Vom Kostenfaktor zum Wertfaktor

Der Wert des Grüns

von:
Grünflächen
1 Erkundung Naturraum Wilhelmsburger Inselpark. Foto: DBG/Esser

Über den Wert des Grüns wurde in Stadt und Grün schon viel geschrieben. Doch gerade in einem Jahr wie diesem wird wohl Politikern, Stadtplanern, Grünflächenamtsleitern und nicht zuletzt den Bürgern bewusst, wie wertvoll Parks und Gärten in unseren Städten und Regionen sind. Unsere Lebensqualität wird in Krisenzeiten entscheidend von der verfügbaren Fläche an urbanem Grün beeinflusst. Sie sorgt für Entspannung, Auslauf, Begegnung, Kommunikation, Naturerfahrungen und eine Wiederbelebung der Sinne. Wie tat es gut, einfach in den vergangenen Monaten nur im Grün spazieren zu gehen. Überhaupt ist das Flanieren mit der Krise auch in der jungen Generation sehr beliebt geworden. Doch seien wir uns bewusst: Jeden Tag gehen in der Bundesrepublik 62 Hektar Nutzfläche durch Siedlungsbau und Verkehrswesen verloren. Zehn davon entfallen allein auf Nordrhein-Westfalen, berichtete kürzlich Eva Kähler-Theuerkauf, Vorsitzende des Landesverbandes Gartenbau NRW. Nach ihrer Aussage würde die Nutzung industrieller Brachflächen und Investitionen im Leerstandsmanagement den Flächenfraß abmildern. Ein "So-weiter" kann es nicht geben, auf Beton wachsen keine Pflanzen, warnt sie. Arbeiten jetzt alle Beteiligten nach den Erfahrungen der letzten Wochen am Ziel, eine Verringerung des Flächenverlustes in Deutschland auf 30 Hektar pro Tag bis 2030 zu erreichen? (. . . vorhandene Stadtparks mit grünen Zwischenräumen zu verbinden und vor allem kleine grüne Erholungsflächen und neue Stadtparks/grüne Stadtquartiere zu schaffen?)

Doch nicht nur die Anzahl oder Größe von Grünflächen ist für das Wohlbefinden der Menschen maßgeblich. Die Anlagen müssen für Bürger auch gut erreichbar sein. Die Europäische Umweltagentur empfiehlt, dass der nächste Park von jedem Punkt einer Stadt aus nicht mehr als 300 Meter weit entfernt sein soll. Das würde auch garantieren, dass Jung und Alt ihn erreichen. Für die Planung wäre es daher wichtig, die Stadt wie ein Netz mit Grünflächen zu überziehen, so dass alle Bewohner ausreichend versorgt und die Grünflächen gut erreichbar sind. Wir haben gute Beispiele für derartige Anlagen: die Raggi Verdi in Mailand, die der deutsche Garten- und Landschaftsarchitekt Andreas Kipar für die seit Jahrhunderten steinerne Metropole entwickelt hat: Er etablierte ein Netz aus Fuß- und Radwegen, dessen Verlauf sich an acht "grünen Strahlen" orientierte und hierbei sowohl bestehende als auch neue Freiräume einband: Areale, die versteckt, nicht genutzt, verlassen oder einfach fernab des städtischen Lebens lagen. Oder nehmen wir den Stadtpark in Köln, der in einem Ring um die Stadt geht und Bürgern aus fast jedem Viertel einen Zugang bietet.

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Auch der innerstädtische, durch verschiedene Quartiere gehende 4,5 Kilometer lange Grünzug mitten durch Hamburg, der durch drei Internationale Gartenausstellungen entstanden ist, zählt zu den schon vor Jahrzehnten auch nach sozialen Gesichtspunkten angelegten Anlagen. Wie sagte schon Marcel Proust: Der Vorgang der Entdeckung besteht nicht darin, Neuland zu finden, sondern das Vorhandene mit anderen Augen zu sehen. Und dabei ist Grün kein "add on" wie so manche - auch preisgekrönten Pläne von Garten -und Landschaftsarchitekten vermuten lassen: Zur Platzneugestaltung verwende man Granit, Wasserbecken, coole Bänke und ein paar Alibibäume. Grüne Stadtgestaltung ist viel mehr: sie verlangt in immer heißer werdenden Agglomerationen und Metropolen integrierte Stadt- und Regionalentwicklung nach ästhetischen, nach sinnlichen und nicht zuletzt nach klimatischen Gesichtspunkten. Sie sollte kenntnis- und variantenreich spannend mit Gehölzen, Stauden und Gräsern gestaltet sein. Wie lieben wir doch alle Piet Oudolfs Highline Park. Es ist nicht nur die Bahnbrache hoch oben über New York, es ist das blühende Leben in seiner ganzen pflanzlichen farbigen Pracht, das Staunen macht, aus dem Alltag reißt und Einheimische wie Touristen begeistert. Ein weiterer Faktor wird in diesem Zusammenhang häufig zu wenig beachtet: Gut gestaltete Stadträume beeinflussen den Gesundheitszustand der Menschen positiv - physisch wie psychisch. Abgesehen vom Raum für sportliche Aktivitäten können Kinder ihre kognitiven Fähigkeiten in der Natur besser entwickeln. Parks sind soziale Treffpunkte und wirken der Vereinsamung entgegen. Und es lässt sich Stress abbauen, wenn man sich in der urbanen Natur aufhält oder bewegt. Gerade hochdynamische Städte oder Regionen haben durch Bevölkerungszunahme und Pendlerströme mit höherem Verkehrsaufkommen und steigender Lärmbelastung zu kämpfen. Mit jedem Wachstumsschub einer Stadt werden die vorhandenen Grünflächen wertvoller und schützenswerter. Zum Erhalt und der Verbesserung der Lebensqualität ist es notwendig, dem Kämmerer die Grünentwicklung im städtischen Haushalt als ein wichtiges Instrument einer lebenswerten Stadt darzustellen und sie zu einer zentralen stadtplanerischen Aufgabe zu machen.

Besonders oft fehlt Grün in sozial benachteiligten Quartieren. In Hamburg hat zum Beispiel der 2013 neu entstandene Wilhelmsburger Inselpark inzwischen über das vielfältige Sport-Angebot eine wichtige soziale Aufgabe übernommen: in einem lange vernachlässigten Stadtteil, in dem Menschen aus über 80 Nationen leben, spielt die interkulturelle Begegnung und Entwicklung heute eine große Rolle. Ein Park für Spiel, Spaß und Sport, mit Joggingstrecke, Skate-Arena, Kletterhalle, Schwimmbad und natürlichen Kanälen, auf denen man ihn erkunden kann, bindet Anwohner wie Touristen ein. Er ist eine grüne Fuge und eine wichtige Freiraumachse für die Nahmobilität, man kann ihn traversieren, um Wege abzukürzen, zudem ist die "Grüne Mitte" Wilhelmsburgs als nutzungsoffene Parkfläche und mit tollen Veranstaltungen auch eine öffentliche Bühne des Stadtlebens. Außerdem bietet der Inselpark extensive Grünflächen für das Naturerlebnis. Die über 100 Hektar große ehemalige Industriebrache ist seit der internationalen Gartenausstellung, mit der sie entstand, nun für Generationen Erholungsfläche. Sie hat das Quartier aufgewertet und zu einem ganz neuen Selbstbewusstsein und zu einem vorher nicht gekannten Gemeinschaftsgefühl der Anwohner geführt.

Auch wenn die nutzungsintensiven und zumeist eintrittspflichtigen deutschen Parks zum Teil in der Corona Krise geschlossen waren, blieben doch einige sehr Großräumige geöffnet: der Rheinpark in Köln zum Beispiel oder der öffentliche Untere Luisenpark in Mannheim. Die Bürger bewegten sich hier zumeist in rücksichtsvollem Abstand -auch im Stadtwald in Köln auf den Freiflächen um die Vogelstanger Seen in Mannheim oder in der integrierten oder umgebenden Wald- und Feldflur. So friedlich, entschleunigt und entspannt ging es schon lange nicht mehr in Parks zu. Die Nutzung grüner Freiräume wirkte auf das psychosoziale Wohlbefinden und sorgte für Aggressionsabbau. Kein Vandalismus, keine Übernutzung von Grillstätten, ein freundliches respektvolles Miteinander.

Aus den Erfahrungen der Corona Krise ist abzuleiten, dass man zukünftig Grünflächen - ihre Größe und Beschaffenheit - sowie ihre Nutzung stärker im sozialen Kontext betrachten muss. Parks initiieren Impulse für eine räumliche und soziale Verknüpfung, sie schaffen Schnittstellen und bauen Barrieren ab. Hier kommen Nachbarn, Hundebesitzer, Alleinlebende, Behinderte und Sportler zusammen. Parks fördern die Kommunikation und das Zusammengehörigkeitsgefühl eines Quartiers und gleichen Grundbedürfnisse aus - quer durch alle Schichten. Sehr sozial.

Vom wert des Grüns

Soziale Aspekte
  • Steigerung der Lebensqualität der Anwohner
  • Begegnung von Jung und Alt - Kommunikation
  • Ausgleich von Konflikten in der sich demografisch wandelnden Stadtgesellschaft
  • Gesunde Psyche und Aggressionsabbau
  • Freizeit und Entspannung vor der Haustür - es muss kein Auto bewegt werden
  • Spiel und Sport im umfriedeten Raum
  • Naturerlebnisraum als Kontrast zur bebauten Umwelt
  • Lebendes Lehrbuch für den Unterricht
  • Schaffung von Partizipationsprozessen (Führungen, Vorträge, mit dem Gärtner ins Beet usw.)
  • Identitätsbildung mit "meinem" Ort
  • Schärfung des Umweltbewusstseins durch Vermittlung ökologischer Zusammenhänge
Ökologische Aspekte
  • Grundlage des Lebensraumes für Tiere und Pflanzen
  • Erhalt seltener Arten
  • Verbesserung des Bioklimas durch Filterung von Luftschadstoffen und Feinstaub
  • Erhöhung der Luftfeuchtigkeit
  • Luftaustausch und Temperaturausgleich - nachhaltige Klimaschneise
  • Beitrag zur Grundwasserbildung und Bildung von Retentionsflächen
Ökonomische Aspekte
  • Grün als Impulsgeber für die integrierte Stadt- und Regionalentwicklung
  • Aufwertung der Kommune - sie wird als Wirtschaftsstandort attraktiver
  • Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit von Städten und Regionen
  • Steigerung des lokalen und regionalen Images
  • Schaffung von Arbeitsplätzen
  • Beitrag zur Gesundheitsvorsorge der Bevölkerung
  • Historische/Themenparks ziehen Touristen an

Literatur

Broschüre: Grün.Sozial.Wertvoll, Gemeinsam Natur in sozial benachteiligte Quartiere holen, Download: www.duh.de

Broschüre: UFZ Working Paper Grüne Freiräume in Ankunftsquartieren, Download: www.kooplab.de

Positionspapier Städtetag Grün in der Stadt, www.staedtetag.de

Broschüre: Urbane grüne Infrastruktur, Grundlage für attraktive und zukunftsfähige Städte, www.bfn.de

M. A. Sibylle Eßer
Autorin

Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Deutsche Bundesgartenschau-Gesellschaft mbH (DBG)
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