Im Corona-Lockdown entdecken Großstädter ihre Friedhöfe

Rettet die Friedhöfe - Grüninseln im Klimawandel

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Coronavirus Friedhöfe
Abb. 1: Dame mit kleinen Jungs: Die Friedhofsnatur hat viel für die Enkeln zu entdecken (Bergmannfriedhöfe). Foto: Elisabeth Meyer-Renschhausen

Überall blüht, grünt und zwitschert es. Den Spaziergänger umschmeicheln Düfte von blühendem Holunder oder vereinzelt sogar von Rosen. Im Hintergrund umschwirren summend Bienen und Hummeln die Blütenstände in überbordender Blumenfülle. Ein flammendrotes Eichhörnchen wechselt den Weg, zwei Kolkraben picken an etwas, was sie sich aus einem Papierkorb geangelt haben. Von einer hohen Fichte meckert mich ein kleiner Marder an. Spätestens seit den Corona-Lockdowns haben viele Großstädter ihre Friedhöfe als wohnungsnahes "Naherholungsgrün" entdeckt. Als ruhige, fahrradlose und hundefreie Orte ohne aufdringlich für sich werbende Eisstände eignen sich Friedhöfe gut für kürzere oder längere Spaziergänge, allein oder in Begleitung.

Die Vielfalt der Natur übertrifft auf so manchem Gottesacker schon fast die Buntheit der Laubenpieperkolonien. Einzelne hohe Bäume weisen in den Himmel, der Blick verliert sich in Betrachtung der dort oben oft so schnell dahinsegelnden Wolken, um dann zurückzukehren zu den, inmitten von all dem Grün etwas verstreut liegenden Gräbern, die in der Vielfalt ihrer Gestaltung den Wandel der Zeiten wiederspiegeln.

Auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg grüßen mich von der vorletzten Jahrhundertwende von so manchem Grabstein steinerne Engel.

Daneben finden sich Grabmäler des frühen 19. Jahrhunderts, wie etwa die der Gebrüder Grimm, in Form einfacher schwarzer Stelen. Das Grab des Gründers der Milchauslieferung in Berlin, Carl Andreas Julius Bolle, repräsentiert sich als Mausoleums-Burg.

Auf den quietschbunten Urnenfeldern der Sternenkinder tummelte sich in winterlicher Jahreszeit sogar eine ganze Herde kleiner Weihnachtsmänner, bevor der Brauch sie pünktlich zum Dreikönigstag schnöde in die Papierkörbe verbannte. Eine riesige ehemalige Erbgrabkammer wurde nach der Renovierung einer Gruppe von an AIDS Verstorbenen zur letzten Ruhestätte. Anderswo finden sich Urnenfelder ganzer Hausgemeinschaften oder auch von Frauengruppen, im Tod vereint.

In nur wenigen Regionen der Welt sind die Friedhöfe so naturgrün wie hierzulande. Seitdem man sich in den 1980er-Jahren vielerorts entschlossen hat, die kleineren Wege zwischen den Grabparzellen zu Rasenflächen umzuwandeln, wirken viele Friedhöfe wie kleine Parks.

Und weil die Sitte der Erdbestattung schwindet und die moderne Sicherheitsmanie schief stehende Grabsteine umgehend abräumen lässt, vergrößern sich die Flächen zwischen den Gräbern zusehends.

Denn leider fehlt immer mehr Menschen das Geld für eine Erdbestattung und sie wählen die preiswertere, weniger Platz beanspruchende Urnenbestattung. Manche kehren den Friedhöfen sogar ganz den Rücken, in der Meinung, es handele sich, im Zeitalter einer mehr und mehr nomadischen Lebensweise, um eine veraltete Institution, da die Angehörigen die Gräber doch nicht mehr pflegen könnten oder sie auch nur besuchen kämen. Man bevorzugt entsprechend eine Bestattung in einem Friedwald oder sogar auf hoher See, mit der Folge, dass so mancher Friedhof brach fällt.

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Abb. 2: Spazierenden gehende Tagesmütter (Bergmannfriedhöfe). Foto: Elisabeth Meyer-Renschhausen
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Abb. 3: Engel (Alter Matthäus Friedhof). Foto: Elisabeth Meyer-Renschhausen

Die neuen Bestattungsarten bringen also letztlich die Kirchhöfe und die mit ihnen betrauten Kirchen, welche ohnehin durch Mitgliederschwund stark an Einkommen verlieren, in die Bredouille. Vielerorts haben die Kirchen ihre Friedhöfe an die Kommunen abgetreten, die nun ihrerseits Probleme haben letztere zu unterhalten, da sie sich nicht mehr durch Bestattungen selbst tragen. Denn die Pflege der Friedhöfe als innerstädtischem "Außenraum" und seinem so wertvollen Grün, ist nicht unaufwendig.

Die inzwischen strengeren Sicherheitsauflagen erfordern zunehmend teurer werdende Baumpflegemaßnahmen. Und so geschieht, was zu erwarten ist: Immer mehr Kirchen und Kommunen geben, und dies nicht mehr nur in seltenen Einzelfällen, ihre Friedhöfe auf, und versuchen nicht zuletzt deren Flächen als teures Bauland zu verkaufen. Von den 224 Friedhöfen Berlins etwa sind inzwischen 39 geschlossen worden. 117 Friedhöfe gehören zu den evangelischen Kirchengemeinden, beherbergen aber auch Tote anderer Konfessionen. 86 Friedhöfe werden von der Stadt Berlin selbst als Grünflächen verwaltet. Insgesamt umfassen die Fläche der Friedhöfe Berlins etwa 1000 Hektar, ein bemerkenswerter Bestand an innerstädtischem Grün, auf den angesichts des Klimawandels doch nur schwerlich verzichtet werden kann.

Zum Glück verhindert ein relativ strenges Friedhofgesetz aus den 1930er-Jahren, dass Friedhöfe allzu leicht in Bauland verwandelt werden können. Friedhofsland kann erst dann anderweitig benutzt oder gar bebaut werden, wenn die Belegungszeit auch der letzten Grabstätte ausgelaufen ist. Das bedeutet, dass sogar jene Friedhöfe, die von der Kommune oder den Kirchen Religionsgemeinschaften aufgegeben werden, weil im entsprechenden Wohnquartiert genügend weitere Begräbnisstätten existieren, erst einmal als solche weiter gehalten werden müssen. Aus welchen Mitteln sollen sie aber erhalten werden? Das ist nicht so einfach.

So bildeten sich rings um diverse Friedhöfe Vereine von Anwohnern, die sich um ihren Friedhof kümmern oder sogar die Pflege verwaister Gräber übernehmen. In Berlin-Schöneberg kümmern sich Vereine wie Rettet den alten Matthäus Friedhof oder Efeu e. V. um ihr grünes Kleinod, das 1859 vor den Toren der Stadt für die Matthäus Kirche am Potsdamer Platz gegründet worden war.

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Abb. 4: Gemeinsames "Ackern" der Prinzessinnen-Gärten auf dem St. Jacobi-Friedhof. Foto: Elisabeth Meyer-Renschhausen
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Abb. 5: Blütenpracht auf Grabstellen des Alten Matthäus Friedhofs. Foto: Elisabeth Meyer-Renschhausen
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Abb. 6: Gartenhelfer auf St. Jacobi-Friedhof. Foto: Elisabeth Meyer-Renschhausen

Während es den einen um den Erhalt des Friedhofs überhaupt geht, kümmern sich die anderen um gefährdete Gräber. Manche organisieren kleine sozialhistorische Führungen über den Friedhof, um ihn so bekannter zu machen; es kommt aber auch vor, dass ein lokaler Dichter launige Friedhofsspaziergänge anbietet. Im Falle des Alten Matthäus Friedhofs gab sich die zuständige Kirchengemeinde einen Ruck und gestattet seither dem Friedhofsgärtner im verwaisten Gärtnerhaus ein kleines Open-Air-Café zu unterhalten. Womit zweifelsohne gelang, den Friedhof zu einem im Viertel beliebten kleinen Treffpunkt zu machen, wenn wohl auch nur bestimmte Gruppen wie Freischaffende, Alleinstehende, Erwerbslose oder andere Anhänger dieses friedlichen Grüns diese Möglichkeit regelmäßig nutzen.

Aber die Friedhöfe sind weiter gefährdet. Die vier wildschönen Bergmannfriedhöfe im belebten Berlin-Kreuzberg wurden ab 1825 für die Bewohner der Friedrichstraße im heutigen Zentrum eingerichtet. Nun sollten sie kurzfristig und unter Umgehung der rechtlichen Vorschriften bebaut werden. Warum, um der Kirche aus finanziellen Engpässen zu helfen? Die entsprechende evangelische Kirchengemeinde hatte unter Umgehung der entsprechenden Fristen versucht, eine Bebauung zu ermöglichen. Es sollten in modularer Bauweise auf dem Friedhofsteil, der früher die Gärtnerei beherbergt hatte, eine fünfstöckige Flüchtlingsunterkunft gebaut werden.

Bauherr sollte das Diakonische Werk werden, später könne man die Kleinstwohnungen dann ja an Studierende vermieten, hieß es. Die entsprechenden Kommunalorgane und das Bezirksparlament, obschon rot-rot-grün dominiert, hatten das entsprechende Bauvorhaben genehmigt. Nachdem aber der Journalist Hans Korfmann in verschiedenen Reportagen auf die außerordentliche sozial-ökologische Bedeutung der drei Kirchhöfe hingewiesen hatte, bildeten sich eine Bürger-Initiative, die Unterschriften gegen das Bebauung-Vorhaben sammelte. Sollte hier der Denkmalschutz denn nicht mehr gelten? Sind diese vier Friedhöfe denn nicht für viele der einzige "fußläufig" zu erreichende innerstädtische Park in der Gegend?

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Abb. 7: Baumallee in den Friedhöfen an der Bergmannstraße in Berlin-Kreuzberg. Foto: Elisabeth Meyer-Renschhausen
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Abb. 8: Friedhöfe zwischen Park und Wildnis (Bergmann-Friedhöfe). Foto: Elisabeth Meyer-Renschhausen

Werden sie entsprechend denn nicht von jungen Eltern, die ihre Babys ausfahren wollen, ebenso wie von alten Menschen genutzt, die sich mit müde gewordenen Beinen keine langen Wanderungen mehr zutrauen? Die BüIni Keine Bebauung - Für den Erhalt der Bergmannfriedhöfe in Kreuzberg hatte bereits binnen kurzer Zeit 3000 Unterschriften gesammelt, wie der Mitbegründer Klaus Lückert dem Tagesspiegel am 19.12.2016 berichten konnte.

Die Bürgerinitiative unterhielt Unterstützung durch eine Studie des Vogelschutzbundes, des NABU, die die einzigartige Vogelwelt dieser Friedhöfe dokumentierte (Ansgar Poloczek et.al. Berl. Ornithol. Ber 25 2015 36-46). Da der Friedhof seit 1945 mehr Bäume beherbergt und schon länger vergleichsweise extensiv gepflegt wird, bietet er unzähligen Vogelarten eine Heimat. Vom Zilpzalp bis zum Stieglitz, sind sogar Girlitz, Grünfink, Singdrossel und Zaunkönig dabei. Auch eine Waldohreule wurde schon gesichtet. Viele dieser Vögel sind Höhlenbrüter, die die verfallenen Prunk-Grabstätten benutzen, Strauch- und Bodenbrüter, aber auch immer mehr Baumbrüter sind darunter. Das Falkenpaar von der Kirche am Südstern geht auf den Friedhöfen regelmäßig auf Mäusejagd. Zugvögel wie Wacholderdrossel, Rotdrossel etc. benutzen den Friedhof als Winterquartier. Lediglich der Bestand an Mönchsgrasmücken nimmt ab - fehlen ihr die Larven und Würmer?

Unterdessen weisen neu aufgestellte Schilder die Spaziergänger auf die enorme Bedeutung der Friedhöfe hin. Das Bauvorhaben wurde abgesagt. Heute entzücken die Bergmann-Friedhöfe vor allem auch, weil sie das Morbide nicht leugnen, ähnlich wie jüdische Friedhöfe sind sie heute wunderbar geprägt von alten Grabsteinen auf längst abgelaufenen Gräbern. Die zerborstenen Grabsteine und die bröckeligen Fassaden der "Erbbegräbnisse" erinnern auf eine beruhigende Art an die Endlichkeit allen Lebens.

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Abb. 9: Gräbergruppe: Urnen-Gräber-Gemeinschaft auf dem Alten Matthäus Friedhof. Foto: Elisabeth Meyer-Renschhausen
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Abb. 10: Ein Kleinod mitten in der Stadt: Der Alte St. Matthäus Friedhof in Berlin-Schöneberg (im Hintergrund die Aussegnungshalle). Foto: Elisabeth Meyer-Renschhausen

Frischer Wind weht auf den alten St. Jacobi-Friedhöfen Berlin-Neuköllns. Auch hier waren einst mehrere Friedhöfe nebeneinander entstanden. Aber die Wohnbevölkerung hat sich gewandelt, viele streben zum muslimischen Friedhof am Columbiadamm oder in die Türkei, andere wünschen anonyme Bestattungen, und die traditionellen Erd-Bestattungen gingen zudem drastisch zurück. Die Kirche beschloss also, mehrere Friedhöfe aufzugeben. Bis man sie jedoch notfalls sogar zur Bebauung freigeben kann, dauert es noch Jahre, denn sie wurden ja bis vor kurzem noch belegt. Auch für ihre Toten gilt die Totenruhe uneingeschränkt. Also kam man auf die Idee, einen schon seit 40 Jahren nicht mehr belegten Teil des St. Jacobi-Friedhofs einer Garteninitiative anzutragen. Die Kreuzberger Prinzessinnengärten wurden eingeladen, hier zu gärtnern und im Gegenzug die Pflege des Friedhofs zu übernehmen.

Ein angesichts des bereits etwas vernachlässigten Zustandes des Friedhofs kein ganz leichtes Unterfangen. Ja, angesichts der hohen Kosten, die die versicherungsadäquate Baumpflege erfordert, eigentlich unmöglich. Aber Robert Shaw, der Gründer der Prinzessinnengärten, bekam Hilfe von einer Naturschutz-Stiftung, die fürs erste die Bäume pflegt - ehrenamtlich. Den Rest der Pflege versuchen die verschiedenen Gruppen des Projekts wie der Gemeinschaftsgarten, das Ackerprojekt oder die Kindergruppen etc. gemeinsam zu bewältigen.

Das geht deshalb, weil genug "Manpower" vorhanden ist. Der Prinzessinnengarten wird im Gegensatz zu vielen anderen der neuen "urbanen Gärten" nicht rein ehrenamtlich geführt. Ein einfaches gastronomisches Angebot finanziert das Projekt. Es gibt einige "Vollzeitkräfte" (mit halben Stellen), insgesamt etwa 20 sozialversicherungspflichtig angestellte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Dem Garten ist es daher möglich, Praktikanten, Freiwillige aus dem freiwilligen ökologischen Jahr oder Menschen aus dem Bundesfreiwilligenprogramm zu betreuen und zu beschäftigen.

Und so hat man genügend Leute, zumindest den noch belegten Teil des Friedhofs einigermaßen in Schuss zu halten. Bei meinem Besuch im Frühjahr 2021 herrschte trotz unbeständigem Schauerwetter reges Treiben auf dem Gelände. Auch Spaziergänger mit Kinderwagen sowie ruhebedürftige Nachbarn auf den Bänken waren zu sehen.

Mir scheint dieses Gärtnern auf Teilen zu groß gewordener Friedhöfe eine gute Lösung des Problems. Es sollte Schule machen. Ist es doch kein unwesentlicher Aspekt in der Geschichte europäischer Gartenkultur seit jeher gewesen, dass Begräbnisstätten auch als Gärten dienten. Seit dem berühmten Gartenplan des Klosters von St. Gallen - entstanden um 800 im Kloster Reichenau (Bodensee) gilt, dass Streuobstwiesen freundlich die Toten aufnehmen. Auch Theodor Fontanes Herr von Ribbeck aus dem Havelland erinnerte während der letzten großen Gartenwelle um 1900 erneut an die Sitte, fruchttragende Obstbäume auf Gräber zu pflanzen. Und heute: brauchen die Stadtbewohner nicht aller Lebensalter ihre Friedhöfe als grünen Lungen, Frischluftschneisen und kühlende Schatteninseln, die ihnen als Orte der Stille und des Friedens ein wenig Würde sowie Wohlergehen in den vom Klimawandel gepeinigten Innenstädten zugestehen? Und suchen nicht immer mehr Anwohner-Initiativen nach Orten, wo sie gemeinsam Gärtnern können?

Dr. Elisabeth Meyer-Renschhausen
Autorin

Freie Journalistin, Berlin

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