Wie Blüten uns die Sicht auf die Wiesen vernebeln

Wiesen werden gemäht, nicht gesät

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Abb. 1: Landschaftspark Schwetzingen, Feldherrenwiese 2015. Foto: Florian Bellin-Harder

Das größte Hindernis des Verständnisses und der Herstellung von Wiesen ist die Inflation des Begriffs.

Über Wiesen(¹) gibt es heutzutage sehr viel zu sagen, weil sie keine Alltags-Arbeitsgegenstände mehr sind. Stattdessen werden sie auf unterschiedliche Weise mit Bedeutungen aufgeladen, die es zwar auch früher schon gab, die aber nicht so sehr im Vordergrund standen wie heute. Für die Grünplanung sind Wiesen aktuell zum Beispiel von besonderer Bedeutung, wenn sie möglichst blüten- und artenreich sind und wenig Arbeit kosten. Das hat man sich für blütenreiche Vegetation schon immer gewünscht. Über das Insektensterben und insgesamt den Schwund der Artendiversität haben die Themen des Naturschutzes auch im Siedlungskontext Aufschwung erhalten.

Einschätzungen, nach denen die Diversität von Siedlungsgebieten jene des Umlandes überträfe, stärken das Interesse an weiteren Beiträgen zur Artenvielfalt in öffentlichen Freiräumen. Wenn Wiesen artenreich, schön und sparsam zu unterhalten wären, dann könnten sie vielleicht auch eine Alternative zu weniger attraktivem Straßenbegleitgrün sein, das ja in seiner aktuellen, oft mit nur einem Schnitt und Mulchen unterhaltenen Form eine Folge der ebenfalls ökologisch begründeten Pflegereduktionen der 1980er-Jahre ist (s. Albertshauser 1985). Die Ideen sind also nicht neu, dass aber gerade unter Begriffen wie Wiesen, Blühwiesen oder Blühstreifen nach Segen für die Diversität gesucht wird, bietet Anlass, kurz innezuhalten und nachzudenken, was Wiesen eigentlich sind und sie von dem zu trennen, was sie nicht sind; so trivial das Gesagte auf den ersten Blick vielleicht erscheint.

Schon 2012 titelte die populärwissenschaftliche Zeitschrift Geo-Spezial im Heft 2 Naturerlebnis Deutschland "Sag mir wo die Blumen sind". Im Artikel von Ariel Hauptmeier findet sich ein Foto mit den bunten Blüten unter anderem von Kalifornischem Goldmohn, Garten-Ringelblume, Klatschmohn, Kornblume und Kamille. Der Text dazu auf S. 70 lautet wie folgt: "Ein Schwarm Honigbienen auf der Suche nach einem neuen Nistplatz. Üppige Wiesen mit Mohn, Kornblume und Kamille finden sie immer seltener." Eine Mischung aus Acker und Gartenblumen, also einjährigen Pflanzen, wird demnach inzwischen mit dem Begriff "Wiese" verbunden (s. Abb. 2, 4, 5).

Abb. 2: Garten- und Nutzpflanzen-Mischung, private Ansaat bei Borken (Hessen) 2014. Foto: Florian Bellin-Harder

Abb. 3: Klappertopf und Margerite zwischen ausgezehrtem Goldhafer, Schwetzingen 2015. Foto: Florian Bellin-Harder

Abb. 4: Echte Ackerbrache mit Mohn-Dominanz durch Herbizide, Niederelsungen 2019. Foto: Florian Bellin-Harder

Es stimmt schon, man kann im ursprünglichen Sinne des Begriffs jede Form von krautig-grasiger Vegetation wiesen, also schneiden, um Futter zu gewinnen. Aber was man schließlich unter Bauern und Bäuerinnen Wiese nannte, wurde nicht jedes Jahr neu gesät, sondern zweimal im Jahr gemäht (geerntet) und dadurch als überwiegend aus Stauden (botanisch: mehrere Jahre lebende Pflanzen, die nicht verholzen) zusammengesetzte Dauervegetation zum Teil über Jahrzehnte erhalten. Wenn man dann noch ab und zu gedüngt hat und Glück mit dem Wetter und dem Schnittzeitpunkt hatte, konnte man sich bei überschaubarem Aufwand auf eine Futtermenge einstellen, mit der die Tiere im Stall durch den Winter zu bringen waren. Denn Wiesen braucht man für Heu, also zum Aufbewahren für Zeiten ohne Wachstum im Unterschied zu Weiden, weshalb das Schnittgut auch ohne Ernte-Interesse prinzipiell entfernt werden muss. (²) In der Stadt wollen aktuell viele Menschen, die sich an Natur erfreuen, aber nicht gleichzeitig an Stallungen und schlimme Haltungsbedingungen erinnert werden. Wiese klingt für sie besser als zum Beispiel Ackerfutterfläche.

Aber Wiesen gibt es ja auch außerhalb der Städte kaum noch, was eben einer der Gründe für Artenrückgang ist. In der industriellen Landwirtschaft wird das Futter inzwischen überwiegend als Silage aufbewahrt und das Grünland besteht nicht mehr aus Wiesen im engsten Sinne, sondern es wird so stark gedüngt, dass man es mehr als zweimal im Jahr mähen kann (Vielschnittgrünland), wodurch auch Blühphasen von beteiligten Pflanzen keine Rolle mehr spielen. Relevant ist nur noch der Futterwert (Eiweiß und Stärke), der in durch die Düngung auf wenige Gräser reduzierten Arten steckt und den man zum Beispiel auch mit Maisanbau auf Äckern haben kann. Das soll aber nicht heißen, dass Wiesen früher (so etwa bis 1980) voller Blüten waren. Je nach Standort und Düngung waren allerdings unterschiedliche Kräuter an überwiegend durch Gräser dominierten Beständen beteiligt.

Schon im Landschaftspark war man aus bildlichen Gründen nicht ganz zufrieden mit diesen gewöhnlichen Wiesen von einfachen Bauersleuten. Man experimentierte eifrig mit besonderen Gräsern wie auch Kräutern und schleppte bei der Gelegenheit gleich Arten mit importiertem Saatgut ein, die heute als historische Marker im Denkmalschutz gelten (Krosigk 1998). Tatsächlich lernte man in der Gartenkunst mit der Zeit zumindest, dass es Arten gibt, die den Kräutern in den Vordergrund verhelfen, indem die Gräser ausgezehrt werden und klein bleiben, zum Beispiel durch Halbschmarotzer wie den Klappertopf, den Henk Gerritsen bewusst einsetzte. Keine Bäuerin hätte das gewollt, aber für ein ansprechendes Bild waren betuchtere Menschen schon immer bereit auf Erträge zu verzichten (Abb. 3).

Bis hier hin, bis zur bewussten Einflussnahme auf die Artenzusammensetzung durch Saat oder bestimmte Artenkombinationen, die dann aber immer noch (in den allermeisten Fällen) zweimal gemäht werden müssen, können wir noch von Wiesen sprechen. Die Ansaat-Tüten, die man aber im Moment bei jeder Gelegenheit als Goodwill-Gadget oder Werbebeilage bekommt, haben mit Wiesen nichts mehr zu tun. Sie enthalten, wie bei GEO, lauter Ackerunkräuter bis hin zu Acker-Kulturpflanzen wie Sonnenblumen und Lein; Hauptsache sie blühen reich und üppig. Es sind im Grunde Blüh-Äcker, die man da herstellt.

Ackervegetation ist abhängig von jährlicher Bodenbearbeitung, etwas, das man bei Wiesen tunlichst vermeidet. Was im Acker Voraussetzung der Kulturführung ist, nämlich das Öffnen des Bodens, das Auf-Null-Setzen der Vegetationsentwicklung, ist bei Wiesen ein gefürchtetes Problem, nämlich die Öffnung der Grasnarbe, in deren Lücken ungewünschte Pflanzen wie Disteln oder Greiskraut einwandern. Aber lernen von Bauern und Bäuerinnen als Schulungshinweis für Landschaftsarchitektur und Freiraumplanung? Bisher wird darauf verzichtet.

Mehr Orientierung versprechen Blüh-Acker-Mischungen wie der Mössinger Blumen-Sommer (Abb. 5, 6). Diese Innovation der Ackerung des Straßenbegleitgrüns hat nicht nur extrem weite Verbreitung gefunden, sondern auch viele Nachahmungen. Auch andere Kommunen entwickeln Mischungen und sammeln Saatgut von im Frühjahr gesäten Pflanzen. Das muss aber jedes Jahr wiederholt werden und ist dann arbeitsintensiv. Deshalb erinnert man sich inzwischen offenbar doch noch daran, dass es schon in den 1980er-Jahren Mischungen gab, in denen nicht nur Einjährige, sondern auch Zweijährige und Stauden (³) enthalten waren. Aber sät man dann nicht doch Wiesen an, wenn ausdauernde Pflanzen dabei sind? Irgendwie sollen doch diese Saaten dauerhaft von Kräutern dominiert werden, gerade so wie der Autor dieses Artikels es schon selbst an anderer Stelle mehrfach empfohlen hat (z. B. Motzfeld et al. 2017; Bellin-Harder 2020).

Die Saat von Vegetation weist Vorzüge gegenüber der Pflanzung auf, von den Kosten bis hin zur Pflege, aber sie ist gerade bei Wiesen nur der erste in einer Reihe von Schritten, dauerhafte und verlässlich zusammengesetzte Vegetation zu erreichen. Bedeutend für die Entwicklung einer Wiese ist auch die Produktivität des gewählten Standorts.

Abb. 5: In Anlehnung an Mössinger Blumensommer, Kassel 2016. Foto: Florian Bellin-Harder

Abb. 6: Saatmischung zu Beginn des zweiten Jahres, inzwischen abgeräumt, Kassel 2016. Foto: Florian Bellin-Harder

Magere Standorte und die Orientierung an Säumen der Landschaft in der Pflanzenverwendung

Bauern und Bäuerinnen brauchten Winterfutter. Überall, wo der Aufwuchs hoch genug und ein Zusammenrechen des Schnittguts durchführbar war, wurde gewiest. Deshalb sind auch die in Nordhessen so verbreiteten Kalkmagerrasen (z. B. der Dörnberg bei Zierenberg) keine Wiesen. Es waren einmal Huten, also Flächen auf denen die Tiere sich selbst durch Herumlaufen und Fressen sättigen mussten, anstatt dass jemand die wenigen Halme und Stängel mühsam für den Stall zusammengerecht hätte. Aber es gab vor dem exzessiven Einsatz von Dünger sehr unterschiedliche Bedingungen für das Wachstum von genutzter Vegetation und dadurch war sie verschieden zusammengesetzt.

Als in den 1980er-Jahren überall die öffentlichen städtischen Freiräume von den Nutzenden erobert wurden, kombinierte die Kasseler Schule die bewährten wassergebundenen Decken der Gründerzeit mit Vegetation für magere Standorte (Auerswald et al. 1986), sodass sich Nutzungsspuren in die Vegetation eingraben konnten. Die Nutzungsmöglichkeiten sollten verbessert werden, nicht das Stadtbild. Gesteinsschotter absichtlich zu begrünen, ist bis heute ein ungewöhnliches, viele Menschen befremdendes Vorgehen, aber es ist klug, wenn man wenig Arbeit mit der Vegetation und Geduld mit der Entwicklung haben will. Gesteins- oder Recyclingschotter ist betretbar und unproduktiv beziehungsweise nährstoffarm.

Niemand, der oder die eine Wiese im klassischen Sinne haben möchte, würde sie auf Gesteinsschotter anlegen. Was hier angelegt wird, ist aber auch keine Hute für Tiere. Das würde dann eher wie ein sehr magerer Rasen aussehen, weil es ja regelmäßig abgefressen werden müsste. Genau genommen sind es annähernd brachliegende Anteile von Freiräumen, mit denen aktuell niemand oder zumindest nicht regelmäßig jemand etwas anfangen kann und deren Aufwuchs schön sein, aber nichts kosten soll. Daher besteht die vornehmliche Gefahr dieser Ansaaten auch in der langfristigen Entwicklung von Vegetation, die tatsächlich der von städtischen Brachen oder vernachlässigten Orten gleicht, indem Beifuß, Rainfarn, Disteln und irgendwann auch Gehölze einwandern.

Die angesäte Vegetation, die aktuell für Rohböden präferiert wird, stammt von Rändern (Säumen) der historischen Agrarlandschaft, zum Beispiel entlang von Huten oder Wäldern auf flachgründigen ungedüngten Böden, wo sich thermophile Säume (Trifolio-Geranietea, früher Steppenheide genannt, Abb. 7) entwickelten, deren Vegetation als Vorbild für Ansaaten inzwischen in aller Munde ist. Säume sind Stellen in der Landschaft, an denen verschiedene Nutzungen aneinandergrenzen (Gehlken et al. 2000) und von beiden Seiten der Einfluss in Richtung Null geht, aber nie ganz bei null ankommt. Wenn nicht ab und zu jemand doch genau bis an die Grenze mäht, ackert oder gezielt Gehölze entfernt, dann entwickelt diese Vegetation sich weiter in Richtung Gebüsch und Wald, wie früher etwa entlang von festen Weidezäunen. Deshalb ist es wie bei Wiesen auch bei diesen Ansaaten nicht mit der Aussaat getan.

Genau genommen sind wir, wenn wir uns an Säumen orientieren, bei der Vegetation städtischer Freiräume an einem Punkt angekommen, an dem die Pflegeleistung gar nicht weiter gedrückt werden kann. Unter einem Schnitt im Jahr und Selektion der Gehölze geht es nicht, ohne dass sich Gebüsch durchsetzt. Das magere Substrat und der eine Schnitt bewirken eine Bremsung der Vegetationsdynamik, aber doch keine stabile Vegetation. Es ist die Minimierung der Produktivität der Wuchsorte in der Stadt und dadurch der Arbeit. Die größten Beschleuniger der Produktivität und damit der Vegetationsentwicklung sind dagegen Staubdüngung und Hundekot, die beide in Siedlungsgebieten häufiger sind als anderswo.

Abb. 7: Echter thermophiler Saum entlang der B 251 bei Dörnberg 2016. Foto: Florian Bellin-Harder

Klarkommen mit dem Substrat, das da ist und die Entwicklung von Wiesen

Wer nun aber den Standort nicht umbauen will, also zum Beispiel wie Reinhard Witt allein um der Arbeitsreduktion willen Substrat austauschen oder stärkere Veränderungen durch Substrateintrag o. ä. verhindern will, wird mit der Art von Vegetation klarkommen müssen, die dem Standort entspricht. Dieser Grundgedanke der Pflanzensoziologie, dass die Vegetation sich bei gleichem anthropogenen Einfluss (hier: Mahd) nach Standorten unterschiedlich entwickelt, scheint noch immer nicht wirklich ernst genommen zu werden, sonst würde es nicht Beispiele wie für die Ansaat von Magerrasensarten auf Lößböden geben nur, weil jemand die Arten so schön findet. Das heißt nicht, dass gar kein Einfluss auf die Vegetationszusammensetzung genommen werden kann, also bei gleichem Substrat wirklich überall zwangsläufig dieselbe Vegetation entstehen muss, aber die Ähnlichkeit wird da sein. Aus gärtnerischer Sicht gibt es auf den ersten Blick vergleichsweise wenig, was daran zu ändern wäre, wenn man nicht einzelne Arten jäten will. Man pflegt (oder noch besser: nutzt) eine Pflanzengesellschaft, in der sich Arten von selbst halten und reproduzieren. Mit Beeten oder Pflanzungen, wo, wie Hansen schreibt, "Pflanzgemeinschaften" (1981: 42) zusammengestellt werden, hat das nichts zu tun.

Wenn für eine Ansaat Arten-Listen aufgestellt werden, dann geht es weniger darum, dass genau diese Arten ein ganz bestimmtes Bild erzeugen, sondern dass es eine gewisse Wahrscheinlichkeit gibt, dass diese Pflanzen am Bild beteiligt sein werden. Über die genauen Keimquoten von Arten auf verschiedenen Substraten in unterschiedlichen jahreszeitlichen Situationen ist in Kontinentaleuropa im Unterschied zu den klimatisch ausgeglichenen britischen Inseln zu wenig bekannt, um genauer planen zu können. Vor allem aber darf der Unterschied zwischen Saaten auf mageren Substraten zu denen auf fetten Böden nicht vergessen werden, weil bei letzteren die Eigendynamik der Entwicklung viel größer ist. Wer nicht, wie Nigel Dunnett und James Hitchmough oder Landwirte das Saatsubstrat abtöten will, um anschließend Biodiversität zu fördern, muss auch mit Pflanzen rechnen, deren Diasporen oder andere Verbreitungsorgane schon im Boden vorhanden sind. Aber nehmen wir einmal an, es sei an alles gedacht worden und die Saat geht, wie gewünscht, sehr gut auf, dann werden sich je nach Standort die Arten durchsetzen, die am besten daran angepasst sind. Die Sukzession setzt auf Basis der angesäten Arten und solcher, die mit der Zeit von außen dazukommen, ein.

Danach kommt es darauf an, was der sukzessiven Dynamik entgegengesetzt wird. Bei Blüh-Äckern wird die Sukzession jährlich vollständig unterdrückt, bei Wiesen muss der Schnitt des kompletten Aufwuchses so gleichmäßig und regelmäßig erfolgen (einschließlich Schnittgut-Entnahme), dass die Arten sich darauf einstellen können (Abb. 8, 9). Das gilt insbesondere auch für die in gegenseitiger Abhängigkeit mit den Pflanzen verbundenen Tiere (d. h. für die ganze Biozönose). Nur so entsteht langfristig ein Bestand, den man Wiese nennen kann. Damit sind wir, was die notwendigen Kenntnisse für Wiesen angeht, längst nicht am Ende, sondern am Anfang. Wer die Mahd nicht als integralen Bestandteil einer Wiese versteht, wird sie nicht erhalten. Die Vorstellung, dass es nur auf das richtige Saatgut und den Standort ankommt, ist eine Illusion. Dass Wiesen gemäht werden müssen, ist vegetationskundlich und bäuerlich betrachtet so banal, dass es das Aufschreiben nicht lohnt. Aber diese Banalität ist eben eine historische, weil niemand mehr mit der Herstellung von Wiesen in Kontakt kommt.

Aktuell kann man wirklich verrückte Aussagen über Wiesen lesen, insbesondere, wie oben gezeigt, in Kombination mit schönen Bildern. Man kann sich sprachlich sicherlich leicht darüber hinwegsetzen, also alles, was irgendwie zwischen knie- und hüfthoch blüht, Wiese nennen, aber man darf sich dann nicht wundern, wenn einjährige Pflanzen endgültig verblühen oder ohne Mahd Gebüsch entsteht. Man soll sich auch nicht wundern, wenn die auf diese Weise verwirrten Menschen enttäuscht sind, wenn sie einmal eine echte, also genutzte Wiese mit vorherrschenden Gräsern sehen, in der viel weniger Blüten vorkommen als sie dachten. Aber das ist noch nicht alles, was Enttäuschung nach sich ziehen kann.

Wiesen auf 15 Quadratmeter?

Zuletzt sei noch über das gesprochen, was freiraumplanerisch am Anfang stehen muss: In welchem Kontext ist eine Wiese herstellbar? Die vielfach betretenen öffentlichen Straßenfreiräume haben keinen Platz für Wiesen. Wiesen und Tritt schließen einander ähnlich aus wie Beete und Tritt. Die meisten kleinen Wiesen-Saaten im Stadtgebiet würden durch Kot, Schatten von Bäumen und Gebäuden, abgestellte Gegenstände usw. Störungen der Grasnarbe erfahren und dann, so nennt man es vegetationskundlich, ruderalisieren. Disteln wandern ein und Mäusegerste usf. (s. o.).

Nein, Wiesen brauchen Platz (Abb. 10). In einem großen Landschaftspark kann man es versuchen. Es gibt Parkanlagen mit Wiesen, die überraschend schön sind, weil wir ihr Bild aktuell weder von innerhalb noch außerhalb der Städte kennen, weil jene Weite entstehen kann, von der schon Hirschfeld im Landschaftspark schwärmte (1779: 202 f.; Abb. 1). Was wir dagegen in öffentlichen städtischen Freiräumen herstellen können, ist möglichst langsam dynamisierte Vegetation. Die ist zumeist am Anfang besonders bunt. Später hängt dann auch wieder alles an der Regelmäßigkeit der Pflege. Es gibt Ansaaten am Holländischen Platz der Uni Kassel, die seit Jahrzehnten gut aussehen, weil der erste Pflegeschnitt, ähnlich wie bei Wiesen, spät genug erfolgt, das Substrat mager, der Nutzungseinfluss gering genug ist und Gehölze von den Gärtnerinnen entfernt werden. Es handelt sich aber nicht um Wiesen, sondern um die oben genannten Säume.

Die Ansaat von Säumen in Freiräumen macht Spaß und ohne sie wäre die Auswahl der Arten im Siedlungsgebiet sehr gering, weil über Jahrzehnte Herbizide verhindert haben, dass Arten einwandern konnten, die außerhalb verbreitet waren und die uns durch ihre Fremdheit im Siedlungszusammenhang erfreuen. Aber die Saat ist nur ein Vorgriff auf die Entwicklung der Vegetation, eine initialisierende Intervention, mit der nicht der Weg frei für wilde Natur ist, sondern der Weg zur Vegetation, die man will, muss danach erst pflegerisch erarbeitet werden. Nur durch geeignete Kultivierung kann man zwischen Blühäckern, langsam dynamisierten städtischen Säumen (flächenhaften Versaumungen) und Wiesen unterscheiden.

Abb. 8: Mahd des Randes einer Wiese mit Arten des nitrophilen Saums, Ehringen 2018. Foto: Florian Bellin-Harder

Abb. 9: Geheute Wiese im Bergpark, Kassel 2013. Foto: Florian Bellin-Harder

Abb. 10: Wiese bei Dörnberg, Ehlen 2013. Foto: Florian Bellin-Harder

Anmerkungen

¹ Anlässlich eines Vortrages zur Diversitätssteigerung auf Friedhöfen beim BUND Hannover. Für kritisches Gegenlesen danke ich Kathrin Harder und Bernd Gehlken.

² Der Umgang mit dem Schnittgut bei fehlendem Interesse an der Ernte ist ein eigenes Thema. Bei großen Wiesen finden sich häufig Landnutzende, die an Heu oder Silage Interesse zeigen. Je kleiner die Flächen werden, desto eher werden Transport- und Verwertungs-Lösungen notwendig.

³ Auch Staude ist, nebenher gesagt, ein verwirrender Begriff. Manche Staudengärtnereien verkaufen unter diesem Namen Zwergsträucher und Pflanzen, die bei uns draußen keinen Winter überleben.

Literatur

  • Albertshauser, E. M. 1985: Neue Grünflächen für die Stadt. München.
  • Auerswald, B.; Bartung, L.; Hülbusch, K. H.; Müller, H. U. 1986: Der gärtnerische Einsatz der Flora der Spontanvegetation. In: Notizbuch 2 d. Kass. Sch. S. 5-49. Kassel.
  • Bellin-Harder, F. 2020: Vorgärten. Pflanzenverwendung zwischen Weg und Ort. Stadt + Grün 9/2020: 29-33.
  • Gehlken, B.; Granda Alonso, M. E.; Kurz, P. 2000: Versaumungen und Säume in Bockholmwik. In: Notizbuch 55 d. Kass. Sch. S. 170-177. Kassel.
  • Hansen, R.; Stahl, F. 1981: Die Stauden und ihre Lebensbereiche in Gärten und Grünanlagen. Stuttgart.
  • Hauptmeier, A. 2012: Sag mir wo die Blumen sind. In: Geo Special 2/2012: 70--75.
  • Hirschfeld, C. C. L. 1779: Theorie der Gartenkunst. Erster Band. Leipzig.
  • Krosigk, K. v. 1998: Parkwiesen und Parkrasen als historische Denkmäler. In: Kowarik, I.; Schmidt, E.; Sigel, B. (Hrsg.): Naturschutz und Denkmalpflege. S. 203-216. Zürich.
  • Motzfeld, N.; Huxmann, N.; Körner, S.; Bellin-Harder, F. 2017: Stadtgrün in Solingen. Stadt + Grün 3/2017: 31-34.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 09/2021 .

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