Qualitätsziele und Handlungsbedarfe kommunizieren und realisieren

Q-Index - ein einfaches Tool zur Steuerung von Grünraumqualitäten

von: ,
Digitalisierung
Auswertung Kriterien aller Nachhaltigkeitsdimensionen Grafik: Yvonne Aellen, Stadtgärtnerei Basel

Die Anforderungen an Grünräume im Siedlungsgebiet sind immens. Es gilt, gleichzeitig vielfältige Nutzungen für die Bevölkerung zu ermöglichen, ökologisch wertvolle Strukturen zu etablieren, Ansprüche an die Gestaltung und Ästhetik zu erfüllen und die Kosten zu steuern. Die Verantwortlichen der Grünämter sind gefordert. Das Tool Q-Index unterstützt sie darin, Qualitätsziele zu definieren, Handlungsbedarf zu kommunizieren und die Ziele in der Praxis zu realisieren.

Wie sind die Qualitätsziele öffentlicher Grünräume zu definieren, damit sie zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen und den Erwartungen der Bevölkerung entsprechen? Wie finden verantwortliche Personen aus Naturschutz, Planung, Denkmalpflege und Unterhalt eine gemeinsame Haltung und wie können sie gute Kompromisse zur Weiterentwicklung der Grünräume finden? Diese Fragestellungen standen am Anfang eines Projektes mit dem Ziel, ein Instrument zu entwickeln, das die aktuellen und künftigen Qualitäten von Grünräume messen und steuern kann. Entstanden ist der Q-Index, ein strukturiertes Beurteilungs-, Planungs- und Controlling-Tool. Es dient gleichzeitig als Diskussionsgrundlage für eine interdisziplinäre Auseinandersetzung und als Basis für politische Aufträge und Forderungen seitens der Gesellschaft.

Von der Forschungsfrage zum Feldversuch

Das Tool Q-Index wurde durch eine Arbeitsgruppe der Vereinigung Schweizerischer Stadtgärtnereien und Gartenbauämter (VSSG) entwickelt. Daran beteiligt waren die Städte Basel, Bern, Chur, Grenchen, Winterthur und Zürich. In Zusammenarbeit mit der Forschungsgruppe Grünraumentwicklung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) wurde der Q-Index in einem mehrstufigen Verfahren erarbeitet. In einem interaktiven Prozess wechselten sich Diskussionen und Praxistests in den Anlagen der beteiligten Städte ab und lieferten jedes Mal neue Erkenntnisse für die Entwicklung. Seit August 2019 steht ein handliches, digital oder in Printform einsetzbares Tool zur Verfügung.

Inspiriert vom Sauberkeitsindex, der in einigen Städten eingesetzt wird, bestand das Ziel, ein möglichst einfaches, aber trotzdem aussagekräftiges Instrument zu entwickeln, mit dem die Qualitäten von Grünräumen gemessen werden können. Es war jedoch allen Beteiligten von Anfang an klar, dass die Thematik der Grünflächenqualitäten weit komplexer ist als eine reine Sauberkeitsbeurteilung. Besteht bei der Sauberkeit stets der monokausale Zusammenhang, dass sauber besser ist als schmutzig, kann bei der Grünflächenqualität ein Aspekt je nach Situation positiv oder negativ beurteilt werden. Zum Beispiel kann der Wildwuchs zwischen Pflastersteinen je nach gestalterischen Anforderungen störend sein und in einer anderen Situation als erwünschte Fugenvegetation die Biodiversität positiv beeinflussen. Der Q-Index soll solche und weitere, zum Teil widersprüchliche Auseinandersetzungen ermöglichen. Dazu werden der Ist-Zustand und der Soll-Zustand des Grünraums definiert. Der Handlungsbedarf lässt sich aus der Differenz ableiten.

SUG-Stellenmarkt

Relevante Stellenangebote
Abschnittsleitung Grünflächenmanagement, Hamburg  ansehen
Alle Stellenangebote ansehen
Digitalisierung
2 Schützenmattpark, Basel: Hohe Nutzungsbedürfnisse stellen vielfältige Anforderungen an die Gestaltung und Pflege städtischer Parkanlagen. Der Q-Index hilft, die richtige Balance zu finden. Foto: Stadtgärtnerei Basel
Digitalisierung
3 Erlenmattpark, Basel: Wo die Nutzung im Vordergrund steht, bleibt für die Natur oft wenig Platz. Doch schon in nächster Umgebung kann die Priorität auf naturnahe Bepflanzungen gesetzt werden. Foto: Stadtgärtnerei Basel

Kriterien für die Qualitätsbeurteilung

Um eine nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten, orientiert sich der Qualitätsindex auf der Ebene der Beurteilung des gesamten Freiraumes an den drei Nachhaltigkeitsdimensionen. Es wurden Messkriterien und Indikatoren zu sozialen, ökologischen und ökonomischen Themen definiert:

  • Soziale Qualität: Sicherheit, Angebot und Nutzung, Gestaltung
  • Ökologische Qualität: Biodiversität, Klimafunktion, Umweltaspekte im Unterhalt
  • Ökonomische Qualität: Effizienz und Effektivität, Kosten Instandhaltung und Instandsetzung, Kosten für Erneuerung und Aufwertung

In den Feldversuchen erwies sich die Aufgabe, den Soll-Zustand aus den drei Nachhaltigkeitsdimensionen zu definieren, als große Herausforderung, aber auch als wertvolle Chance. Denn es ist nie möglich, allen Aspekten gleichzeitig maximal gerecht zu werden. Vielmehr gilt es, standortspezifisch den idealen Kompromiss zwischen den verschiedenen Ansprüchen zu finden. In der Praxis hat sich gezeigt, dass die Diskussion direkt vor Ort mit Vertretern der unterschiedlichen Disziplinen sehr wertvoll ist. Gemeinsam werden die standortspezifischen Potenziale für die verschiedenen Aspekte ausgelotet. Es wird eine Einigung auf ein Entwicklungsziel gesucht, bei denen alle Ansprüche bestmöglich berücksichtigt sind. Damit wird die Basis für eine konstruktive Zusammenarbeit und für eine optimale Grünraumentwicklung gelegt.

Digitalisierung
Das Tool Q-Index kann unter folgendem Link bezogen werden: https://www.vssg.ch/de/produkte/qualitaetsindex-freiraeume.html/97.Box: Bezug des Tools Q-Index Grafik: Yvonne Aellen, Stadtgärtnerei Basel

Beurteilung der einzelnen Pflegeprofile

Bei der Beurteilung von einzelnen Freiraumelementen, sogenannten Pflegeprofilen, werden ebenfalls Soll- und Ist-Zustand erfasst und miteinander verglichen. Die Indikatoren wurden spezifisch für die wichtigsten 34 Pflegeprofile erarbeitet. Sie lassen sich folgenden Themen zuordnen, wobei nicht bei allen Profilen alle Themen relevant sind: Aussehen, Pflanzengesundheit, Unkrautbewuchs, Abgrenzung, Sicherheit und Artenvielfalt.

Die Bewertung erfordert eine fachliche Einschätzung darüber, ob in einer Situation Handlungsbedarf besteht oder nicht. Zum Beispiel wird abgewogen, ob Unkraut toleriert werden kann oder nicht, oder ob sich mit einer Umwandlung einer Rasenfläche in eine Wiese mehr Biodiversität schaffen lässt. Diese Abwägungen erfolgen stets gestützt auf die situativen Begebenheiten, die ökologischen Potenziale und die Ansprüche und die Toleranz der Bevölkerung.

Bei der praktischen Anwendung zeigte sich, dass die detaillierte Erfassung aller Pflegeprofile sehr aufwändig sein kann. Deshalb wurde auch die Möglichkeit geschaffen, einen Express-Check durchzuführen. Dabei wird der Gesamteindruck eines Profils über alle Themen in einem Schritt erfasst. Dies geht schnell und genügt, sofern kein oder nur ein geringer Handlungsbedarf besteht.

Digitalisierung
St- Alban-Toranlage, Basel: In der Diskussion zwischen Vertretern der Gestaltung, des Naturschutzes und des Unterhalts lassen sich Potenziale erkennen, die für die Biodiversität wie auch für die Bevölkerung bestmöglichen Nutzen bringen. Foto: Stadtgärtnerei Basel

Auswertung und Massnahmenplanung

Das Tool Q-Index ist so programmiert, dass die Resultate nach der Erfassung sofort als Diagramme zur Verfügung stehen. Dabei werden die Werte auf verschiedenen Ebenen dargestellt. So zeigt sich augenfällig, wo Handlungsbedarf besteht. Wer bei der Erfassung die Gelegenheit nutzte, wichtige Aspekte, welche die Beurteilung beeinflussen, unter den Bemerkungen festzuhalten, findet diese Informationen ebenfalls in der Auswertung. Zudem empfiehlt es sich, bei einer Differenz zwischen Soll- und Ist-Zustand gleich bei der Erfassung konkrete Maßnahmen zu diskutieren und zu dokumentieren. So liefert die Auswertung neben den Diagrammen auch eine Maßnahmenplanung für die nächsten Jahre.

Durch eine stets intensivere und vielfältigere Nutzung des öffentlichen Raumes ergeben sich in der Umsetzung und Optimierung in allen Nachhaltigkeitsdimensionen diverse Zielkonflikte. Die Erfahrung zeigt, dass es nicht immer möglich ist, bei steigendem Budgetdruck gleichzeitig die hohen Nutzungsansprüche optimal zu erfüllen und die Biodiversität zu fördern. Es gilt, stets aus den verschiedenen Zielen und Perspektiven eines Grünamtes sinnvolle Kompromisse zu suchen. Dabei werden je nach standortspezifischen Ansprüchen und Potenzialen die vielfältigen Kriterien mehr oder weniger stark gewichtet.

Das Tool Q-Index trägt zu einer differenzierten Entwicklung und Bewirtschaftung städtischer Freiräume bei. Es lässt sich in verschiedenen Phasen der Grünraumentwicklung einsetzen. Eine Definition der künftigen Entwicklung kann gleichermaßen als Grundlage für eine Wettbewerbsausschreibung und als Diskussionsbasis für die operative Ausrichtung der Pflegeintensitäten dienen. Zudem leistet der Q-Index auch als politisches Instrument für die Auftragsklärung und die Mittelbeschaffung für Grünämter gute Dienste.

Damit das Tool zukünftig auch im Grünflächenmanagement von halböffentlichen und privaten Freiräumen (zum Beispiel Wohnumfelder, Firmenareale) eingesetzt werden kann, wird zurzeit eine entsprechende Version des Q-Index entwickelt.

Digitalisierung
Auswertung Kategorien Grafik: Yvonne Aellen, Stadtgärtnerei Basel
Digitalisierung
Profil: Gebrauchs- und Sportrasen Grafik: Yvonne Aellen, Stadtgärtnerei Basel

ANMERKUNG

Beim vorliegenden Artikel handelt es sich um eine überarbeitete Version eines Artikels, welcher in "der gartenbau" 1/2020 erstmalig publiziert wurde.

Dipl.-Biologin Yvonne Aellen
Autorin

Leiterin Abteilung Grünflächenunterhalt

Stadtgärtnerei Basel
 Reto Hagenbuch
Autor

Leiter Forschungsgruppe Grünraumentwicklung ZHAW, Dozent Freiraummanagement und Urbane Ökosysteme

Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

Ausgewählte Unternehmen
LLVZ - Leistungs- und Lieferverzeichnis

Die Anbieterprofile sind ein Angebot von llvz.de

Redaktions-Newsletter

Aktuelle grüne Nachrichten direkt aus der Redaktion.

Jetzt bestellen