Vielfacher Nutzen auf einem Gründach vereint

Das Schafsdach von München

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Dachbegrünung
Abb. 1: Überblick über die eingewachsene Dachfläche. 2500 Quadratmeter Urban-Farming-Dach. Drumherum wird gebaut. Foto: BuGG

Täglich wird in Deutschland die Fläche von etwa 60 Hektar Natur versiegelt. Die Hälfte dieser Flächen verschwindet langfristig aus dem natürlichen Wasserkreislauf. Neben dem Flächenverbrauch zwingen uns Klimawandel, Bevölkerungs- und Städtewachstum zum Umdenken und Handeln. Die "Stadtalm" auf dem Dach des Werk3 im Werksviertel Mitte in München ist nicht nur ein außergewöhnliches Projekt innerhalb des sich neu entwickelnden Industrieareals. Das Urban-Farming-Dach lehrt auch eindrucksvoll das Thema "Nachhaltiges Bauen" und zeigt, dass "Green Building" etwas mit Natur zu tun hat.

Rückblick

Vor 70 Jahren eröffnete der Lebensmittelhersteller Pfanni seine erste Produktionsstätte am Münchner Ostbahnhof. Hier wurden bis 1996 die bekannten Kartoffel-Fertigprodukte hergestellt. Im Werk 3 waren Produktion und Verpackung untergebracht und in der Hochphase arbeiteten etwa 1200 Beschäftigte im Münchner Pfanni-Werk. Die Firma gibt es immer noch, jedoch gehört Pfanni seit den Neunzigerjahren zum Unternehmen Unilever und produziert seine Produkte in Mecklenburg. Das damalige Gelände gehört heute dem Pfanni-Erben Werner Eckart und weiteren Besitzern. Es hat sich weiterentwickelt vom Industrieareal über Kunstpark bis hin zum heutigen Werksviertel. Der Plan ist, dass in etwa zehn bis 15 Jahren alles fertig sein soll und das Areal dann 1500 Wohnungen, eine Schule, zwei Kindertagesstätten, Büros mit 7000 Arbeitsplätzen, fünf Hotels und 30.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche umfasst.

"Werk 3" wird zum Urban-Farming-Dach

Mitten im Werksviertel unmittelbar am Münchner Ostbahnhof steht das Werk3 und damit das heutige neue "Kreativquartier" mit 22.000 Quadratmeter Fläche auf sechs Etagen für Büros, Handel, Kunst und Entertainment. Dabei werden alt und neu, ehemaliges Industriegelände und -gebäude und deren großzügigen Loftflächen mit moderner Architektur und Design einzigartig miteinander verbunden. Schon von Beginn an spielten bei der Entwicklung des Werksviertels nachhaltige Konzepte und ökologische Grundsätze eine wichtige Rolle.

Unter anderem wurde aufgrund der Ökobilanz ein Großteil der alten Werke auf dem Pfanni-Gelände erhalten und kernsaniert und nicht abgerissen und neuaufgebaut. Beim Dach des Werk3 stand eine Photovoltaikanlage zur Energiegewinnung oder eine Dachbegrünung zur Diskussion. Letztendlich hat man sich entschieden, das Dach zu begrünen, nicht nur um ein eigenes Ökosystem zu etablieren, sondern damit auch ein modellhaftes Beispiel mit Lehrcharakter zu schaffen. Die Bauherren wollten durch Dachbegrünung wieder für mehr Natur in der Stadt sorgen, mit der konzipierten "Stadtalm" Zeichen setzen und andere Städte zur Nachahmung anregen.

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Abb. 2: Die Dachlandschaft von Werk3 in einer Übersicht. Foto: Jühling & Partner Landschaftsarchitekten
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Abb. 3: Werk3 von unten. Nicht zu erahnen, was oben alles zu erleben ist. Foto: BuGG


So entstand 2017 mit der Dachgartenalm das besondere Highlight und die Attraktion des Werk3 mitten in der Stadt in 26 Meter Höhe. Auf etwa 2500 Quadratmeter Dachfläche wurde ein Urban-Farming-Dach mit Hochbeeten, Kräuterwiese, Obstbäumen, Insektenhotel, Bienenstock, Hasen, Hühnern und einer kleinen Schafherde geschaffen. Zum Start im Oktober 2017 wurden sieben Skudden-Schafe mit dem Lastenaufzug auf den Dachgarten gebracht. Es hat sich jedoch herausgestellt, dass eine andere Rasse, nämlich die Walliser Schwarznasenschafe, für einen dauerhaften Aufenthalt auf der Dachgartenalm besser geeignet sind.


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Abb. 5: Birnenbaum auf dem Dach, im Hintergrund wird gebaut. Dachbegrünung als Ausgleichsfläche! Foto: BuGG
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Abb. 4: In Teilbereichen wurde zusätzlich zur Schafweide eine artenreiche "Kräuterwiese" ausgebracht. Foto: BuGG
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Abb. 6: Willkommen auf der Dachgartenalm! Die Berghütte vermittelt ein Urlaubs-Gefühl. Foto: BuGG
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Abb. 7: Die Dauerbewohner auf dem Dach: eine kleine Herde Walliser Schwarznasenschafe. Foto: BuGG

Ursprünglich wurde diese etwa 70-80 Zentimeter große und 70-100 Kilogramm schwere Schafsrasse für die Berge im Oberwallis in der Südschweiz gezüchtet. Sie sind angepasst an das karge Leben in den Bergen, sind genügsam, lebhaft und zutraulich. Dass es der kleinen Herde, die zwischenzeitlich aus elf Tieren bestand, auf dem Dach gefällt, zeigt auch die Geburt von Drillingen im Februar dieses Jahres. Die Schafe sind Teil des neu entstandenen Dach-Ökosystems und wurden auch angeschafft, um die Wildkräuterwiesen zu "mähen".

Betreut werden die Schafe durch Nikolas Fricke, Beauftragter für Nachhaltigkeit und Forschung im Werksviertel-Mitte. Er ist täglich vor Ort und kümmert sich mit viel Erfahrung und Herzblut um die Tiere. Die Schafswolle wird im Areal, unter anderem im Rahmen der Workshops der Almschule, verarbeitet und dabei alte Handwerkstechniken wie Filzen und Spinnen erlebt.

"Almschule". Urban-Farming-Konzept

Für die "Stadtalm" steht der gesamte Grünkomplex auf dem Dach des Werk3 und ist Teil der "Almschule". Mit der Almschule als gemeinsamen Projekts der BayWa Stiftung und der Stiftung Otto Eckart soll Kindern und Jugendlichen in Workshops die Themen Nachhaltigkeit, Umweltschutz, gesunde Ernährung und Naturwertschätzung nahe gebracht werden. Dabei wird viel Wert auf das Mitmachen und Erleben gelegt, so dass die Kinder unter anderem Tiere beobachten, Obst und Gemüse anpflanzen und Wolle spinnen. Das Programm der Almschule ergänzt den Lernstoff des bayerischen Lehrplans.

Vegetations- und Verkehrsflächen

Für die Planung des Urban-Farming-Daches wurde das Landschaftsarchitektenbüro Jühling & Partner aus München beauftragt. Die Hauptrollen spielten dabei die Landschaftsarchitektin Stefanie Jühling und der Landschaftsarchitekt Christopher Hanuss. Ihnen oblag die Planung der Dachlandschaft in ihrer Vielseitigkeit. Bauherrenwünsche mussten mit den örtlichen Gegebenheiten in Einklang gebracht werden mit dem Ziel, die Dachgartenalm dauerhaft und nachhaltig zu etablieren.

Das komplette Dach auf dem Werk3 umfasst knapp 3000 Quadratmeter, davon nimmt der Urban-Farming-Dachgarten etwa 2500 Quadratmeter ein. Die restliche Dachfläche ist Eventterrasse, unter anderem mit einem kleinen Pool, der "München Hoch5". Die Statik des Daches ist auf 5 Kilonewton pro Quadratmeter ausgelegt, dabei sind neben dem Gründachaufbau und der Schneelast auch zusätzliche Lasten durch Personen beziehungsweise Tiere und Punktlasten (Bäume, Holzhütte) berücksichtigt.

Die Dachfläche wurde mit zwei Trichtergefällen ausgebildet, die jeweils ein Gefälle von 2 Prozent haben und in insgesamt 14 Dachabläufen münden. Das Überschusswasser wird in ein Rigolenversickerungssystem unter der Tiefgarage des angrenzenden Knödelplatz geleitet. Der Abflussbeiwert des Gründachaufbaus beträgt nach den FLL-Dachbegrünungsrichtlinien Cs = 0,2 die Wasserrückhaltung liegt je nach Aufbauhöhe bei bis zu 150 Liter pro Quadratmeter.

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Abb.8: Nikolas Fricke als Beauftragter für Nachhaltigkeit und Forschung; kümmert sich um die Schafe und viele andere Dinge. Foto: BuGG

Pflanzenzusammensetzung

Auf dem größten Teil der Dachfläche wurde die Rasensaatmischung BSV "Damwild/Schafweide" der Bayerischen Futtersaatbau ausgesät. Der überwiegende Anteil (über 60 %) der Saatgutmischung besteht aus verschiedenen Gräserarten (Deutsches Weidelgras, Rotschwingel rubra, Welsches Weidelgras, Wiesenlieschgras, Wiesenrispe, Wiesenschwingel), ergänzt durch Leguminosen (Esparsette, Hornklee, Rotklee, Weißklee) und Kräutern (Chicorée, Fenchel, Kleiner Wiesenknopf, Ringelblume, Spitzwegerich, Wiesenkümmel, Wilde Möhre). Dazu kam in Teilbereichen eine artenreiche Wildblumenwiese aus dem Regiosaatgut "Sondermischung Blumenwiese" der Firma Rieger Hofmann und ergänzt wurde die Weidevegetation mit verschiedenen Gehölzen wie Felsenbirne, Kiefern und Obstbäumen (Apfel, Birne, Kirsche, Zwetschge). Selbst die Technikaufbauten wurden teilweise noch mit Kletterhortensien begrünt.

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Abb. 9: Auf Augenhöhe mit einem Schaf. Foto: BuGG
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Abb. 10: Das Muttertier mit ihrem Nachwuchs im Schatten der Technischen Einrichtungen. Foto: BuGG
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Abb. 11: "Streuobstwiese" auf dem Dach. Foto: BuGG

Auf dem Warmdach mit zweilagiger, nach FLL-wurzelfester Bitumendachabdichtung folgt bei der "Schafweide" nachfolgender Gründachaufbau (von unten nach oben):

  • Bautenschutzmatte
  • 6 Zentimeter Festkörperdränage FKD 60, verfüllt mit Blähschiefer 2/10
  • Filtervlies 105
  • 20-29 Zentimeter Intensivsubstrat
  • Saatgutmischung "Damwild/Schafweide"

Der Gründachaufbau bei der "Kräuterwiese" sieht ähnlich aus (von unten nach oben):

  • Bautenschutzmatte
  • 6 Zentimeter Festkörperdränage FKD 60, verfüllt mit Blähschiefer 2/10
  • Filtervlies 105
  • 20 Zentimeter Intensivsubstrat
  • Regiosaatgut, Sondermischung "Blumenwiese"

Unter den Wegflächen wurde folgender Aufbau gewählt (von unten nach oben):

  • PE-Folie 0,2 als Gleitlage
  • ein Zentimeter Festkörperdränage KD 12
  • Filtervlies 300
  • 16-31 Zentimeter Tragschicht Optipor 10/50
  • Splitt-Bettung und Naturstein (Sellenberger Muschelkalk) bei den Plattenwegen beziehungsweise 8 Zentimeter Kies 0/22 bei den Kieswegen

Bewässerungsstrategie

Da das Dach ein Gefälle hat und die Wiesengräser und -kräuter unzureichend über eine Anstaubewässerung mit Wasser zu versorgen gewesen wären, wurde auf ein Bewässerungsvlies gesetzt. Das Tropfenbewässerungsvlies wurde dabei im Intensivsubstrat in etwa 10 Zentimeter Substrattiefe verlegt. Somit kann das Substrat bei Bedarf feucht und Wasser für die Pflanzenwurzeln verfügbar gehalten werden.

Erhöhungen der Biodiversität

Mitten auf dem Wiesendach wurde eine Kiesrinne in ein Sumpfbeet umgewandelt, mit Lehmsubstrat und geeigneten Pflanzen, wie Schwertlilien und Bach-Ehrenpreis, ausgestattet. Damit wurde die Struktur- und die Artenvielfalt auf dem Gründach noch weiter erhöht.

Blitzschutz

Erwähnenswert auch die Umsetzung des Blitzschutzes. Der Blitzfang erfolgt mittels Stangen, die Verzweigung des Blitzschutz-V4A-Runddrahts der Stärke 8 Millimeter ist auf dem Filtervlies, also unter dem Substrat verlegt. Die Erdung erfolgt an der Attika.

Fazit

Die "Dachgartenalm" als Urban-Farming-Dach auf dem ehemaligen Pfanni-Werksgebäude im Osten Münchens zeigt eindrucksvoll und vorbildlich, was auf dem Dach alles möglich ist. Entscheidend dabei waren die Bauherren, die mit klaren Vorstellungen und Vorgaben ihrem gesellschaftlichen Engagement und Verantwortung gerecht wurden. Sie wollten und wollen Zeichen setzen für den zukünftigen Städtebau, für Nachhaltigkeit und für Natur in der Stadt. Erfahrene Landschaftsarchitekten haben diesen roten Faden aufgenommen und im Zusammenspiel mit Systemanbietern und Ausführungsbetrieben für eine vorausschauende Planung und fachgerechte Umsetzung gesorgt.



Objektsteckbrief

  • Objekt: Dachgarten Werk 3, Werksviertel Mitte, Altes Pfanni-Gelände, München
  • Baujahr: 2016
  • Bauherr: OTEC GmbH & Co. KG, München, www.werksviertel-mitte.de
  • Architekt: Steidle Architekten, München, www.steidle-architekten.de
  • Landschaftsarchitekt: Jühling & Partner Landschaftsarchitekten, München, www.juehling.net
  • Größe Dachgarten: 2500 m²
  • Gründachaufbau: Optigrün-Systemlösungen "Gartendach" und "Verkehrsdach"
  • Besonderheiten: Urban-Farming-Dach ("Almschule"), u. a. mit Schafen, www.almschule.de
  • Ausführung Begrünung: Josef Saule GmbH, Augsburg, www.saule-augsburg.de
  • Dachabdichtung: Bitumenbahn, 2-lagig, wurzelfest nach FLL
Dr. Gunter Mann
Autor

Präsident des Bundesverband GebäudeGrün e. V. (BuGG)

Bundesverband GebäudeGrün e. V. (BuGG)

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