Zwischen Fischtor und Winterhafen – ein Erholungsraum

Fünfzig Jahre Rheinufergestaltung Mainz

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Flussufer Grünflächen
1 Willkommen am Mainzer Rheinufer. Foto: Jutta Curtius 2021

Die Grünanlagen am Rheinufer zwischen Fischtor und Winterhafen sind ein wichtiger Erholungsraum für die Bürger*innen der Stadt Mainz. Gottfried Kühn gestaltete 1964 ein terrassenförmiges Flanier- und Erholungssystem, in dem noch heute die typischen Elemente der Nachkriegsmoderne in ihrer ausgeprägten Leichtigkeit und Schlichtheit zu finden sind.

Der Wettbewerb - Herausforderung und Chance

Im Frühjahr 1961 beschloss der Rat der Stadt Mainz, am Rheinufer zwischen Fischtor und Winterhafen eine öffentliche Grünanlage zu schaffen. Im Sommer 1961 wurden die Landschaftsarchitekten Wolfgang Walter, Wiesbaden, Herbert Heise, Offenbach, und Gottfried Kühn, Köln, aufgefordert, den "Rheinuferabschnitt zwischen Fischtor und Winterhafen gartenbaulich neu zu gestalten". Funktionale und gestalterische Vorgaben waren:

  • Erhalt des alten Baumbestandes
  • Sitzmöglichkeiten für unterschiedliche Erholungsbedürfnisse (offen, geschützt, sonnig, schattig, am Verkehr und in abgeschiedener Lage)
  • Ruhe- und Spielplätze für Mütter mit Kleinkindern
  • Spielmöglichkeiten für Kinder
  • gartenbauliche Sonderanlagen modern-repräsentativer Art" (Stadtverwaltung Mainz 1962-1965a).

Dabei sollten die von Carl Lembke entwickelten Gestaltungsprinzipien für die Berührungslinie von Wasser und Land, besonders an den Ufertreppen auf der Höhe des Fischtores, des Roten Tores und des Brückentores und die hervorzuhebenden Endpunkte der Rheinuferpromenade Berücksichtigung finden (Lembke 1961). Der "relativ zurückhaltende" Gestaltungsvorschlag von Kühn wurde von den Fachausschüssen favorisiert und Kühn mit der Fortführung der Planung beauftragt (Stadtverwaltung 1962-1965b).


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2 Vorentwurf (A) Rheinufergestaltung. Abb.: Gottfried Kühn, 31.05.1963, Stadtarchiv Mainz BPSP/1998/9, 33.2.
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3 Vorentwurf (B) Rheinufergestaltung zwischen Fischtor und Winterhafen. Abb.: Gottfried Kühn, Stadtarchiv Mainz BPSP/1998/9, 33.1.

Die Idee

Nur wenige Monate nach Aushandlung des Architektenvertrags zwischen der Stadt Mainz und Gottfried Kühn reichte Letzterer am 31.05.1963 zwei überarbeitete farbige Vorentwürfe ein. Auf diesen wird anschaulich, dass Kühn durch Verringerung der Verkehrsfläche und den Einsatz von Stützmauern und Auffüllungen einen Zugewinn an erlebbarem Freiraum erlangte. Er entwarf eine uferbegleitende Promenade mit mehreren Plätzen, Wegen, Gehölz- und Staudenpflanzungen. Für die Gestaltung spielten die drei Tore - Weintor, Holztor und Templertor - als gliedernde Elemente des Freiraumes eine entscheidende Rolle.

Die beiden Alternativ-Pläne unterscheiden sich in der Art der Pflanzung der Großbäume, die entweder ein- oder zweireihig vorgesehen waren, sowie in den Formen der Treppenaufgänge und damit auch in den Bezugspunkten zwischen den Ebenen.

Bei der Planung "wurde darauf geachtet, dass die Sitzplätze möglichst verschiedene Blickrichtungen erhielten, dass sie sonnig oder schattig gelegen, dem Weg zugewandt oder von ihm abgesetzt sind" (Kühn 1969).

Die Spielplätze wurden so eingebunden, dass sie den Kindern einen möglichst ungestörten Raum neben den Verkehrsflächen boten. Dabei sah Kühn für die Mauern der Bastionen Waschbeton und für die dazwischenliegenden Stützmauern roten Sandstein vor. Vom Gartenamt war ursprünglich als Material für die Bastionen roter Sandstein und für die Zwischenglieder gelbgrauer Naturstein angedacht gewesen (Stadtverwaltung Mainz 1962-1965b).

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4 Untere Ebene der Rheinpromenade. Foto: Haus Otto, Universität der Künste, 110-F1757
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5 Waschbetonmauer Treppenanlage, Metallgitter und Natursteinmauer in enger Verzahnung. Foto: Jutta Curtius 2021
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6 Eisengitter an der Rheinpromenade – Fa. Beitz aus Mainz. Abb.: Stadtarchiv Mainz 1964, BPSF 22826a
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7 Rheinpromenade (Abschnitt A). Foto: Jutta Curtius 2021

Die Elemente: Stützmauern - Waschbeton besonderer Güte

Das wesentliche funktionale und raumgestaltende Element des Entwurfs sind die Stützmauern aus Waschbeton. Sie gliedern die lang gezogene Uferpromenade in zwei Ebenen. Eingeschobene Treppenaufgänge schaffen Nischen und geschützte Räume und leiten den Fußgänger fast beiläufig von unten nach oben oder umgekehrt.

Spätestens mit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde auf der Grundlage der Lehre von Werkbund und Bauhaus um die Begriffe Materialechtheit, Materialgerechtheit, Klarheit und Funktionalität gerungen. Kühn folgte zudem den Grundsätzen von Mies van der Rohe: Die Form folgt der Funktion - was besagt, dass aus der Funktion, die ein Gegenstand hat, sich folgerichtig die Form ergibt (Kühn 1963, Archiv der Künste 110A601). So spiegeln die am Rheinufer von Mainz eingesetzten Waschbetonmauern mit ihrer zehnprozentigen Dossierung und dem etwa 5 Zentimeter starken Waschbetonvorsatz aus Perlkies 7/15 einen zum damaligen Zeitpunkt avantgardistischen Gestaltungswillen wider.

Puristische Ausstattungselemente, seien es die Bänke oder die Leuchten an den Beeten, fügen sich in ihrer klaren Formensprache ein. Die geometrischen Formen, die sich einer symmetrischen Anordnung entziehen, schaffen eine Raumgliederung mit Spannungsbögen in wechselnden Bildern.

Eisengitter - genial und einfach

Die Konstruktion des ca. 300 Meter langen Geländers besticht durch Leichtigkeit und geniale Einfachheit. Flachstahlstäbe von 6/40 Millimeter und ca. 120 Zentimeter Länge sind mit einem leichten Knick am oberen Ende schräg auf die Unterkonstruktion geschweißt. Die lichte Weite von ca. 15 Zentimetern sorgt für den auffälligen Schattenwurf, der bereits für sich genommen ein Kunstwerk darstellt.

Pflanzplanungen - aus dem Farbkasten

"Die Pflanze und der Raum haben Gottfried Kühn bei seinen Entwürfen für Freianlagen immer am meisten beschäftigt (Leipacher o.J., o.S.). Die "Kühn'sche Hand" ist auch heute noch im Bestand an der Auswahl und dem Zusammenspiel der Arten gut erkennbar und wird durch die Vielzahl der unterschiedlichen Blühgehölze deutlich.

"Die Gehölzpflanzungen gliedern die Parterres reizvoll auf und bilden optisch wirksame Teilräume. Sie bringen Schutz zur oberen Uferstraße hin, schaffen Schatten und erfreuen durch verschiedenartigen Blatt- und Blütenschmuck. Dauerhafte Staudengruppen ergänzen die Pflanzungen (Kühn 1962, Archiv der Universität der Künste, 110-A302).

Um die starke Farbigkeit der Kühn'schen Planung in der Plangrafik erlebbar zu machen, wurden von der Verfasserin im Jahr 2021 Blüh- und Farbkalender erarbeitet, die wiederum in einer Koloration der Originalpläne zur Anschauung kommen. Es wurden Blütenfarbe, Herbstfärbung und Fruchtschmuck über die jeweiligen Zeiträume hinweg berücksichtigt.

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8 Farbige Blühaspekte Frühling, nachkoloriert – Abschnitt A (Kühn 1964, Archiv der Universität der Künste 110-PL2128). Abb.: Jutta Curtius 2021
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9 Farbige Aspekte Herbst, nachkoloriert – Abschnitt A (Kühn 1964, Archiv der Universität der Künste 110-PL2128). Abb.: Jutta Curtius 2021

Gottfried Kühn (1912-2002)

Gottfried Kühn zählt zu den bedeutendsten Landschaftsarchitekten der deutschen Nachkriegsmoderne. Geboren 1912 in Berlin-Charlottenburg, wuchs er in der Mark Brandenburg auf. Sein gärtnerisches Rüstzeug erwarb er sich während seiner Lehre im renommierten Pflanzenzuchtbetrieb von Karl Foerster in Potsdam-Bornim. Zu diesem Zeitpunkt wirkten Hermann Mattern, Herta Hammerbacher, Walter Funcke, Hermann Thiele und Gustav Lüttge in der "Bornimer Schule".

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10 Gottfried Kühn. Foto: Privatarchiv Familie Weik
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11 Gelungene Sanierung des Waschbetonvorsatzes 2021. Foto: Jutta Curtius 2021

1951 gründete Kühn einen Planungs- und Ausführungsbetrieb und firmierte als "Gärtner Kühn-Köln - Landschaftsgärtnerei". 1974 nahm er Jürgen Schubert in sein Büro auf und firmierte unter dem Namen Kühn Schubert Partner (Kühn und Schubert 06.05.1982). Kühn gestaltete über 3000 Projekte und wirkte bei zahlreichen Bundesgartenschauen sowie Internationalen Gartenschauen mit.

Hohe Qualität in kürzester Bauzeit

Die Planung für das Mainzer Rheinufer stellte allein in Anbetracht des Flächenzuschnitts mit über 500 Meter Länge und nur ca. 20 Meter Breite eine besondere Herausforderung dar, zu der sich eine Fülle weiterer funktionaler Anforderungen gesellte. Das Mainzer Stadtgebiet war von jeher mit einem nur geringen Bestand an Grünflächen ausgestattet. Die Rheinufergestaltung mit "grünem" Fußgängerplateau als Erholungsort in den 1960er Jahren war und ist bis heute ein wichtiger Baustein der Stadtplanung in Mainz.

Kühn ist es gelungen, den Fluss, das Weite, das Fließende mit dem Stadtkörper zu verweben und das Grün in wichtiger Vermittlungsfunktion einzusetzen und darzustellen. Mit der Aufweitung vor den historischen Sandsteintoren (Weintor, Holztor und Templertor) wurde ihre kulturelle Bedeutung ins rechte Licht gerückt, gleichzeitig wurden auf diese Weise Räume geschaffen, die eine hohe Aufenthaltsqualität für die Menschen der engen Stadt haben.

Das neu gedachte "kühne" Konzept des Landschaftsarchitekten Kühn, dass die Aufbruchstimmung des neuen Mainz der 1960er Jahre wie kein anderes repräsentiert, wurde in der Fachwelt bisher wenig besprochen. Führt man sich vor Augen, dass die Promenade in nur sechs Monaten fertiggestellt wurde, wird deutlich, welch "gute Zusammenarbeit zwischen den städtischen Ämtern, der Planung und Bauleitung und den fünf am Werk beteiligten Firmen" (Kühn 1965)¹6 gelang.

Dabei bezeugt die Anlage nicht nur hervorragende Gestaltungsqualitäten, auch die Baukonstruktionen sind noch heute in einem Zustand, der das modern konzipierte Gesamtensemble mit etwas Pflege wieder erstrahlen lassen kann. Die Güte der Ausführung äußert sich darin, dass nach 50 Jahren fast keine Setzungen, Risse oder Abplatzungen feststellbar sind und eine Reinigung des Waschbetones bereits zu guten Ergebnissen geführt hat.

Einige wenige Korrekturen in der Pflanzung, eine Wiederherstellung der Beleuchtung und ein vorsichtiges, wohl bedachtes Sanierungskonzept könnten diesen Abschnitt des Rheinufers zu einer Ikone der Freiflächengestaltung der Nachkriegsmoderne adeln. Heute gilt es, jenem Zeitgeist des euphorischen Aufbruches an diesem Ort nachzuspüren und diese Anlage mit ihrer hervorragenden baulichen Substanz als bedeutsames baukulturelles Zeugnis zu erhalten.


Literatur

  • Haus Otto, Mainz-Kastel (undatiert): Rheinufer Mainz: Untere Uferterrasse. Universität der Künste, 110 - F 1757. Foto s/w 13,5 x 18 cm bzw. 17,5 x 23 cm 2 Ex. (1 Motiv mit Dublette).
  • Kühn, Gottfried (um 1962): Rheinufergestaltung zwischen Fischtor und Winterhafen in Mainz - Entwurf für einen Bericht über die geplante Begrünung des Rheinufers. Archiv der Universität der Künste, 110 - A 302.
  • Kühn, Gottfried (19.02.1963): Neuer Werkstoff Beton für den Landschaftsgärtner. Archiv der Universität der Künste, 110 A 601. Manuskript eines Vortrages.
  • Kühn, Gottfried (31.05.1963a): Rheinufergestaltung zwischen Fischtor und Winterhafen Grundriss mit Alternativ-Vorschlag zur Gestaltung des Rheinufers zwischen Fischtor und Winterhafen. Stadtarchiv, BPSP/1998/9, 33.1. Planpause coloriert; (302 x 75 cm); (M.: 1:200).
  • Kühn, Gottfried (31.05.1963b): Rheinufergestaltung zwischen Fischtor und Winterhafen Grundriss mit Vorentwurf zur Gestaltung des Rheinufers zwischen Fischtor und Winterhafen. Stadtarchiv, BPSP/1998/9, 33.2. Planpause coloriert; (302 x 75 cm); (M.: 1:200).
  • Kühn, Gottfried (1965): Rheinufer Mainz zwischen Fischtor und Winterhafen. In: Garten und Landschaft (3), S. 90-91.
  • Kühn, Gottfried (1969): Rheinufer Mainz - Zwischen Fischtor und Winterhafen. In: Das Gartenamt 18 (7), S. 304-306.
  • Kühn, Gottfried; (Pflanzenauswahl); Blütenkalender col. Curtius 2021 (09.03.1964): Mainz Rheinufergestaltung zwischen Fischtor + Winterhafen Pflanzplan/Abschnitt A; 17. Archiv der Universität der Künste, 110 - PL 2128. Transparent mit Tuschezeichnung und Stempel 9.3.1964 1:100 45 x 15 cm Zeichner: BA.
  • Kühn, Gottfried; Schubert, Jürgen (06.05.1982): Leben und Werk Gottfried Kühn. Archiv der Universität der Künste, 110 A 1020. Typoscript in grüner Mappe.
  • Leipacher, Bruno: Gottfried Kühn wird 75 Jahre. Privatarchiv Weik, ohne Signatur.
  • Lembke, Carl (Juli 1961): Mainz: Rheinufergestaltung zwischen Strassenbrücke und Winterhafen - Untersuchung der Gegebenheiten und Möglichkeiten und Nachtrag. Stadtarchiv, 100 / 2000/80, 817. Typoscript.
  • Stadtarchiv Mainz (Mai 1964): Rheinpromenade 1. Abschnitt- Stresemann-Ufer. Stadtarchiv Mainz, bpsf22826a.
  • Stadtverwaltung Mainz Garten und Friedhofsamt (1962-1965a): Rheinufer: Fischtor-Winterhafen, Mainz. Stadtarchiv, 100/2000/80, 817. Typoscript.
  • Stadtverwaltung Mainz Garten und Friedhofsamt (1962-1965b): Rheinufer-Fischtor-Winterhafen, Mainz. Stadtarchiv, 100/2000/80, 695. Typoscript.
Dipl.-Ing. (FH) Jutta Curtius
Autorin

Atelier Jutta Curtius, Landschaftsarchitektin AKNW bdla dwb, Mitglied ICOMOS Deutschland, Sachverständigenbüro

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