Die Landesgartenschau in Neuenburg am Rhein wagt den großen Wurf

Stadt. Land. Fluss.

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Lageplan Wettbewerb. Abbildung: geskes.hack Landschaftsarchitekten GmbH

Ausschlaggebend war schließlich die eindrucksvolle Geste. Vor allem mit einer fast 700 Meter langen und 30 Meter breiten Rheinterrasse setzte das Berliner Büro geskes.hack Landschaftsarchitekten bei den Planungen für die Landesgartenschau in Neuenburg am Rhein ein mutiges Zeichen und überzeugte die Jury. Damit will das Büro die Bürger*innen und Gäste der Stadt verlocken, sich wieder von der Kernstadt hinunter zum Fluss zu begeben.

Bereits 2013 erhielt das Büro im 2012 ausgelobten offenen Wettbewerb den Zuschlag der Gesamtplanung für das 23 Hektar große Gelände der diesjährigen baden-württembergischen Landesgartenschau. Kristina Hack, die das Büro gemeinsam mit Christof Geskes leitet, ist Projektkoordinatorin dieser Aufgabe.

Zurück zum Rhein!

Den Planern stellte sich zu Beginn eine anspruchsvolle Aufgabe: Die Stadt, die auf den Namenszusatz "am Rhein" sehr stolz war, hatte den Bezug zum Fluss verloren. Infolge der Rheinbegradigung der letzten Jahrhunderte befindet sich die Kernstadt heute einige 100 Meter vom Rhein entfernt; sie liegt zudem ca. 20 Meter über dem Flussniveau. Mehrere Infrastrukturbänder, darunter die Autobahn A 5 sowie einige Gewerbegebiete, bildeten eine bauliche und psychologische Barriere zwischen der Stadt und den Rheinwiesen. Das Wuhrloch, ein kleiner See unterhalb der Hangkante, markiert die Stelle, an der einmal ein Rheinarm floss.

Insgesamt war der Rhein von der Stadt aus nicht wahrnehmbar. So lautete das Leitmotiv des Arbeitsauftrags für die Landesgartenschau von Beginn an "Eine Stadt geht zum Rhein". Dieses Motiv setzten geskes.hack konsequent um, die Gartenschau trägt nun auch offiziell den Namen "Stadt. Land. Fluss."

"An der Auslobung reizten uns der Umgang mit einer einzigartigen Flusslandschaft und der Prozess der Wiederannäherung einer Stadt an den Rhein", erklärt Kristina Hack. "Zur Ortsbegehung kommen wir normalerweise im Team, aber in Neuenburg am Rhein war ich vor zehn Jahren zunächst allein vor Ort. Es war ein heißer Tag und ich habe mich regelrecht verlaufen. Von der Stadt aus habe ich das zu beplanende Gelände im Gewirr aus Bundesstraße, Autobahn und städtischen Straßen kaum gefunden. Ich habe mich zum Rhein durchgeschlagen, dort war das Gelände zugewaldet, Menschen waren kaum zu sehen", erinnert sich Hack an ihren ersten Eindruck.

Der Gartenschau vorgeschaltet war das Integrierte Rheinprogramm (IRP). Das erwies sich als Segen. Erst durch die Maßnahmen, für die das Freiburger Büro "AG Freiraum" den Zuschlag erhalten hatte, wurde das unmittelbar am Rhein gelegene Areal für die Landesgartenschau geöffnet und vorbereitet. AG Freiraum pflanzte Bäume, errichtete eine Parkbühne, schuf Retentionsflächen und Aufenthaltsbereiche am Wasser.

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Rheinterrasse mit Spielplatz (g.h.) und Rheinwiesen (IRP-Projekt/AG Freiraum, Freiburg). Foto: Landesgartenschau 2022 Neuenburg am Rhein GmbH
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Vogelperspektive Landesgartenschau-Areal. Im Vordergrund Rheinwiesen (IRP-Projekt/AG Freiraum, Freiburg). Foto: Landesgartenschau 2022 Neuenburg am Rhein GmbH

Das Gelände war durch die Autobahn zweigeteilt: Es galt, den östlich gelegenen Stadtpark am Wuhrloch mit den westlich gelegenen Rheinwiesen und Rheingärten zu verbinden. Anfangs verfolgten geskes.hack dafür die Idee eines großzügigen sogenannten "Rheinloops". Er sollte - ausgehend vom Wuhrlochpark - neben einer ebenfalls zu bauenden Brücke als zweite durchgängige Wegeschleife von der Stadt über die Autobahn zu den Rheinwiesen führen und von da aus wieder zurück. Aus Kostengründen konnten jedoch weder die Brücke noch der Rheinloop realisiert werden. Stattdessen erfolgt der Übergang nach wie vor durch Unterführungen, die für die Gartenschau aufgewertet wurden.

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Skizze 1, Entwurfsskizze, Wettbewerb 2013 (Eine Stadt geht zum Rhein; 1. Preis). Foto: geskes.hack Landschaftsarchitekten GmbH
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Skizze 2, Entwurfsskizze Wettbewerb 2013 (Eine Stadt geht zum Rhein; 1. Preis). Foto: geskes.hack Landschaftsarchitekten GmbH

Die große Geste

Das, was die Jury letztlich davon überzeugte, geskes.hack den Zuschlag zu erteilen, war das große Band, die erhöhte Achse vorn am Rhein. Dorthin wollte man Leben bringen, dort wollte man Aufenthaltsqualität schaffen. Schnell wurde den Planern klar, dass dies nur mit einer großen Geste gelingen kann. "Die Dimensionen des Landschaftsraums, des Flussraums und der Autobahn bilden allesamt Großstrukturen. Denen haben wir eine weitere Großstruktur entgegengesetzt. Das war nicht überdimensioniert, sondern notwendig, weil sonst die Parklandschaft als solche nicht erlebbar gewesen wäre", erklärt Kristina Hack.

Das Besondere der Idee sei das wunderschöne Band der Rheinterrasse, die einen Eyecatcher bildet. "Als wir dorthin kamen, war eine solche Achse parallel zum Rhein nicht erkennbar, das Gebiet war verkrautet und zugewachsen. Das Gelände war zum Teil in kleinteilige Gärten parzelliert. Mit der Bandstruktur jenseits der Autobahn wollten wir auch eine gewisse Urbanität an den Rhein bringen", führt Hack aus.

Neuenburg am Rhein ist klimatisch begünstigt und mediterran angehaucht, die Bewohner verbringen viel Zeit im Freien und genießen das beinahe italienische Flair. "Mit der Rheinterrasse wollten wir die Vision eines "Corsos" verwirklichen, auf dem die Menschen flanieren, verschiedene schön gestaltete Aufenthaltsbereiche passieren und dabei den Blick weit schweifen lassen können", so Hack.

Geskes.hack haben die Rheinterrasse weitgehend von Gartenschauinventar freigehalten. Stattdessen konzipierte das Büro im nördlichen Bereich der Terrasse eine Spiellandschaft und zwei dauerhafte Ausstellungsgärten, die auf regionale Besonderheiten verweisen. Der "Garten Rheininsel" und der "Zähringer Garten" präsentieren die Stadt und die Region - die Stadt Neuenburg am Rhein ist eine Gründung des schwäbischen Adelsgeschlechts der Zähringer.

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Promenade am Rhein/Rheinterrasse. Foto: geskes.hack L andschaftsarchitekten GmbH
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Zähringer Garten auf der Rheinterrasse. Foto: Landesgartenschau 2022 Neuenburg am Rhein GmbH
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Farbspiel des Zähringer Gartens. Foto: geskes.hack Landschaftsarchitekten GmbH
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Visualisierung der Rheinterrasse mit Schattendächern. Foto: geskes.hack Landschaftsarchitekten GmbH

Die verschiedenen Bereiche der Terrasse mit schönen, von Pergolen gebildeten Schattendächern, den regionalen Gärten sowie den Blickbezügen auf den Rhein und die Kulisse des Schwarzwalds sollen den Aufenthalt zum Vergnügen machen.

Östlich der Terrasse befinden sich die Rheinwiesen - der dort ursprünglich vorhandene Obstbaumbestand dezimierte sich in den vergangenen Dürrejahren. Die Wiesen sind durch Wegeachsen strukturiert, sie werden von säulenförmigen Bäumen (Ulmus Columella) markiert. An diesen Bändern lagern sich die gartenschauüblichen Ausstellungen etwa vom Verband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (VGL) oder der Imker an. Westlich der Rheinterrasse befinden sich die Rheinauen, sie werden über senkrecht verlaufende Zugänge erreicht, hier ist der Fluss hautnah zu erleben.

In die Jahre gekommener Stadtpark

Der Stadtpark am Wuhrloch, der aufgrund eines Geländesprungs ca. 15 Meter unterhalb der Innenstadt liegt, wies einige strukturelle Mängel auf. "Als ich das erste Mal hier war, fand ich den Park in einem verwilderten Zustand vor", erinnert sich Kristina Hack. "Er war unübersichtlich, das Gewässer war durch die eingeschnittene Geländesituation für Besucher kaum wahrnehmbar, drumherum toste der Straßenverkehr." Die Ausstattung des Parks war in die Jahre gekommen; diverse Bürgervereine der Stadt hatten hier in unansehnlichen Nachkriegsbauten ihren Sitz. Für das Büro geskes.hack galt es an dieser Stelle, einen bestehenden stadtnahen Park bürgerfreundlich zu sanieren, im Bestand zu bauen und die Belange der Vereine einzubinden. Problematisch waren die hohen Wasserstandsschwankungen des Gewässers, die bis zu 4 Meter erreichen können.

"Unser Ziel für das Wuhrloch war es, der räumlichen Enge und dem belastenden Straßenverkehr zum Trotz eine hohe Aufenthaltsqualität für alle Altersgruppen zu erreichen.

Das Zentrum des Parks bildet nun eine sonnige Spiel- und Liegewiese. Wir haben den Uferweg erneuert und ergänzt, einen Zugang zur Wasserfläche des Wuhrlochs geschaffen, eine Sitzstufenanlage hin zur Wasserkante gebaut und eine Terrasse mit Blick auf das Wasser angelegt. Außerdem laden nun Sitzplätze sowie ein Bouleplatz zum Verweilen ein. Ein neuer Geh- und Radweg schließt die Lücke eines überregionalen Radweges und verbindet Stadt und Rhein", erklärt Hack.

Die sanierten Vereinsheime runden die Angebote des Parks ab, ein imposanter 100-jähriger Kastanienhain wurde zum Bürgertreffpunkt mit Biergarten aufgewertet - die großen Bäume spenden im Sommer angenehmen Schatten. Eine Gewässersanierung im eigentlichen Sinn fand im Rahmen der Gartenschau nicht statt, wohl aber Naturschutzmaßnahmen im Uferbereich.

Während der Gartenschau bilden die Blumenhalle und der "Treffpunkt Baden-Württemberg" Anziehungspunkte im Wuhrlochpark.

Der Klemmbach, der dem Wuhrloch Wasser zuführt, wurde renaturiert. Sowohl die Sohle als auch das Ufer des Baches waren komplett mit Pflastersteinen versiegelt. Diese Naturferne konnte im Rahmen der Wuhrlochplanung aufgebrochen werden: Dem Wasserlauf wurde Freiheit zurückgegeben, über den Bach führt eine neue Brücke. Geskes.hack haben dafür das auf Gewässerrenaturierung spezialisierte Büro "Gaede und Gilcher" ins Boot geholt. Dieses hat den linearen Verlauf des Baches aufgebrochen und den Streckenverlauf verlängert, außerdem wurde eine kleine Insel geschaffen.

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Visualisierung des Stadtparks am Wuhrloch. Foto: geskes.hack Landschaftsarchitekten GmbH
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Spielplatz „Entdecke unsere Region“ auf der Rheinterrasse. Foto: Landesgartenschau 2022 Neuenburg am Rhein GmbH
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Visualisierung des Landesgartenschaugeländes im Rahmen des Wettbewerbs. Foto: geskes.hack Landschaftsarchitekten GmbH

Raum für Spiel und Spaß

Spielmöglichkeiten gehören zum Gesamtkonzept einer jeden Gartenschau. Zwar nahm die Spielplatzgestaltung in der Planung für Neuenburg am Rhein nicht den gleichen Stellenwert ein wie beispielsweise bei der Bundesgartenschau in Erfurt, dazu reichte das Budget nicht. Dennoch konnten in beiden Parkteilen neue Spielplätze realisiert werden.

Auf der Rheinterrasse greift eine vom Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald kofinanzierte abwechslungsreiche Spiellandschaft unter dem Motto "Entdecke unsere Region" regionale Motive auf: So können Kinder und Jugendliche auf 1365 Quadratmetern einen nachgebauten Feldberg erklimmen, auf eine große Kuckucksuhr klettern, zwischen Weinstöcken balancieren oder sich im Spielobjekt Badezuber - es verweist auf die Thermalquellen des Markgräflerlands - tummeln.

Auch am Wuhrloch entstand ein neuer Spielplatz, allerdings nur unter Mitwirkung von geskes.hack. In einem Wettbewerb waren ausführende Spielgerätefirmen eingeladen, Konzepte zu entwickeln. "Wir waren an der Themenfindung beteiligt und saßen im Preisgericht", sagt Hack. Das gewählte Motto lautete "Ab ins Mittelalter"; die Stadt Neuenburg am Rhein will damit an ihre lange Geschichte erinnern. Auf rund 1000 Quadratmetern können sich die Kinder in die früheren Lebenswelten von Fischern oder Müllern einfühlen. "Bei diesem Spielplatz wurde mehr an das Kleinkinderspiel gedacht, er befindet sich in direkter Nähe zur Stadt und zu einer Kita", erläutert Hack. Ein Funpark mit Skateanlage und weiteren Fitnessgeräten sorgt dafür, dass auch Jugendliche ihren Spaß haben.

Unter der Autobahn hindurch

Zwei Eingänge erschließen die Landesgartenschau: Der Haupteingang empfängt den Besucher in den Rheingärten und führt ihn über einen großzügig gestalteten Eingangsbereich mit Gärtnermarkt, Wechselflorbeeten und schattigen Aufenthaltsbereichen direkt auf die Rheinterrasse. Dort führt der Hauptweg die Besucher über die Terrasse entlang der gärtnerischen Ausstellungsbereiche bis zum Wuhrlochpark. Ein Wegenetz führt die Besucher vom Hauptweg ans Rheinufer, zum Alten Hafen und zum Rheinwald.

Ein weiterer Eingang befindet sich am Wuhrloch. Er stellt sich anders dar als ursprünglich geplant: Das Dach des noch im Bau befindlichen Parkhauses "Am Kronenrain" soll am Rande der Innenstadt zukünftig einen neuen Stadtplatz bilden. Von dort soll ein Aufzugturm Bewohner*innen und Gäste zum Wuhrlochpark und an den Rhein bringen. Parkhaus und Turm werden jedoch bis zur Landesgartenschau nicht fertig.

Mit langem Atem zum Ziel

Im Verlauf der zehnjährigen Arbeit für die Landesgartenschau waren verschiedene Herausforderungen zu bewältigen: Umfangreiche flankierende Stadtentwicklungsmaßnahmen erschwerten die Baustellenlogistik, die Beseitigung von Kampfmitteln aus dem II. Weltkrieg war aufwändig und verkleinerte das Budget, die trennende Autobahn musste überwunden, eine klare Besucherführung hergestellt werden. Auch galt es - heutzutage beinahe selbstverständlich - Nachhaltigkeits- und Klimaschutzziele umzusetzen.

Wenn der Ausstellungsrückbau nach der Gartenschau abgeschlossen ist, geht für das Büro geskes.hack ein besonderes Projekt zu Ende. "Die lange Bearbeitungszeit ist ungewöhnlich, sie bietet Chancen, aber auch Risiken. Während des Prozesses verändert sich vieles, wir brauchten alle einen langen Atem."

Obwohl aus Budgetgründen manches nicht umgesetzt und nicht jedes Projekt gebaut werden konnte, ist Hack stolz auf das Ergebnis - schließlich bilden Stadt und Rhein wieder eine Einheit. Gespannt wartet sie auf die Eröffnung, zu der sie mit dem Bearbeitungsteam reisen wird. "Die Fläche wird sich nach 2022 weiterentwickeln, ein Park wird mit den Jahren immer schöner", sagt die Planerin. "Ich freue mich, dass wir die große Geste der Rheinterrasse realisieren konnten. Bürger*innen und Gäste der Stadt Neuenburg am Rhein werden den Weg zum Fluss nun finden. Und wenn das Gelände nach der Gartenschau angenommen wird, lagen wir mit unseren Ideen richtig."

 Ute Christina Bauer
Autorin

authorin für geskes.hack Landschaftsarchitekten GmbH

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