Städtebaulicher Hochwasserschutz und historische Städte

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Wasser in der Stadt bietet ein freundliches Bild, aber es kann auch gefährlich werden. Die massiven Untergeschosse der Gebäude waren in früheren Zeiten flutbar. Foto: LouPe, pixelio.de

Die letzten Hochwasserereignisse des Jahres 2013 zeigten wiederholt sehr deutlich, wie wichtig neue Wege im Hochwasserschutz sind. Das in der Folge der letzten Hochwasser entwickelte nationale Hochwasser-Schutzprogramm des Bundes verfehlt diese Aufgabe und bietet gerade dort, wo Menschen leben und arbeiten und ihre wirtschaftlichen Existenzen besitzen, kaum wirkungsvollen Schutz. Vielmehr verfolgt es Schutzmaßnahmen und -projekte außerhalb der Siedlungsräume und vorwiegend in der Landschaft, bestenfalls noch auf landwirtschaftlichen Flächen. Dabei zeigten die Hochwasser von 2013 an Donau und Elbe wie extrem die Belastungen und Risiken für die Städte und Menschen an den Flüssen sind und dass es kaum ausreichende und wirkungsvolle Maßnahmen eines städtebaulichen Hochwasserschutzes gibt.

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Moderne Städte missachten historische Erkenntnisse und Erfahrungen des Bauens am Wasser und stellen Häuser dicht ans Wasser ohne flutbare Untergeschosse. Foto: neurolle – Rolf, pixelio.de
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Geflutete Innenstädte gehörten in früheren Zeiten zum normalen Alltag. Das Verhältnis der Menschen zur Flut muss aktualisiert werden und frühere Erkenntnisse wieder nutzbar gemacht werden. Foto: dieterwald, pixelio.de

Dieser Begriff, der genau diese Ziele verfolgt, taucht so gut wie nirgends in den aktuellen Schutzprogrammen des Bundes oder der Länder auf. Die Vermutung liegt nahe, dass der politische Nutzwert eines Hochwasserengagements nur äußerst gering ist. Demgegenüber steht ein exorbitanter finanzieller Bedarf, den Politiker grundsätzlich scheuen. Zudem geraten Flutereignisse nach dem Ablaufen des Wassers sehr schnell in Vergessenheit und sind damit insgesamt politisch sehr schlecht zu verwerten.
Städtebaulicher Hochwasserschutz hat zunächst drei wesentliche Ziele zu verfolgen:

  • er muss die Menschen und ihre Existenzen, wirksam die Stadt sowie die Bausubstanzen sichern
  • er muss städtebaulich und stadtgestalterisch verträglich sein
  • er muss wirtschaftlich und finanzierbar sein

Alle diese drei Ziele sind in den derzeitigen Hochwasserschutzprogrammen des Bundes und der Länder so explizit nicht enthalten, zumindest nicht so, dass sich dieses Ziel als Schutz von Siedlungsräumen und Städten ausgedrückt. Der Weg zu diesen Zielen eines wirksamen städtebaulichen Hochwasserschutzes führt über sieben Schritte, die ihrerseits unterschiedlich große Anstrengungen und Aufwendungen der Kommunen und Länder bedeuten.

Historisches Verständnis von Hochwasser modernisieren

Wiederkehrende Flutereignisse waren in früheren Zeiten völlig normal und man war sich über ihr Auftreten und ihre Gefahren stets bewusst. Aber man hatte diese Situation im Alltag akzeptiert und bereitete sich so gut wie möglich auf eine Flut vor. Die Industrialisierung brachte mit ihrem technischen Fortschritt den Trugschluss, man könne Gewässer und Fluten durch Technik und Bauwerke vollständig beherrschen, leiten und lenken. Bereits kleine Änderungen an Intensität, Menge, Höhe und Dauer der Flut zeigen die Grenzen dieser Techniken. Und insbesondere beim städtebaulichen Hochwasserschutz kommt hinzu, dass immer massive und höhere Schutzbauwerke im Stadtraum irgendwann nicht mehr akzeptiert werden können. Ein städtisches Flussufer, dass durch meterhohe Betonwände verstellt ist, wird niemand akzeptieren wollen.
Es ist daher naheliegend mit Hochwasserereignissen zu leben, diese zu verstehen und zu akzeptieren. Sinnvoller ist es dann, die technischen Möglichkeiten und Fertigkeiten so einzusetzen, dass man Menschen und Existenzen weitestgehend sichert. Ein Irrtum wäre es zu glauben, man könne mit moderner Technik die Wassermassen aus den Städten heraushalten. Vielmehr müssen diese kontrolliert durch die Städte geleitet werden und die Teile der Stadt, die geflutet werden, flutsicher vorzubereiten. So werden die Stadtbewohner mit dem Wasser umzugehen lernen und es akzeptieren. Die wirtschaftlichen Schäden und Reparaturen nach der Flut werden um ein Vielfaches geringer ausfallen.

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Eine ständige Pegelmessung ist Teil guter Vorsorgemanahmen gegen Hochwasser. Weiterhin sind gut ausgebaute Frühwarnsysteme erforderlich. Foto: Michael Loeper, pixelio.de
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Hochwasserschäden können erheblich sein und immense Kosten verursachen. Insbesondere Schäden an Bauwerken und Infrastrukturen wie Strassen sind gravierend. Foto: Julian Nitzsche, pixelio.de

Städte fluttauglich machen

Im zweiten Schritt geht es darum, Siedlungsräume und Städte am Wasser hochwassersicher und fluttauglich zu machen. Ist man bereit eine temporäre und partielle Flutung der Stadt zu akzeptieren, wird man auch in der Lage sein, entsprechende technische Maßnahmen für ein kontrolliertes Abfließen des Wassers zu errichten. Dabei geht es um das Abfangen von Flutspitzen, und ihr Entstehen durch kontrollierten Abfluss zu verhindern. Interessant ist dabei, dass dieses in historischen Städten offenbar besser gelingt als in modernen Städten des 21. Jahrhunderts. Sicherlich spielt hierbei ein regionales und flusssystembezogenes Hochwassermanagement eine wichtige Rolle und auch der Hochwasserabfluss und die Retension außerhalb der Städte ist von großer Bedeutung. Einleuchtend ist aber auch, dass großflächig verteilte Wassermassen vor den Städten kaum durch kanalisierte Flussbette durch die Städte geleitet werden können. Hier entstehen Engpässe, durch die die Wassermassen wie durch ein Nadelöhr hindurch gepresst werden. Dabei steigen sie auf und erhöhen ihre Fließgeschwindigkeit. Beides ist für die so gefluteten Bereiche der Stadt eine Katastrophe. Diese Problemsituation gilt es, zu entschärfen.

Fluträume schaffen

Für die örtliche Umsetzung bedeutet das, auch innerhalb der Städte, Räume und Flächen zu schaffen, in denen sich das Wasser verteilen kann. Die Städte müssen flutbar gemacht werden, indem Freiräume in Abflussrichtung des Wassers geschaffen werden. Vergleichbar ist dies mit der Schaffung von Kaltluftschneisen innerhalb der Baustruktur einer Stadt, die für den zügigen Luftaustausch in der Stadt benötigt werden. In Analogie sind auch Flutkorridore von abflusshindernder Bebauung freizuhalten. Diese, als städtische Freiräume gestaltete Anlagen, können als attraktive und interessante Flutparke und -anlagen geplant und gebaut werden. Derartige Beispiele existieren bereits international und zeigen sehr gute Wirkungen, etwa in Kopenhagen(Anmerkung Klett). Sicherlich bedeutet dieser Schritt erhebliche städtebauliche Umbaumaßnahmen, die nur abschnittsweise und schrittweise umgesetzt werden können. Wichtig ist vor allem, dieses als ein städtebauliches Leitbild in die aktuelle Stadtentwicklungspolitik aufzunehmen.

Flutbare Gebäude

Ein weiterer Schritt ist, Untergeschosse und Gebäude flutbar zu machen. Dieses gilt sowohl für den Bestand wie für Neubauen. Die Erfahrungen der Geschichte zeigen, dass man früher das Fluten eines Untergeschosses akzeptiert hat und dieses hierfür vorbereitet hatte. Konstruktive Gebäudeschäden durch Fluten waren so ausgeschlossen und die Bewohner waren auf diese Ereignisse eingestellt. Hydraulisch und bautechnisch ist es sicherer einen Baukörper zu fluten, als ihn wasserdicht zu bauen oder aufschwimmen zu lassen. Da es sich im Großteil der gefährdeten Gebäude bislang um Flutungen der Untergeschosse und Erdgeschosse handelte, sollte man überlegen, ob es nicht sinnvoll ist, diese Geschosse in flutgefährdeten Gebäuden flutbar auszuführen oder umzubauen.
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Zum umfassenden Hochwasserschutz gehören auch Absperrungen von gefährlichen Bereichen zum Schutz der Bevölkerung. Foto: kladu, pixelio.de
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Rettungsfahrzeuge, Land- und Wasserfahrzeuge benötigen freie Zufahrten und dürfen nicht durch Treibgut oder Gegenstände, Fahrzeuge etc. blockiert werden. Foto: Corinna Hölzer

Effektive Frühwarnsysteme

Frühwarnsysteme, die mit heutiger Technik ohne großen Aufwand möglich sind, helfen den Bewohnern flutbarer Gebäude, ihr Hab und Gut rechtzeitig zu entfernen und die Geschosse auf die Flutung vorzubereiten. Dabei sind Vorwarnzeiten von bis zu zehn bis 14 Tagen durchaus möglich, wenn man die Beobachtungen von Großwetterlagen (insbesondere 5b-Wetterlagen) rechtzeitig auswertet und in die gefährdeten Regionen weiterleitet. Internationale Kooperationen und ressortübergreifende Informationen sind dann erforderlich.

Leitbauwerke errichten

Innerhalb der Flutparks und -korridore im Stadtraum können Leitbauwerke den kontrollierten Hochwasserabfluss unterstützen. Diese wiederum brauchen nicht so groß wie vorhandene Mauern oder Deiche zu sein und lassen sich so besser und vielfältiger in die Stadtgestaltung einbinden. Es können begrünte Erdbauwerke sein oder konstruktive Einrichtungen aus Holz, Beton, Mauerwerk oder Stahl.

Historische Befestigungsanlagen integrieren

Eine äußerst interessante Beobachtung hat eine Studie der Hochschule Anhalt gemacht. Städte, die noch über Fragmente ihrer historischen Maueranlagen verfügen, waren beim Hochwasser 2013 besser geschützt als Städte, die keinerlei Befestigungsanlagen mehr besitzen. Dieser Vorteil liegt darin, dass die, wenn auch nur in Fragmenten bestehenden Anlagen, als Leitbauwerke für die Wassermassen dienen. Diese Beobachtung eröffnet in Verbindung mit der oben genannten eine neue Sichtweise und innovative Maßnahmen des städtebaulichen Hochwasserschutzes. So können zum einen historische Befestigungsanlagen neu in Wert gesetzt werden und erhalten zusätzlich auch aus Gründen der Stadtgestaltung eine neue Bedeutung. Dabei reichen Restteile von Befestigungsanlagen zur Hochwasserableitung bereits völlig aus. Diese können auch in Form von Neubauten auf historischen Grundrissen errichtet werden und mit Höhen von etwa zwei Metern ausreichend hoch sein. In Verbindung mit städtischer Freiraumplanung und der Anlage von Flutparks werden diese Bauwerke zu interessanten Punkten der Stadtgestaltung oder können in diese eingebunden werden.
Aufgrund dieser überraschenden Beobachtung beginnt derzeit an der Hochschule Anhalt ein Projekt, das sich der Frage widmet, wie historische Befestigungsanlagen als städtebaulicher Hochwasserschutz in die Stadtstruktur moderner Städte eingebunden werden kann. Mit diesem Projekt sind große Erwartungen verbunden, einen wirkungsvollen und finanzierbaren Hochwasserschutz, insbesondere für kleine und mittlere Städte, bei gleichzeitiger gestalterischer Akzeptanz zu erreichen.
Innovativ wäre zum Einen die Tatsache, historische Strukturen als modernen Hochwasserschutz zu nutzen. Weitere Mittel wären wie beschrieben Multifunktionalität der Architektur, Freianlagen sowie Elemente der Stadtgestaltung, während konventioneller technischer Hochwasserschutz eher als Fremdkörper im Stadtraum empfunden wird. Der innovative Hochwasserschutz würde nur geringe finanzielle Investitionen erfordern, die gegebenenfalls aus Programmen des Hochwasserschutzes und der Städtebauförderung finanzierbar sind. Als Nebeneffekt kommt noch die stadtgeschichtliche Komponente hinzu, indem historische Baustrukturen, in zeitgemäßer Architektur interpretiert, aufgegriffen und umgesetzt werden. Dieser Ansatz des städtebaulichen Hochwasserschutzes eröffnet nicht nur einen wirksamen und finanzierbaren Weg. Er bietet zugleich die Chance, Hochwasserschutz zu einem städtebaulichen Thema mit hohem baulichem Anspruch zu machen. Das Projekt der Hochschule Anhalt beginnt hierzu mit einer Luftbildanalyse flutbetroffener Städte in Sachsen-Anhalt aus dem Jahr 2013. Diese Aufnahmen werden überlagert mit historischen Stadtkarten dieser Städte, um festzustellen in welchen Flutbereichen historische Befestigungsanlagen den Wasserabfluss positiv leiten, lenken und beeinflussen können. In einem zweiten Projektteil werden dann Gestaltungsvarianten für die städtebauliche Einbindung dieser Anlagen als Freianlagenteile und -elemente entwickelt.
Ein dritter Projektteil als Pilotphase in einzelnen Kommunen ist denkbar und wünschenswert, steht derzeit aber noch aus und kann erst bei Vorlage einer interessierten Kommune im Land und einer Finanzierung angegangen werden.

Prof. Dr. Heinrich Haass
Autor

Architekt BDA, Stadtplaner

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