Zehnjähriger Praxistest an Schulen bindet Schüler*innen ein

Wiener Wissenschaftsteam erforscht Gebäudebegrünung

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Gebäudegrün Bauwerksbegrünung
Abb. 1: Die Fassaden- und Dachbegrünung des Turnsaals wurde ergänzt durch eine patentierte Kombination von Solaranlage und Gebäudegrün. Foto: Irene Zluwa, BOKU Wien, IBLB
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Abb. 2: Es blüht auf dem Turnsaal. Auf dem Dach zeichnen zahlreiche Sensoren in kurzen Intervallen die wichtigsten Daten auf. Foto: TU Wien
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Abb. 3: Während die Sonne auf die begrünten Elemente der Fassade scheint, schützen diese die Wand davor, zu viel Hitze zu speichern. Foto: TU Wien

Schule der Zukunft muss grüner werden

Wozu sollen Schulen begrünt werden? Haben Kinder nicht genug freie Zeit, um im Grünen zu spielen? Solchen Fragen musste sich Prof. Dr. Azra Korjenic in den letzten Jahren immer wieder stellen. Die Forschungsbereichsleiterin für Ökologische Bautechnologien am Institut für Werkstofftechnologie, Bauphysik und Bauökologie der Fakultät für Bauingenieurwesen an der Technischen Universität Wien nimmt es gelassen. Als Wissenschaftlerin will sie alle Sichtweisen kennen lernen, sich erklären und wissen, wie es sich wirklich verhält. Dass das nicht vom Schreibtisch aus möglich ist, haben sie und ihr Forschungsteam in den letzten drei Jahren bewiesen. Nicht nur theoretisch, sondern auch im praktischen Versuchsaufbau, haben sie das Zusammenwirken verschiedener Begrünungssysteme dort beobachtet und analysiert, wo mehr Grün dringend gebraucht wird - in den Schulen.

Denn die romantische Vorstellung, dass Kinder und Jugendliche in ihrer Freizeit viel Zeit im Grünen verbringen, entspricht selten der Realität. Laut einer Umfrage der UNICEF halten sich Schüler und Schülerinnen in Deutschland durchschnittlich 38,5 Stunden pro Woche in der Schule und Hortbetreuung auf. In der Oberstufe sind es bis zu 45 Stunden pro Woche. Das ist vergleichbar mit einem Vollzeitjob von Erwachsenen und macht deutlich, wie wenig Zeit an Werktagen tatsächlich bleibt, um im Garten, Park oder Wald zu sein. Und obwohl die positive Wirkung von Grün auf das Wohlbefinden und die damit verbundene bessere Lernfähigkeit unbestritten sind, beschränkt sich Schulbegrünung bisher meist nur auf ein paar vereinzelte Zimmerpflanzen.

Aber wie könnte die Schule der Zukunft aussehen? Wie verändern Pflanzen das Raum- und Mikroklima des Schulgebäudes? Was bewirken sie für Luftfeuchtigkeit, Temperatur oder Akustik? Wie hoch ist der Energie- und Wasserverbrauch der Begrünungssysteme im praktischen Versuch?

Das Forschungsteam unter der Leitung von Korjenic wollte es genau wissen. In dem vom Klima- und Energiefonds der österreichischen Bundesregierung geförderten Smart Cities-Projekt GRÜNEzukunftSCHULEN erarbeiteten sie zwischen 2017 und 2020 theoretische Begrünungskonzepte für drei Schulen, die im Anschluss praktisch umgesetzt, beobachtet und analysiert wurden. Dabei handelte es sich um zwei Neubauten und ein Gebäude in der Planungs- und Bauphase.

Aber auch Altbauten wurden grüner: In einer unter anderem vom Bundesministerium für Klimaschutz geförderten (BMK) Kooperation zwischen dem Forschungsbereich Ökologische Bautechnologien der TU Wien, ebenfalls unter Kojenics Leitung, und der Universität für Bodenkultur Wien, war zuvor das Projekt GrünPlusSchule durchgeführt worden. Dessen Gegenstand war die Begrünung von Schulen im Altbau. So konnten die Forschungsergebnisse miteinander verglichen werden, etwa in Bezug auf den Energie- und Wasserverbrauch der Begrünungssysteme, die Wirkung des Grüns auf das Gebäude, sowie das Raum- und Mikroklima.

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Abb. 4: Vom Sportplatz aus sehen die Jugendlichen auf das bunte Herbstlaub an ihrer Turnhalle statt auf eine kahle Wand. Foto: Irene Zluwa, BOKU Wien, IBLB
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Abb. 5: Das Doppelsystem aus Photovoltaikanlage und Fassadenbegrünung ist eine Erfindung des Forschungsteams um Korjenic. Es wurde zum Patent angemeldet. Foto: TU Wien

Für Messungen stiegen die Forscher aufs Dach

Ein Altbau aus dem Jahr 1910, der von GrünPlusSchule begrünt wurde, war das Gymnasium und Realgymnasium in der Kandlgasse im siebten Bezirk Wiens. In dem dicht bebauten innerstädtischen Gebiet ist Stadtbegrünung nur spärlich vorhanden. Doch die Schule macht inzwischen eine Ausnahme: Sie ist innen wie außen üppig bewachsen. Das Forschungsteam hat Dach, Fassaden, Klassenzimmer, Foyer und Schulhof bepflanzt und die unterschiedlichen Begrünungssysteme im Versuchsaufbau vor Ort getestet. Dazu stiegen sie den Schülern und Schülerinnen regelmäßig aufs Dach, um zu ihren Messstationen zu gelangen.

Denn auf dem Dach, in den Räumen und an der Fassade zeichneten zahlreiche Sensoren in kurzen Intervallen die wichtigsten Daten auf und lieferten damit die Grundlage für den Vergleich der begrünten und nicht begrünten Gebäudeteile. Gemessen und analysiert wurden Wärmeströme, Luft- und Oberflächen-Temperaturen, Luftfeuchtigkeit, CO2, Staub, Lärmminderung, Energiesparpotential und Wärme-Insel-Effekte. Auch die Wirkung, die verschiedene Pflanzenarten und Begrünungssysteme dabei erzielten, wurde beobachtet.

Synergien für den Umbau der Schule nutzen

Eine der Besonderheiten dieses Projektes war es, dass über einen Zeitraum von drei Jahren das Zusammenwirken so vieler verschiedener Möglichkeiten der Gebäudebegrünung erforscht werden konnte. Im Eingangsbereich der Schule wurde ein Vliessystem installiert, an der Außenfassade zwei verschiedene fassadengebundene Begrünungssysteme. Im Innenhof waren bereits Pflanzbeete mit Stauden und Gehölzen, sowie ein Beet mit Kletterpflanzen vorhanden, die sich an einem Holzgerüst am Gebäude emporrankten. Zusätzlich wurde topfgebundene Begrünung auf dem Grenzmauerwerk zum Nachbarn angelegt.

Im Biologiesaal wurde eine wandgebundene Innenraumbegrünung aus Aluminiumtrögen angebracht, die die Schüler und Schülerinnen selbst mit Bogenhanf, Drachenbaum oder Kletterphilodendron bepflanzten. Ein Stockwerk höher befindet sich ein Klassenraum, in dem ein Vliessystem installiert wurde, das sich durch die Art der Wasserversorgung von dem im Foyer unterscheidet. Gemessen wurden Feuchtigkeit, Schimmelsporen, Staub und CO2. Denn gute Atemluft und Ruhe sind wichtig für die Konzentration im Klassenraum - und Pflanzen absorbieren Staub und Lärm spielend. Der Schallpegel war um bis zu 10 Dezibel geringer, als in den nicht begrünten Klassen des gleichen Gebäudes.

Synergien konnten genutzt werden: So bot die ohnehin geplante Sanierung des Turnsaaldaches eine gute Gelegenheit, das neu abgedichtete und gedämmte Dach auch gleich zu begrünen. Absturzsicherung, Gerüst und Baustellenaufzug waren ja bereits vorhanden. Das Wissenschaftsteam entschied sich außerdem, auf diesem Dach und an der angrenzenden Wand auch gleich die Kombination von Gebäudegrün und Solarstromanlage zu testen.

Clever kombiniert: Solaranlage und Fassadenbegrünung

Noch immer hält sich hartnäckig die Meinung, dass Photovoltaikanlage mit Fassaden- und Dachbegrünung in Konkurrenz stehen, sodass man sich für das eine oder andere entscheiden muss. Das in Wien getestete Doppelsystem aus Photovoltaikanlage und Fassadenbegrünung ist eine Erfindung des Forschungsteams um Korjenic. Die Professorin und eine ihrer Doktorandinnen haben es zum Patent angemeldet.

Durch das optimierte System verstärkt sich die Wirkung von Solaranlage und Begrünung wechselseitig und hält ganzjährig vor: Die transparenten Module schützen die Pflanzen vor Wind und direkter Sonneneinstrahlung. Die Pflanzen wiederrum kühlen die Solarzellen im Jahresschnitt um bis zu 4 Grad Celsius herunter, wodurch die Photovoltaikanlage leistungsfähiger wird.

Die Schüler und Schülerinnen waren während der Projektlaufzeit immer wieder in die Forschung eingebunden. So wurden die Messungen der mit der Solaranlage gewonnenen Energie in Echtzeit auf Monitore im Physikraum und Foyer der Schule übertragen. Alle sahen auf diese Weise unmittelbar, wie viel Strom das System bei Sonnenschein und wie viel an bewölkten Tagen generiert. Außerdem wurde aktuell angezeigt, wie viel Kohlendioxid bereits durch die Anlage eingespart werden konnte.

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Abb. 6: Schüler und Schülerinnen mit Prof. Korjenic und ihrem Direktor vor einer begrünten Wand in der Schule in der Kandlgasse. Foto: TU Wien
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Abb. 9: Ein Trogsystem im Klassenraum hat den Vorteil, dass die Schüler und Schülerinnen die Bepflanzung selbst vornehmen können. Foto: TU Wien
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Prof. Korjenic in der Schule in der Kandlgasse vor einer Wandbegrünung mit Vliessystem. Foto: TU Wien
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Abb. 8: Durch die Pflanzenwand im Klassenzimmer ist die Luft besser. Auch die Konzentration wird gefördert. Foto: TU Wien

Wärmeverluste werden reduziert, direkte Sonneneinstrahlung abgehalten

Beim Sichten ihrer Arbeitsergebnisse, waren die Forscher selbst überrascht, wie leistungsstark die Begrünung ist. Für die Schule in der Kandlgasse wurden die Referenzwerte vor der Begrünung von Dach und Fassade mit den Werten nach der umfassenden Begrünung verglichen. Der Stromverbrauch für Heizung und Klimaanlage ist erheblich gesunken. An heißen Sommertagen war es im begrünten Innenhof der Schule bis zu vier Grad kühler, als vor Projektbeginn. Die Pflanzen erzeugen Verdunstungskälte und verschatten die betonierten Flächen. Das Mikroklima im Innen- und Außenbereich hat sich verbessert. Die CO2- und Staubkonzentration in den Klassenräumen konnten reduziert werden. Die Lärmbelastung ist deutlich gesunken.

Die Begrünungssysteme dämmen das Gebäude im Winter. Die nicht gedämmten Wände konnten Wärmeverluste um 20 Prozent reduzieren. Durch die Begrünung wird die Fassade vor Schlagregen und Wind geschützt, sowie im Sommer vor direkter Sonneneinstrahlung bewahrt. "Die direkt an der Oberfläche der Außenwand gemessene Temperatur ist an heißen Tagen um 20 Grad niedriger als vor der Begrünung", sagt Kojenic. Die Hitze am Gebäude zu reduzieren ist dringend notwendig, denn an Außenwänden können im Verlauf von Hitzewellen in Wien bis zu 60 Grad gemessen werden, so die Professorin.

Manche Schüler und Schülerinnen wurden durch die Projektarbeit des Forschungsteams so stark inspiriert, dass sie für vorwissenschaftliche Arbeiten, Referate und Abiturthemen auf die Daten und Ergebnisse des Projekts GrünPlusSchule zurückgriffen. Nach drei Jahren GrünPlusSchule wurde das Projekt verlängert, sodass das Wissenschaftsteam, parallel zu ihren neuen Projekten, noch immer in der Kandlgasse forscht.

Gebäudebegrünung im wärmegedämmten Neubau

Das Folgeprojekt GRÜNEzukunftSCHULEN, für das seit 2020 der Endbericht vorliegt, beschäftigte sich mit Neuprojekten an drei Untersuchungsstandorten. Ein Schwerpunkt lag dabei auf dem Vergleich von Altbauten mit Neubauten mit und ohne Belüftungsanlage. So sollte zum Beispiel geklärt werden, ob die durch die Begrünung verursachte erhöhte Luftfeuchtigkeit in Neubauten ohne Lüftungsanlage ein zu hohes Niveau erreicht.

Besonders interessant war dabei, dass mit diesem Projekt die Gebäudebegrünung im wärmegedämmten Neubau untersucht wurde - also in Räumen, die eine hohe Luftdichte aufweisen. Zahlreiche Fragen, die sich bezüglich Schimmelbelastung im Neubau ergeben, wurden im Detail erforscht. So wurde bisher teilweise angenommen, dass sich durch das Anbringen von Begrünung an mit Styropor gedämmten Fassaden beträchtliche Wärmebrücken und Beschädigungen ergeben. Forschungsergebnisse dazu sind nun im Endbericht des Projektes zu finden.

Neben der Umsetzung und Evaluierung von Begrünungen im Schulneubau wurden die Erkenntnisse aus dem Projekt in Form eines Leitfadens gebündelt. Dieser enthält Informationen zur Planungs- und Bauphase, Sanierung, Errichtung, Pflege und langfristigen Betreuung von Begrünungselementen an und in Schulgebäuden und auf den Schulhöfen. Andere Schulen, die sich auf das Experiment einlassen möchten, können so auf vielfältiges wissenschaftliches Material zurückgreifen.

Auswirkungen auf das Schulleben

Neu an GRÜNEzukunftSCHULEN war die intensive soziale Prozessbegleitung, die die Schule auf eine optimale Aufteilung der Arbeitsschritte sowie die Integration der Begrünungen in die Schulkultur vorbereitete.

In Workshops mit dem Wissenschaftsteam und Online-Interviews ging es unter anderem darum, was diejenigen über Pflanzen in Hülle und Fülle denken, die die Schule täglich besuchen. Wie verändert sich das Raumgefühl und der Unterricht durch Pflanzenwände im Klassenzimmer oder eine Pergola mit Rankpflanzen auf dem Schulhof? Unter welchen Bedingungen lässt sich die regelmäßige Pflege realisieren? Hat das Grün soziale Auswirkungen auf das Schulleben? Wie können Pflanzen in der Schule als Anschauungsobjekte für den Unterricht genutzt werden?

Die Begrünung wirkte sich, laut Ergebnissen der Befragung, positiv auf das Wohlbefinden und die Aufmerksamkeit der meisten Schüler und Schülerinnen aus. "Die Luft ist besser als davor. Sie ist nicht mehr so stickig und man kann sich auch besser konzentrieren", findet eine Schülerin.

Aus Workshops mit dem Forschungsteam sind begleitende Unterrichtsmaterialien für verschiedene Fächer der Grundschule und Oberstufe hervorgegangen. Es geht dabei um Insekten, Hitzeinseln in der Stadt, CO2-, Oberflächentemperatur-, oder Wasserspeicherkapazität-Messung, um praktische und theoretische Aspekte der Fassadenbegrünung, um die Beobachtung des Pflanzenwachstums, Hochbeete auf dem Dach, Moos-Graffiti und vieles mehr. Ab Januar 2021 wurde auch das Folgeprojekt GRÜNEzukunftSCHULEN genehmigt, das an den gleichen Schulen weitergeführt wird.

Finanzierungsmodelle für die grünen Schulen

Im Frühjahr 2020 ist das Anschlussprojekt MehrGrüneSchulen gestartet, dass bis 2023 läuft und Finanzierungsmodelle für die grüne Infrastruktur an Österreichs Schulen entwickeln soll. Denn trotz der offensichtlichen und nun auch nachgewiesenen vielfältigen Vorteile, die grüne Infrastruktur im Alt- und Neubau an Schulen mit sich bringt, wurde Begrünungskonzepte bisher nur an wenigen Schulen umgesetzt. Grund dafür waren fehlende Finanzierungsmöglichkeiten.

Um geeignete Finanzierungsmodelle für grüne Infrastruktur an Schulen zu entwickeln, werden im Projekt MehrGrüneSchulen österreichweit in Abhängigkeit vom Schultyp, Standort und Begrünungsart, die verschiedenen Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen ermittelt und in die Entwicklung der grünen Infrastruktur einbezogen.

Um entsprechende Beispiele vorweisen zu können, werden die Lebenszyklen bestehender Begrünungen ermittelt, einfach und eigenständig umsetzbare Lösungen für Schulen entwickelt und in jeweils einer Schule pro Bundesland umgesetzt. Auch eine Kombination "ökologische Sanierung und Fassadenbegrünung" wird hier untersucht. Diese Finanzierungsmodelle bieten dann eine breite Argumentations- und Handlungsgrundlage auf Basis ganz unterschiedlicher Voraussetzungen für vergleichbare Schulen. Die Umsetzung könnte mit Hilfe der schon bestehenden Klimaprogramme der österreichischen Regierung gefördert werden.




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Prof. Dr. Azra Korjenic. Foto: TU Wien

„Photovoltaikanlage und Fassadenbegrünung profitieren gegenseitig voneinander“

Schüler*innen entdecken ihre Neugier für die Forschung. Interview mit Prof. Dr. Azra Korjenic

"Die Schule als Ort des Lernens und Ausprobierens ist der optimale Experimentierraum in der realen Stadt", so Korjenic. "Durch die vermehrte Umsetzung grüner Infrastruktur, gelangen reale Objekte zum Experimentieren in die Klassenzimmer und werden Bestandteil des alltäglichen Schullebens." Lehrkräfte, Eltern, Schüler und Schülerinnen tragen die Idee weiter und werden zu Multiplikatoren der Schulbegrünung.

Wie sind Sie darauf gekommen, sich auf die Begrünung von Schulen zu konzentrieren - und nicht nur allgemein auf Gebäudegrün?

Ich habe im Jahr 2009 angefangen mich mit Gebäudebegrünung zu beschäftigen. Zu dieser Zeit gab es weltweit die ersten Beispiele begrünter Fassaden, etwa die des französischen Botanikers und international anerkannten Gartenarchitekten Patrick Blanc. Auch erste Unternehmen, die Begrünungssysteme für Gebäude anboten, entstanden in dieser Zeit. Das war etwas grundsätzlich Neues und bauphysikalisch noch komplett unerforscht. Mich persönlich interessierte, wie sich die Begrünung auf das Gebäude und seine Umgebung auswirkt. Mein erstes Begrünungsprojekt war dann auch ein Großprojekt, durchgeführt von einem Netzwerk aus mehr als 16 Firmen, sowie der Universität für Bodenkultur und dem Fachbereich Bauphysik der Technischen Universität Wien. Die Idee war, zunächst offene Fragen der Forscherteams und der ausführenden Firmen zusammen zu tragen, um herauszufinden, was bereits problemlos möglich ist und was noch nicht funktioniert. Am Ende haben wir einige Begrünungsflächen montiert, damit Interessierte sich unsere Ergebnisse ansehen konnten. Das war jedoch keine wissenschaftliche Herangehensweise. So wurden etwa keine Messungen durchgeführt.

Ich suchte nach einem Projekt, anhand dessen ich die Auswirkungen der Begrünung wirklich messen und untersuchen konnte. Da ich früher im Fachbereich Bauphysik das Nutzerverhalten in Bezug auf Energieeffizenz untersucht hatte, wusste ich, dass sich dieses Verhalten ab einem bestimmten Alter kaum noch ändern lässt: Für ältere spielte es weniger eine Rolle, ob sie Kosten reduzieren konnten, solange sie ihr Leben führen konnten wie zuvor. Während die jüngeren - vor allem Kinder - etwas Neues einfach automatisch machen. Es ist wie bei der Mülltrennung: Wer sie von klein auf kennt, macht sie ganz automatisch.

Daher erschien es mir am sinnvollsten, ein Begrünungsprojekt mit Kindern umzusetzen, sodass sie von Anfang an mit dem begrünten Gebäude leben und ganz selbstverständlich lernen, damit umzugehen. Erst auf diese Weise können wir wirklich nachhaltig einen neuen Weg beschreiten. So kam ich darauf, nach Schulen zu suchen.

Hatten Sie den Eindruck, dass die Schülerinnen und Schüler sich durch die Forschungsarbeit Ihres Teams inspiriert fühlten selbst zu forschen?

Ja, die ganze Zeit. Am Anfang war es für die Kleinen interessant, ganz praktisch zu sehen, was in der Schule Neues geschieht, welche Geräte und Pflanzen angeliefert werden, was sich am Gebäude verändert. Die Kinder sind uns immer nachgelaufen, wenn wir in der Schule waren. Im Rahmen des Biologieunterrichts, haben wir zusammen mit den jüngeren Klassen das Trogsystem im Biologieraum bepflanzt.

Die älteren Schüler begannen mit uns zu forschen und ihre vorwissenschaftlichen Arbeiten zu dem Projekt zu schreiben. Ein Abiturient hat zum Beispiel die Photovoltaikanlage auf dem Dach fast allein betreut. Er hat die Daten regelmäßig abgelesen und gespeichert, sodass wir nicht jeden Tag in die Schule kommen mussten.

Schließlich wurden wir von den Lehrern in den Unterricht zur Berufsorientierung eingeladen, um aus dem Alltag unserer Arbeit zu berichten. Was mich besonders gefreut hat, war, dass die Mädchen mir sagten, sie hätten gar nicht gewusst, wie vielfältig Bauwesen ist. Sie interessierten sich für den Studiengang. Ich konnte erklären, dass man nicht automatisch auf die Baustelle muss, wenn man Bauwesen studiert. Es gibt unzählige andere Betätigungsfelder in diesem Fachgebiet. Zu diesen gehört auch das Zeichnen und Entwerfen von Plänen, die Berechnung der Statik oder - etwas ganz Anderes - die Arbeit bei der Baupolizei.

Gab es ein Pflanzsystem, das sich im Klassenraum besonders bewährt hat?

Eindeutig das Trogsystem. Es ist sehr robust. Auch wenn ein Sommer besonders heiß und trocken ist oder in den Ferien die Schule mal für zwei bis drei Wochen leer steht: Die Pflanzen überleben durch das Substrat. Bei Systemen ohne Substrat, etwa solche mit Geotextilen als Feuchtespeicher, sterben die Pflanzen schon nach einer Woche ohne Wasser. Solche Systeme funktionieren daher im Schulalltag schlecht.

Für die Schüler ist zudem das Einsetzen, Austauschen und Erkennen von Pflanzen in Trögen viel leichter möglich. Im Biologieunterricht werden die Pflanzenwände immer wieder als Studienobjekt eingesetzt.

Was ist das Besondere an der von Ihnen und Ihrem Team entwickelten Kombination aus Fassadenbegrünung und Photovoltaikanlage für die Schule in der Kandlgasse?

In der Kandlgasse hatten wir natürlich alles: eine Dachbegrünung, Fassadenbegrünung und Photovoltaikanlage. Zum Patent eingereicht haben wir die Kombination von Fassadenbegrünung und PV-Elementen als modulares System an der Hauswand. Eine meiner Doktorandinnen hatte sich schon viel früher mit der Fassadenbegrünung und vorgesetzten Photovoltaikmodulen beschäftigt und an unserem Prüfstand verschiedene Untersuchungen durchgeführt. Dazu gehörten auch Fragen wie: Welche Pflanzen halten das Mikroklima hinter Photovoltaik?

In der Kandlgasse haben wir diese Flächen installiert und weiter geforscht. Das Besondere war, dass wir sahen, dass sich Pflanzen noch besser entwickeln, wenn sie durch die PV-Anlagen geschützt sind - gerade im Sommer, bei direkter Sonneneinstrahlung auf der Südwest-Seite des Gebäudes.

Wir haben ein System für die Kombination von Photovoltaikanlage und Fassadenbegrünung entwickelt, bei dem genau festgelegt ist, wie groß die Abstände sein müssen, um das Ergebnis zu optimieren. Die Photovoltaikelemente lassen sich dabei verschieben.

PV-Elemente und Fassadenbegrünung werden nicht nur beide an einer Wand angebracht, sondern profitieren gegenseitig voneinander. Die Photovoltaikanlage beschirmt und schützt die Pflanzen, die so besser gedeihen. Gleichzeitig kühlen die Pflanzen die Photovoltaikanlage um 2 bis 4 Grad Celsius herunter, wodurch sich die Erträge erhöhen. Damit der gegenseitige positive Effekt und die Belüftung funktionieren, ist es jedoch enorm wichtig, die richtigen Abstände zwischen den Modulen und den Pflanzen zu finden. Das ist in unserer Forschung gelungen.

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Wandgebundene Fassadenbegrünung des Altbaus am Beispiel der Schule in der Kandlgasse. Foto: Irene Zluwa, BOKU Wien, IBLB

MehrGrüneSchulen heißt Ihr aktuelles Projekt. Was können Sie bisher darüber berichten?

Das Projekt läuft jetzt genau seit einem Jahr. In diesem dritten Projekt wollen wir Finanzierungsmodelle für grüne Schulen in ganz Österreich entwickeln. Dafür schauen wir uns erstens an, wie man bestehende Begrünungssysteme anpassen, sie ökologisch optimieren und wirtschaftlicher machen kann. Wir berechnen außerdem den Lebenszykluskosten für sie.

Zweitens entwickeln wir gemeinsam mit Schulen Low-Cost-Begrünungen - inklusive Bauanleitungen, die wir dann an mindestens einer Schule pro Bundesland in Österreich bauen. Dafür haben wir mehrere interdisziplinäre Workshops mit einer Gartenbauschule und einer Schule für Bautechnik durchgeführt. Es sind großartige Ideen entstanden, zum Teil bis ins Detail geplant. Aus diesen Systemen wurden einige ausgewählt, die wir wirklich gemeinsam bauen. Wir berechnen die Kosten für sie und schreiben Bauanleitungen, die wir dann in ganz Österreich verbreiten.

Drittens gehen wir den Fragen der Finanzierung direkt nach: Welche Möglichkeiten der Finanzierung gibt es in Österreich? Wer sind die Ansprechpartner? Wo sind die Grenzen? So können wir im dritten Jahr des Projekts fertige Finanzierungsmodelle für Schulen vorlegen.

Ist der Austausch mit anderen europäischen Städten geplant? Entstehen dort auch grüne Schulen?

Natürlich stehen wir im internationalen Austausch mit vielen interessanten Gebäudebegrünungs-Projekten. Die aktive Begrünung von Schulen in einem Ausmaß, wie sie in Österreich in unseren drei Projekten gerade stattfindet, ist jedoch meines Wissens einzigartig. Eine Ausweitung des Projekts wäre denkbar, wenn wir im Ausland die passenden Partner und Ausschreibungen fänden.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

 Elisabeth Voigt
Autorin

Redakteurin Neue Landschaft

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