Differenzierte Betrachtungsweisen, konsequenter Baumerhalt, nachhaltige Pflanzungen

Plädoyer für die Bewahrung alter Alleen

von:
Alleen Baumpflanzung
Die sogenannte Pappelallee von Zernikow besteht aus Pyramidenpappeln, Hybridpappeln aber auch Eichen, Linden und anderen Baumarten unterschiedlichsten Alters. Diese Heterogenität verleiht ihr eine besondere Wirkung in der offenen Landschaft. Foto: Mathias Gebauer

Noch gibt es sie: Ältere Alleen in der Landschaft und im urbanen Raum. Durch die immer wieder vorgetragene Behauptung, dass Straßenbäume maximal 80 Jahre Standzeit hätten, und durch das Verdikt, dass sich Alleen insbesondere durch ihre Gleichförmigkeit und Uniformität auszeichnen würden, kommt es immer wieder zu unnötigen Verlusten: Die Reste älterer Alleen werden gefällt, um "schöne" neue zu pflanzen. Statt sich die komplexen Bedeutungen und Funktionen älterer Alleen bewusst zu machen, gewinnen "Ordnungsvorstellungen" und Ästhetik die Überhand zum langfristigen Nachteil von Natur- und Kulturlandschaft.

Alleen sind künstlich vom Menschen geschaffene Gestaltungselemente in der Kulturlandschaft. Daraus ist aber nicht zu schließen, dass es sich um "naturferne Objekte handelt".¹ Alleen besitzen nicht nur eine hohe ästhetische und kulturhistorische Bedeutung, sondern trotz oder gerade wegen ihrer künstlichen parallel-linearen Struktur eine hohe Wertigkeit für die Natur.

Ökologische und kulturelle Bedeutung von Alleen

In einigen Studien ist die hohe Bedeutung von Alleen für Umwelt- und Naturschutz herausgearbeitet worden.² Dass Baumreihen ähnlich wie Hecken sich positiv beziehungsweise ausgleichend auf das umgebende Klima auswirken, stellt mit Sicherheit niemand in Frage. Im Besonderen in offenen Agrarlandschaften kommt dies deutlich zum Tragen. Weiterhin haben sich in vielen älteren Alleen typische Waldvegetationsgesellschaften gebildet. Neben der auch hier vorkommenden Artenvielfalt unterstützt dieser lineare Vegetationsstreifen die besondere Bedeutung der Alleen im Biotopverbund. Als meist weitreichende Migrationskorridore in einer sonst strukturarmen Landschaft sind Alleen kaum zu überschätzen. Dies wird besonders bei xylobionten Käferarten deutlich, die die räumliche Nähe zwischen den Bäumen nutzen können, um größere und stabilere Populationen zu bilden. Solitäre in der Landschaft oder sogenannten Methusalembäume in Forstflächen bieten dies nicht.

Für Fledermäuse besitzen ältere Alleen eine besondere Bedeutung. Neben der Nutzung der Bäume als Quartiere, ist es gerade der schneisenartige Aufbau, der abhängig von der Umgebung intensiv zum Jagen oder als leicht zu verfolgende Orientierungsstrecke zwischen Schlaf- und Jagdhabitat genutzt wird.³

Weiterhin sind alte Alleen "wichtige Bestandteile einer abwechslungsreichen Kulturlandschaft. Sie tragen im entscheidenden Maße aufgrund ihrer unterschiedlichen Form, der verwendeten Baumart, ihres verschiedenen Aufbaues und ihrer Funktion zu deren Vielfältigkeit bei. [. . . ] Alleen werden als schön empfunden und dienen der Erholung."4 Auch wenn dies für einheitliche Alleen besonders zutrifft, gibt es Beispiele, die aufgrund ihrer Heterogenität eine spezielle Ästhetik entfalten. Ältere Alleen können regionale Identifikation stiften. Sie besitzen somit nicht nur ökologische und ästhetische, sondern auch kulturelle oder künstlerische Bedeutungen und dokumentieren die Gestaltungsideen ehemaliger Generationen. Alleen sind nicht nur bildprägend. Sie sind aufgrund ihrer speziellen Artenwahl, ihres Pflanzrhythmus, ihres Pflanzabstandes oder ihrer Gleichförmigkeit insbesondere auch raumbildend, raumbestimmend, raumhierachisierend oder raumverbindend.

Ausdrücklich wird hier nicht auf den Denkmalwert von Alleen eingegangen, der im Besonderen gegeben sein muss, hier aber die Betrachtung einschränken würde.

Obwohl einige Funktionen und Bedeutungen auch von Einzelbäumen getragen werden können, beziehen sich die Ausführungen explizit auf Alleen und ihren parallel-linearen Strukturen.

Es ist klar festzustellen, dass die beschriebenen Bedeutungen sich in ihrer Quantität und Qualität mit dem Alter der Bäume zum Teil verändern und vor allem erhöhen. Ältere Alleen sind in etlichen Belangen höher wertig und weisen andere Bedeutungen auf als junge Alleen. Dies ist meist nicht vordergründig mit der Vollständigkeit und Einheitlichkeit gekoppelt. Eine junge Allee kann erst in Jahrzehnten die ästhetische Funktion und in über hundert Jahren die gesamte ökologische Bedeutung erfüllen, die eine ältere, aber vielleicht geschädigte und lückige Allee heute bereits bietet.

Bedeutungen ernst nehmen

Der Verfasser plädiert dafür bei Kartierungen von Alleen auch ihre komplexen Bedeutungen aufzunehmen und zu bewerten und bei Planungen einfließen zu lassen. Ein differenzierter Blick auf Alleen wird so möglich. Zur Verdeutlichung sollen hier fünf Beispiele vorgestellt und ihre Bedeutung und der eventuelle Umgang stichpunktartig erläutert werden.

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Die Maulbeerallee von Zernikow

Das seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts angelegte Alleennetz um das Gut Zernikow nahm seinen Anfang mit der 1751 gepflanzten Maulbeerallee. Da diese entlang einer aus 8000 Pflanzen bestehenden Maulbeerplantage verlief, kann von einer ästhetisch intendierten Pflanzung ausgegangen werden. Für die Gewinnung von Futter für die Seidenraupen brauchte man sie schlichtweg nicht. Nach wechselvoller Geschichte und mehreren Nachpflanzungen blieb die Allee als letztes Zeugnis der Seidenraupenzucht von Zernikow bestehen. Noch 20 der ältesten Bäume stammen aus der Entstehungszeit. Die weiteren 200 Bäume sind jünger, 30 erst 2017 gepflanzt. Weiterhin stehen in der Allee noch 15 Stieleichen und acht Bergahorn. Die Allee kann als heterogen und lückig bezeichnet werden.5

Bedeutung:

  • kulturhistorisch: hoch
  • als Bestandteil des Alleennetzes um Zernikow
  • als Zeugnis der Seidenraupenzucht unter Friedrich II.
  • bildprägend: durchschnittlich
  • Gliederung der offenen Agrarlandschaft
  • Ästhetik: hoch
  • aufgrund der Herbstfärbung und des bizarren Wuchses
  • naturschutzfachlich: hoch
  • auf Grund ihrer Eigenart, Schönheit und Seltenheit (Naturdenkmal)
  • Nach Untersuchungen besteht aber keine ausgeprägte Bedeutung für den Artenschutz.

Würde man im Umgang mit dieser Allee das Bestreben der ehemaligen Planer, die ästhetische Wirkung als Prämisse des heutigen Handels wählen, führte dies zur Vernichtung der alten und älteren Maulbeerbäume und zu einer neuen Maulbeerallee. Dieser würden viele Bedeutungen der heutigen Allee fehlen und nur einen Teil könnte sie im Laufe von Jahrzehnten wiedererlangen.

Die Ahornallee nach Nietwerder

Diese etwa 70 Jahre alte Spitzahornallee begleitet eine kommunale Ortsverbindungsstraße und verläuft von Neuruppin kommend auf das Dorf Nietwerder durch größtenteils offene Agrarlandschaft zu. Die Bäume weisen teils starke Schäden auf, die augenscheinlich von früheren Baumschnitten und Straßenbaumaßnahmen herrühren. Die Allee ist teils geschlossen, teils lückig.

Bedeutungen:

  • kulturhistorisch: vermutlich gering (nicht untersucht)
  • bildprägend: hoch
  • Gliederung der offenen Agrarlandschaft
  • Ästhetik: durchschnittlich
  • große Teile noch geschlossen
  • naturschutzfachlich: vermutlich hoch (nicht untersucht)
  • Baumhöhlen könnten als Lebensraum dienen
  • Könnte eine hohe Bedeutung für Fledermäuse aufweisen, da sie verschiedene Habitate verbindet.

Diese Allee soll nun, da aufgrund der Schäden vermutlich mittelfristig viele Bäume gefällt werden müssten und die Allee dann zu lückig wird, in den nächsten vier Jahren abschnittsweise gefällt und neugepflanzt werden. Eine neue Spitzahornallee kann die ästhetische Wirkung erst nach langen Jahren des Wachsens und umfangreicher Pflege erreichen. Zum Erlangen der naturschutzfachlichen Bedeutung müssten noch mehr Jahre vergehen. Ein Nachpflanzen von Lücken mit langem Erhalt der Altbäume würde die Bedeutungen der Allee zeitlich ungebrochen und langfristig erhalten.

Die Hochzeitsallee im Gutspark von Oberwiederstedt

Zu seiner Hochzeit am 1. Juli 1770 ließ Heinrich Freiherr von Hardenberg eine Lindenallee im Garten seines Gutes Oberwiederstedt pflanzen. Bedeutung erlangte der Ort durch dessen Sohn Friedrich, den späteren frühromantischen Dichter Novalis. Nach zwei Jahrhunderten waren von der nur noch Reste - fünf Originalbäume - erhalten. Die Bedeutung dieser Allee liegt in ihrem Zeugniswert über die Gestaltungsideen aus dem 18. Jahrhundert. Sie zeigen uns heute die genaue Lage, den Aufbau und die früheren Schnittmaßnahmen in der Allee und tragen das historische Erbgut in sich. Eine ästhetische und räumliche Alleefunktion hatten diese Reste nicht mehr.

Bedeutung (der Alleereste):

  • kulturhistorisch: hoch
  • gartendenkmalpflegerische Bedeutung der Altbäume
  • bildprägend: gering
  • Ästhetik: gering
  • naturschutzfachlich: vermutlich durchschnittlich (nicht untersucht)
  • die Altbäume dienen vermutlich als Habitat

Zur Wiedergewinnung der ästhetischen Funktion als Rückgrat des Gutsgartens wurde die Allee 2008 denkmalgerecht wiederhergestellt. Die 22 in historischer Flucht gepflanzten Nachzuchten bilden nun zusammen mit den Altbäumen eine Allee. Dort, wo der Konkurrenzdruck eine Entwicklung der Jungbäume behinderte, wurden Lücken gelassen. So kann die Allee bei guter Pflege in einigen Jahrzehnten ihre gartenkünstlerische Funktion wieder erfüllen, ohne dass der Zeugniswert der Originalbäume verloren ist.6

Die Kastanienallee in der Scholtenstraße von Neuruppin

Zu dieser Allee ist die Entstehungsgeschichte noch nicht erforscht. Es kann aber vermutet werden, dass sie im Zusammenhang mit der dort errichteten Kaserne oder dem "Badeplatz", auf den sie zumindest Anfang des 20. Jahrhunderts zuführte, gepflanzt wurde. Die Allee ist zum Teil als Straße ausgebaut. Der zum See gelegene Abschnitt ist unbefestigt. Ein Teil der Altbäume weist ein Alter von mehr als 100 Jahren auf. Die Allee ist lückig. Die Bäume, vor allem die älteren, sind teils stark geschädigt.

Bedeutungen:

  • kulturhistorisch: vermutlich hoch (nicht untersucht)
  • als Gestaltung der Stadtumgebung vor deren Bebauung
  • eventuell als Gestaltungselement der Kaserne
  • bildprägend: hoch
  • aufgrund der Mächtigkeit der Bäume mit linearer Verbindung von der ehemaligen Kaserne zum See sind diese hier raumbestimmend
  • Ästhetik: durchschnittlich
  • aufgrund des Blühaspektes
  • naturschutzfachlich: hoch
  • Baumhöhlen sind Lebensraum von Fledermäusen
  • Orientierungskorridor für Fledermäuse vom Schlaf- zum Jagdhabitat

Die Allee soll aufgrund des Ausbaus der Straße im vorderen Abschnitt und einer Bebauung der noch offenen seitlichen Flächen sowie wegen ihres schlechten Zustandes komplett gefällt und nachgepflanzt werden. Dies würde ein Totalverlust der Fledermaus-Habitatbäume sowie auch der schneisenhaften Verbindung zum See bedeuten. Auch ginge der eigenwillige ortsbildprägende Charakter der Allee verloren. Einige der Bäume sind sicher so weit geschädigt, dass sie nicht mehr zu erhalten sind, andere könnten aber durch starke Einkürzungen bewahrt bleiben. Nachpflanzungen sind in den Lücken möglich.

Eichenallee zwischen Langen und Wustrau

Bei dieser Eichenallee handelt es sich um eine Landesstraße, die die Orte Wustrau und Langen verbindet. Sie ist als Verkehrsweg sehr alt. Die Bäume sind teilweise geschädigt und weisen ein unterschiedliches Alter auf. Die Allee ist lückig. Sie führt aus der Ortslage kommend durch ein kleines Waldgebiet und danach über offene Agrarflächen. In der Nähe befinden sich Seen sowie Gräben und der Wustrauer Rhin, ein Fließgewässer.

Bedeutung:

  • kulturhistorisch: vermutlich durchschnittlich (nicht untersucht)
  • als alte Ortsverbindungsstraße (die Eichenpflanzungen reichen bis in beide Orte hinein)
  • bildprägend: hoch
  • Gliederung der offenen Agrarlandschaft
  • Ästhetik: durchschnittlich
  • aufgrund der Mächtigkeit und des Wuchsbildes einzelner Bäume
  • naturschutzfachlich: hoch
  • Baumhöhlen dienen als Habitat xylobionter Insekten
  • als Migrationskorridor zwischen wertvollen Lebensräumen

In dieser Allee werden seit Jahren immer wieder Altbäume entnommen. Aus Gründen der Verkehrssicherheit scheint dies durchaus nachvollziehbar. Doch sind hier teilweise Maßnahmen zur Erhaltung der Bäume wesentlich sinnvoller als Fällungen. Da immer mehr Bäume fehlen, verliert die Allee immer weiter ihre wichtigste Bedeutung. Aus diesem Grund sind Nachpflanzungen unbedingt notwendig. Nur so lassen sich die Funktionen als Lebensraum (einzelner Altbaum) und als besonderes Biotopverbundelement (Allee) für die Zukunft erhalten. Falls möglich sollte auch im Waldabschnitt versucht werden, die Allee nachzupflanzen und so zu erhalten. Die Waldstrukturen erfüllen nicht dieselbe Funktion wie die Allee.

Kriterien erarbeiten

Johann und Weier haben 2012 in ihrem Beitrag zur Alleentagung des BUND Mecklenburg-Vorpommerns eine Liste von "leicht nachvollziehbaren oder definierbaren Kriterien"7 für besonders wertvolle Alleen aufgestellt. Diese sollten nach Vorschlag der Autoren in den damals zu überarbeiteten Alleenerlass des Landes aufgenommen werden. Der Erlass, die für den Alleenerhalt vermutlich bisher nachhaltigste Regelung eines Bundeslandes, enthält solche Kriterien nicht. Es gibt aber Förderungsmöglichkeiten für "Baumpflege im Rahmen der Unterhaltung alter Alleen"8 Das Alterskriterium würde bei einer klaren Definition die meisten bedeutenden Alleen mit einschließen. Denn je älter eine Allee ist, umso höher kann auch ihre ökologische, ästhetische und räumliche Bedeutung beziehungsweise Wirkung sein. In diesem Zusammenhang gilt auch je älter eine Allee ist, umso lückiger kann sie sein, um die meisten dieser Bedeutungen noch erfüllen zu können.

Für die Kartierung von Alleen, zur Erarbeitung von Konzepten zum weiteren Umgang sowie zur Bewertung von Fällanträgen und Gutachten ist es sicher notwendig, klare Kriterien aufzustellen. Auf Grundlage der Ausführungen von Johann und Weier unter Hinzufügen eigener Ergänzungen soll hier eine Anregung dazu erfolgen. Trifft eines der Kriterien zu, so handelt es sich um eine besonders wertvolle Allee, die zu erhalten und zu pflegen ist:

  • Vitalität 0-19 und ein Alter von min. 70 Jahren
  • für eine Region seltene, besondere oder auch bestimmende Baumarten
  • besondere landschafts- und ortsbildprägende Bedeutung mit einer Vitalität von 0 bis 2 oder einem Alter von min. 70 Jahren
  • besondere landschaftsökologische Bedeutung (Biotopvernetzung, Lebensraum für Tiere)
  • besondere kulturhistorische Bedeutung
  • besonders hohes Alter von über 100 Jahren10

Diese Kriterien sollen zu einem differenzierteren Blick auf Alleen führen und ihre Werte verdeutlichen. So können Alleen besser eingeschätzt, beurteilt und bewertet und direkte Maßnahmen für ihren Erhalt geplant, begründet und möglichst auch umgesetzt werden.

Da diese Kriterien zum Teil auf Erfahrungen beruhen, wäre es sinnvoll sie wissenschaftlich zu verifizieren und anzupassen.

Möglichkeiten - Erhalt alter Bäume

Da immer wieder stärkere Eingriffe in die Krone zum Erhalt einzelner Altbäume abgelehnt werden, teilweise sogar eine Fällung einem solchen Erhalt vorgezogen wird¹¹, ist festzustellen, dass die beschriebenen Bedeutungen von Alleen und in diesem Fall ja der Einzelbäume solche Maßnahmen durchaus rechtfertigen. Der Kronensicherungsschnitt der ZTV-Baumpflege 2006 - ab 2017 in den Kroneneinkürzungen enthalten¹² - trägt zum Erhalt eines alten geschädigten Baumes bei und greift den Umbrüchen ab der Kronenrückbau-Phase¹³ in gewisser Weise vor. So lässt sich ein unkontrolliertes Um- und Auseinanderbrechen verhindern. Der alte Stamm mit einer Rest- beziehungsweise Sekundärkrone seiner umfangreichen ökologischen sowie eventuell auch seiner ästhetischen und raumprägenden Bedeutung bleibt erhalten. Mit einer Fällung gehen diese definitiv verloren. Etliche Beispiele für solche Maßnahmen finden sich in historischen Gärten.14 Selbstverständlich ist dies keine Pflege- sondern eine Erhaltungsmaßnahme, die nur im engen Rahmen und "unter Berücksichtigung eines Mindestmaßes an baumbiologischen Grundsätzen"15 an oben beschriebenen bedeutenden Bäumen umgesetzt werden sollte. Der immer wieder geführte Hinweis auf den arttypischen Habitus geht bei alten Bäumen meist ins Leere. Denn wie sehen alte natürliche Bäume ab der Resignations-Phase eigentlich aus? Caspar David Friedrichs Gemälde geben hier einen guten Eindruck.

Möglichkeiten - Nachpflanzungen

Selbstverständlich gibt es einige schlechte Beispiele von Nachpflanzungen in Alleen.16 Die Gründe liegen meist in fehlender beziehungsweise fehlerhafter Planung, Umsetzung und/oder Pflege. Ein Problem, das im gleichen Maße auch komplette Neupflanzungen an Straßen betrifft. Daraus einen Verzicht auf Pflanzungen abzuleiten wäre sicher falsch. So wie dies auch für die pauschale Ablehnung von Nachpflanzungen in Alleen falsch ist. Dass die Ästhetik oder gar die Homogenität einer Allee ihr einziger Bedeutungsschwerpunkt ist, wurde hier widerlegt.

Auch wenn der Konkurrenzdruck im allgemeinen, wie Polzin17 differenziert darlegt, einige Nachpflanzungen in Alleen logischerweise verhindert, sind doch Pflanzungen in ausreichenden Lücken möglich. Dies bedeutet dann selbstverständlich kleinere Lücken in Alleen zu ertragen und ebenso wie bei kompletten Neupflanzungen eine umfangreiche, regelmäßige und kostenintensive Jungbaumpflege.

Fazit

Ältere Alleen können einen differenzierten Bedeutungskanon aus ökologischen, ästhetischen, raumbildenden und kulturhistorischen Funktionen einnehmen. Dies muss bei der Betrachtung und Bewertung von Alleen berücksichtigt werden. Eine Einschränkung auf die gestalterische Homogenität führt zwangsläufig zum Verlust älterer Alleen und folgerichtig zum Verlust ihrer Bedeutung für Mensch und Natur. Ihr Erhalt ist durch Nachpflanzungen unter Berücksichtigung der Ansprüche der jungen Bäume möglich. Durch Erhaltungsmaßnahmen können Altbäume in den Alleen verbleiben und so ihre Bedeutungen, die dieser Baum alleine niemals hätte. Dieser Einzelbaumerhalt erfolgt im Kontext der Alleestruktur, die eine höhere Bedeutung für jeden dieser Bäume impliziert. Frei nach Aristoteles ist hier "das Ganze mehr als die Summe seiner Teile". Zur Bewertung und Einschätzung von Alleen sollten notwendigerweise Kriterien aufgestellt und wissenschaftlich verifiziert werden.

So lassen sich ältere Alleen in ihrer Vielfalt, Schönheit, Eigenart und kulturellen wie ökologischen Funktion auf Dauer erhalten.


Literatur

¹ Polzin, W.-P.: Lückenbepflanzung in Alleen: Grundlagen und Konsequenzen;
In.: ProBaum Heft 2, 2018, S. 19-23.

² vgl. u. a. Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein (Hrsg.):
Historische Alleen in Schleswig-Holstein -geschützte Biotope und grüne Kulturdenkmale,
Kronshagen 2009; Lehmann, I. und Rohde, M. (Hrsg.): Alleen in Deutschland, Leipzig 2006.

³ Reimers, H.: Die Bedeutung historischer Alleen als Jagdhabitate, Flugstraßen und Wochenstuben für Fledermäuse;
In: Landesamt für Denkmalpflege S-H.: a.a.O. S. 44-48.

4 Hopp, M.: Historische Alleen im Spannungsfeld zwischen Denkmalpflege, Naturschutz und Baumpflege;
In: Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.): Denkmalschutz und Naturschutz, Bonn 2009, S. 153-189, hier S. 173.

5 Haase, C. et al: Die Maulbeerallee in Zernikow, Neubrandenburg 2014
(unveröffentlichte studentische Arbeit an der HS Neubrandenburg).

6 Hopp, M.: Holde traute Linde, stets warst du mir gut …; In: Internationale Novalis-Gesellschaft (Hrsg.):
Blütenstaub, Jahrbuch für Frühromantik, Wiederstedt 2009, S. 357-364.

7 Johann, A. und Weier, D.: Pflege und Erhalt von Bäumen im Landkreis Vorpommern-Greifswald,
ein Beitrag zur Alleentagung BUND M-V am 7.11.2012 in Güstrow
www.bund-mecklenburg-vorpommern.de/fileadmin/mv/PDF/Alleen/Tagungsbeitraege/2012/2012_Antje_Johann__Dietmar_Weier.pdf
(Zugriff 24.03.2019).

8www.landtag-mv.de/fileadmin/media/Dokumente/Ausschuesse/Energieausschuss/Dokumente_EA/AmtsBl_1.pdf
(Zugriff 01.04.2019).

9 nach Roloff, A.: Baumkronen, Stuttgart 2001.

10 Johann, A. und Weier, D. a.a.O. Anmerkungen des Autors sind kursiv gekennzeichnet.

¹¹ vgl. u. a. Arzt, R. und Brehm, J.: Ausführungen von Kappungen an Bäumen und Baumteilen;
In: ProBaum, Heft 4, 2008, S. 12-15.

¹² FLL e. V. (Hrsg.): ZTV-Baumpflege, Bonn 2017.

¹³ Phaseneinteilung nach Roloff, A.: Wie verläuft der Alterungsprozess bei Bäumen;
In: ProBaum, Heft 3, 2016, S. 2-6.

14 Einige Beispiele unter:
naturschutz-und-denkmalpflege.projekte.tu-berlin.de/pages/musterbeispiele.php
(Zugriff 26.03.2019).

15 Weiß, H.: Kappungen und ihre Konsequenzen für Baumbiologie und -statik;
In: Dujesiefken, D. (Hrsg.): Jahrbuch für Baumpflege 2016, S. 32-50.

16 Polzin, W.-P.: a.a.O.

17 ebenda.

Dipl.-Ing. (FH) Mathias Gebauer
Autor

Fachbereichsleiter der Schlossgärten Rheinsberg und Schönhausen, Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg

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