Zur Funktion der Abschlussarbeit im Studienbetrieb

Das Gesellenstück

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Noten sind nur ein kleiner Teil einer weitreichenden, aber oft unterentwickelten Feedbackkultur. Foto: TU Berlin

An meine erste Klausur im Studium erinnere ich mich noch sehr gut, auch besonders an die Prüfungen, die mir schwer gefallen sind oder bei denen ich durchgefallen bin. Da hat sich für die Studierenden heute sicher nicht viel verändert, die Menge, die Rolle und der Stellenwert der Prüfungen und der Notengebung ist im Bologna Studium aber doch anders.¹) Credit points, also der Aufwand, der für eine Prüfung zu leisten ist, und die im System umrechenbaren Noten sind die neue Währung, die die Bolognazone und das "serven" zwischen den Hochschulen erst ermöglicht. Dabei sind die Abschlussprüfungen, die Bachelor- oder Masterarbeiten, besonders bedeutsam, weil sie nicht mehr nur den krönenden Abschluss der Ausbildung darstellen, sondern auch Türen für die weiteren Studienabschnitte und Karrierewege europaweit öffnen oder versperren.

Abschlussarbeiten sind sehr komplexe Prüfungen. Viele erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten müssen hier exemplarisch vorgeführt werden: Vom Suchen und Finden einer eigenen Fragestellung, über das Exposé mit einem methodischen Konzept, die eigenständige, noch angeleitete Untersuchung bis zur Abgabe eines Entwurfs und des Schlussberichts reicht nur das engere Anforderungsprofil. Die Vorstellung der Ergebnisse in einem Kolloquium, die Leitung einer Diskussion und das professionelle Verhalten gegenüber internen und externen Begleitern gehören ebenfalls zu den bewerteten Fähigkeiten der Studierenden.

Die Note der Abschlussprüfung zählt oft mehr als die anderen Noten und bei den folgenden Bewerbungsgesprächen ist diese Arbeit häufig Thema. Nun treten die Studierenden endgültig aus dem Schonraum der Uni heraus. Mit einem Gesellenstück ist man zwar noch kein Meister, aber endlich Teil der großen, professionellen europäischen Gemeinschaft.

Institutionen, Studiengänge und Abschlüsse im Hochschulsystem, Zeugnisvorlage der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover, Deutschland.

Allein die Themenfindung und -fokussierung ist eine häufig unterschätzte Kunst, weil die meisten Themen im Studium durch die Lehrenden gesetzt werden. Die inhaltliche Bearbeitung des Themas gelingt dann besonders gut, wenn man das gesamte Studium dazu genutzt hat, sich im Diskussionsfeld der Disziplin zu tummeln und das Feld zu erkunden, so dass man ganz grundsätzlich mitreden kann. Man muss Literatur auswerten, Daten sammeln, aber auch Planungsoptionen bewerten und die Befunde einer Untersuchung interpretieren können. Neben den praktischen Fähigkeiten, die dazu benötigt werden, müssen auch wissenschaftliche Konventionen beherrscht werden: schließlich soll ein Masterabschluss ja auch den Weg in das Arbeitsfeld der Forschung ebnen. Man muss sich mit verschiedenen Methoden auskennen und wissen, welche Methoden zu welchen Fehlern führen können.

In den ersten Ausarbeitungen und in den Projektarbeiten kann man es sich noch leisten, Fehler zu machen, risikoreiche Planungsstrategien auszuprobieren und eben auch einmal "auf die Nase" zu fallen. Bei der Abschlussarbeit ist das Durchfallen dagegen tragisch, obwohl es manchem hilft, die Sache in einem zweiten Anlauf grundsätzlich besser und engagierter anzugehen.

Diejenigen, die die Arbeiten beurteilen, sind leider auch nur Menschen, sie wollen eine lesefreundliche, gut verständliche und vor allem nachvollziehbare Darstellung der Untersuchung mit ihren Ergebnissen. Die Ausarbeitung soll korrekt nach wissenschaftlichen Maßstäben erfolgen, die Sprache anregend und fehlerfrei, die Karten ansprechend und mit allen wichtigen Lesehilfen vom Maßstab bis zur Legende versehen sein. Kein Wunder, dass es einige Ängste gibt, mit einer solchen Arbeit überhaupt zu beginnen.

Und dann werden auch noch die kommunikativen Fähigkeiten geprüft: Wie präsentieren sich die Studierenden, ist der Vortrag verständlich und logisch aufgebaut? Wird das Publikum freundlich bestimmt angesprochen? All das sind wichtige Kompetenzen, wenn es zum Beispiel darum geht, ein Projekt in einem Gemeinderat zu vertreten und die Umsetzungschancen für ein Projekt zu erhöhen. Wie halten die Studierenden kritischen Fragen stand? Können sie eine Diskussion zum Thema selbst provozieren und dann moderieren? Das schnippische Schlusswort "Noch Fragen?" auf der letzten Folie müsste eigentlich verboten werden.

An einigen Universitäten sind diese Abschlussveranstaltungen wichtige, besonders inszenierte Höhepunkte im Studienjahr. Nicht wenige Studierende lernen an diesem einen Tag alle wichtigen Qualitätsmaßstäbe kennen, einfach indem mehrere Arbeiten nebeneinander an der Wand hängen und verschiedene Vorträge vor einer (Hochschul)Öffentlichkeit den Stand der Dinge in der Profession erörtern.

Abschlussarbeiten sind sehr komplexe Prüfungen... Foto: TU Berlin

...Viele erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten müssen hier exemplarisch gezeigt werden. Foto: Hochschule Weihenstephan, Albert Scharger

Ziele und Ausrichtungen der Bewertung

Die Funktionen und die Rolle, die die Bewertungssysteme erfüllen sollen, sind vielfältiger geworden. Es geht zwar ganz grundsätzlich um Leistungsmessung, zusätzlich aber auch um folgende Fragen: Was ist der Mindeststandard, um einen geschützten Ausbildungstitel zu erwerben? Ab wann reichen Kenntnisse und Fähigkeiten nicht aus, um ein Zeugnis zu bekommen? Oder aus der Sicht der Studierenden: Kann man eine Note anfechten? Darf man seine Arbeit im Internet vermarkten?

In Bezug auf das Studium selbst bieten die Bewertungssysteme Orientierung und Anreiz, sich anzustrengen. Letztlich handelt es sich um ein kompliziertes Informations- oder Messsystem, mit dem man sowohl im Sinne der leistungsstarken wie der leistungsschwachen Studierenden weise und verantwortungsvoll umgehen muss. Schaut man sich einmal gängige Kriterienkataloge für solche Arbeiten an, so wird schlagartig deutlich, dass nur sehr wenige Studierende diese Anforderungen zu 100 Prozent erfüllen und dass dennoch häufig nur der bessere Teil des Notenspektrums ausgeschöpft wird. Es scheint einfacher zu sein, die Noten von 1.3 bis 3.0 zu begründen, als eine echte Gaußsche Normalverteilung von 1.0 bis 5.0 abzubilden.

In der Hochschulkonferenz Landschaft wurde deutlich, dass sich diese Benotungskulturen an den Hochschulen unterscheiden können. Ein riesiges Spektrum zwischen dem nicht mehr zeitgemäßen "Gott-Vater-Modell" ohne Nachvollziehbarkeit und Kontrolle bis zu Modellen mit einem sehr hohen Rationalitätsanspruch wird praktiziert. Unterschiedlich ist auch der Aufwand, den man für die kommunikativen Funktionen des Notensystems betreiben muss. Dieser liegt zum einen auf den Schultern der Prüferinnen und Prüfer, die ihre Noten unterschiedlich aufwändig begründen und sich letztlich ja kontrollieren lassen müssen. Zum anderen geht es auch um die Organisation von Aufmerksamkeit, die man den Studierenden und den von ihnen gefertigten Produkten zukommen lassen will. Daraus können alle lernen, die Studierenden, aber auch die Co-Prüfer und Jurys. Öffentliche Veranstaltungen bieten den Prüfern selbst wirksame qualitätssichernde Anregungen.

Vom Durchwursteln zum nutzwertanalytischen Bewerten und zurück

Dennoch kann man durchaus sehr kontrovers darüber diskutieren, ob ein riesiger Aufwand zum besten Bewertungssystem führt. Manche beurteilen die Abschlussarbeit danach, ob sie bereit sind, den Autoren zu trauen und ihren Argumenten zu folgen. Zudem beurteilen sie die Gesamtpersönlichkeit zwar relativ pauschal, durchaus aber im Sinne einer grundlegenden Würdigung ihrer Leistung und ihres Auftretens und das ist als Hinweis für potenzielle Arbeitgeber sicher legitim.

Was, wenn Einstellungen letztlich nicht nach Noten, sondern nach dem Ruf der Hochschule erfolgen? Oder wenn die Arbeitgeber mit den Bewerberinnen und Bewerbern einfach einen Test durchführen, um sich selbst zu vergewissern was diese können? Was ist davon zu halten, dass das Notenniveau bei vielen Hochschulen oder einzelnen Studiengängen grundsätzlich höher oder tiefer liegt als bei anderen, zum Beispiel weil Hochschullehrer beliebt sein wollen und sich so bessere Evaluationen erhoffen. Tiefgreifende Gerechtigkeitsdebatten sind mit den Bewertungssystemen verknüpft. Sie sind nicht endgültig lösbar, weil das Leben eben manchmal ungerecht ist.

Beispielhafte, allgemeine Kriterien zur Bewertung von Abschlussarbeiten.

Betrachtet man die Notensysteme als absolute Werte, nach denen sich alle zu 100 Prozent ausrichten, so wird die Benotung disfunktional. Wer kennt nicht die Debatten um die Frage, ob Noten überhaupt sinnvoll sind oder ob es besser eine verbale Würdigung von Kompetenzen und nur zwei Noten "Bestanden" und "Nicht Bestanden" geben sollte? Eine Ausdifferenzierung dieser Skala beruht immer auf einem mehr oder weniger ausgeprägten nutzwertanalytischen Ansatz und damit holt man sich in die Debatte um die qualitative Würdigung von Hochschulabsolventen und ihren Abschlussarbeiten immer auch die Diskussion um die pseudorationalistische Nutzwertwertanalyse und ihre inkrementalistische Konkurrenz ins Haus.

Wir erinnern uns an den V-Wert von Kiemstedt (1967), Zangemeister 1970/76), an diskursive Beiträge zur Würdigung von baulicher Qualität von Musso und Rittel (1969), an die Frage, wie eine Umweltverträglichkeitsprüfung auszugestalten sei und an die Sippe der Durchwursteler, die den Rationalisten einigen Wind aus den Segeln genommen haben (Lindblom 1959) und doch zu guten Qualitätsbewertungen kommen. Als Zwischenfazit kann man festhalten, dass beide Ansätze möglich sind. Je inkrementalistischer Bewertungen vorgenommen werden, desto besser sollte eine kommunikative Kontrolle durch Co-Prüfer und öffentliche Rechtfertigung erfolgen.

Die Systeme werden hyperkomplex, wenn sie sich auch noch für unterschiedliche Studiengänge und Ausbildungsstufen unterscheiden und ausdifferenzieren. Tröstlich mag es für die Studierenden sein, dass die Noten ja auch nur eine Zwischenetappe auf dem Weg ins und durchs Berufsleben darstellen. Sie sind, richtig genutzt, Orientierungs-, Arbeits- und Lernmittel. Lebenslang müssen wir uns immer wieder auf verschiedenen Stufen des Lernens über die Qualität der Produkte und Leistungen Gedanken machen, besonders wenn diese gut bezahlt werden sollen. Häufig werden deshalb für die Bachelorstufe einfachere und für die Masterstufe nutzwertanalytischere Maßstäbe herangezogen. Die Prüfung einer Doktorarbeit basiert schließlich in besonderem Maße auf dem Urteil einer kollegial besetzten Jury.

Insofern wird eine Kultur des Bewertens und Benotens, des Korrigierens und des Feedbackgebens gebraucht und diese darf sicher nicht erst mit der Abschlussnote ihre Wirkung entfalten. Auf der Seite der Lehrenden ist das Einüben einer solchen Kultur mit einigem Aufwand verbunden. Man muss mit den Kolleginnen und Kollegen darüber reden und entsprechende Austauschmöglichkeiten organisieren. Der Austausch über Mindeststandards und die Kultur der Notengebung ist gar nicht so einfach, weil hier natürlich eine rechtlich verbriefte Autonomie gefährdet erscheint. Das vermeintliche Privileg des Prüfens stellt sich also bei näherem Hinsehen als pädagogische Verpflichtung heraus, die in der Regel nur sehr selten thematisiert wird.

Von Seiten der Studierenden müsste die Vorstellung der Arbeitsergebnisse in der Gruppe und im Vergleich zueinander ganz selbstverständlich immer wieder eingefordert werden. Datenschutz und die Individualisierung des Studiums sorgen hier leider für Hürden, wo zuvor keine waren. Das Wichtigste scheint aber die Beachtung der Hinweise, das Aufnehmen von Feedback und das Erlernen von Qualitätsvorstellungen zu sein. Lehrende erklären gerne, warum eine Abschlussarbeit, ein Vortrag oder ein Entwurf gelungen ist, wo sich Fehler und Probleme eingeschlichen haben und wie man es besser macht. Sie möchten das aber verständlicherweise in effizienter Art und Weise tun, zum Beispiel in einer Gruppenkorrektur, bei der jede und jeder die Kritik an einer Arbeit auch auf die eigenen Produkte beziehen kann und indem man feststellt, dass bei der nächsten Arbeit die aufgezeigten Fehler nicht mehr vorzufinden sind.

Eine solche beiderseitige konstruktive Bewertungskultur ist vielleicht ein Ideal. Fakt ist aber, dass die Note genauso zum Unibetrieb gehört wie die Arbeitsaufgabe. Immer wieder und zyklisch lernt man, komplexe Aufgaben zu bewältigen und die daran anzulegenden Bewertungsmaßstäbe anzuwenden. Das Gesellenstück ist das letzte Mal, dass dieser Service den Studierenden von der Universität fraglos geboten wird, beim lebenslangen Lernen ist man dann selbst dafür zuständig.

Gütekriterien für Bewertungssysteme zwischen nutzwertanalytischer Transparenz und Nachvollziehbarkeit und kommunikativer Kontrolle. Abb.: Bettina Oppermann

Anmerkung

¹) Dieser Artikel referiert zum großen Teil die Diskussion in der Hochschulkonferenz Landschaft, die sich am 11.5.2012 an der Hochschule RheinMain mit dem Thema "Ansprüche an Abschlussarbeiten: Was Absolventen wissen und können müssen" beschäftigt hat. Den Kolleginnen und Kollegen verdanke ich wertvolle Diskussionshinweise.

Literatur

Bechmann, A. (1978): Die Nutzwertanalyse, Bewertungstheorie und Planung; Haupt Verlag Bern.

Kiemstedt H. (1967): Zur Bewertung der Landschaft für die Erholung, Stuttgart.

Lindblom, C. E. (1959): The Science of Muddling Through, Public Administration Review. Journal of the American Society for Public Administration, S. 79-88.

Rittel, H. W. mit Arne Musso (1969/1992): Über das Messen der Güte von Gebäuden, in: Rittel: Planen, Entwerfen, Design, Kohlhammer Verlag, Stuttgart, S. 93-111.

Zangemeister, C. (1970 /1976): Nutzwertanalyse in der Systemtechnik - Eine Methodik zur multidimensionalen Bewertung und Auswahl von Projektalternativen. Diss. Techn. Univ. Berlin.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 07/2012 .

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