Kommentar

Kunststoffrasen wird nicht verboten

Kunststoffrasen hatte nie den besten Ruf. Erst waren es Verbrennungen, dann verklumptes Gummigranulat, dann war er krebserregend und jetzt soll der Belag nach einer eher zweifelhaften Studie eines namhaften Institutes angeblich der drittgrößte Emittent von Mikroplastik sein nach Abrieb von Autoreifen und nach Verpackungsmüll.

Auch wenn Kunststoffrasen nach allen bekannten Spielerbefragungen gegenüber dem natürlichen Sportrasen abfällt, ist der Belag gerade in urbanen Bereichen mit hoher Nutzungsintensität eine sinnvolle, oft sogar die einzige Alternative, um Fußballspielen zu können, insbesondere im Winter. Daher nimmt die Zahl dieser Plätze stetig zu. In NRW etwa stieg die Zahl von 138 im Jahr 2000 auf 1165 in 2015. Gleichzeit ist damit die Fläche, die für Großspielfelder genutzt wird in NRW um ca. 380 gesunken. Auch wenn die Ökobilanz insgesamt schlechter ist, sinkt zumindest der Flächenverbrauch.

Im März dieses Jahres hat nun die European Chemicals Agency (ECHA) vorgeschlagen, "bewusst zugesetztes" Mikroplastik gesetzlich zu verbieten. Das würde nicht nur für Kosmetik gelten, sondern insbesondere auch für die Gummigranulate in Kunststoffrasensystemen. Als Mikroplastik gilt alles, was kleiner als 5 Millimeter ist. Wenn der Vorschlag der ECHA angenommen wird, wäre in der EU Gummigranulat als Infill verboten. Eines der Probleme für die Sportplätze ist, dass die anfallenden Stoffe, anders als Kosmetika, mit dem Regenwasser ungehindert über eine Vorflut in die Flüsse oder über Versickerungsanlagen in das Grundwasser kommen könnten.

Nur ganz wenige Fachleute glauben ernsthaft, dass der Gesetzgebungsprozess noch aufzuhalten ist. Offen ist auch noch, wie der Übergang gestaltet wird. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass nach Inkrafttreten des Gesetzes im Herbst 2021 eine Übergangszeit von 6 Jahren gelten könnte. Danach wäre der Neubau, vielleicht auch der Handel mit Gummigranulat als Infill verboten. Wer heute also einen Kunststoffrasen mit Gummigranulat baut, hat vielleicht ab 2027 das Problem, kein Gummi mehr zu bekommen. Dann wären die Plätze aber erst 8 Jahre alt, deutlich unter der Soll-Lebenszeit von 12 bis 15 Jahren. Unter dem Strich wäre es, mal abgesehen von den Umweltschäden, auch aus wirtschaftlichen Gründen fahrlässig, einen solchen Belag heute noch zu installieren. Was die ECHA jetzt deutlich gemacht hat, Kunststoffrasen wird nicht verboten werden, auch wenn aus dem Verschleiß der Faser Mikroplastik entsteht. Im Zweifel muss dieser irgendwann mal, so wie es Köln schon praktiziert, abgefangen werden. Alternativen zum Gummi gibt es auch schon. Sehr gute Spieleigenschaften lassen sich auch mit Kork, Sand oder mit anderen Stoffen erreichen. Niemand muss nach jetzigem Stand auf den Kunststoffrasen verzichten, auch wenn manchmal vielleicht der natürliche Sportrasen die bessere Wahl wäre.
Martin Thieme-Hack

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 10/2019 .

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