Neue Studie zeigt hohen Stellenwert von Grünflächen

Türkische Migranten und ihre Nutzung von Freiräumen

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Ein neu gestalteter Platz in Hanau ist für Männer ein beliebter Aufenthaltsort. Foto: Grit Hottenträger

Kulturelle Vielfalt ist seit vielen Jahren ein vertrautes Bild in unseren Parks - in Großstädten ohnehin schon lange, aber auch in mittelgroßen und zunehmend in kleineren Städten. Es ist daher erstaunlich, wie wenig wir über die Bedürfnisse und Anforderungen von Migrantinnen und Migranten an den öffentlichen Freiraum wissen, wie wenig wissenschaftlich fundierte Forschung zu dieser Thematik vorhanden ist.

Dabei stellen sich folgende Fragen: Welche Art von Freiraum brauchen Menschen, die einen anderen kulturellen Hintergrund besitzen? Was nutzen sie gerne, wo fühlen sie sich wohl? Haben unterschiedliche Kulturen unterschiedliche Vorlieben im öffentlichen Raum, nutzen sie ihn gegebenenfalls auf verschiedene Art und Weise?

Um diesen Fragen nachzugehen, haben wir an der Hochschule Geisenheim 2015 ein Pilotprojekt gestartet und zunächst mit der größten Zuwanderergruppe, den türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten, begonnen. Unsere Untersuchungen wurden in den Städten Wiesbaden, Frankfurt am Main und Hanau durchgeführt, mit deren Grünflächenämtern Kooperationen bestehen. In diesen Städten leben zusammen rund 74.000 türkischstämmige Menschen, allein in Frankfurt a. M. rund 46.000 (in Wiesbaden rund 16.000 Türken, in Hanau ca. 12.000 Türken).

Die qualitativ-explorative Studie basiert auf 220 Befragungen, Spaziergängen mit Fokusgruppen, Experten-Interviews und der Auswertung von Publikationen. Zurzeit sind wir dabei, eine deutschstämmige Vergleichsgruppe zu untersuchen - geplant sind noch weitere Studien mit anderen Ethnien.

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Lieblingsorte der türkischen Befragten (differenziert nach Gender, Angaben in %). Abbildung: Hottenträger/Kreißl
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Aufenthaltsdauer, Vergleich werktags und Wochenende (Angaben in % der Befragten). Abbildung: Hottenträger/Kreißl
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Begleitung beim Draußensein (Angaben in %). Abbildung: Hottenträger/Kreißl

Aus unseren bisherigen Erkenntnissen sollen im Folgenden vier Aspekte, die wir für bedeutsam für die Freiraumplanung erachten, dargestellt werden:

Zur Bedeutung städtischer Freiräume

Ein wesentliches Ergebnis unserer bisherigen Studie ist, dass städtische Freiräume eine sehr hohe Bedeutung für türkische Migrantinnen und Migranten haben. Städtischer Freiraum ist gleichbedeutend mit Lebensraum im Freien. "Lebensraum im Freien" bedeutet dabei mehr, als nur gerne draußen zu sein oder seine Freizeit draußen zu verbringen; es bedeutet, dass städtischer Freiraum für einen ganz wesentlichen Teil des Lebens und die Lebensqualität notwendig und essentiell ist.

Wir kennen diese Lebensweise aus Mittelmeerländern, wie Italien oder Spanien, wo das Leben im Freien viel ausgeprägter ist, als wir das traditionell in Deutschland kennen. Auch in der Türkei beleben die Menschen sehr viel intensiver den öffentlichen städtischen Raum und bleiben abends sehr viel länger draußen. So es gibt zum Beispiel in Istanbul Parks, die mit Beleuchtung ausgestattet sind, um die Nutzungsdauer in den Abendstunden zu verlängern.¹

Neben der besonderen Lebensweise ist der urbane Freiraum auch deshalb in unseren Städten besonders wichtig, weil Migranten häufiger unter beengten Wohnverhältnissen leben, sodass der Freiraum als Erweiterung der Wohnung und unter sozialen Aspekten, das heißt vor allem zum Treffen mit Freundinnen und Freunden, eine wichtige Funktion hat. Welche Art von Freiraum wird nun bevorzugt, welche Orte werden von Türkinnen und Türken am liebsten aufgesucht?

Die Prioritäten bei den Lieblingsorten sind eindeutig: Fast 40 Prozent der Antworten beziehen sich auf Grünflächen, das umfasst öffentliche Grünflächen und Spielplätze sowie in geringem Umfang auch Waldbereiche. An zweiter Stelle werden die "Stadt" (Stadt- oder Quartierszentren) genannt. Auf sie entfallen 23 Prozent der Nennungen. Das heißt: die meisten Befragten zählen Grünflächen zu ihren Lieblingsorten und etwa die Hälfte der Befragten sucht auch sehr gerne Stadtzentren mit ihren Einkaufs-, Shoppingmöglichkeiten, Stadtplätzen, Cafés und Restaurants auf.

Es gibt weitere Lieblingsorte beziehungsweise Aktivitäten, die draußen stattfinden, die jedoch deutlich unter den ersten beiden Kategorien rangieren. Sie umfassen jeweils zwischen sechs bis sieben Prozent der Nennungen. Hierzu gehören:

  • das privat nutzbare Grün; hier werden insbesondere Kleingärten und Hausgärten genannt.
  • Beliebt ist auch einfach spazieren zu gehen, das heißt allgemein sich draußen aufhalten;
  • Knapp sieben Prozent der Antworten beziehen sich auf Orte zum Sport-treiben, das betrifft dann eher Männer.
  • Weitere Antworten entfallen auf Treffpunkte für soziale Aktivitäten, ohne dass ein spezifischer Ort genannt wird.
  • die Kategorie "Kultur und Religion" umfasst Besuche von Moscheen, Kulturvereinen, aber auch Kultureinrichtungen, Bibliotheken oder das Kino gehören unter anderem für einige zu den Lieblingsorten.
  • nur sieben Personen gaben an, dass sie nicht oder nur wenig rausgehen unter der Woche.

Andere Freiraumtypen, wie zum Beispiel Friedhöfe, spielen - bisher zumindest - keine nennenswerte Rolle. Bei den meisten Lieblingsorten überwiegen die Nennungen der Frauen, nur beim Sport und den Kultureinrichtung beiziehungsweise dem Besuch der Moscheen und Kulturvereinen gab es mehr Nennungen bei den Männern.

Betrachten wir die beiden beliebtesten Kategorien etwas genauer: Bei dem öffentlichen Grün stehen an erster Stelle Parks. Genannt werden Parks allgemein, aber auch konkrete Parks in Wiesbaden, Frankfurt und Hanau: so zählen der Alte Friedhof in Wiesbaden, der Ostpark in Frankfurt oder der Schlosspark in Hanau zu beliebten Aufenthaltsbereichen. Daneben werden gerne Flussufer aufgesucht: am häufigsten genannt werden der Rhein und die Rheinwiese (18 N), die es in Wiesbaden-Biebrich gibt, und der Main (14 N), der vor allem in Frankfurt eine bedeutende Rolle spielt. Spielplätze werden insgesamt 32 Mal als beliebtester Ort genannt, hierbei überwiegen eindeutig die Antworten von Frauen.

Eine gewisse Rolle spielt auch der Wald, der 28 Mal zu den Lieblingsorten zählt. Dagegen entfallen nur Einzel-Nennungen auf die offene Landschaft, den Zoo oder das Schwimmbad.

  • Öffentliche Parks/Grünflächen: 92 Nennungen, entspricht 18%
  • Flüsse/Gewässer allg.: 38 Nennungen, entspricht 8,4%
  • Spielplätze: 32 Nennungen, entspricht 6,2%
  • Wald: 28 Nennungen, entspricht 4,8%
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Gemeinsames Picknick oder Grillen stärkt die Gemeinschaften; hier Grill­bereich im Ostpark Frankfurt a.?M. Foto: Grit Hottenträger
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Motivation für den Besuch von Freiräumen (in %). Abbildung: Hottenträger/Kreißl

Die zweitbeliebtesten Orte beziehen sich auf die Städte selbst: so werden am häufigsten die Stadt allgemein, die Innenstadt oder Stadtplätze genannt. Dann folgen die Geschäfts- und Shoppingzonen und schließlich sind für 27 Personen Cafés, Restaurants und Imbissbuden beliebte Orte.

  • Die Stadt (allgemein): 50 Nennungen, entspricht 9,7%
  • Einkaufen/Shoppen: 42 Nennungen, entspricht 7,9%
  • Restaurants, Café, Imbiss: 27 Nennungen, entspricht 5,2%

Die Bedeutung der öffentlichen Freiräume nimmt insgesamt am Wochenende etwas abnimmt, da hier das Treffen mit der Familie und damit auch die privat nutzbaren Räume, Gärten am Haus und Kleingärten, wichtiger werden. Auch Zoo und Schwimmbad werden etwas häufiger aufgesucht. Interessant ist, dass am Wochenende die Bedeutung vom Umland, der umgebenden Landschaft, dem Wald oder anderer Ausflugsziele nicht zunimmt, wie das zum Beispiel in einer Studie über ältere Frankfurter*innen sehr ausgeprägt war.²

Was bedeutet das nun im Falle der Migrantinnen und Migranten? Es bedeutet, dass die städtischen Freiräume am Wochenende eine genauso wichtige Funktion erfüllen wie wochentags; dass die türkischen Zuwanderer auch am Wochenende sehr intensiv in der Stadt und ihren Freiräumen leben.

Ein weiterer Aspekt, der die besondere Bedeutung von städtischen Freiräumen belegt, ist die Aufenthaltsdauer: So gaben 40 Prozent der Befragten an, dass sie im Allgemeinen ein bis zwei Stunden und 30 Prozent sogar zwei bis vier Stunden Zeit wochentags draußen verbringen. Am Wochenende liegt die Verweildauer für fast 40 Prozent mit zwei bis vier Stunden doppelt so hoch und 25 Prozent bleiben sogar über vier Stunden im Freien. Auch die Besuchsfrequenz belegt die große Beliebtheit des städtischen Freiraums: fast 40 Prozent der Befragten gaben an, dass sie täglich oder fast täglich die Fußgängerzonen aufsuchen.

30 Prozent gehen täglich oder fast täglich in Parks und Grünanlagen und weitere 40 Prozent gehen ein bis zwei Mal wöchentlich in Parks. Das heißt, 70 Prozent der Befragten suchen die Grünanlagen (sehr) häufig auf. Nur rund zehn Prozent gaben an, dass sie nie oder selten Parks oder Fußgängerzonen gehen.3, 4

2. Zur Bedeutung von Gemeinschaften

Kulturspezifische Verhaltensweisen werden als sogenannte "Kulturdimensionen" beschrieben. Eine dieser Kulturdimensionen bezieht sich auf den Unterschied zwischen individualistischen und kollektivistischen Gesellschaften. Während die deutsche Kultur stärker individualistisch geprägt ist, werden islamische Kulturen - und so auch die türkische - den kollektivistischen Gesellschaften zugeordnet. Zu den kollektivistischen Gesellschaften gehören Menschen, die eher in Gruppen leben, für die Familie, Verwandtschaft oder andere Kulturgruppen wichtige Bestandteile ihrer Identität darstellen. Es sind Solidargemeinschaften, die auch ihnen Schutz und Sicherheit, man könnte sagen "Heimat" geben. Beatrice Hecht-El Minshawi schreibt: "Muslime denken und handeln im Kontext der Gemeinschaft (der Familie, der Binnengruppe, der Moscheegemeinde, der Kollegenschaft und so weiter)."5

Auch in unserer Studie und der Freiraumnutzung der türkischen Menschen wird offensichtlich, dass Familie und Verwandtschaft einen sehr hohen Stellenwert haben und ebenso der Freundeskreis eine herausragende Rolle spielt.6

Wenn Türken und Türkinnen draußen sind, sind sie meist mit anderen Menschen zusammen: zu zweit zu dritt, aber auch in großen Gruppen bis zu 20 Personen, wie uns in Fokusgruppen berichtet wurde.

Wir haben die Türkinnen und Türken gefragt, mit wem sie sich im Freiraum aufhalten. Bei den Antworten wird deutlich, dass die Familie die wichtigste Rolle für die Gemeinschaft spielt. Am häufigsten halten sich Männer wie Frauen mit Familienangehörigen, wie Kindern oder Ehe-Partnern oder mit der ganzen Familie und auch Großfamilie draußen auf - das sind, würde man die einzelnen Kategorien addieren, über die Hälfte der Nennungen.

Aber auch Freunde und vor allem Freundinnen sind häufige und wichtige Begleitpersonen. Insbesondere die Jüngeren (20-35-Jährigen) und die Senioren (> 65 Jahre) werden sehr häufig von Freundinnen und Freunden draußen begleitet. Besonders für Frauen haben Freundinnen eine hohe Bedeutung.

Dennoch werden Freiräume auch alleine aufgesucht - wider Erwarten von gleich vielen Frauen wie Männern. Alleine sind am meisten die Ältesten unterwegs, am wenigsten die jungen Erwachsenen.

Der besondere Stellenwert von Gemeinschaften zeigt sich auch bei vielen anderen Fragen, so auch bei der Motivation, das heißt der Frage, warum man Freiräume aufsucht.

Es gibt zwar durchaus vielfältige Beweggründe, warum Frauen und Männer nach draußen gehen. Jedoch beziehen sich die mit Abstand meisten Antworten - das sind 128 Antworten - auf das Thema "Geselligkeit und Kommunikation". Das sind über ein Drittel aller Antworten. Hier wird noch einmal die enorm hohe Bedeutung von Gemeinschaften sehr deutlich:7 Türkische Menschen gehen vor allem nach draußen, weil sie andere treffen wollen, Freunde oder Freundinnen; am Wochenende vermehrt, um mit der Familie und Verwandtschaft zusammen zu sein. Man geht raus, um mit anderen Zeit zu verbringen, spazieren zu gehen oder auch um gemeinsam zu essen oder Tee zu trinken.

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Für Frauen ist der Spielplatz auch ein Ort des Austauschs miteinander. Foto: Grit Hottenträger
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Die neue überdachte Bushaltestelle in Hanau, ein beliebter Treffpunkt für türkische Frauen. Foto: Annina Kreißl
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Männer beim Fußballspielen im Ostpark in Frankfurt a.?M. Foto: Grit Hottenträger

Das gemeinsame Essen hat in diesem Kontext einen besonderen Stellenwert, denn Gemeinschaft bedeutet auch "Essgemeinschaft". In diesem Zusammenhang steht auch die Gastfreundschaft, die in islamischen Gesellschaften traditionell ein wichtiges gesellschaftliches Kulturgut darstellt und bis heute tief verankert ist.8

Das Zusammensitzen, Plaudern und in der Gemeinschaft essen und trinken ist somit weit mehr als nur ein Zeitvertreib, es ist ein wesentlicher Teil der kulturellen Identität. Der Wunsch nach Picknickplätzen und Grillanlagen in unseren Parks hat demnach seine Wurzeln in der besonderen Lebensart und Kultur, die man durchaus auch bei anderen Völkern, wie den Spaniern findet.

Über die Hälfte unserer Befragten hält Ausstattungen der Parks mit Picknicktischen (58 %) oder mit Grillplätzen (51 %) für sehr wichtig. Ebenso wichtig sind ihnen Sitzgelegenheiten zum Treffen, wie auch überdachte Treffpunkte (51 %).9

Frauenorte-Männerorte

In islamischen Gesellschaften gibt es traditionell eine Trennung der Geschlechter, eine Trennung von Frauen und Männern, die man - auch in Deutschland - zum Beispiel bei türkischen Hochzeiten erleben kann.

Die Trennung der Geschlechter ist religiös bedingt, aber auch bedingt durch die zugewiesene Arbeitsteilung: Den Frauen sind die Kinder, der Haushalt, das heißt die Versorgung mit Nahrung und traditionell auch der Garten zugeordnet. Mit diesen Frauen-Arbeitsplätzen verbunden sind traditionell der private Raum, aber auch die Räume draußen, die zur Erledigung der Aufgaben wichtig waren. Männern ist dagegen traditionell einerseits die Versorgung der Familie, aber auch der öffentliche Raum und stärker die Ausübung der Religion zugeordnet.10, 11

Die Trennung der Geschlechter wird auch bei der Nutzung der städtischen Freiräume offensichtlich. Ein wesentlicher Grund dafür ist die immer noch stark ausgeprägte Arbeitsteilung: Die türkischen Frauen gehen einkaufen, sie sind in den Einkaufsstraßen, auf den Märkten und den Fußgängerzonen anzutreffen. Dort erledigen sie aber nicht nur Einkäufe, sondern treffen auch andere Frauen, mit denen sie sich austauschen und plaudern. Sie treffen Freundinnen in (preiswerten) Straßencafés oder auf Plätzen. Häufig fehlen kommunikative Sitzgelegenheiten in den Städten. So wurden zum Beispiel neue überdachte Bushaltestellen zu beliebten Treffpunkten für Frauen in Hanau.

Ein weiteres Beispiel für Frauentreffs sind Spielplätze. Türkische Frauen gehen sehr häufig nachmittags mit ihren Kindern raus, weil sie es für gesund halten und es zur Entspannung beiträgt. So dienen Spielplätze nicht nur dazu, Kinder zu beaufsichtigen, sondern als Ort der Kommunikation für Frauen. Schattige Plätze mit Picknicktischen und kommunikative Sitzgelegenheiten sind dafür willkommen.

Geschlechtshomogene Gruppen lassen sich auch bei Männern beobachten: So ist Freiluft-Schach ein beliebtes Männer-Spiel, oder Kioske, die als Treffpunkte dienen.

Im Stadtteil Süd in Hanau entstand im Rahmen eines sozialen Stadt-Projektes ein kleiner Aufenthaltsplatz mit Pergola und farbigen Mosaiksteinchen. Dieser Platz liegt gegenüber der Moschee und wird von türkischen Männern genutzt. Türkische Frauen erzählten uns bei Begehungen, dass sie selbst den Platz nicht nutzen, er gilt als quasi "besetzt".

Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus bisher Gesagtem ziehen?

Es bedarf zunächst einmal quantitativ ausreichend Freiflächen in den Städten, um dem Bedarf nach Freiraum gerecht zu werden, um Lebensqualität in die Städte zu bringen. Um das Gemeinschaftliche - dieses wichtige Kulturmerkmal - kollektivistischer Gesellschaften zu unterstützen, sollten die Freiräume, Fußgängerbereiche und weitere Bereiche qualitativ ansprechend ausgestattet sowie mit vielfältigen Treffpunkten, Sitzgelegenheiten in Sonne und Schatten und mit Regenschutz versehen sein. Gut angenommen werden Angebote für Familien, Spielbereiche in der Kombination mit Picknickplätzen, wie zum Beispiel am Alten Friedhof in Wiesbaden oder die Waldspielparks in Frankfurt a. M. mit Wasserspielangeboten, Minigolfanlagen und auch Grillplätzen. Da das gemeinsame Essen einen wichtigen kulturellen Aspekt darstellt, wären mehr Picknick- und Grillplätze wünschenswert. Kleingärten sind ebenfalls sehr beliebte Orte für gemeinsames Beisammensein.

Grundbedürfnisse: Bewegung und Regeneration

Bedarfsorientierte Planung setzt voraus, dass wir Kenntnis über die Freizeitaktivitäten der Nutzerinnen und Nutzer haben. Was tun türkische Zuwanderer am liebsten, welchen Aktivitäten oder Erholungsformen gehen sie gerne nach, was motiviert sie nach draußen zu gehen?

Der wichtigste Grund nach draußen zu gehen ist, andere Leute zu treffen und mit ihnen zusammen zu sein. Auf diesen kulturspezifischen Aspekt wurde bereits oben näher eingegangen. Darüber hinaus gibt es vor allem zwei Schwerpunkte, die sich abzeichnen. Sie beziehen sich auf unsere menschlichen Grundbedürfnisse nach Bewegung einerseits und nach Entspannung und Regeneration andererseits.

Ein Drittel der Befragten will sich draußen mit anderen Leuten treffen und ein Drittel will sich bewegen oder Sport treiben. Dabei kommt dem Spazierengehen eine besondere Bedeutung zu, denn es lässt sich einerseits gut damit verbinden, sich mit Freunden und Freundinnen zu unterhalten. Andererseits kann man sich beim Spaziergang gut entspannen und erholen. Insgesamt sind die Männer bewegungsaktiver als die Frauen. 43 Prozent der Freizeitbeschäftigungen der Männer entfallen entweder auf Spazierengehen (22 %) oder auf Sport treiben (21 %).

Für Frauen ist dagegen die Kommunikation wichtiger. Dennoch verbringt über ein Viertel der Frauen ihre Freizeit mit Bewegungsaktivitäten: 16 Prozent entfallen dabei auf Spaziergänge und elf Prozent auf Sport.

Grünflächen
Lieblingsbetätigungen, Vergleich Frauen und Männer (in %). Abbildung: Hottenträger/Kreißl
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Positive Aspekte der Lieblings-Orte, Vergleich werktags und WE (in %). Abbildung: Hottenträger/Kreißl
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Beeinträchtigungen (in %). Abbildung: Hottenträger/Kreißl

Türkische Männer und Frauen treiben insgesamt relativ viel Sport. Über die Hälfte gab an, regelmäßig Sport zu treiben. 53 Prozent der Frauen und 54 Prozent der Männer. Das betrifft alle Altersgruppen, außer den über 66 Jährigen, hier sind es nur noch 28 Prozent. Insgesamt gaben 38 Prozent an, dass sie Sport im Freien ausüben (z. T. auch im Verein). Rund 70 Prozent aller Befragten halten Spazierengehen für sehr wichtig. Männern ist dabei vor allem der Fußballplatz wichtig, Frauen dagegen Fitnessparcours, die sie (auch) aus der Türkei kennen. Mehr Fitnessparcours im öffentlichen Grün stand auch bei vielen Frauen neben mehr "Spielplätzen für Kinder" hoch oben auf der Wunschliste.

Ein dritter wesentlicher Grund nach draußen zu gehen, ist der Wunsch nach Entspannung und Erholung (siehe Abb. 4). Dabei gibt es eine Reihe von Rahmenbedingungen, die erfüllt sein müssen, um sich an Orten entspannen zu können. Man muss sich an einem Ort wohlfühlen, das bedeutet auch, dass man sich an dem Ort zu Hause, heimisch fühlen kann und damit auch eher zugehörig und integriert. Die wichtigsten Rahmenbedingungen haben wir als "Wohlfühl-Faktoren" zusammengefasst.

Wohlfühl-Faktoren

Was ist unseren türkischen Migranten wichtig? Was brauchen sie, um sich wohl zu fühlen? Was stört sie, was lässt sie gar Orte meiden?

Am bedeutendsten ist den Befragten das Grün, Parks und die Natur. Diese Aspekte wurden 137 mal genannt (33 % N). Man genießt die Jahreszeiten, schätzt die frische Luft und auch schöne Ausblicke.

Zwei Drittel (68 %) aller Befragten halten die grüne Infrastruktur in der Stadt für sehr wichtig und weitere 17 Prozent für wichtig, sodass man sagen kann, dass 85 Prozent eine hohe Wertschätzung von Natur haben. Natur und Grün stellen somit einen sehr bedeutenden Wohlfühl-Faktor dar. Auch ästhetische Aspekte, wie schöne Bepflanzungen, alte Bäume, Blumenschmuck und überhaupt eine schöne Gestaltung werden als bedeutsame Elemente in den Parks gesehen. Des Weiteren werden als positive Aspekte im öffentlichen Raum Ruhe, Offenheit und Weite sowie vor allem auch die Ausstattung mit ausreichend Sitzgelegenheiten erwähnt.

Was beeinträchtig das Wohlgefühl am meisten? Ganz besonders störend werden herumliegender Müll und ungepflegte Anlagen empfunden. Ebenso werden herumlaufende Hunde und schlechtes Benehmen anderer Parkbesucher (Unfreundlichkeit, Respektlosigkeit), der Konsum von Alkohol und Drogen oder auch Lärm als beeinträchtigend empfunden.

Fast ein Drittel der Frauen und ein Viertel der befragten Männer sagten, dass es Orte gäbe, die sie meiden. Das sind vor allem Transiträume (Bahnhof, Flughafen), aber auch Parks, wo Alkohol oder Drogen, konsumiert werden( z. B. Reisinger Anlage in Wiesbaden).

Entsprechend korrespondieren die Wünsche: So wurde 84 Mal mehr Sauberkeit und Ordnung, mehr Toiletten, aber auch Wasser zum Händewaschen, was beim Picknick sehr wichtig ist, genannt. Aber an erster Stelle wünscht man sich jedoch mehr Grün in den Städten und eine bessere Ausstattung mit Sitzgelegenheiten, Spielplätzen und Fitnessgeräten.

Fazit

Integrative Freiräume sollten neben vielfältigen kommunikativen Angeboten insbesondere auch die Grundbedürfnisse nach Bewegung und Sport sowie nach Erholung und Entspannung befriedigen. Das heißt sie sollten Spazierwege, Angebote für Fitness, Fußball, Basketball und auch Bewegungsparcours für Frauen enthalten. Aber nicht nur die Angebote sind wichtig, sondern auch die Atmosphäre, Natur und Grün und die anderen genannten Wohlfühl-Faktoren sind bedeutsam, damit türkische Frauen, Männer und Familien, Freiräume überhaupt nutzen und sich in Freiräumen wohl und auch sicher fühlen.

Schlussbemerkungen

Abschließend möchte ich noch kurz auf das Integrationspotenzial von öffentlichen Räumen eingehen:¹² Angesichts der zunehmenden soziokulturellen Heterogenisierung in den Städten, stellt sich die Frage, welchen Beitrag der (öffentliche) Freiraum zur Integration leisten kann?

Es gibt die sogenannte Kontakthypothese, die besagt, dass mit einer Zunahme und einem Mehr an sozialen Kontakten die Vorbehalte und Vorurteile zwischen sozialen Gruppen abgebaut werden können. Dieses integrative Potential ist auch in Freiräumen vorhanden.

Jedoch haben Untersuchungen auch gezeigt, dass ein zu enger Kontakt zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen ebenso dazu führen kann, dass stereotype Vorstellungen verfestigt werden und Vorbehalte zunehmen. In welche Richtung das Pendel ausschlägt, hängt einerseits mit dem sozialen Status der einzelnen Gruppen zusammen, das heißt dem Bildungsniveau, der materiellen Sicherheit und dem damit einhergehenden Selbstwertgefühl.

Andererseits spielt es eine wichtige Rolle, ob die Bedürfnisse der unterschiedlichen Nutzer und Nutzerinnen in gleichem Maß befriedigt werden können, das heißt, dass bedarfsorientierte Angebote vorhanden sind. Darüber hinaus sind Rückzugsräume von großer Bedeutung, das heißt, dass man die Distanz zu anderen sozialen Gruppen in gewissem Umfang selbst bestimmen kann. Jede Gruppe sollte in einem Quartier und in der Stadt ausreichend Platz für sich finden. Je höher der Nutzungsdruck ist, desto weniger kann der Einzelne den Abstand zu anderen selbst bestimmen, desto höher wird das Konfliktpotenzial¹³ - das gilt für den einzelnen Park ebenso wie für das quartiers- oder stadtbezogene Freiraumangebot.

Bei der zu erwartenden zunehmenden kulturellen Vielfalt in den Städten spricht vieles für die Notwendigkeit, sowohl quantitativ ausreichend Freiräume zur Verfügung zu stellen und wie auch bedarfsorientiert zu planen, damit Freiräume einen positiven Beitrag zur Sozialintegration leisten können. Für eine bedarfsorientierte Planung sollte - wie es zum Teil auch schon praktiziert wird - immer auch die Bevölkerung beteiligt werden. Wir benötigen darüber hinaus aber auch mehr Forschung in der Freiraumplanung, mehr wissenschaftlich fundierte Kenntnisse über die Bedürfnisse und Anforderungen verschiedener kultureller und sozialer Gruppen.

In dem zitierten Bericht der Stadt Wien wird zudem für Parkmanager plädiert, denn "die Sozialintegration kann (sowohl) durch Aneignungsprozesse im öffentlichen Raum… (wie auch durch) erfolgreiche soziale Aushandlungsprozesse um die Raumnutzung gestärkt werden".14 Auch in diese Richtung weiterzudenken würde sich sicher lohnen.

Anmerkungen

Der Artikel basiert auf einem Vortrag der Verfasserin auf dem Bundeskongress der Fachverbände, am 28. Juni 2017 im Rahmen der IGA in Berlin-Marzahn.

Die Studie. "Türkische Migrant*innen und städtischer Freiraum" von Hottenträger, Kreißl u. a. wird finanziell unterstützt vom Grünflächenamt Frankfurt a. M.

Literatur

1 Recherchen von Melis Gökkaya, Hochschule Geisenheim (unveröff. Manuskript).

2 Vgl. Hottenträger, Grit, Jessica Jacoby u.a. (2008): Genderfifferenzierte Untersuchungen zur Freiflächennutzung älterer Menschen, Studie an der FH Wiesbaden (unveröff. Manuskript); als Download auf der Homepage der Hochschule Geisenheim.

3 Die Zahlen beziehen sich natürlich auf die warmen Jahreszeiten.

4 Im Vergleich dazu ergab eine Befragung von Besuchern in 13 Parks in Hamburg , dass 12 % täglich und 25 % mehrmals die Woche in Parks gehen, das sind zusammen 37 % , die häufig die Parks aufsuchen. (vgl. Krause, Bos u. a.(1996): Parks in Hamburg, 1995) Auch wenn der Vergleich etwas hinkt: so liegen die Nennungen bei unserer Befragung der türkischen Zuwanderer doppelt so hoch.

5 Beatrice Hecht-El Minshawi (2017): Muslime in Alltag und Beruf. Berlin, S. 127.

6 Die Bedeutung von Gemeinschaften bzw. Familie zeigt sich auch in den Wohnformen: So leben nur etwa 9 % der Befragten alleine und das sind überwiegend die Senioren (42 % der über 65-Jährigen). Von den 20-50-Jährigen sind es gerade mal 3,5 % und 13 % der älteren Erwachsenen zwischen 50 und 65 Jahren. Das heißt mit rund 90 % leben die meisten unserer Befragten in Familien, mit Ehepartnern und/oder Kindern oder auch mit anderen Familienangehörigen.

7 Im Vergleich dazu: bei der oben erwähnten Seniorenstudie (2008) stellten wir die Frage nach Aktivitäten im Freiraum. Da bezogen sich lediglich 6-7 % der Antworten auf soziale Aktivitäten/Kommunikation und Leute treffen.

8 Vgl. Beatrice Hecht-El Minshawi a.a.O.

9 Interessant in dem Zusammenhang ist auch, dass es in der Türkei keine Schulwandertage wie bei uns gibt, sondern Schulpicknicktage.

10 Vgl. Beatrice Hecht-El Minshawi: Muslime in Alltag und Beruf, Berlin 2017.

11 "Öffentlichkeit" und "Privatheit" haben hier eine etwas andere Bedeutung, als in unserem üblichen Sprachgebrauch.

12 Vgl. dazu Stadtentwicklung Wien, Magistratsabteilung (Hrsg., 2006): Integration im öffentlichen Raum. Werkstadtberichte Nr. 82.

13 Dto.

14 Dto., S.31

Prof. Dr. Ing. Grit Hottenträger
Autorin

Hochschule Geisenheim, Zentrum für Landschaftsarchitektur und Urbanen Gartenbau

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