Gespräch über neue Nachbarschaften mit Prof. Dr. Dr. Martina Schäfer

Lebens- und Wirtschaftsmodelle im ländlichen Raum

von:
BMBF Forschung und Bildung
Die "Ökologische Regionalisierung" zeigt den Trend zu einer nachhaltigen, klima- und sozialverträglichen Lebensweise. Es ist eines von insgesamt sechs Zukunftsszenarien, die im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung aus der Studie "Zukunft von Wertvorstellungen der Menschen in unserem Land" abgeleitet wurden. Abb.: BMBF

Welche Chancen bieten Digitalisierung und die Herausbildung einer neuen Arbeitswelt für den ländlichen Raum und welche Verwaltungs- und Infrastrukturaufgaben stehen an, wenn sich Werte und Wünsche zur Gestaltung von Lebens- und Arbeitsräumen verändern? Politik und Verwaltung durch das Aufzeigen und die Analyse entsprechender Szenarien zu beraten, ist Aufgabe von Forscherinnen wie Martina Schäfer. Seit 2010 ist sie wissenschaftliche Geschäftsführerin des Zentrums Technik und Gesellschaft (ZTG) an der Technischen Universität Berlin, wo sie nach einem Biologie-Studium an der Universität Stuttgart-Hohenheim in Umwelttechnik und in Soziologie promovierte.

Mit ihrer wissenschaftlichen Expertise, unter anderem zu Fragen nachhaltiger Regionalentwicklung und Landnutzung, wirkte sie bereits in der Vergangenheit beratend an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft - zuletzt zwischen 2015 und 2019 als Sachverständige in der Enquête-Kommission des Landes Brandenburg zur "Zukunft der ländlichen Regionen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels". Derzeit ist die Nachhaltigkeitsexpertin unter anderem Mitglied des Zukunftskreises, der das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) bei der strategischen Vorausschau berät. Das interdisziplinär besetzte Gremium untersucht seit 2019 kontinuierlich Trends und Themen für die zukünftige Ausrichtung von Forschungs- und Technologiepolitik.

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Im Interview nimmt die Berliner Professorin nicht nur zu übergreifenden Trends, sondern auch zu ganz konkreten pandemie-induzierten Entwicklungen Stellung, die unsere Art der Lebensführung in Stadt und Land verändern und spricht über die notwendige Haltung der auf kommunaler Ebene Verantwortlichen bei der Mitgestaltung, Erprobung und Entwicklung neuer Nachbarschaften im ländlichen Raum. Fragen von Johann Eggert.

Frau Professorin Schäfer, wie bewertet die Wissenschaft Entwicklungspotenziale urbaner und ruraler Lebensumfelder? Werden wir "mehr Grün in der Stadt" oder "mehr Stadt im Grünen" erleben?

Ich denke, es gibt für beide Trends Anzeichen, die sich auch keinesfalls wechselseitig ausschließen. Konzepte nachhaltiger Stadtentwicklung sehen natürlich einerseits mehr Grün vor, und ich denke, gerade durch die Pandemie-Erfahrung hat sich gezeigt, wie wichtig es ist, im nahräumlichen Umfeld Zugang zu Erholungs- und Ausgleichsflächen zu haben. Das ist insbesondere in jenen Quartieren wichtig, in denen die Bewohnerinnen und Bewohner aufgrund ihrer sozioökonomischen Lage zum Beispiel auf Balkone oder Gärten verzichten müssen.

Mehr Grünflächen sind auf einer übergreifenden Ebene zudem wichtig, um den Folgen des Klimawandels, konkret der Aufheizung innerstädtischer Gebiete, zu begegnen. Durch ganz unterschiedliche Maßnahmen kann hier "mehr Grün in der Stadt" Realität werden, ob nun durch Fassaden- und Dachbegrünung, Urban Agriculture, Urban Gardening oder traditionellere Parks. Dafür brauchen wir natürlich zunächst Platz. Platz, den wir unter anderem durch ein verändertes Mobilitätsverhalten, also weniger zugeparkte Innenstädte, schaffen können.

Und wie lässt sich die Bewegung in die "andere" Richtung beschreiben?

Zum anderen Trend, verstärkte Bewegungen in Richtung ländlicher Regionen, muss man aus wissenschaftlicher Perspektive zunächst festhalten, dass 'Land' nicht gleich 'Land' ist. Wir können in Deutschland ländliche Räume mit sehr unterschiedlichen Charakteristika unterscheiden - in der Nähe eines Ballungsraums oder nicht, touristisch attraktiv oder nicht etc. Bisher war vor allem die Entfernung zu den Ballungsräumen entscheidend dafür, ob es Zuzug aus den Städten gibt.

Für den statistisch erfassten Beobachtungszeitraum bis 2018 sehen wir einen verstärkten Zuzug in jene ländlichen Gebiete, die im näheren Umfeld von Städten liegen. Gebiete also, wo die Pendlerzeit in etwa eine Stunde beträgt. Nicht erst durch Corona, sondern bereits in den letzten zwei bis drei Jahren, ist durchaus ein stärkerer Wunsch, aufs Land zu ziehen zu beobachten. Ein pandemieunabhängiger Faktor hierbei: die gestiegenen Immobilienpreise in Stadtlagen. Etliche ländliche Gemeinden berichten davon, dass es für ihre länger brachliegenden Baugebiete nun reges Interesse gibt und sich diese füllen; die Preise ziehen jetzt auch in diesen Gegenden an. Corona hat, so meine Beobachtung, diesen Wunsch nochmal deutlich verstärkt beziehungsweise neue Potenziale eröffnet, da Homeoffice im größeren Maßstab möglich wurde.

Wie werden sich ländliche Regionen vor dem Hintergrund der verstärkten Remote- beziehungsweise virtuellen Arbeit entwickeln?

Seit Jahren wird diese Frage in Studien untersucht. Die Erwartung, dass Homeoffice, ganz allgemein Remote-Work-Lösungen, im größeren Maßstab Realität werden und dadurch auch ein Leben auf dem Land mit beruflichen Verpflichtungen besser in Einklang gebracht werden kann, hat sich - zumindest in der Vergangenheit - nicht in stärkerem Ausmaß bewahrheitet. Gerade jene Personengruppen, die Homeoffice-Lösungen nutzen und ortsunabhängig arbeiten könnten, arbeiten bislang eher in den Kreativberufen und brauchen oder suchen für ihre berufliche Entfaltung ein entsprechend lebendiges Umfeld.

Es spielen außerdem weitere Faktoren eine Rolle, die in ländlichen Regionen teilweise nicht gegeben sind: eine ausreichende Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur und Angebote an Freizeitaktivitäten. All jene Faktoren also, die neben finanzierbarem Wohnraum für Familien entscheidend mit Blick auf die Frage sind, ob man wirklich aufs Land zieht.

Corona war und ist jetzt aber in gewisser Weise ein Reallabor, und es wurde möglich, was bislang unmöglich schien: Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben anderes Arbeiten ausprobiert, sind beispielsweise kurzzeitig zu ihren Eltern gezogen und auch Unternehmen und Verwaltungen konnten Erfahrungen damit sammeln. Diese Erfahrung wird sich, so mein Zwischenfazit, in Zukunft stark auswirken. Zu hoffen bleibt, dass die größere Flexibilität, die wir derzeit beobachten, erhalten bleibt und das immer noch sehr dominante Bild, dass Mitarbeiter*innen für zufriedenstellende Leistungen am Arbeitsplatz präsent sein und kontrolliert werden müssen, weiter aufweicht.

Welche Chancen und Risiken bringen diese Trends, betrachten wir zunächst vielleicht noch einmal den Stadtraum, mit sich - fürs Individuum und für das sozial-ökologische Gefüge?

Selbstverständlich wäre der Trend, mehr Grün in die Stadt zu bringen, sozial-ökologisch sehr wünschenswert. Die Realisierung entsprechender Konzepte bietet vor allem sozial schlechter gestellten Bevölkerungsgruppen die Chance auf höhere Lebensqualität. Denn diese Bevölkerungsgruppen sind es, die den ÖPNV nutzen und ohne eigenes Auto auf nahräumliche Angebote besonders angewiesen sind. Aus den Forschungen zum Thema "Environmental Justice" wissen wir, dass gerade sozial schlechter gestellte Bevölkerungsgruppen in Städten hinsichtlich sauberer Luft, Lärmbelastung und Zugang zu Ausgleichs- und Erholungsflächen besonders benachteiligt sind. Gerade in Corona-Zeiten hat zudem das bereits seit langem diskutierte Konzept einer "Stadt der kurzen Wege" neue praktische Aufmerksamkeit erfahren: Wir gehen eben eher zu Fuß oder nutzen das Rad. Wenn sich der Schub, den das Thema jüngst bekommen hat, weiter verstetigt, wäre das äußerst positiv zu bewerten.

Und was bedeutet die andere von Ihnen beschriebene Entwicklung im Hinblick auf das Thema Nachhaltigkeit? Ist das Leben in ländlichen Regionen wirklich nachhaltiger?

Zum "Raus-aufs-Land"-Trend gibt es aus Nachhaltigkeitssicht gewisse Einschränkungen zu konstatieren. Zumindest dann, wenn wir Nachhaltigkeit an ökologischen Parametern wie dem CO2-Ausstoß festmachen.

Können Sie das näher erläutern?

Auf dem Land haben die Menschen im Durchschnitt mehr Wohnraum zur Verfügung, was mit einem entsprechenden Ressourcen- und Energieverbrauch bei Bau und Nutzung verbunden ist. Man ist zudem vielfach auf das eigene Auto angewiesen: im ländlichen Raum kommen auf 1000 Einwohner circa 600 Pkw, in städtischen Regionen durchschnittlich circa 400 Fahrzeuge pro 1000 Einwohner. Betrachtet man diesen Mobilitätsaspekt noch detaillierter, ist zudem auf stetig ausgedünnte Schienen- und Busverkehrsnetze im ländlichen Raum in den letzten Jahrzehnten hinzuweisen. Alternative Mobilitätsdienste, beispielsweise Carsharing und andere Leihsysteme, die wir in den Städten ja in immer größerem Umfang vorfinden, kommen leider auf dem Land bislang nur sehr zögerlich an und werden auch auf längere Sicht noch nicht rentabel sein. Ein wichtiger Zwischenschritt wäre aus meiner Sicht ein modernisierter ÖPNV im ländlichen Raum. Und auch im ländlichen Raum ernährt sich die Mehrzahl der Bewohnerinnen und Bewohner nicht überwiegend aus dem eigenen Garten, sondern kauft beim Discounter oder Supermarkt ein - der häufig in einiger Entfernung liegt.

Egal, ob in der Stadt oder auf dem Land gilt jedoch: Vor allem ist das Einkommen entscheidend für den CO2-Fußabdruck: Wenn viel konsumiert, in großen Wohnungen wohnt, mit stark motorisierten Autos gefahren und mehrmals im Jahr in den Urlaub geflogen wird, hilft es auch nichts, Bioprodukte zu kaufen.

Inwiefern können strukturschwache Gebiete durch Megatrends wie die Digitalisierung einen Aufschwung erfahren?

Dass sich, wie ich bereits sagte, diese Hoffnung zunächst nicht bewahrheitete, hing in den letzten Jahren auch ganz maßgeblich mit der mangelnden technischen Infrastruktur zusammen. Der Digitalisierungsgrad innerhalb der Bevölkerung hat, vergleicht man Stadt und Land, inzwischen ein annähernd identisches Niveau erreicht. Ein Blick in den Breitbandatlas 2019 zeigt uns jedoch auch: In städtisch geprägten Ortslagen, Gebieten also mit mehr als 500 Einwohnern pro Quadratkilometer, haben mehr als 99 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer schnelles Internet, also mindestens 16 MBit pro Sekunde, zur Verfügung, in ländlicheren Gemeinden hingegen nur 80 Prozent. Der Unterschied mag zunächst nicht groß erscheinen, nimmt man bestimmte Regionen heraus, fallen aber auch 30 Jahre nach der Deutschen Einheit weiterhin insbesondere Unterschiede zwischen Ost und West auf. Günstigere Mieten sind einerseits ein Faktor, andererseits müssen wir bei den von mir genannten Kennzahlen zu den infrastrukturellen Voraussetzungen am Ball bleiben, wenn gerade ländliche Regionen hiervon wirklich profitieren sollen.

Die Technologie alleine wird es allerdings auch nicht richten. Wir brauchen die Innovatorinnen und Kümmerer, wie ich sie nenne. Menschen, die das Thema voranbringen und vor allem andere Menschen für neue Lösungen begeistern. Und wir brauchen Unterstützung aus dem regionalen und kommunalen Umfeld.

Direkt nachgefragt: Welche administrativen Rahmenbedingungen müssten aus Ihrer Sicht stimmen?

Da sich ja ein verstärkter Zuzug in ländliche Regionen abzeichnet, kann man schon heute als Landrat oder Bürgermeisterin ganz viel für seine Region oder Kommune tun, wenn man bereits proaktiv auf die benannten Innovatorinnen und Kümmerer zugeht. Die administrative Ebene sollte gerade auf dem Land sicherstellen, dass zum Beispiel Coworking-Spaces entsprechende Räume günstig erhalten oder der ÖPNV durch ein passgenaues Angebot abgesichert ist. Qualitativ hochwertige Schul- und Betreuungsangebote sind ebenfalls sehr wichtig. Dass es ländlichen Gemeinden besser geht, wenn eine derartige proaktive Haltung vorhanden ist, lässt sich vielerorts beobachten. Teilweise wird dies allerdings auch dadurch erschwert, dass in den letzten Jahrzehnten auf dem Land ein starker Stellenabbau in der Verwaltung stattfand.

Gründerinnen und Gründer mit frischen Ideen brauchen in der Verwaltung ein Pendant, damit sie auch in ländlichen Regionen ihre Visionen umsetzen können. Wie schaffen wir es also zum Beispiel, dass durch Buslinien auf dem Land, die ohnehin fahren, vielleicht Lebensmittel oder Medikamente transportiert werden können? Vielerorts sind starre Regelwerke derzeit noch ein Hemmschuh dafür, dass sich Regionen neu erfinden und zukunftsfähig entwickeln. Wir müssen verhindern, dass Gründerinnen und Gründer von einer Behörde zur anderen geschickt werden und ihnen vor allem vermittelt wird, was nicht geht. Entsprechende Regelwerke hatten sicherlich alle irgendwann mal ihren Sinn, heute bremsen sie aber den Rollout von Lösungen und die Entfaltung digitaler Potenziale. Es wird daher auch zunehmend diskutiert, mit Ausnahmetatbeständen eine Anpassung solcher hinderlichen Regelungen vorzunehmen und für einen bestimmten Zeitraum zu erproben, was sich davon als dauerhaft sinnvoll erweist.

Welche positiven Zukunftsvisionen könnte man generell für ländliche Regionen ableiten?

Eine Chance für den ländlichen Raum sehe ich darin, dass hier mitunter ganz andere Dinge ausprobiert werden können als in der Stadt. Wenn man allein den Erhalt ländlicher Räume in den Blick nimmt, ist es natürlich durchaus wünschenswert, wenn in jenen Regionen, die von starken Abwanderungstendenzen betroffen sind und in denen hinsichtlich der demografischen Entwicklung ältere Bevölkerungsgruppen dominieren, eine stärkere Durchmischung stattfindet. Zum Beispiel eben durch Zuzug von Städterinnen und Städtern. Denken wir allein an Perspektiven für Unternehmensneugründungen und die Schaffung von Arbeitsplätzen in der Fläche.

Ein stärkerer Zuzug würde es dann lohnenswert machen, Schulen und Bildungseinrichtungen zu erhalten und die ländliche Infrastruktur im Gesundheitswesen und dem Kulturbetrieb nachhaltig zu sichern. Worauf wir bei all dem immer achten müssen: Gemeinschaft muss sich entwickeln, und es darf kein Neben- oder gar Gegeneinander von Alteingesessenen und Zuzüglern entstehen, hier braucht es Offenheit von beiden Seiten!

Die Gestaltung dieses Miteinanders ist eine weitere ganz wichtige Aufgabe für kommunale Entscheidungsträgerinnen und -träger. Es muss also kommuniziert werden: Zuzug bringt uns allen etwas, wenn wir dadurch öffentliche Infrastruktur erhalten und ausbauen können und unser Lebensumfeld attraktiver wird. Wenn wir hier sich bietende Möglichkeiten beherzt nutzen, sehe ich realistische Chancen, regelrechte Experimentierräume für zukünftige Lebens- und Wirtschaftsmodelle zu schaffen.

Frau Professorin Schäfer, vielen Dank für das Gespräch!

Die Strategische Vorausschau ist für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ein wichtiges Instrument,um frühzeitig Orientierungswissen über mögliche zukünftige gesellschaftliche und technologische Entwicklungen zu bekommen.

Ziel ist es, die richtigen Weichen zu stellen, um künftigen Herausforderungen frühzeitig zu begegnen. Hierfür wurde der sogenannte Zukunftskreis berufen: 16 Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Disziplinen beraten das BMBF hinsichtlich Zukunftstrends. Aber auch den Bürgerinnen und Bürgern bieten die Ergebnisse der Vorausschau eine gute Orientierung für die Zukunft.

Mehr Informationen unter vorausschau.de.

 Johann Eggert
Autor

Redakteur

Medienbüro Strategische Vorausschau

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