Ein neuer Park in Stuttgart komplettiert das Grüne U bis an den Stadtrand

Ein zweiter Killesbergpark - gänzlich anders

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Foto: Sirtoli

Ein kleiner Junge rennt über den Rasenhügel, verschwindet kurz aus der Sicht, bevor er wieder das nächste grüne Plateau erklimmt. Das Spiel kann er beinahe endlos fortsetzen, denn die steil geböschten Rasenebenen erstrecken sich den Hang hinunter bis zum See. Die kleinen Parkbesucher verschluckt das bewegte Gelände, sobald sie auf die Wege abtauchen. Die großen Spaziergänger zeigen sich nur bauchaufwärts, während sie auf den vertieften Wegen scheinbar ohne Ziel entlang schlendern.

Seit Juli ist Stuttgarts Zentrum um einen Park reicher. Knapp zehn Hektar groß sind die Flächen der "Zukunft Killesberg Freianlagen", so seine formale Bezeichnung. Die Stuttgarter Messe war bis 2007 auf dem Killesberg beheimatet. Aus Platzmangel wechselte sie an den Stadtrand nahe dem Flughafen. Stuttgart bot sich dadurch die Chance, ein Areal von 18 Hektar im Zentrum der Stadt neu zu strukturieren. In direkter Nachbarschaft zu Kunstakademie, Weißenhofsiedlung und Höhenpark. Den Ideenwettbewerb zur Messenachnutzung gewann 2004 die Arbeitsgemeinschaft Pesch & Partner, Blanek Architekten und Lohrberg Stadtlandschaftsarchitektur. Ihre weiterentwickelte Rahmenplanung bildete das Grundgerüst und definierte die Grenzen der neuen Parkflächen, erklärt Volker Schirner, Leiter des Garten- Friedhofs- und Forstamts Stuttgart. Fast 50 Landschaftsarchitekturbüros hätten sich an dem nachgelagerten Verhandlungsverfahren (VOF-Verfahren) für die Objektplanung der Freianlagen beteiligt. Mit sechs Büros habe man verhandelt.

Schließlich beauftragte die Stadt Stuttgart 2008 die Arbeitsgemeinschaft Pfrommer + Roeder Landschaftsarchitekten aus Stuttgart mit Rainer Schmidt Landschaftsarchitekten aus München. Die projektbezogene Erfahrung sei ein wichtiges Kriterium gewesen, da der Zeitrahmen sehr eng gesteckt war. "Zeit ist ein enorm hoher Qualitätsfaktor. Und wenn wir die Zeiten nicht eingehalten hätten, dann wären wir zu Recht noch mal in ganz anderer Kritik gestanden", so Schirner, dessen Amt das Projekt leitete. Denn, dass es für diese zentralen Freiflächen der Stadt keinen Planungswettbewerb, sondern ein VOF-Verfahren gab, wurde in Stuttgarter Architekturkreisen mehrfach kritisiert.

Rasenkissen als parkprägende Gestalt

Der Entwurf von Rainer Schmidt Landschaftsarchitekten verknüpft drei Freiflächen, die durch Störungen gezeichnet waren, zu einem Park. Der gemeinsame Park überwindet dabei optisch die trennende Straße, Topographiesprünge und viele Höhenmeter Differenz. Recht früh war klar, dass der neue Park gänzlich anders gestaltet sein sollte als der bestehende Höhenpark Killesberg. "Die Überlegung, die Struktur des Killesbergpark, das Inselsystem von Mattern, weiterzuführen, wurde auch vom Gartenamt als nicht zeitgemäß eingestuft", so Rainer Schmidt.

Foto: Sirtoli

Der nun gebaute Park setzt sich klar ab. Seine Gestaltung wirkt schlicht, die Proportionen maßvoll ausgearbeitet: Sanft geschwungene Rasenhügel von knapp einem Meter Höhe, die "Rasenkissen", bewältigen das ansteigende Gelände vom angrenzenden "Höhenpark Killesberg" bis zur Hochfläche der "Feuerbacher Heide". 38 Höhenmeter und unzählige Wege und Wegkreuzungen liegen dazwischen. Zusätzlich am Rand ein lockerer Saum von Bäumen, ein gefasster Wasserlauf und an tiefster Stelle ein See - mehr Elemente braucht der Park nicht. Er besticht durch seine markante Oberflächenmodellierung, die er über alle drei Parkteile - "Grüne Fuge", "Park Rote Wand" und "Feuerbacher Heide" - durchhält.

Die Rasenkissen prägen den Park und sollen die Geschichtlichkeit des Ortes symbolisieren. "Harte karstige Formen einer Steinbruch-Topographie, wie mit dem Meisel heraus gebrochen, verändern sich im Laufe der Jahre. Aus gebrochenem Material entwickeln sich abgerundete Formen zu einer weichen Landschaft, die mit Erde und Grün überzogen wird", beschreibt die Entwurfsidee die Gestaltfindung. Teile des Kochenhof-Steinbruchs, die steile Abbruchkante der nach der Steinfarbe benannten "Roten Wand", zeugen noch von den Steinbruch-Tätigkeiten und dem riesigen Geländeabtrag, die der Killesberg erfahren musste. Anfang des letzten Jahrhunderts bestand der Ort aus mehreren Steinbrüchen, die Material für Stuttgarts Straßen und Bauwerke hergaben.

Die neue Topographie überformte das Gelände abermals durch große Erdmassenbewegungen. Nach dem Messerückbau fuhren die Baumaschinen fast 70 000 Kubikmeter Erde an. Nicht nur für die 95 Zentimeter hohen Rasenkissen. Das gesamte Messeareal war zuvor zwei Meter tiefer abgetragen worden, um störende Einbauten zu entfernen. Der Parkbereich Feuerbacher Heide ordnete sich durch den früheren Steinabbau vor der Erdmodellierung räumlich der lauten Straße "Am Kochenhof" zu. Jetzt schließt er wieder direkt an den fortgesetzten Höhenrücken an. Die Straße verschwindet nach dem Auffüllen optisch unterhalb des neuen Parkniveaus. Die Erdauffüllungen seien in der Ausschreibung Negativpreise gewesen, erklärt das Gartenamt, da man deklarierte Erde aus anderen Baustellen der Stadt verwendete. Der Park selbst finanzierte sich über die angrenzenden Grundstücksverkäufe.

Wegbegleitender Wasserlauf... Foto: Vossen

...und Sitzbank in der Grünen Fuge. Foto: Vossen

Akzeptanz in der Öffentlichkeit

Obwohl die Projektdaten große Zahlen benennen, sei nicht die Projektgröße die Herausforderung gewesen, erklärt Ulf Roeder von Pfrommer + Roeder. Das Stuttgarter Landschaftsarchitekturbüro leitete die Bauausführung des sieben Millionen Euro teuren Projekts. Da der neue Park die Verlängerung des Höhenparks darstellt, der einen hohen Stellenwert in Stuttgart habe, erfahre er eine enorme Aufmerksamkeit. "Daher habe ich es vielmehr als Herausforderung gesehen, hier diese neue Gestaltungsidee so konsequent über die 100 000 Quadratmeter durchzusetzen", erklärt Roeder. Das Garten-, Friedhofs- und Forstamt unterstützte die Entwurfs- und Bauphase durch eine breite Öffentlichkeitsarbeit. Gartenamtsleiter Schirner erklärt, wie wichtig es war, das Projekt in öffentlichen Sitzungen mehrfach vorzustellen. "Gerade vor dem Hintergrund einer ganz anderen Gestaltungsidee brauchte es eine hohe Akzeptanz der Bevölkerung."

Die Meinungen zum neuen Park sind so bewegt wie seine Topographie. Denn seine Gestaltung polarisiert - sowohl in Fachkreisen als auch unter den Besuchern. Die Ansichten reichen von der grünen "Steppdecke" bis hin zur "zukunftsweisenden Gestaltung". Einig sind nur alle darin, dass die Erweiterung des bestehenden Grünsystems ein großer Gewinn für Stuttgart ist. Das "Grüne U", der u-förmige Verbund von bisher sechs innerstädtischen Parks existiert seit der Internationalen Gartenausstellung 1993. Damals schloss der "Leibfriedsche Garten" mitsamt zweier Fußgängerstege die Grünverbindung vom Schlosspark hinauf zum Killesberg. Fertig war ein acht Kilometer langes Parkband ohne stockende Ampelüberquerung.

Als Urheber des Grünen U zählt das Stuttgarter Landschaftsarchitekturbüro Luz + Partner. "Wir sind aber nicht die Erfinder des Grünen U, sondern diejenigen, die es über Generationen mit Hilfe von Vielen zusammengefügt haben", erklärt Christof Luz. Erste Überlegungen zu einem zusammenhängenden Parkband hatte sein Großvater bereits 1928. Die neuen Parkflächen knüpfen an das bisherige Ende, dem Höhenpark Killesberg an, und schließen die Lücke zu den angrenzenden Waldflächen in Stuttgarts Westen.

"Zukunft Killesberg Freianlagen", Stuttgart. Foto: Sirtoli

Blick von der Aussichtsplattform am Naturdenkmal "Rote Wand" über die Grüne Fuge. Erst die erneute Erdbewegung schuf die gleichmäßige sanfte Senke. Foto: Sirtoli

Detaillierung und Pflegeintensität

In der Ausführung des neuen Parks wurde nichts dem Zufall überlassen. Für die Kanten und Böschungen der auffälligen Rasenkissen braucht es eine intensivere Pflege. Bereits im Vorfeld wurden Probeflächen angesät, um verschiedene Pflegemethoden zu testen. Leider mussten im Projektverlauf Kosten reduziert werden. Um 100 000 Euro einzusparen, verzichtete man auf die teuren Böschungsmatten zur Bewässerung. Im ersten Sommer wässern nun die Gärtner Tag für Tag die schnell austrocknenden schrägen Rasenflächen, damit es zu keinen Ausfällen kommt.

Im Bereich Grüne Fuge, der Freifläche zwischen der neuen Wohnbebauung und dem neuen Stadtteilzentrum "Forum K", geht das Gartenamt von einer achtmaligen Mahd pro Jahr aus. Die Intensität von Gestaltung und Pflege lässt mit zunehmender Entfernung zur Grünen Fuge nach. Daher ist die Pflege auf der Feuerbacher Heide weniger aufwendig: Wiesenkissen, die höchstens zweimal im Jahr gemäht werden, sollen den Jahreswandel in der Stadt erlebbar machen. Dazwischen liegen einfache Rasenwege. Auch die Dichte der Wege ist geringer.

Die Rasenkissen sind mit umfassenden Granitsteinen eingefasst. Die organischen Kissenformen bedingten viele Sonderanfertigungen. Es sei schwierig gewesen, einen Hersteller zu finden, der dies bei fast 7000 laufenden Meter Einfassungssteine leisten konnte, berichtet Landschaftsarchitekt Roeder. In China wurden sie schließlich fündig. "Wir haben uns im Vorfeld fast hundert Meter von den Einfassungssteinen fertigen lassen und diese dann vor Ort besichtigt".

Inmitten der Grünen Fuge begleitet ein Bachlauf einen der geschwungenen Wege. Im Wechsel links und rechts der Wegseite leitet er vom U-Bahn-Halt hinunter bis zum See. Das Niederschlagswasser aus den angrenzenden Wege- und Dachflächen speist den Wasserlauf. Der See bildet den Abschluss der Grünen Fuge und inszeniert den Übergang zum Höhenpark. Ein Schilfgürtel im See reinigt das Wasser, das zur Bewässerung des neuen und teilweise auch des bestehenden Killesbergparks dient. Als Zisterne wurde ein alter Kellerraum einer ehemaligen Messehalle ertüchtigt. Er fasst ein Volumen von über 3500 Kubikmeter und liegt verborgen unter einem der vielen Rasenkissen.

Entwurf der "Zukunft Killesberg Freianlagen". Nordöstlich grenzt der Höhenpark Killesberg an. Abb.: ARGE Landschaftsarchitekten Rainer Schmidt/Pfrommer + Roeder

Nachbarschaft zum Höhenpark als Herausforderung

Neuer und alter Killesbergpark grenzen direkt aneinander. Ihr Parkprogramm könnte nicht gegensätzlicher sein. Der Höhenpark wurde 1939 im Rahmen der dritten Reichsgartenschau eröffnet. Nach dem Krieg waren hauptsächlich Ruinen und Bombentrichter übrig. 1950 ermöglichte die Deutsche Gartenschau den Wiederaufbau. Beide Male war Hermann Mattern der federführende Gartenarchitekt. 1986 unter Denkmalschutz gestellt, zeigt der Park das klassische Spektrum eines Volksparks aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mattern schuf abwechslungsreiche Flächen und vereinte zahlreiche Nutzungen und Nutzungsmöglichkeiten in einem gesamtlandschaftlichen Zusammenhang. Ein vielschichtiger und zeitloser Park entstand - wahrscheinlich der beliebteste in Stuttgart.

Für den neuen Killesbergpark galt es, ein eigenständiges Parkthema sowie eine eigenständige Gestalt zu finden - sollte er nicht als Anhängsel des 50 Hektar großen Höhenparks erscheinen. "Im Rahmen der Konzeption haben wir sieben oder acht verschiedene Entwürfe gemacht und diese mit dem Gartenamt diskutiert", beschreibt Schmidt die Herangehensweise. Man habe einen Entwurf gewollt, der das neue Jahrhundert repräsentiere. Daher versucht der neue Park auch kein Volkspark im klassischen Sinne zu sein. Eher erinnern die "Schlenderwege" an den Vorgänger des Volksparks, den bürgerlichen Volksgarten, der zum Spazierengehen einlädt. Im Gegensatz zu diesem, sind hier aber die Parkbesucher eingeladen, sich den Freiraum anzueignen.

Die Rasenhügel darf man erklimmen und in Besitz nehmen - man soll sogar. Die Planer sind gespannt auf die neuen Nutzungen. "Der neue Park kann als neue Landschaft verstanden werden - wir wissen nicht, welche Nutzungen er nach sich zieht", sagt Gartenamtsleiter Schirner. Noch fehlten die Erfahrungen. Schließlich könne sich jeder die Rasenkissen nach seinen eigenen Möglichkeiten erschließen. Viele Kissen entsprechen den Flächen von Kleinspielfeldern für Frisbee, Federball und andere Ballsportarten. Sie sind auch gedacht als Picknickplatz, Yogatreff, Ausstellungsplattform - oder Freiraum für zukünftige noch unbekannte Nutzungen. Nur Rampen für einen leichteren Zugang sind nicht geplant.

Der Park darf als großer Spielplatz verstanden werden. Die bewegte Topographie lädt ein, sich auf das Wechselspiel der Perspektiven einzulassen. Da das Gelände der Grünen Fuge eine schiefe Ebene ist, rücke der See optisch näher, so Rainer Schmidt. Aus anderen Blickrichtungen erscheine der Raum wieder größer, als er eigentlich sei. Die verspiegelte Rückwand am See verstärkt die Illusionen von Distanz und Nähe.

Man darf gespannt sein, welchen Stellenwert der Park in den nächsten Jahren und Jahrzehnten bei den Stuttgartern einnehmen wird. Die direkte Nachbarschaft zum Höhenpark macht es ihm nicht leicht. Noch säumen Baustellen links und rechts die Grüne Fuge. Die Ränder sind von Baukränen und Baulärm geprägt. Die neu gesetzten Obst- und Laubbäume werfen noch keine großen Schatten. Wer dem Bautrubel entkommen will, oder einen Schattenplatz sucht, hat schnell den Höhenpark zum Ziel. Im Frühjahr 2013 soll das neue Stadtquartier eröffnen, das Areal mit Wohnbauten füllt sich ebenfalls. Erst wenn in den angrenzenden Quartieren auch gelebt wird, hat der neue Park die Chance, sich voll zu entfalten.

  • Auftraggeber: Stadt Stuttgart, vertreten durch das Referat T
  • Projektleitung: Garten-, Friedhofs- und Forstamt Stuttgart
  • Planung und Objektüberwachung: ARGE Zukunft Killesberg Freianlagen, Arbeitsgemeinschaft Pfrommer + Roeder Landschaftsarchitekten, Stuttgart mit Rainer Schmidt Landschaftsarchitekten, München
  • Bauzeit: 2010 bis 2012
  • Fläche: 9,55 Hektar
  • Baumpflanzungen: 400 Stück
  • Kosten: 7 Millionen Euro

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 10/2012 .

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