Verbot von Pestiziden in Satzungen von Kleingartenvereinen verankern

Kleingärten und andere Oasen der Vielfalt

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Pestizide Friedhöfe
In Deutschland gibt es 1,24 Millionen Kleingärten auf einer Fläche von mehr als 46.000 Hektar. Foto: Rainer Sturm, pixelio.de

In Deutschland leben 80 Prozent der Bevölkerung in Städten. Diese entscheidet durch ihre Konsumgewohnheiten und durch ihren Lebensstil wesentlich darüber, wie sich die Natur - nicht nur in den Städten, sondern insgesamt - entwickeln wird. Letztlich kommt es darauf an, auch städtischer Bevölkerung eine lebenswerte Umwelt zu erhalten und sie für den Schutz von Natur und Umwelt zu gewinnen. Auch wenn der Anteil der Stadtbevölkerung noch steigen wird und die Ballungsräume sich noch verdichten, muss das nicht zu einer Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen führen.

Was hat das mit Kleingärten und anderen artenreichen Grünflächen wie Parks oder Friedhöfen zu tun?

Natur und ihre ökologischen Zusammenhänge wahrzunehmen und zu erkennen, ist bedeutend für das menschliche Wohlbefinden, für das Verhalten der Natur gegenüber und auch für eine Identifikation mit der Stadt, in der man lebt. Attraktive Innenstädte senken den Abwanderungsdruck und vermindern somit die Suburbanisierung und die Flächeninanspruchnahme. Ein wichtiger Schritt dabei ist es, Verständnis und Interesse für die Natur direkt am Wohnort zu wecken. Natur und der Umgang mit ihr ist aber auch von wesentlicher Bedeutung für das Leben und die Lebensqualität der Menschen in urbanen Räumen. Die natürlichen Nischen innerstädtischer Gefüge erfüllen damit neben ihrer Biotop- und Naturhaushaltfunktion dann eine ganz wesentliche Funktion: sie erlauben das Erleben von Naturentfaltung im unmittelbaren Wohnumfeld. Insbesondere Kleingärten und andere strukturreiche Grünanlagen wie Friedhöfe, Naturerlebnisflächen und Parks stellen vielerorts die letzten Refugien für den Kontakt zur Natur. Damit sind sie eine wichtige Ergänzung zu der Erfahrung großer naturnaher Lebensräume außerhalb der Städte.

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Kleingärten

In Deutschland gibt es 1,24 Millionen Kleingärten auf einer Fläche von mehr als 46.000 Hektar. Mehr als zwei Millionen Menschen - der überwiegende Anteil davon in Städten - nutzen ihre Parzelle zur Erholung und zum Anbau von Obst und Gemüse. Ursprünglich entstanden Kleingärten mit dem Ziel, die Selbstversorgung der arbeitenden Bevölkerung zu fördern. Noch heute findet sich im Bundeskleingartengesetz die Bestimmung, auf wenigstens einem Drittel der Gartenfläche Gemüse und Obst anzubauen. Aber Kleingärten leisten noch viel mehr: Sie bieten nicht nur für GärtnerInnen Naturerlebnis und Erholung. 84 Prozent der Kleingärten sind öffentlich zugänglich und bereichern somit die Lebensqualität aller Städter. Der Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e. V., als zentraler Ansprechpartner der Kleingärtner in Deutschland geht in der Summe von mehr als fünf Millionen Menschen aus, die Jahr für Jahr direkt Kleingärten nutzen.

Kleingärten als blinder Fleck des Naturschutzes?

Kleingärten wurden lange Zeit als wenig relevant für den städtischen Naturschutz angesehen, da die konkrete Nutzung, die intensive Pflege und die oft abgeschlossene Struktur den Wert für den Artenschutz und für die Erholung durch die Bevölkerung zum Teil deutlich senkte. Doch sowohl in der Gestaltung der Kleingärten als auch in der Betrachtungsweise des Naturschutzes haben sich inzwischen neue Erkenntnisse und Bewertungen durchgesetzt.

Bedeutung für Tiere und Pflanzen

Für diesen besiedelten Bereich ist typisch, dass sich entsprechend der Nutzung und Struktur unterschiedliche Bereiche mit vielfältigen Lebensräumen für Pflanzen und Tiere herausgebildet haben, die sich durch die anthropogenen Einflüsse in ihren ökologischen Bedingungen charakteristisch von den Biotopen der offenen Landschaft unterscheiden. Dazu bewirkt die Mosaikstruktur von urbanen Räumen, in die die Gärten eingebettet sind, ein ganzes Muster kleinteiliger Flächen, die eine unterschiedliche Besiedlung von Flora und Fauna ermöglichen.

Kleingärten können einen wichtigen Beitrag zur urbanen Artenvielfalt leisten. Viele typische Gartenvögel fühlen sich in einer strukturreichen Kleingartensiedlung wohl, zum Beispiel das Rotkehlchen und der Gartenrotschwanz. In Kleingärten mit heimischen Stauden und Blumenwiesen laben sich Schmetterlinge und Wildbienen am reichhaltigen Nektarangebot. Kleingärten können aber auch einen Beitrag zum Erhalt bedrohter Kulturpflanzen wie Echter Buchweizen oder Speise-Linse leisten. Mehr als 2000 Arten beziehungsweise Sorten finden sich in den bundesdeutschen Kleingärten. So können traditionelle, regionaltypische Arten und Sorten, von denen in den letzten 100 Jahren rund drei Viertel verloren gegangen sind, erhalten werden. Im Vergleich zu städtischen Parks ist die Pflanzenvielfalt weitaus höher.

Bedeutung für den Naturhaushalt

Unstrittige Bedeutung haben die Kleingärten auch für den Schutz des Bodens, den Erhalt günstiger Klimabedingungen, die Luftreinhaltung und für den städtischen Wasserhaushalt (Regeneration des Grundwassers und Vermeidung von Abflussspitzen). Das Ausmaß dieser Bedeutung wird bestimmt durch Größe und innere Struktur des Grüns, durch Lage und Einbindung in das Stadtgebiet und der Vernetzung mit dem freien Umland (Frischluftschneisen). Dies bezieht sich vor allem auf die beschattende und kühlende Wirkung der Vegetation, wobei die richtige Kombination von Bäumen, Baumbeständen und offenen Gras- beziehungsweise Wiesenflächen besonders wirksam ist. Siedlungsnahe Frei- und Grünflächen verbessern das Stadtklima und werten Wohnumfeld sowie Standortqualität - auf. Verbesserungen in diesem Bereich steigern die Lebensqualität, das Image und damit den Gesamtwert einer Kommune. Diese Bedeutung steigt noch mit der zunehmenden globalen Erwärmung, die für weite Teile Deutschlands von noch wärmeren und trockeneren Sommern ausgeht.

Städtische Kleinode in Gefahr

Doch viele Kleingärten sind bedroht. Allzu oft werden sie überbaut und fallen Verkehrsprojekten zum Opfer. Kommunen ersetzen im Schnitt nur 45 Prozent der zerstörten Gärten, obwohl die Nachfrage nach Parzellen das Angebot in vielen Großstädten übersteigt.

Konfliktfeld Innenverdichtung versus Kleingartenidyll

Zu einem Leitbild der "kompakten Stadt" gehört es, eine ausreichende Freiflächenversorgung sicherzustellen und Überverdichtung zu vermeiden. Es gilt lebenswerte Strukturen zu schaffen - nicht zuletzt auch, um dadurch die Stadtflucht in die Ballungsraumrandzonen mit ihren negativen Folgen zu beenden. In Großstädten soll ein Netz von Grünzügen entwickelt werden, in dem bestehende Kleingartenanlagen eine wesentliche Rolle spielen können. Modellprojekte zum verdichteten, flächensparenden Bauen und ökologisch orientierte Stadtteilsanierungen in Gründerzeitvierteln zeigen, dass auch in Vierteln mit Geschosswohnungsbau und verdichtet gebauten Reihenhäusern eine Mischung aus attraktiven öffentlichen, halböffentlichen und privaten Grünflächen möglich ist.

Die Gratwanderung "dichte Stadt" einerseits gegen "Freiflächenversorgung", "Wohnumfeldverbesserung" oder "Schutz gefährdeter Arten" andererseits stellt hohe Anforderungen an den zukünftigen Naturschutz in den Städten. Zwischen kompakter Bebauung und der Sicherung von Freiflächen muss jeweils im Einzelfall abgewogen und differenziert werden. Es besteht durchaus die Gefahr, dass unter dem Deckmantel des Umwelt- und Naturschutzes missbräuchlich nachverdichtet (oder überverdichtet) wird und dabei schutzwürdige Freiräume zerstört werden. Bei der Abwägung muss deshalb die besondere Funktion von Freiflächen für die Stadtökologie und die Lebensqualität in der Stadt entsprechend vorrangig berücksichtigt werden. Besondere Beachtung verdienen dabei die unter Arten- und Biotopschutzaspekten wertvollen Stadtbiotope. Weiterhin ist bei der Abwägung zu beachten, dass fußläufig erreichbare, zusammenhängende Freiräume unter dem Gesichtspunkt der Naherholung und für spontanes Spielen und Naturerleben für Kinder besonders wertvoll sind.

Bewusstseinswandel im Grünen Paradies

Das Umweltbewusstsein der Kleingärt-nerInnen ist unter anderem durch die qualifizierte Arbeit der Fachberater und der lokalen Kooperationen zwischen Naturschutzverbänden wie dem BUND und den Kleingärtnern in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Viele verzichten weitgehend auf chemische Schädlingsbekämpfungsmittel und Kunstdünger. Selbstgemachter Kompost und Regenwasser kommen in der Gartenpraxis immer häufiger zum Einsatz. Auch auf den Einsatz von Torf wird zunehmend verzichtet. In Modellgärten werden Obst und Gemüse biologisch angebaut. Viele KleingärtnerInnen leisten zudem seit langem aktive Beiträge für den Erhalt der Artenvielfalt.

Der BUND setzt sich deswegen in Kooperation mit dem Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e. V. (BDG) für ihren Erhalt ein. Zentrale Forderungen des BUND bleiben:

  • Erhalt aller vorhandenen Kleingärten, sofern nicht Naturschutzbelange dagegen sprechen.
  • Bei bereits praktizierter Wohnnutzung und entsprechender baulicher Gestaltung: Umwidmung in Wohngebiet geringer Dichte (die nicht unproblematische nachträgliche Legalisierung ist immer noch besser als faktische Einzelhaussiedlungen, die den planungsrechtlichen Status von Kleingärten haben und deswegen bei der Infrastruktur (Schulen, Kindergärten, Abwasser etc.) nicht richtig berücksichtigt werden.)
  • Förderung Interkultureller Gärten
  • Förderung naturnaher Bewirtschaftung und Nutzung der Kleingärten
  • Einbindung in Grünverbindungen und bessere Durchwegung der Kleingärten
  • Das Verbot von Pestizideinsatz durch die Satzungen der Kleingärtnervereine und seine konsequente Umsetzung

Grade der letzte Punkt stellt aufgrund fehlender Kontrollmöglichkeiten und breit angelegter Werbekampagnen für die Zielgruppe der Hobbygärtner wieder eine größere Herausforderung dar: Pestizide für den Privatgebrauch unterliegen zwar einer gesonderten Zulassung beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) und müssen entsprechend gekennzeichnet sein ("Anwendung im Haus- und Kleingartenbereich zulässig"). Vor allem dürfen sie nur in kleinen Verpackungseinheiten verkauft werden und müssen mit deutlichen Gebrauchshinweisen und beispielsweise Dosierhilfen versehen werden.

Jedoch wird einer der wesentlichen "Übeltäter" zurzeit verstärkt beworben: Glyphosat ist das weltweit am meisten eingesetzte Herbizid. Unter dem Handelsnamen "Roundup" und anderen Werbenamen wird es Kleingärtnern angepriesen und die Werbung suggeriert, dass die Pestizide völlig unproblematisch seien. Das aggressive Pflanzengift darf laut zuständigem Bundesamt maximal einmal pro Jahr für Zierpflanzen, Rasen und Obstbau angewandt werden, es darf auf gar keinen Fall in die Hände von Kindern gelangen und es ist auch für Goldfische und Lurche im Gartenteich schädlich. Doch ein gefahrloser Einsatz kann nicht sichergestellt werden. Zurzeit sind 44 glyphosathaltige Mittel offiziell für den Haus- und Kleingarten zugelassen, eine Kontrolle der Anwendung findet jedoch kaum statt und auch wenn zahlreiche Fachberater die Anwendung begleiten sollen, bleibt die Kontrolle nahezu unmöglich, selbst wenn die Beratung in der Vereinssatzung vorgeschrieben ist. Und so werden bis heute über 500 Tonnen Pestizide pro Jahr in privaten Gärten verteilt. Hier kann letztlich nur verstärkte Aufklärung und ein kleingartenübergreifender Ansatz wirksam werden.

Das Ziel: Pestizidfreie Kommunen

Letztlich haben Pestizide in allen Gärten und Grünanlagen nichts zu suchen und müssten auch nicht sein. Hier sind zum einen strengere Auflagen und Verbote durch die Kommunen notwendig, zum anderen auch stärkere Unterstützung und Aufklärung der Hobbygärtner. Letztlich braucht es auch ein wenig neues Denken: Pestizide werden zumeist eingesetzt, um Straßen und Wege frei von Kräutern und Gräsern zu halten - und damit alten Ordnungsidealen zu genügen. Veränderungen bedürfen dabei viel Überzeugungsarbeit: ein verändertes "Schönheitsideal" für Straßen, Wege und Plätze. Wie "ordentlich" muss eine Fläche aussehen? Davon hängt im Wesentlichen der Einsatz von Pestiziden ab. Wege mit fließenden Übergängen statt schnurgeraden Kanten, Gräsern und Kräutern auf öffentlichen Flächen, ein Mix aus intensiver und extensiver Pflege können schön aussehen, den Erlebniswert steigern und einen Beitrag zu mehr innerstädtischer Biodiversität darstellen. Die Stadt Saarbrücken etwa geht diesen Weg und kommt seit mehr als 20 Jahren ohne Pestizide aus. Auch in Saarbrücken wird allerdings nicht jeder Wildkrautbewuchs toleriert. Doch statt Pestiziden werden bei Bedarf mechanische Verfahren wie Mähen, Handarbeit oder spezielle Wildkrautbürstenmaschinen eingesetzt. Hier zeigt sich auch eine gangbare Option für manchen Kleingärtner.

Mehr Informationen unter:

www.bund.net/themen_und_projekte/aktion_stadtnatur/stadtgaerten/

www.bund.net/themen_und_projekte/chemie/pestizide/pestizidfreie_kommune/

Autor

Geograph, Leiter Naturschutzpolitik

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