Mehr Natur in der Stadt schützt gefährdete Tiere und Pflanzen

Das Biodiversitätsprogramm der Landeshauptstadt Hannover

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Hannover Biodiversität
Mardalwiese mit Blutweiderich und großem Wiesenknopf. Foto: LHH

Die Erhaltung und Förderung der biologischen Vielfalt ist für die Stadt Hannover ein bekanntes Thema. Grundlage dafür ist seit 2005 das Programm "Hannover plusZehn - Arbeiten für eine junge und innovative Stadt 2005 - 2015", in dem als ein wichtiges Ziel die "Erhaltung der Qualität der Landschaftsräume und Sicherung der Artenvielfalt" formuliert wurde.

Darauf aufbauend wurde 2009 das Programm "Mehr Natur in der Stadt - Verbesserung der biologischen Vielfalt in Hannover" (LHH, 2009; LHH 2012) ausgearbeitet. In den letzten fünf Jahren wurden im Rahmen dieses Programms zum Teil schon bestehende Projekte und Programme fortgeführt oder ausgeweitet, darüber hinaus aber auch zahlreiche neue Projekte initiiert. Die Landeshauptstadt Hannover setzt damit die nationale Biodiversitätsstrategie auf kommunaler Ebene um und erfüllt im eigenen Hoheitsgebiet und auf städtischen Flächen die Ziele des Naturschutzes.

Unter "Biodiversität" beziehungsweise "biologischer Vielfalt" wird die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten, von der genetischen Vielfalt über die Artenvielfalt bis hin zur Vielfalt der Ökosysteme, verstanden.

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Fleischfarbenes Knabenkraut im Hermann-Löns-Park. Foto: LHH
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Laubfrosch in einem neu angelegten Kleingewässer. Foto: Dieter Nußbaum

Das hannoversche Programm gliedert sich in zwei Schwerpunkte, die als unterschiedliche Handlungsfelder definiert wurden: Das erste Handlungsfeld umfasst alle direkten Maßnahmen zur Verbesserung der Biodiversität. Das zweite Handlungsfeld wird zusammengefasst unter dem Titel "Menschen für die Natur begeistern", beinhaltet also alle Maßnahmen zur Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit, die indirekt zur Erhaltung und Verbesserung der Biodiversität beitragen. Zum ersten Handlungsfeld gehören beispielsweise die folgenden Programmbausteine:

Pflege- und Entwicklungsprogramm für besonders geschützte Biotope auf städtischen Flächen

Nur was man kennt, kann man schützen. Entscheidend ist daher die Kenntnis über das Vorkommen der Arten und Biotope im Stadtgebiet. Viele Erhebungsdaten sind bereits bei der Unteren Naturschutzbehörde der Region Hannover vorhanden. Die geschützten Landschaftsbestandteile werden zunächst in diesem Jahr für Teile des Stadtgebietes durch eine vom Fachbereich Umwelt und Stadtgrün beauftragte Kartierung erhoben. Für die an die EU gemeldeten Flora-Fauna-Habitat-Gebiete (FFH-Gebiete) gibt es eigene Entwicklungskonzepte, auf die in diesem Beitrag nicht eingegangen wird.

Auf den stadteigenen Flächen ist der Erhalt der wertvollen Bereiche bei allen Arbeitsabläufen, von der Konzeption über die Planung bis hin zur Pflege vor Ort sowie bei der Verpachtung, von besonderer Wichtigkeit. Schließlich sind viele Bestände nur durch eine spezielle, auf die wertgebenden Leitarten ausgerichtete Pflege dauerhaft zu erhalten. In sogenannten Pflegekarten, die für jeden Landschaftsraum ausgearbeitet wurden, sind Flächen, die einer besonderen Pflege bedürfen, gekennzeichnet.

Beispielhaft ist ein städtischer Bereich der "Mardalwiese" in Hannover-Kirchrode zu nennen, auf dem sich eine Vielzahl gefährdeter Pflanzenarten der Kalk-Pfeifengraswiesen in beachtlichen Beständen etablieren konnte (Bild 1). In Abstimmung mit Fachleuten des ehrenamtlichen Naturschutzes wird die Wiese von städtischen Mitarbeitern gemäht, wobei die Pflege in jedem Jahr neu, entsprechend der Blühaspekte bestimmter Arten, angepasst wird.

Ein weiteres Beispiel liegt in Hannover-Lahe, wo sich auf einem grundwassernahen, sandigen Standort in großem Umfang seltene Zwergbinsengesellschaften und Heidebestände angesiedelt haben. Auch hier wird mit fachlicher Unterstützung der Niedersächsischen Landesbehörde für Naturschutz (NLWKN) und des ehrenamtlichen Naturschutzes eine speziell angepasste Pflege sichergestellt.

Pflanzenartenhilfsprogramm für seltene und besonders geschützte Arten

Durch den stetigen Flächenverbrauch der Stadt für Wohn- und Gewerbegebiete sowie Verkehrsflächen und dem damit einhergehenden Verlust wertvoller Brachflächen oder extensiv genutzter Landwirtschaftsflächen ist auch in Hannover in den letzten Jahrzehnten ein kontinuierlicher Artenschwund beziehungsweise eine Verringerung der Populationen seltener und gefährdeter Arten zu verzeichnen. Allerdings ist der Artenschwund dort wesentlich geringer als im landwirtschaftlich geprägten Umland.

Durch die besondere naturräumliche Lage Hannovers - zwischen Börden mit dem Hügelland im Süden und der Geest mit Sand- und Moorgebieten im Norden - gibt es im Stadtgebiet viele Arten, die in den niedersächsischen oder sogar bundesweiten Roten Listen der seltenen und gefährdeten Pflanzen- und Tierarten verzeichnet sind. Einige sehr seltene Arten haben dort ihr Hauptvorkommen oder ein wichtiges, von ganz wenigen Vorkommen in Niedersachsen oder sogar Deutschland. Daher hat die Stadt Hannover für diese Arten eine besondere Verantwortung. Bisher wurden spezielle Artenschutzmaßnahmen punktuell durchgeführt und konnten die Populationen einiger weniger Spezies stabilisieren, doch es fehlte bislang ein auf langfristige Kontinuität ausgerichtetes Programm. Auch die in den letzten Jahren im Rahmen des "Maßnahmenprogramms für die Entwicklung der Landschaftsräume" (LHH, 2006) durchgeführten Biotopentwicklungsmaßnahmen haben sich sehr positiv auf einige Arten ausgewirkt. Zu nennen sind hier beispielhaft Bestände des Blaugrünen Labkrauts auf dem Kronsberg, von Knabenkraut im Hermann-Löns-Park (Bild 2) oder Pillenfarn in der Schwarzen Heide. Allerdings treten Erfolge oft nicht so ein wie gewünscht oder verschwinden nach einiger Zeit wieder. Manchmal gibt es auch eher zufällig beeindruckende Effekte. Ein Monitoring fehlt bisher noch.

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Naturnahe Grünflächenpflege im Georgengarten. Foto: Nora Kraack
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Städtisches Grünland mit Extensivierungsauflagen. Foto: Martina Dahms

Seit 2010 liegt für das Stadtgebiet eine systematische Zusammenstellung zu circa 75 gefährdeten Pflanzenarten der Roten Liste Niedersachsen vor. Neben einer Karte der jeweiligen im Stadtgebiet bekannten Wuchsorte sowie Pflegehinweisen für jeden Standort enthält sie eine Dokumentation der Bestandsentwicklung seit den 1990er Jahren. Neufunde werden kontinuierlich in das Programm aufgenommen.

Ziele sind der Erhalt und die Entwicklung der Arten durch auf die speziellen Lebensraumansprüche ausgelegte naturnahe Pflegemaßnahmen und ein langjähriges Monitoring der jeweiligen Bestandsentwicklungen. Alle Artenhilfsmaßnahmen werden entsprechend der Entwicklung der Bestände laufend aktualisiert.

Tierartenhilfsprogramm für seltene und besonders geschützte Arten

Dieser Programmbaustein umfasst mehrere Ansätze:

  • Gemäß den artenschutzrechtlichen Bestimmungen werden im Rahmen der Bauleitplanung und bei Planfeststellungsverfahren Bestandsaufnahmen durchgeführt. Oft werden viele dieser Flächen jedoch überbaut oder verändert und gehen als Lebensraum verloren. Von besonderem Interesse sind daher alle Artenerfassungen auf Flächen, deren Erhalt langfristig gesichert ist. Dies betrifft in erster Linie naturschutzrechtlich geschützte Flächen und naturschutzfachliche Planungen. Hierzu zählen auch die meisten Kleingewässer mit ihrem unmittelbaren Umfeld - dazu wurde ein eigenes Stillgewässerprogramm aufgelegt. Bei diesen Gewässern erfolgt seit 2006 ein Monitoring über die Entwicklungen der Amphibien und Libellen. Daneben wurden in den letzten Jahren gezielte Erfassungen artenschutzrechtlich bedeutsamer Vorkommen, zum Beispiel der Fledermäuse, der Nachtigall, des Baumkäfers "Eichenheldbock" und auf ausgesuchten Flächen der Wildbienen, durchgeführt.
  • Aufbauend auf den Ergebnissen der Kartierungen werden Biotoppflegemaßnahmen festgelegt, die die bisherigen Vorkommen im Bestand erhalten und möglichst vermehren.
  • Die digitale Erfassung der Bestandsdaten erfolgt fortlaufend entsprechend der neuen Erkenntnisse. Die Daten sollen behördenintern einem möglichst großen Nutzerkreis zugänglich sein und in alle naturschutzrelevanten Planungen einfließen.

Weitere Maßnahmen sind die seit 2014 begonnene Biberkartierung in der Leine-aue. Das Rebhuhn und der Baumkäfer "Eremit" sind weitere zu erfassende Arten. Außerdem wird die Wildbienenkartierung fortgeführt und ausgeweitet. Beispielhaft seien Maßnahmen für vier besonders und streng geschützte Tierarten aufgeführt, die in Hannover ihren Lebensraum haben:

Zauneidechse

Bemerkenswerte Vorkommen gibt es entlang von Bahnlinien in den Stadtteilen Kirchrode und Anderten. Die Lebensräume sind eng begrenzt, decken aber alle Ansprüche ab: Überwinterungsquartiere im Bahnschotter, vegetationsfreie Sonnenplätze, offene und lockere Bodenstrukturen zur Eiablage, Hochstauden, Gebüsch und Totholz als Deckung und Schutz vor Austrocknung. Regelmäßig werden mit fachlicher Betreuung behutsam Pflegemaßnahmen durchgeführt, um die Lebensräume zu erhalten und einer Verbuschung entgegen zu wirken.

Kreuzotter

Durch Entwässerung der Moore und großflächige Aufforstungen ist der Bestand bundesweit stark zurückgegangen. In Hannover ist die Kreuzotter in den Pfeifengraswiesen östlich des Altwarmbüchener Sees und im Atwarmbüchener Moor mit kleinen Populationen beheimatet. Hier werden auf der Grundlage von Pflegeplänen besonnte Bereiche von Verbuschung freigehalten. Die Bestandssituation wird regelmäßig überwacht.

Laubfrosch

Für den Schutz des streng geschützten Laubfrosches ist es wichtig das Gesamthabitat aus Kleingewässern und Landlebensraum zu erhalten und zu entwickeln. Das Gewässerumfeld sollte möglichst nur extensiv bewirtschaftet werden. Ideal ist mit Hecken durchsetztes Dauergrünland mit eingestreuten Feldgehölzen, Ruderalflächen und angrenzenden Laubmischwäldern. Diese Bedingungen fördern das Landschaftsprogramm und das Stillgewässerprogramm. Die Bestände des Laubfrosches konnten sich im Norden von Hannover gut etablieren und vergrößern (Bild 3). Die Kleingewässer und ihr Umfeld werden entsprechend unterhalten und gepflegt.

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Entwicklung der stadteigenen Wiesen und Weiden seit 1994. Grafik: LHH

Fledermäuse

Alle Fledermausarten sind streng geschützt. Die Stadt Hannover erhält in allen Park- und Grünflächen sowie in den stadteigenen Wäldern gezielt Höhlenbäume und Totholz, solange es die Verkehrssicherung zulässt. Ist eine Fällung unvermeidlich, wird in einem mehrstufigen Prüfverfahren sichergestellt, dass Höhlen nicht besetzt sind. Für die Begutachtung werden anerkannte Biologen und Fledermausexperten beauftragt. Die städtischen Mitarbeiter werden für die Thematik sensibilisiert und geschult.

Naturnähere Grünflächenpflege

Ein weiteres Ziel des Biodiversitätsprogramms ist eine umfassend naturnähere Grünflächenpflege, die mehr "Wildnis" und bewusst etwas "Unordnung" zulässt und die Pflege nicht nur ökonomischen und organisatorischen Zwängen unterordnet. So wird beispielsweise seit einigen Jahren im Hermann-Löns-Park, auf dem Lindener Bergfriedhof, im Georgengarten (Bild 4) und im Grünzug Roderbruch-West erfolgreich ein Mahdregime praktiziert, bei dem Rücksicht auf den Blütenflor und die Fruchtung gefährdeter Pflanzen genommen wird, um die Bestände zu erhalten und zu entwickeln. Zur Ausweitung dieser Pflegepraxis sollen - bezogen auf Gehölzbereiche, Einzelbäume und Wiesen - Standards für unterschiedliche Pflegeintensitäten aufgestellt werden. Ziele der nächsten Jahre sind:

  • Festlegung von ökologischen Standards für alle Flächen,
  • Schulung der Mitarbeiter/innen für Artenschutzbelange,
  • örtlich angepasste Pflegepraktiken (auch an kleinräumige Entwicklungen),
  • Öffentlichkeitsarbeit, unter anderem zum Wert von "Unordnung".

Erhalt und Förderung von artenreichem Extensiv-Grünland

In den letzten 25 Jahren sind allein in Niedersachsen ein Drittel aller Grünlandflächen durch Nutzungsintensivierung und den Strukturwandel in der Landwirtschaft verschwunden. Die Stadt Hannover trägt zum Erhalt vielfältiger Grünlandflächen bei, indem sie durch Ankauf wertvolle Flächen sichert oder neues Grünland auf ehemaligen Ackerflächen anlegt (Bild 5). Seit 1994 sind so viele Hektar Grünland neu entstanden. Inzwischen hat die Stadt die Verantwortung für 390 Hektar Wiesen und Weiden (Grafik 1).

Die Flächen werden für eine extensive Nutzung an interessierte Landwirte oder private Pferde- und Schafhalter verpachtet und dürfen in der Regel weder gedüngt noch mit Pestiziden behandelt werden. Die Nutzung muss außerdem unter Berücksichtigung von Brutzeiten der Wiesenvögel und Blühzeitpunkten erfolgen.

Weitere wichtige Bestandteile des hannoverschen Biodiversitätsprogramms sind im ersten Handlungsfeld (direkte Maßnahmen):

  • das Stillgewässerprogramm,
  • naturnahe Entwicklung von Fließgewässern,
  • Forstwirtschaft im Einklang mit Naturschutz und Naherholung,
  • Anzucht und Vermarktung von gebietsheimischen Gehölzen,
  • Maßnahmen in den Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Gebieten,
  • Entwicklung der Landschaftsräume für Naturschutz und Naherholung.

Literatur

LHH, 2006: Maßnahmenprogramm zur Entwicklung von Landschaftsräumen, Schriftenreihe kommunaler Umweltschutz, Heft Nr. 42. Landeshauptstadt Hannover, Wirtschafts- und Umweltdezernat, 2006.

LHH, 2009: Mehr Natur in der Stadt. Ein Programm zur Verbesserung der biologischen Vielfalt in Hannover. Schriftenreihe kommunaler Umweltschutz, Heft Nr. 48. Landeshauptstadt Hannover, Wirtschafts- und Umweltdezernat, 2009.

LHH, 2012: Programm "Mehr Natur in der Stadt" in: Umweltbericht 2012, Schriftenreihe kommunaler Umweltschutz, Heft 50. Landeshauptstadt Hannover, Wirtschafts- und Umweltdezernat, 2012.

Dr. Heino Kamieth
Autor

Bereichsleiter Forsten, Landschaftsräume und Naturschutz Stadt Hannover

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