Vom Bestattungsort zum „great good place“?

Der Luisenstädtische Friedhof in Berlin

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Abb. 1: Das Konzept stärkt die Nutzung und Wahrnehmung des Friedhofs als Park. Foto: Stefan Müller

Als die Luisenstädtische Kirchgemeinde 1830 ein Weinberggrundstück südlich von Berlin in der Nähe der Hasenheide erwarb, war damit eine eindeutige Nutzungsperspektive verbunden. Den Anlass dafür gab eine Verfügung der Königlich-Preußischen Regierung von 1817, die aus hygienischen Gründen die Schaffung von Begräbnisplätzen außerhalb der Stadt anordnete. Diese Friedhofsnutzung nahm das Areal bald vollständig ein, so dass schon bald mehrere Erweiterungen notwendig waren.

Dadurch entstand in der Folge der größte historische Gemeindefriedhof Berlins mit einer Fläche von etwa 9 Hektar. Während die Nutzung als Bestattungsort entwicklungsgeschichtlich über beinahe 200 Jahre für den Charakter und die Unterhaltung dieser Freianlage bestimmend blieb, ist dies seit einiger Zeit zunehmend infrage gestellt. Das gilt in besonderem Maße für den südlichen Teil des Friedhofs, wo sich auf einer Gesamtfläche von 2,6 Hektar nur noch wenige Grabstellen in Pflege befinden. Eine Nachfrage nach neuen Beisetzungen war in diesem Areal in den vergangenen Jahren überhaupt nicht mehr zu verzeichnen. Für den Evangelischen Friedhofsverband Berlin Stadtmitte als Träger ergibt sich damit das Problem, dass die laufenden Kosten für Unterhalt und Verkehrssicherheit nicht mehr gegenfinanziert sind. Perspektivisch droht daher eine Absperrung des Geländes nach dem Ablaufen der letzten Nutzungsrechte.

Doch steht das Friedhofsareal im Fokus verschiedenster gesellschaftlicher Interessen. Es stellt durch seine Freiraumgestaltung und unterschiedlichste einzelne Grabanlagen ein historisches und künstlerisches Zeugnis dar, an dem sich gesellschaftliche, städtebauliche und künstlerische Entwicklungen ablesen lassen und das als Gartendenkmal ausgewiesen ist. Der Blick auf weitere Bedeutungen erklärt sich vor allem dadurch, dass der einst in der offenen Feldflur angelegte Friedhof heute an dichtbebaute Stadtquartiere an der Bergmannstraße in Berlin-Kreuzberg grenzt. So geraten Anlagen dieser Art bei abnehmender Nutzung fast zwangsläufig in den Blick von Bauinteressen. Doch besitzt der Luisenstädtische Friedhof durch seinen Strukturreichtum zugleich eine große ökologische Bedeutung mit Bezug auf Stadtklima und Artenvielfalt. Viele Anwohner*innen schätzen den Friedhof als Freiraum mit besonderer Atmosphäre, die von Natur, Kultur, Ruhe und Vergänglichkeit geprägt ist, den sie für kontemplative Spaziergänge nutzen.

Unter dem bestehenden ökonomischen Druck für die Friedhofsanlage stellt sich somit die Frage, welches Potential diese "sekundären" Nutzungen und Qualitäten für die Entwicklungsperspektive des Freiraums bieten. Eine Antwort darauf soll im Folgenden anhand des Konzepts von relais Landschaftsarchitekten für den Südteil des Luisenstädtischen Friedhofs dargestellt werden. Damit soll auch gezeigt werden, dass auf diese Weise die Nutzung als Bestattungsort ebenfalls neue Attraktivität erhalten kann.


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Abb. 2: Lage des Friedhofsparks auf dem Luisenstädtischen Friedhof und in der Struktur der angrenzenden Friedhofsanlagen (Friedhof IV der Jerusalems- und Neuen Kirche; II. Friedrichswerderscher Kirchhof; II. Dreifaltigkeitskirchhof). Grafik: relais Landschaftsarchitekten

Der Friedhof als "great good place"

Ziel des Entwicklungskonzepts ist es, den - aus gestalterischer Perspektive - monofunktionalen Friedhofsraum als unterschiedlich codierten Ort zu entwickeln. Auf Grundlage der Analyse der etablierten Nutzungsformen ist es dabei am konsequentesten, die Friedhofsanlage im Sinne des Soziologen Ray Oldenburg als Dritten Ort oder "great good place" aufzufassen. Oldenburg zielt damit auf die Untersuchung von Räumen, die als Ausgleich zu Arbeitsort und Wohnung bestimmend für unsere Lebenssituation sind. Damit rückt die Relevanz von Freiräumen für nachbarschaftliche Gemeinschaften und das Leben im Stadtquartier in den Fokus.

Mit diesem Ansatz zielt das Konzept darauf, die unterschiedlichen Interessen an der Nutzung des Friedhofs als Freiraum in ein neues, sensibles Gleichgewicht zu bringen. Dazu werden die vorhandenen kulturellen, ökologischen und sozialen Bedeutungen aufgegriffen und gestalterisch ausformuliert. Diese zielgerichtete Inwertsetzung als "great good place" muss in erster Linie den Eindruck der Monofunktionalität des Ortes abschwächen, seine Potentiale ausspielen, Angebote zum Verweilen und zur Kommunikation schaffen und so die Offenheit der Wahrnehmung dieses Freiraums steigern.

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Abb. 3: Ergänzend zum historischen Wegesystem vermitteln Rasenwege neue Wahrnehmungen des Freiraums. Foto: Stefan Müller
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Abb. 4: Die historische Alleestruktur wurde durch Nachpflanzungen ergänzt. Foto: Stefan Müller

Der "great good place" als Friedhof

Das Konzept geht davon aus, dass die Etablierung zusätzlicher Nutzungsangebote auch einen Weg bietet, um die Friedhofsnutzung tragfähig zu entwickeln. An der Erhaltung dieser Nutzung ist auch der Evangelische Friedhofsverband als Träger der Anlage interessiert. Dabei ist zu konstatieren, dass die konkrete Situation auf dem Luisenstädtischen Friedhof im Zusammenhang mit einem deutlichen Wandel der Bestattungskultur in den vergangenen Jahren steht. So nimmt der Anteil von Feuerbestattungen, anonymen Bestattungen und Grabstellen mit geringeren Laufzeiten kontinuierlich zu. Gleichzeitig wächst das gesellschaftliche Interesse an alternativen Bestattungsformen, wodurch sich zunehmend Konkurrenzangebote zu den traditionellen Friedhöfen etablieren (FriedWald, Ruheforst, Tree of Life u. a.). Prägend für die aktuellen Veränderungen der Bestattungskultur erscheint demnach vor allem der Wunsch nach Individualität.

Für Anlagen in der Situation des Luisenstädtischen Friedhofs bedeutet das, dass durch die Wahrnehmung als "great good place" gerade dieser individuelle Bezug hergestellt werden kann. Um dazu beizutragen, ist es ein erster Schritt, wenn Friedhofsanlagen als Orte des Naturerlebens, der Kontemplation oder mit kulturellem Wert wahrgenommen werden. Vielversprechender erscheint es jedoch, wenn sie Raum für Veranstaltungen bieten oder durch partizipatives Engagement für möglichst viele Menschen eine persönliche Bedeutung erhalten. Für Letzteres bieten beispielsweise Urban Gardening, Denkmalpatenschaften oder Imkerei Ansatzpunkte. All dies ist konzeptionell realisierbar, ohne Friedhöfe der Eventkultur zu opfern und die notwendige Pietät aufzugeben. Wer Friedhöfe so zu Lebzeiten als bemerkenswerten oder gar prägenden Ort wahrgenommen hat, für den können sie - über das Trauern, Erinnern und die Grabpflege hinaus - Teil seiner selbstverständlichen individuellen Lebenswelt werden. Dafür braucht es Gestaltungslösungen, die Friedhöfe in vielfältiger Weise als attraktive Räume entwickeln: als Orte des Lebens.

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Abb. 5: Entwicklungskonzept Luisenstädtischer Friedhof, Südwestteil, Lageplan, relais Landschaftsarchitekten. Grafik: relais Landschaftsarchitekten
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Abb. 6: Das Erschließungs- und Nutzungskonzept verknüpft die soziale, kulturelle und ökologische Bedeutung der Friedhofsanlage. Grafik: relais Landschaftsarchitekten

Der Luisenstädtische Friedhof als Friedhofspark

Als erster Schritt zur Umsetzung dieses Konzepts wurden 2019 Landschaftsbauarbeiten im Südwestteil des Friedhofs durchgeführt, die als Initial zur Entwicklung des Areals wirken sollen. Dieses Projekt wurde im Rahmen des Vorhabens "GrüneF - Grüne Nutzung von Friedhofsflächen" durch das Berliner Programm für Nachhaltige Entwicklung (BENE) gefördert.

Ein wesentliches Ziel bestand dabei in der motivischen Präzisierung des Bestandes der Anlage und der Etablierung eines Pflegemanagements. Grabstellen ohne Denkmalschutz und ohne Grabnutzungsrecht wurden abgeräumt. Grüngut- und Kompoststellen wurden von der Fläche entfernt sowie in Bereichen ohne individuelle Grabpflege die Wasserzapfstellen und Müllkörbe um- beziehungsweise zurückgebaut. Besonderen Stellenwert bei diesen Maßnahmen hatte die Vegetationsstruktur als Element der räumlichen Ordnung. Gehölzaufwuchs wurde entfernt und die geschlossene Alleenstruktur durch Nachpflanzung von Linden (Tilia cordata) wiederhergestellt. Bänke schaffen innerhalb der Alleen Aufenthaltspunkte.

Ergänzend zur regelmäßigen Struktur der Hauptwege wurde ein an der Topographie ausgerichtetes System von Rasenwegen und gemähten Lichtungen innerhalb der baumbestandenen Wiesenflächen geschaffen, das die informelle Durchwegung der Friedhofsquartiere aufgreift. Zur Neuanlage dieser Rasenflächen wurde die bestehende Vegetationsdecke abgeschoben und in diesen Bereichen eine Ansaat mit strapazierfähigen Rasensorten durchgeführt. Diese reversible, auf einem gezielten Pflegemanagement beruhende Maßnahme definiert bei geringfügigem Eingriff in den Bestand neue Orte für kulturelle Angebote auf dem Friedhof. Die so formulierten Aufenthaltsräume erhielten eine freie Bestuhlung, die zur Erholung, für Trauerfeiern im Freien und Veranstaltungen genutzt werden kann. Dabei handelt es sich um circa 30 Einzelsitze mit und ohne Armlehne in Grün-, Grau- und Beigetönen.

Die in ihrer Textur einheitlichen Rasenflächen treten in Kontrast zu den strukturreichen, nuancierten Wiesenräumen des Friedhofs, deren Qualität damit in Szene gesetzt wird. Zur atmosphärischen Akzentuierung wurde auf einer der Lichtungen ein flacher "Wasserspiegel" geschaffen - eine Regenwasserschale mit einem Durchmesser von 2,5 Metern, die außerhalb von Regenperioden auch befüllt werden kann. Dabei handelt es sich um ein Eisengusselement mit verdicktem, abgerundetem Rand und einer Wassertiefe von maximal 12 Zentimetern. Die Wasserschale wurde leicht erhaben über dem Gelände in Fundamente eingebaut. Sie inszeniert Witterungsprozesse, bietet mit ihrer spiegelnden Fläche optisch reizvolle Perspektiven und wirkt sich günstig auf das Kleinklima aus.

Perspektivisch soll ein differenziertes Pflegemanagement zur Erhaltung und Entwicklung der artenreichen Wiesenflächen beitragen. Für die aufgrund des Denkmalschutzes zu erhaltenden Grabanlagen ist eine ergänzende einheitliche Bepflanzung mit Geophyten, Stauden und Gehölzen vorgesehen. Erforderlich ist zudem eine Instandsetzung des Wegesystems der Anlage.

Durch diese Maßnahmen am Vegetations- und Baubestand des Luisenstädtischen Friedhofs wird die Nutzung als Bestattungsort und die Freiraumfunktion neu justiert. Die Neubestimmung dieses Gleichgewichts schafft dabei Potentiale für einen perspektivischen Erhalt der Anlage, der den kulturellen Zeugniswert, die ökologische Funktion, das Freiraumpotential und die Friedhofsnutzung tragfähig und synergetisch entwickelt. Als Bestattungsangebote erhalten so Beisetzungen in individuell ausgewählten historischen Grabstellen, naturnahe Urnenbeisetzungen oder die Schaffung eines Aschestreufeldes größere Relevanz.

Die Gestaltung zielt nicht auf eine Zäsur, sondern auf eine behutsame Fortschreibung der Anlagegeschichte. Durch differenzierte Inwertsetzungen und dabei vor allem durch das Etablieren neuer Nutzungen wird der historische Bestand des Friedhofs entwickelt. Auf diese Weise schärft sich ein Profil, das zum ökonomischen Betrieb des Friedhofs beiträgt, seine Bedeutung als Freiraum stärkt und zu seinem Überdauern als "lebendigem Denkmal" beiträgt.

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Abb. 7: Die zusätzlichen Nutzungsangebote vermitteln individuelle Raumwahrnehmungen. Foto: Stefan Müller
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Abb. 8: Das Konzept schafft die Grundlage für sensible aber vielfältigere Nutzungen des Luisenstädtischen Friedhofs. Foto: Stefan Müller

Literatur

  • Fischer, Christoph: Die historischen Friedhöfe in Berlin-Kreuzberg. Zur Entstehungsgeschichte. In: Fischer, Christoph und Schein, Renate (Hg.): "O ewich is so lanck". Die Historischen Friedhöfe in Berlin-Kreuzberg. Ein Werkstattbericht (= Ausstellungskataloge des Landesarchivs Berlin, Bd. 6). Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1987, S. 17-52.
  • Haspel, Jörg und Krosigk, Klaus von (Hg.): Gartendenkmale in Berlin - Friedhöfe (= Beiträge zur Denkmalpflege in Berlin, Bd. 27). Michael Imhof Verlag, Petersberg 2008.
  • Oldenburg, Ray: The Great Good Place. Marlowe & Company, New York 1999.
  • Rossmann, Rainer: Lebendige und tote Denkmale. Vom Recht der Denkmale auf Veränderung. In: kunsttexte.de, Nr. 2, 2002, online unter: edoc.hu-berlin.de/handle/18452/7632.
 Marianne Mommsen
Autorin

Landschaftsarchitektin

relais Landschaftsarchitekten Heck Mommsen PartGmbB
Dipl.-Ing. Thomas Thränert
Autor

Landschaftsarchitekt

KRT – Krepelin Rolka Thränert

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