Multifunktionale Gestaltungen sorgen für Sicherheit und Ästhetik

Mit Landschaftsarchitektur gegen den Terror?

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Landschaftsarchitektur ist eine Disziplin, welche sich mit der Gestaltung von Freiräumen beschäftigt. Diese Freiräume umfassen alle Flächen, welche nicht von der Bebauung durch Gebäude geprägt sind, also zum Beispiel Straßen, Plätze, Parks, Wälder, Gärten und Friedhöfe. Dies sind alles sehr wichtige Freiflächen, welchen verschiedene Aufgaben und auch unterschiedliche Nutzungen zugesprochen werden können. Das Gestalten von öffentlichen und privaten Räumen gehört zu der Hauptaufgabe von Landschaftsarchitekt*innen. Hierbei werden sie mit vielen Problemen und vielfältigen Herausforderungen konfrontiert. Terrorismussicherheit zählte bislang nicht zum Aufgabenspektrum der Landschaftsarchitekt*innen, obwohl die Landschaftsarchitektur einen wertvollen Beitrag hierzu leisten kann, wie der folgende Artikel aufzeigen soll.

Der Terrorismus hat sich verändert

Seit dem Anschlag auf das World Trade Center im Jahr 2001 ist die Zahl der Terrorismusopfer in den westlichen Ländern stark angestiegen. Insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern waren die Zahlen der Opfer bereits zuvor alarmierend hoch. Bedingt durch eine schwache Wirtschaft und geringe Steuereinahmen und meist schlechte Lebensbedingungen, wird hier ein erhöhter Anreiz für Korruption geschaffen. Ziele des Terrorismus sind in diesen konfliktgeplagten Ländern meist das Militär und die Polizei, wohingegen in den wirtschaftlich starken Ländern Tourist*innen und die Medien vermehrt betroffen sind¹.

In den westlichen Ländern hat der rechtsextreme Terrorismus stark an Bedeutung gewonnen und ist seit 2014, dem Jahr mit den bislang meisten Opfern, um das Dreifache gestiegen². Beispielhaft können hier der Nationalsozialistische Untergrund (NSU), die Gruppe Freital oder auch der Anschlag auf den CDU-Politiker Walter Lübcke genannt werden. Aber auch der linksextreme Terror ist an Deutschland nicht spurlos vorbeigegangen, wobei hier insbesondere die Rote Armee Fraktion (RAF) genannt werden kann.

Günther Scheicher, ehemaliger Abteilungspräsident des Bundeskriminalamtes (BKA), vertritt die Meinung, dass die RAF eine der größten Bedrohungen und Herausforderungen für die Sicherheitsbehörden zu damaliger Zeit gewesen sei. Vergleichbar wäre die Bedrohung "vielleicht [. . . ] mit der heute so relevanten Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus"³. Mit insgesamt 26 Anschlägen und 34 getöteten Menschen durch die RAF ist es jedoch kritisch einen Vergleich zwischen den beiden Organisationen herzustellen. 2001 starben allein durch den Terroranschlag auf das World-Trade-Center mehrere tausend Menschen und unzählige Weitere sind noch Jahre danach von den Spätfolgen betroffen. Während die RAF hauptsächlich Attentate auf Personen des öffentlichen Lebens verübte, sind dies heutzutage kaum noch primäre Ziele der Attentäter. Ziel heute ist stattdessen, so große Menschenmengen wie möglich zu tangieren und dies mit den geringsten Mitteln umzusetzen. Auch die Medienwirksamkeit der Taten ist hierbei sehr wichtig.


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Poller in den Städten nehmen zu

Spätestens seit dem Attentat auf dem Berliner Breitscheidplatz im Jahr 2016 sehen sich die Städte zunehmend im Zugzwang, was das Einrichten von Sicherheitssperren betrifft. Gerade zur Weihnachtszeit stellen sich viele Städte und Kommunen die Frage, wie sie mit der angespannten Sicherheitslage auf ihren Weihnachtsmärkten umgehen können. In der Vergangenheit wurden in vielen Städten zur Absperrung von Zufahrten Wassertanks, Lkw, Busse und auch Betonklötze, wie in Abbildung 3 zu sehen, zweckentfremdet.

Dass dieser unüberlegte Aktionismus der Städte im schlimmsten Fall noch mehr Opfer fordern kann, ist den Meisten schlichtweg nicht bewusst. Fährt ein Lkw gegen diese instabilen Sperrsysteme, werden diese angeschoben und unkontrollierbar und verletzten viele Menschen, zum einen durch das Eigengewicht sowie zum anderen durch beispielsweise umherfliegende Splitter und Kleinteile.

Alternativen zu diesen unzureichenden Behelfsmitteln stellen festeingebaute und auch mobile Poller und andere Ramm- und Sperrsysteme dar, welche Schutz gegen auffahrende Lkw bieten können. Der Breitscheidplatz wurde beispielsweise nach dem Unglück im Jahr 2016 mit einer Vielzahl an mobilen Sperrsystemen, wie Polleranlagen und Sandsäcken in Körben ausgestattet.

Funktionstechnisch mag diese Lösung eine gute sein, jedoch ist die Nutzung des Platzes stark eingeschränkt und auch die ästhetische Gestaltung wird durch die Sperrungen enorm beeinträchtigt. Mittlerweile können diese Arten von mobilen und immobilen Sperrsystemen zertifiziert werden, um zu gewährleisten, dass entsprechende Kräfte und Geschwindigkeiten abgefangen werden können. Diese Zertifizierung suggeriert jedoch, dass es ausschließlich diese Elemente sind, welche einen ausreichenden Schutz bieten und sorgen dafür, dass Städte und Kommunen primär auf diese Systeme zurückgreifen. Alternativen werden bislang weniger in Betracht gezogen.

Da bei diesen Elementen die Funktionalität im Vordergrund steht, wird der ästhetischen Ausgestaltung meist wenig Gewichtung beigemessen. Um einen attraktiven Freiraum zu gestalten und erhalten zu können, sollte jedoch gerade die Multifunktionalität sowie die Ästhetik nicht gänzlich außer Acht gelassen werden. Planungen von Landschaftsarchitekt*innen können hier einen wertvollen Beitrag leisten, um einen sicheren und attraktiven Freiraum zu gestalten.

Landschaftsarchitektonische Mittel gegen den Terrorismus

Um festlegen zu können, welche landschaftsarchitektonischen Mittel in der Terrorismussicherung Anwendung finden können, muss zunächst erklärt werden, welche Formen von Terrorismus hiermit bearbeitet werden können und welche nicht. Wie bereits erklärt, ist es Aufgabe der Landschaftsarchitekt*innen sich mit der Planung und Gestaltung von Freiräumen zu beschäftigen. Um diese Orte sicher zu gestalten, können verschiedene Mittel eingesetzt werden. Jedoch ist das Spektrum recht reduziert. Es kann lediglich gegen Terrorismus in Form von Auffahren und derartige Angriffe vorgegangen werden. Auch hierdurch ergibt sich die Notwendigkeit des engen Zusammenarbeitens von vielen Fachbereichen.


Auffahrschutz können aber einige landschaftsarchitektonische Mittel bieten und dadurch die zunehmend auftretenden Poller ersetzen, oder wenigstens ergänzen. So ist zum Beispiel wichtig, bei der Planung die örtlichen Gegebenheiten und topographische Besonderheiten zu berücksichtigen. Es können Gräben, Hügel oder abstraktere Formen für mehr Sicherheit eingesetzt werden und als Durchfahrschutz dienen. Insbesondere bei Kindertagesstätten, Schulhöfen und Spielplätzen, aber auch in Parks können die anspruchsvollen Topografien als Aufenthaltsort und attraktive Spielfläche genutzt werden. Auch als kleine Aussichtspunkte können Topografien eingesetzt werden und den Freiraum aufwerten und attraktiver werden lassen.Treppen und Rampen erfüllen primär einen sehr funktionalen Nutzen. So ermöglichen sie Barrierefreiheit und das Überwinden von Höhenunterschieden. Treppen sind aber nicht nur sehr praktisch und in der Freiraumplanung ein wichtiges Element, auch können die Stufen als Sitzfläche genutzt werden und bieten somit einen Nutzen in vielerlei Hinsicht. So können Treppen- und Rampenanlagen aufgrund der Barrierewirkung und des Höhenunterschiedes auch als Durchfahrschutz praktisch eingesetzt werden

Wasser ist gerade in den heißen Sommermonaten als Aufenthaltsort sehr attraktiv und gern genutzt. Dies kann beispielsweise durch Wasserspiele, Brunnen, aber auch in Form von Flüssen, Bachläufen, Kanälen oder Gräben als potentielle Sicherungsmöglichkeit öffentlichen Freiraums in die Planung und die Gestaltung von Flächen integriert werden. So dienen diese attraktiven Aufenthaltsorte auch als guter Durchfahrtschutz und sorgen für eine Abkühlung in der heißen Jahreszeit, was auch insbesondere zu Zeiten des Klimawandels sehr wichtig für das innerstädtische Klima sein kann.

Auch eine wichtige Quelle von Abkühlung und nützlich in Zeiten der Erderwärmung sind Bäume und Pflanzen. Durch die Transpiration wird die Umgebungstemperatur gesenkt. Außerdem speichern Pflanzen und Bäume Schadstoffe und Kohlenstoffdioxid, wodurch Bäumen generell in der Stadtplanung eine sehr große Bedeutung zukommt. Großzügige Hecken oder Beete können hervorragend als Durchfahrtsperre funktionieren, Verkehr lenken und auch Nutzungen voneinander trennen. Großgewachsene und starke Bäume können nicht nur als Durchfahrsperre genutzt werden, sondern sind auch als Abprallschutz erfolgreich einsetzbar.

Ferner können auch Statuen, Monumente und Mobiliar derart eingebaut werden, dass diese ebenfalls als Anfahrschutz dienen. Beispielsweise können Leuchtmittel, Bänke, Fahrradabstellanlagen und Abfallentsorgungssysteme verwendet werden, um den Platz zum einen nutzungstechnisch zu gliedern und zum anderen, wenn diese aus gehärteten Materialien standsicher eingebaut werden, als An- und Durchfahrschutz eingesetzt werden. Dieses Mobiliar ist insbesondere auf Stadtplätzen und in Parks von sehr großer Wichtigkeit und in vielen Bereichen wie auch in Fußgängerzonen nicht mehr wegzudenken. Diese standsicher einzubauen kann eine attraktive Gestaltungsmöglichkeit sein, einen Freiraum sicherer zu gestalten, ohne sichtbar in diesen einzugreifen. Statuen und Monumente prägen den Freiraum in vieler Hinsicht und können ebenfalls derart ausgebildet werden, dass diese als Anfahrschutz funktionieren.

Landschaftsarchitekt*innen als Sicherheitsexpert*innen

Freiräume erfüllen sehr wichtige und vielfältige Funktionen. Insbesondere im städtischen Raum wird ihnen viel abverlangt, da ein Großteil der hier lebenden Menschen keinen Zugang zu privaten Freiflächen hat. Neben der Erholungsfunktion sind sie Orte der Begegnung und der Teilhabe. Verschiedenste Elemente und Einbauten ermöglichen sehr unterschiedliche Funktionen und Aneignungspotentiale. Um diesen Anforderungen gerecht werden zu können, befassen sich Planer*innen und Landschaftsarchitekt*innen stark mit den örtlichen Gegebenheiten und den Ansprüchen der verschiedenen Nutzergruppen. Terrorismussichere Plätze zu gestalten gehörte bislang nicht in das Aufgabenfeld der Landschaftsarchitekt*innen und um die Landschaftsarchitektur in die Sicherheitsplanung der Städte und Kommunen erfolgreich integrieren zu können, ist hier zunächst ein Umdenken notwendig. Außerdem ist es wichtig, dass eine Zusammenarbeit sämtlicher Fachbereiche stattfindet und die Kommunikation sichergestellt wird, um ein bestmögliches Ergebnis zu erzielen.

Ein besonderes Problem liegt darin, dass meist erst gehandelt wird, wenn es bereits zu einem Unglück gekommen ist und dann im Nachgang nach möglichen, meist kostspieligen, Lösungswegen gesucht werden muss. Stattdessen kann es sehr sinnvoll sein, Sicherheitsplanung direkt in die Bauleitplanung zu integrieren und insbesondere bei Neubaumaßnahmen zu berücksichtigen. Gerade die öffentlichen Freiräume, welche Orte der demokratischen Teilhabe sind, sollten für alle Menschen jeglicher sozialer Schichten zugänglich sein und einen Mehrwert und Aneignungsmöglichkeiten für diese Personen bieten. Gerade Poller und andere Sperrsysteme sorgen dafür, dass der Ort diese Fähigkeit nach und nach verlieren wird. Eine gute Alternative hierzu sind multifunktionale Objekte und Planungen, welche nicht nur für mehr Sicherheit, sondern auch für mehr Nutzungsmöglichkeiten sorgen können. Daher kann es sinnvoll sein, bei der Sicherheitsplanung auch Landschaftsarchitekt*innen und Planer*innen in den Entscheidungsprozess zu integrieren und miteinander ein gelungenes Konzept, welches Sicherheit und auch Ästhetik vereint, zu erarbeiten.

ANMERKUNGEN

¹ Global Terrorism Index 2019, S. 58
² Tagesschau 2019, www
³ Scheicher, Günther 2011, S. 2

Quellen

  • Global Terrorism Index, Institute for Economics & Peace, 2019: Measuring the Impact of Terrorism. Sydney: Vision of Humanity.
  • Scheicher, G., 2011: 60 Jahre Staatsschutz im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit. Rote Armee Fraktion (RAF) - Die Herausforderung für das Bundeskriminalamt als Zentrale Ermittlungsbehörde. O.A.: Bundeskriminalamt.
  • TAGESSCHAU, 2019: Immer weniger Terroropfer. Zuletzt geprüft am 16.05.2020:
    www.tagesschau.de/ausland/terrorismus-index-101.html
B. Sc. Josephine Rother
Autorin

Landschaftsarchitektur und Umweltplanung, Leibniz Universität Hannover

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