der Aue der Tiroler Ache. Kies ist natürlich und bauseits schon vorhanden. Er muss nur noch zu einem kommunizierenden Versickerungsgrabensystem modelliert werden. Alles Oberflächenwasser des 1000 m² großen Gebäudes und von 630 m² Asphaltzufahrten wird aufgefangen, gesammelt, ökologisch in Lebensformen in Tieren und Pflanzen transformiert und nach und nach versickert. Foto: Reinhard Witt

Abb. 7j: Modellierung Südseite. Im vorgefundenen Kies wird ein sanft geschwungenes Grabensystem angelegt. Auf 7 m Breite müssen der Weg am Haus, Versickerungsbecken und die daraus aufsteigenden Wildsträucher- und Wildblumenhügel mit dem Aushub Platz finden. Das ist knapp. Die Becken werden nach dem Überlaufprinzip modelliert. Erst wenn das eine voll ist, wird das nächste geflutet. Foto: Reinhard Witt

Abb. 7k: Dichteren Kies einbauen. Da der vorgefundene Kies sehr schnell drainierte, wird noch eine Schicht Wandkies mit mehr Feinanteil eingebaut. So wird verhindert, dass die Becken und Mulden zu schnell Feuchtigkeit und Wasser verlieren. Foto: Reinhard Witt

Abb. 7l: Modellierung Westseite. Die Gräben schließen das Gelände von allen vier Himmelsrichtungen ein. Es gibt zwei zusammenhängende Systeme: Der Süd-Ost-Westgraben misst 157 m, der kürzere Nordgraben 16 m. Foto: Reinhard Witt

Abb. 7m: Kompost für Einsaaten. Es sollen zig heimische Mischungen und Einzelsaatgut verwendet werden. Gütegesicherter Kompost wird von zwei Naturgarten-Profi-Praktikanten verteilt und eingearbeitet. Foto: Reinhard Witt

Abb. 7n: Grabensohle verdichten. Für einen besseren Wasserrückhalt wird die Grabensohle extra noch einmal abgerüttelt. Wildgehölze und Wildstauden sind bereits gepflanzt, Ansaaten folgen auf dem Fuß. Foto: Reinhard Witt

Abb. 7o: Freier Einlauf. Alle verfügbaren Rinnen vom 1000 m² Dach werden nun an das Grabensystem angeschlossen. Zum Teil münden sie offen, die Erosion darf sich hier selbst ihr dynamisches Bachbeet suchen. Foto: Reinhard Witt

Abb. 7p: Unterirdischer Einlauf. Zum Teil laufen sie auch unter Mauern oder Feuerwehrzufahrten durch. Hier wurde das Rohr unter ein höher gesetztes Pflanzbeet gelegt. Foto: Reinhard Witt

Abb. 7q: Rohrmündung unter Beetmauer. So sieht die Einlaufsituation fertig gebaut aus. Einer von vielen Einläufe, die an verschiedenen Stellen rund ums Gebäude die Gräben mit Wasser speisen. Foto: Reinhard Witt

Abb. 7r: Fertiges Wassergrabensystem. Ein Blick auf die Ost- und Nordseite zeigt einen natürlich anmutenden Wasserlauf, der sich bei Regen füllt und das Wasser fein dosiert versickern lässt. Foto: Reinhard Witt

Abb. 7s: Trockenstandort? Schon in der kommenden Saison erblühen die Wildblumen in schönster Pracht. Hier sind es vor allem Arten der Trockenstandorte, denn den größten Teil des Jahres sind die Gräben genau das. Ein Blick auf die Ostseite in der 2. Saison. Foto: Reinhard Witt

Abb. 7t: Feuchtstandort? Ebenso halten sich aber Kandidaten der nassen Ufer, wie die Einzelansaat der rosaroten Kuckuckslichtnelke im 2. Jahr beweist. Foto: Reinhard Witt

Abb. 7u: Trocken + feucht! Je nach temporärem Feuchtigkeitsgradienten bildet sich mit der Zeit ein Mosaik von dazu passenden Wildblumen aus. Sibirische Schwertlilie neben Wiesensalbei, Wasserdost neben Echtem Baldrian oder Natternkopf neben Wasserminzen ist ganz normal. Also ganz natürlich. Foto: Reinhard Witt

Abb. 7v: Im fünften Jahr. Die Versickerungsmulden sind von außen nur noch für Eingeweihte zu erkennen. Ein Wildblumenmeer ohnegleichen, gesät auf ortstypischen anstehendem Wandkies mit etwas Kompost. Foto: Reinhard Witt

Praxisbeispiel: Kies-Versickerungsmulden mit temporären Teichen in Oberbayern

Beim Firmengelände von Skywalk in Marquartstein zeigte sich schon während des Bauens, dass die Versickerungsmulden das Dachwasser sehr schnell versickern ließen. Zu schnell! Schließlich sollte neben der Tiroler Ache ein Ersatzlebensraum für dort früher vorkommende Arten wie Laubfrosch und Gelbbauchunke geschaffen werden. Also war es nur konsequent, einige der vertieften Mulden mit Folienstücken auszulegen, um Amphibien die Möglichkeit zu geben, dort ihre Jungen groß zu bekommen. Das war erfolgreich. Schon im nächsten Jahr wurden Laubfrösche angetroffen. Die größte Mulde wurde überdies zum Natur-Erlebnis-Teich und Pausenplatz für Skywalk-Mitarbeiter.

Temporäre Teiche. Abb. 7w: Zulauf legen. Die Regenrinne der südwestlichen Hausecke bekommt eine grüne Polypropylen-Regenwasserrohrverlängerung zur künftigen Folienteichmulde. Ein flaches Becken für das 3 x 4 m große EPDM-Kautschukfolienstück wird ausgelöffelt und gleich mit Wandkies 0/X überfüllt. Eine Kapillarsperre kann entfallen. Foto: Reinhard Witt

Temporäre Teiche. Abb. 7x: Einlauf verbauen. Um das Rohr gut überschütten und einen unsichtbaren Einlauf schaffen zu können, wird nun eine Trockenmauer am Rand erbaut. Dies sind die zwei wichtigsten Ecksteine dafür. Foto: Reinhard Witt

Temporäre Teiche. Abb. 7y: Fast fertig. Eine etwa 50 cm hohe Natursteinmauer kaschiert die Einlaufsituation und ist gleichzeitig Versteck, Nacht- und Winterquartier für Amphibien und Reptilien. Foto: Reinhard Witt

Temporäre Teiche. Abb. 7z: Fertig. Aufgehügelt, bepflanzt und besät, sieht man dem Endergebnis seine Entstehung kaum mehr an. Foto: Reinhard Witt

Temporäre Teiche. Abb. 7zz: Funktion erfüllt. Während in den nicht abgedichteten Versickerungsgräben das Wasser erwartungsgemäß schnell verschwindet, steht es in den mit Folie ausgekleideten temporären Naturteichen längere Zeit. Da sie aber nur 30-40 cm tief sind, kann es bei längeren Trockenphasen ebenfalls verdunsten. Das ist gut für Amphibien, schafft es doch feindfreie Laichgewässer. Ganz so wie früher in der hochwassergeprägten dynamischen Flussaue. Foto: Reinhard Witt

Natur-Erlebnis-Pausenplatz. Abb. 8a: Teichfolie + Kies. In gleicher Weise wird ein größeres Folienstück (6 x 8 m) am Pausenplatz ein- und verbaut. Foto: Reinhard Witt

Natur-Erlebnis-Pausenplatz. Abb. 8b: Fertig. Auch der Dachrinnenzulauf bekam eine Folienauskleidung, damit das Wasser tatsächlich den Teich erreicht und nicht schon vorher versickert. Eine große Kalksteinplatte bildet eine Brücke. Totholzstämme laden zum Balancieren ein. Foto: Reinhard Witt

Natur-Erlebnis-Pausenplatz. Abb. 8c: Sitzen und Grillen. Diesen einfachen und kostengünstig gebauten Aufenthaltsbereich lieben die Mitarbeiter. Wenn immer es geht, hockt, trascht, trinkt und grillt man hier. Foto: Reinhard Witt

Praxisbeispiel: Kies-Versickerungsmulden mit temporären Teichen im regenreichen Vorarlberg

Alles Dachwasser von 7144 m² Dächern und alles Oberflächenwasser von rund 3 ha bei Omicron in Klaus in Vorarlberg fängt Naturgartengestalter Lothar Schmidt aus Koblach zuerst in einem Graben auf, den er über eine Freifläche mäandrieren lässt, um das so gewonnene Wasser schließlich in großzügig angelegten Versickerungsmulden zur Schau zu stellen. Das ist nicht irgendein läppisch ausgebaggerter Sumpfgraben, sondern ein meisterlich gefertigtes Endprodukt. Eine Seite der Versickerungsmulden, die sogar über einen unterirdischen Quellzulauf verfügen, hat er mit einer wuchtigen 1 bis 1,5 m hohen Trockenmauer aus regionalem Hartsandstein abgefangen. So kommt er von der technisch-logistischen Herausforderung (wohin mit all dem Wasser?) zu einer optisch-ästhetischen Opimallösung, die eine starke ökologisch-naturschützerische Seite besitzt.

Abb. 8d: Überblick Außenbereich. Das gesamte Gelände nimmt ca. 3 ha Fläche ein, das hier ist nur ein Teil der Neuanlagen. Sämtliches Oberflächen- und Dachwasser wird lokal gesammelt, gespeichert und versickert. Blick auf den Zentralbereich mit Wegesystem, Schotter- und Kiesflächen, die noch auf Wildblumen warten. Ganz rechts einige der insgesamt 160 m Wasser- und Versickerungsbecken. Foto: Reinhard Witt

Abb. 8e: Beet- und Oberflächensammler. Jedes Beet weist eine Modellierung auf. Die tieferen Bereiche speichern Oberflächenwasser und führen es direkt oder wie hier über einen Hofablauf und Rohre unterirdisch zu den Versickerungsmulden. Alle Freiflächen, meistens Trockenstandorte auf ortstypischem Kies, weisen ein Gefälle zu den Gräben hin auf, die indirekt oder wie hier direkt in die großen Versickerungsmulden münden. Foto: Reinhard Witt

Abb. 8g: Versickung naturnah. Die Versickerungsmulden von Omicron sehen eher wie gestaltete Naturteiche aus. Sie fügen sich ins naturnahe Gesamtbild ein. Potentieller Lebensraum für bedrohte Arten wie den Laubfrosch. Foto: Reinhard Witt

Abb. 8g: Trockenmauer-Ufer. Während eine Seite des 160 m langen Grabens ein natürliches Ufer hat, zeichnet die zweite eine wunderbare Trockenmauer aus Hartsandstein aus. Auch das ist Lebensraum pur. Foto: Reinhard Witt

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 05/2018 .

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