In sieben Bundesländern ist der Lebensraum schon gefährdet

Leben am Fluss - die Flatter-Ulme (Teil 2)

von:

"Weil der Fluss um so schneller wird und den Damm und den Grund um so mehr zernagt und zerstört, je gerader er ist, deshalb ist es nötig, solche Flüsse entweder stark zu verbreitern oder sie durch viele Windungen zu schicken oder sie in viele Zweige zu teilen."

Leonardo da Vinci (1452-1519), Maler und Ingenieur

Seit Urzeiten siedeln Menschen in Flussnähe, fast ebenso lang bemühen sie sich, die Auswirkungen schwankender Wasserstände zu mindern: Nach und nach wurden erste Deiche angelegt und die Wälder der Flussauen gerodet, um fruchtbare Weideflächen zu gewinnen. Vor etwa 200 Jahren endete das natürliche Flussleben unwiderruflich. Am Beispiel des Rheins soll dies kurz dargestellt werden. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts prägten durch Kies- und Sandbänke voneinander getrennte Rinnen den südlichen Oberrhein, die sich nördlich von Rastatt (Einmündung der Murg) zu einem einheitlichen Strom vereinigten. Aufgrund der unterschiedlichen Fließgeschwindigkeit des Wassers in diesem kurvigen Flussverlauf sowie durch die regelmäßigen Hochwässer veränderten sich die Rheinarme und Inseln ständig - der Fluss "atmete". Versuche, den Rhein zu "bändigen" und von den eigenen Flurstücken fernzuhalten, führten zunehmend zu Konflikten zwischen den Anrainern des Flusses (Blackbourn, 2008).

So begann man Anfang des 19. Jahrhunderts mit einer planmäßigen Begradigung des Rheins, um die Dörfer vor Hochwasser zu schützen, Ackerland zu gewinnen, die Stechmückenplage zu verringern - Teile des Rheins waren Malariagebiet -, aber auch, um die Schifffahrt zu fördern. Diese Projekte sind mit dem Namen Johann Gottfried Tulla (1770-1828), einem Oberwasser- und Straßenbauingenieur, verbunden. 1876 waren die Arbeiten vollendet, Tulla selbst erlebte die Fertigstellung seines Lebenswerkes nicht mehr (Oberrheingraben: Die Rheinbegradigung von 1817 bis 1876 - SWR Wissen 05.04.2016).

Diese "Rheinkorrektion" verkürzte den Fluss zwischen Basel und Worms von 345 auf 273 Kilometer, Tausende von Flussinseln wurden beseitigt, mit ihnen alle Lebewesen, für die diese Inseln ein Refugium darstellten. Durchstiche wurden vorgenommen, die die zahlreichen Schleifen des Flusses abtrennten, sowie Dämme errichtet, die die seitlichen Altrheinarme abschotteten. Im 20. Jahrhundert folgten weitere Regulierungen, hierzu gehörte auch der Bau des Rheinseitenkanals (Grand Canal d´Alsace, 1928-1959). Ziel war, ein einheitliches Flussbett von 2 Metern Tiefe und 80 bis 100 Metern Breite zu schaffen, um eine ganzjährige Schiffbarkeit zwischen Basel und Mannheim zu gewährleisten. Ingenieure verwandelten den Fluss nach und nach in eine Art "Ideal-Strom": eine betonierte Rinne, die das Wasser gleichmäßig und immer vorhersehbar abwärts beförderte¹.

In einer dritten Stufe, dem "modernen Rheinausbau", wurde der Fluss zwischen 1932 und 1977 mit Staustufen und Kraftwerken "technisiert". Da die Wasserkraftwerke überwiegend unmittelbar entlang der Rheinufer errichtet wurden, sind seither die Flächen zwischen den alten "Tulla-Dämmen" und den neuen Rheinseitendämmen vom Überflutungsgeschehen abgeschnitten (Pfarr, 2002).

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Nach und nach wurden die Auen fast vollständig dem Überflutungsregime entzogen. Am Oberrhein werden weniger als 10 Prozent der ursprünglichen Bereiche noch regelmäßig überflutet. Selbst diese 10 Prozent wurden so stark verändert (Nutzung), dass höchstens 1 Prozent der ehemaligen Auen-Lebensräume in der einst typischen Ausprägung und Qualität übrig geblieben sind (Klemp, 1997). Während das Wasser früher die Rheinauen überströmen konnte, führte der Ausbau unter anderem dazu, dass die Hochwasserwellen jetzt ungebremst rheinabwärts fließen und die Städte überschwemmen können. In Köln, um nur eine Stadt herauszugreifen, die immer wieder in den Nachrichten erscheint, lag der Pegelstand im Januar 1995 bei 10,69 Meter, im Januar 2003 bei 9,71; "beruhigend" wirkt, dass die Altstadt dank neuer Schutzmaßnahmen nun erst bei 11,3 Metern überflutet wird.

Um wieder einen besseren und etwas naturnäheren Schutz gegen Hochwasser gewährleisten zu können, wurde im Dezember 1982 ein deutsch-französisches Abkommen geschlossen. Das "Integrierte Rheinprogramm" sieht vor, in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und im Elsass rund 94 Quadratkilometer Rückhalteräume zu schaffen, die 273 Millionen Kubikmeter Wasser fassen können. Bis heute sind rund 45 Prozent dieser Räume bereitgestellt, bis 2028 wird die Maßnahme in Baden-Württemberg abgeschlossen sein. Aufgrund der eingeschränkten Möglichkeiten der Wasserentnahme ist es nicht möglich, die Verhältnisse der ursprünglichen Rheinauwälder wiederherzustellen, dies ist auch nicht Ziel der IRP-Maßnahme. (Pfarr, 2019).

Ein unerlässlicher Bestandteil des IRP, aber auch permanenter Streitpunkt sind die "ökologischen Flutungen". Mit ihnen soll in den ehemaligen Rheinauen der dynamische Wechsel zwischen niedrigen und hohen Wasserständen ein Stück weit wieder hergestellt werden, denn nur so können Flora und Fauna an kommende Hochwassersituationen angepasst werden. Die "ökologischen Flutungen" bieten die Chance, dass aus den geringen Resten von Natur, die der Mensch dem Fluss gelassen hat, wieder Auenwälder werden².

Zwar kein Rheingold, doch einzelne Perlen lassen sich entlang des Rheins noch entdecken, zum Beispiel die bereits 1979 als Naturschutzgebiet ausgewiesene Auenlandschaft "Taubergießen", die auch Bestandteil des Ramsar-Gebietes "Oberrhein" (2008) ist, sowie die zu Frankreich gehörende 10 Kilometer lange Insel Rhinau, die durch ihre Naturvielfalt beeindruckt.

Das bedeutendste Kleinod jedoch ist die "Schatzinsel Kühkopf" mit der angrenzenden "Knoblochsaue". Es ist Hessens größtes Naturschutzgebiet und zugleich das größte im Bereich der deutschen Rheinaue. Das 2369 Hektar große Areal erhielt - vor allem aufgrund seiner überregionalen Bedeutung als Brut-, Nahrungs- und Rastplatz für Vögel - durch den Internationalen Rat für Vogelschutz das Prädikat "Europareservat" (Hessenforst, 2011). Ein Dammbruch im inneren Sommerdeichsystem 1983 leitete großflächige Sukzessions- und Renaturierungsprozesse ein. Da die Dammbrüche nicht repariert wurden, unterliegt seitdem die gesamte "Kühkopfinsel" einer weitgehend natürlichen Flutung, lediglich die "Knoblochsaue" ist noch von einem Sommerdamm umgeben (Baumgärtel, 2019).

Innerhalb dieses Naturschutzgebietes gelten die Waldbestände der ehemaligen Rheininsel "Karlswörth" als der "Vorzeigeauenwald am Oberrhein". Das Naturwaldreservat umfasst den wahrscheinlich ältesten flächigen Auenwaldrest in Hessen mit Altbäumen aus der Zeit vor der Rheinkorrektur im frühen 19. Jahrhundert. Da dieser Bereich stets schwer zugänglich war, kann man davon ausgehen, dass in den letzten beiden Jahrhunderten dort nur sporadisch Eingriffe erfolgten. Seit etwa 1970 findet in dem Bereich keine Bewirtschaftung mehr statt. Unter diesen Umständen konnte sich ein sehr strukturreicher Auenwald mit mächtigen Eichen, Eschen, Ulmen und Schwarz-Pappeln erhalten, eine Besonderheit ist der umfangreiche Bestand an Feld-Ulmen, sowohl bei Feld- als auch Flatter-Ulme kommen mehr Individuen hinzu als absterben, sie verjüngen sich auf niedrigem Niveau. Detailliertere Angaben gibt es nicht, auch der Bericht von "Hessenforst" listet die Bestände von Feld- und Flatter-Ulme gemeinsam auf. 542 Bäume beider Arten lassen sich in dem Waldgebiet aufspüren (Hessenforst, 2011).

Die Trockenlegung der Feuchtgebiete und Kanalisierung der Flüsse (s. Rhein) wirkten sich für die Flatter-Ulme verhängnisvoller aus als die Ulmenkrankheit, so Müller-Kroehling (2003a). Dieser Verlust an Lebensräumen bewirkte, dass sie in sieben Bundesländern als gefährdet, in NRW sogar als sehr gefährdet eingestuft wird (Robin Wood, 2018). Mit dem Verschwinden der Ulmen gehen auch zahlreiche Tier-, Pilz- und Flechtenarten verloren, die mehr oder weniger auf das Zusammenleben mit der Ulme angewiesen sind. Eine solche Art ist zum Beispiel der zu den Bläulingen gehörende Ulmenzipfelfalter (Satyrium w-album), dessen Raupen alle drei einheimischen Ulmenarten als Nahrungspflanze nutzen; der Ulmenblattfloh (Psylla ulmi) hingegen lebt ausschließlich auf der Flatter-Ulme. Der Flechtenreichtum (39 Arten) des Auenwaldes "Karlswörth" beruht neben anderen Faktoren auch auf dem Vorhandensein von Bäumen mit basenreicher Rinde, wie sie Ulmen und Eschen eigen sind (Hessenforst, 2011).

Da die Flatter-Ulme die "stabilere" der drei Ulmenarten zu sein scheint, sollte alles versucht werden, um ihren Bestand zu erhöhen, denn ihr könnte die "Rolle eines Ersatzlebensraumes" für die auf Ulmen spezialisierten Arten zukommen (Robin Wood, 2018). Es ist kaum vorstellbar, in welchem Ausmaß der Rhein (sowie die meisten Flüsse) geschunden, Lebensräume, Pflanzen und Tiere vernichtet wurden. Gleichzeitig klopfen wir uns auf die Schulter, wenn ein paar Quadratkilometer Naturschutzgebiete ausgewiesen werden. Das "Jahr der Flatter-Ulme" bietet die Chance, nicht nur sie, sondern auch ihren Lebensraum kennenzulernen, solange sie noch existieren.

Die Flatterulme und die Holländische Ulmenkrankheit

Das Ulmensterben wurde und wird in der Literatur ausreichend beschrieben³, daher hier nur eine kurze Erinnerung. Dann sollen die Ulmenprogramme von Sachsen, Hamburg und Frankfurt vorgestellt werden.

Das Ulmensterben wird durch den Pilz Ophiostoma ulmi (Buism., 1919 in Holland beobachtet) sowie Ophiostoma novo-ulmi Brasier, eine Ende der 1960er Jahre aus Amerika importierte aggressivere Form ausgelöst. Übertragen werden die pilzlichen Erreger durch den Kleinen und Großen Ulmensplintkäfer. Die Pilzinfektion bewirkt empfindliche Störungen des Wasserhaushaltes, die zu Welk-Erscheinungen und schließlich zum Absterben des Baumes führen.

Die Aussagen zur Anfälligkeit der Flatter-Ulme gegenüber der Krankheit sind sehr unterschiedlich. Müller-Kroehling schreibt, dass sie "ausdrücklich nicht so anfällig für das Ulmensterben (ist) wie die anderen Ulmenarten Europas. - Sie wird vom Großen und Kleinen Ulmensplintkäfer erheblich weniger angeflogen als die Feld-Ulme", möglicherweise liegt dies an ihrer anderen Rindenstruktur.

Infektionstests werden häufig an jungen Ulmen durchgeführt; dies sagt jedoch nichts über die Anfälligkeit älterer Bäume aus. Beobachtungen zeigen, dass sich die Resistenz mit dem Alter ändert, aber auch innerhalb des Jahreslaufes gibt es Unterschiede: So reagieren Flatter-Ulmen auf eine Infektion früh im Jahr sehr empfindlich (2003b, S. 1285).

Zwischen 1994 und 1998 wurde in Sachsen eine größere Untersuchung durchgeführt mit dem Ziel, einen Überblick zu erhalten über den Zustand der Ulmen. Die Auswirkungen der Holländischen Ulmenkrankheit zeigten sich zum Beispiel auch darin, dass die Feld-Ulme als landschaftsprägender Baum kaum noch in Erscheinung tritt. Lediglich 200 bis 250 Bäume mit einem Stammdurchmesser von 50 Zentimetern und mehr (Starkbäume) existieren noch. Dem stehen über 3000 Starkbäume der Flatter-Ulme gegenüber. Im Rahmen dieser Untersuchung wurden 52 Ulmen an 15 Standorten ausgesucht und über 12 Jahre beobachtet. Hierbei zeigte sich erneut die höhere Anfälligkeit der Feld-Ulmen - alle sieben Bäume des Monitoringprogramms erlagen bis 2008 der Krankheit - sowie das bessere Abschneiden der Flatter-Ulmen, die einem größeren Befallsdruck durchaus standhalten können. Die Verluste (5 von 25 Bäumen) beschränkten sich auf einen Standort mit einem sehr hohen Infektionsrisiko (Mackenthun, 2009).

Günzl (1999) berichtet aus Österreich: "In Relation zur Feld-Ulme hat sich die Flatter-Ulme besser gehalten, d. h. es wurden (. . . ) 1995 mehr Flatter-Ulmen als Feld-Ulmen aufgefunden" (S. 843). In der veröffentlichten Liste der Bäume des Naturreservates Marchauen (Niederösterreich) wird bedauerlicherweise nicht zwischen Feld- und Flatter-Ulmen unterschieden; so ist die Aussage, dass es 1958 22 Prozent Feld- und Flatter-Ulmen gab und 1995 nur noch 1 Prozent, wenig hilfreich. Solche undifferenzierten Darstellungen der beiden unterschiedlich stark anfälligen Ulmenarten erscheinen leider in vielen Berichten.

Das "Handbuch der Ulmengewächse" (Mackenthun, 2019) beschreibt die Flatter-Ulme als in der Praxis hochresistent. So finden sich am Mittellauf der Elbe große Bestände, die offensichtlich gesund sind. Daher kann die Flatter-Ulme an geeigneten Standorten zur Pflanzung empfohlen werden. Dies gilt vor allem für die freie Landschaft wie die großen Flussauen in West- und Mitteleuropa. In der Torgauer Elbaue erfolgt dies zum Teil mit "Torgauer Flatterulmen", die aus gewonnenem Samen dort wachsender Bäume herangezogen wurden.

Die Bäume sollten allerdings weder in der Landschaft noch in der Stadt bandartig gepflanzt werden, da sich die Krankheit dadurch besonders gut ausbreiten kann.

Kann den Ulmen geholfen werden?

Die Züchtung resistenter Sorten gilt nach wie vor als eine vielversprechende Strategie (Schwan et al., 2016). Daneben werden aber auch andere Wege beschritten. Eine Variante ist, die Abwehrkräfte der Ulmen zu stärken. In den Niederlanden wird seit 1992 ein biologisches Impfmittel eingesetzt. Mit der "Dutch Trig" Impfung, einer Methode, die an der Universität Amsterdam entwickelt wurde, werden spezielle Verticillium-Sporen (Schlauchpilze) mit Hilfe einer Mikro-Injektionsspritze in die Ulmen injiziert. Diese aktivieren einen natürlichen Abwehrmechanismus, der es der Ulme ermöglicht, eine Infektion mit der Holländischen Ulmenkrankheit im Verlauf der gesamten Vegetationsperiode abzuwehren. Die Behandlung muss in jedem Frühjahr wiederholt werden. Am 1. Februar 2008 wurde die Substanz in Deutschland als Pflanzenstärkungsmittel zugelassen.

Bereits 2005 begann man in Sachsen mit dem Aufbau eines ganzheitlichen Ulmenschutzprogrammes. In diesem Rahmen wurde die "Herrenhaus-Ulme", eine der schönsten und mächtigsten Berg-Ulmen Mitteldeutschlands, 2005 als erster Baum in Deutschland geimpft. Dies erfolgte, trotz eines bereits bestehenden Befalls durch die Ulmenkrankheit, Kronenteile waren vorab zur Stabilisierung entnommen worden, und schließlich wurde der als Naturdenkmal ausgewiesene 325 Jahre alte Baum geimpft. In diesem speziellen Fall ohne Erfolg. Die 43 Meter hohe Ulme mit einem Umfang von 5,35 Meter musste 2009 gefällt werden. Im Zeitraum 2008 bis 2018 wurden in mehreren Landkreisen 15 Berg-Ulmen mit einem Stammumfang von über 1,5 Meter und einem Alter von 150 bis 250 Jahren geimpft, vielfach handelte es sich hierbei um geschützte Bäume. Dabei konnte beobachtet werden, dass noch nicht befallene Ulmen durch die Schutzimpfung auch einem starken Befallsdruck durch kranke Nachbarbäume standhalten konnten (Wagler, 2019).

Hamburg ist eine traditionelle Ulmenstadt, deren Wallanlagen einst mit stolzen Ulmen bestanden waren. Dort mussten inzwischen alle drei Arten als "vom Aussterben bedroht" eingestuft werden. Der Beschluss, ein integriertes Ulmenprogramm zu initiieren, lag somit nahe. In dessen Rahmen wurden seit 2006 zunächst Bäume auf einer Halbinsel in der Elbe mit "Dutch Trig" geimpft. Seit 2008 wurden die Maßnahmen ausgeweitet. Pro Jahr werden etwa 300 bis 400 Ulmen nach einem festgelegten Plan behandelt. Bei den letztjährigen Anwendungen wurde keine geimpfte Ulme von der Holländischen Ulmenkrankheit befallen4.

Nach den positiven Erfahrungen in den Niederlanden, USA, Kanada und Hamburg entschloss sich auch die Stadt Frankfurt zu einem Ulmen-Managementprogramm. Dazu gehören gezielte Neupflanzungen, Hygienemaßnahmen wie das zügige Freischneiden und Fällen befallener Bäume und das Impfen wertvoller gesunder Bäume. 2013 waren mehr als 900 Ulmen im Baumkataster erfasst, möglichst flächendeckend wurden markante Bäume herausgesucht und "Impf-Gruppen" festgelegt sowie Vergleichsgruppen, die man nicht impfte. 150 Ulmen wurden in das Impfprogramm aufgenommen. Bis 2016 starben vier der behandelten Bäume - Berg-Ulmen - an der Ulmenkrankheit (Jacob, 2019).

Im Zeitraum 2009 bis 2015 wurde im Frankfurter Rebstockgelände eine Berg-Ulme geimpft, die trotz Behandlung erkrankte und aufgrund ihres schlechten Zustandes 2016 aus dem Programm herausgenommen wurde. Mit Bildung starker Besenreiser reagierte die Ulme auf den Befall in den Zweigen. Man "vergaß" den Baum zu fällen und 2018, nach zwei impffreien Jahren, stand er vital da. Eine ähnliche Situation ergab sich bei einer 150 bis 200 Jahre alten Feld-Ulme am Schloss Spangenberg (Schwalm-Eder-Kreis), die seit 2008 geimpft wurde. Infolge des hohen Befallsdruckes erkrankte der Baum dennoch, wurde aber weiterhin geimpft. Während die in der Nähe stehenden jungen Ulmen abstarben, überlebte der stark belastete Altbaum und zeigte sich 2018 stabil. Dieses Ergebnis bestätigt Beobachtungen, dass ältere Bäume eher überleben als junge. Der Versuch lässt aber auch hoffen, dass selbst die besonders empfindliche Feld-Ulme, sofern sie überlebt, dauerhaft eine Resistenz gegen die Ulmenwelke aufbauen kann.

In der Hartholzaue des "Biegwald" (Frankfurter Grüngürtel), einem alten Flatter-Ulmenbestand, starben 2008 fünf Bäume an der Ulmenkrankheit. Seit 2009 werden 52 der 66 Bäume geimpft, seither gab es keine weiteren Verluste.

Daneben werden im Biegwald, Rebstockgelände und Goldsteinpark ausgewählte Exemplare als Monitor-Bäume nicht behandelt. Sobald kein Befall mehr zu erkennen ist, wird das Impfprogram eingestellt. Langfristiges Ziel ist es, einen gesunden Ulmenbestand aufzubauen, der keine Impfung mehr benötigt.

Unterschiedliche Ursachen können bei Ulmen zu einer verminderten Vitalität führen: So kann eine starke Blüte im Mai den Eindruck erwecken, dass der Baum abstirbt, in der Regel erholt er sich aber und ist im Sommer oder im nächsten Jahr wieder sehr vital.

Auch die Verticillium-Welke oder ein durch Botryosphaeria quercuum hervorgerufenes Blattsterben (beide durch Schlauchpilzbefall verursacht) zeigen ähnliche Symptome wie die Ulmenkrankheit und führen zu einer herabgesetzten Vitalität. Damit Bäume nicht vorschnell gefällt werden, sollte eine genaue Diagnose erfolgen. (Funck, 2019).

Riesen, die bewundert werden dürfen

Nachdem die standörtlichen Beeinträchtigungen der Ulme sowie ihre Gefährdung durch die Ulmenkrankheit thematisiert wurden, soll der Blick auf einige herausragende Exemplare gelenkt werden. Große Flatter-Ulmen, es gibt sie noch, zum Beispiel in Gülitz (Nähe Putlitz, Brandenburg) in der Nähe der Kirche. 2015 wurden bei diesem stolzen Baum 9,74 Meter Umfang (Brusthöhe) und 21,4 Meter Höhe gemessen. Ein ebenfalls beeindruckendes Exemplar steht in Mecklenburg-Vorpommern am Ufer des Flachen Sees nördlich der Müritz: Umfang 9,30 Meter, Höhe 21,6 Meter (Messungen 2018 bzw. 2016). In Bernau nördlich von Berlin überragt ein ca. 17 Meter hoher Baum ein Privathaus, der Umfang beträgt stattliche 8,36 Meter (2016). Die größte und älteste Flatterulme Polens ist die Ulme "Wiedz´min" in Komorów, Lubusz. Der in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gepflanzte Baum hat einen Umfang von ca. 9,4 Meter (2015) und ist ca. 18 Meter hoch (2013). Der wohl älteste Baum steht in Bulgarien, im Norden von Dolni Voden bei Plovdiv. Er wurde um 1400 (± 20 Jahre) gepflanzt, ist ca. 20 Meter hoch und hat einen Umfang von 6,1 Meter (2014)5.

Fazit

"Ulmen pflanzen wir nicht mehr!" Eindeutig, aber auch pauschal werden zum Teil solche Standpunkte vertreten. Daneben gibt es aber auch seit vielen Jahren Städte und Gemeinden, die mit Hilfe von 'Ulmenprogrammen' die Gattung fördern und sich für ihren Erhalt einsetzen - mit Erfolg. Dieser Weg sollte weiter gegangen und Ulmen, gerade auch Flatter-Ulmen, verstärkt in Neupflanzungen einbezogen werden. Für die Flatter-Ulme gilt zusätzlich, dass sie in ihrem "ureigensten" Lebensraum, der Aue, gepflanzt und gefördert wird.

Geben wir die Verantwortung für diese Bäume ab, könnte es sein, dass es eines Tages keine Ulmen mehr gibt, nicht, weil die Krankheit sie vernichtet hat, sondern unser mangelnder Mut.

Anmerkung

¹ Bundeszentrale für politische Bildung, 2012, www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/ geschichte-im-fluss/142042/der-geopferte-rhein?

² BUND: Integriertes Rheinprogramm IRP 2019: Hochwasserschutz & Naturschutz am Rhein - Die Auen am Oberrhein, www.bund-rvso.de/jahrhundertchance-revitalisierung-restrhein.html

³ Z. B. Scheer, R. (1992) Die Ulme - ein vergessener Baum, Das Gartenamt, S. 786-789; Schwan, J. et al. (2016): Die Gattung Ulmus als Baum der Zukunft unter Berücksichtigung der Holländischen Ulmenkrankheit, MDDG, 101, S. 127-134.

4 Internationale Ulmenprogramme, Stand 2009, www.galk.de/projekte/akstb_ulmenprogr. htm).

5www.monumentaltrees.com/de/baeume/ulmuslaevis/reko...

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