Für die Vereinbarkeit von Gartenarchitektur und Klimaschutz

Schluss mit Minimalismus! Üppig ist das neue Cool!

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Gartenarchitektur Klimaschutz
Abb. 1: Gärten beeinflussen ihre Umgebung positiv. . . Foto: Anke Henz
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Abb. 2: . . . oder negativ. Foto: Anke Henz

Beim Streifen durch Einfamilienhausgebiete, insbesondere aus neuerer Zeit, mit ihren gepflasterten und geschotterten Vorflächen - ich mag hier nicht von Gärten sprechen - stellt sich die Frage, ob der gesellschaftliche Konsens darüber verloren ging, was unter einem Garten zu verstehen ist. Konsens war, und so steht es auch übereinstimmend in verschiedenen Lexika, dass es sich bei einem Garten um ein eingehegtes Stück Land am oder ums Haus handelt, auf dem zu nicht kommerziellen Zwecken Pflanzen kultiviert werden.

Lassen Sie uns zur Untermauerung dieser These zunächst zwei Gärten genauer betrachten: Beispielgarten eins liegt in einem kleinen über 300 Jahre alten Ort in einer Landschaft mit sehr windigem Klima. Für seine Hausgärten sind große, alte Laubbäume typisch, die zusammen einen wirksamen Windschutz bilden. Rosen und Hortensien gedeihen hier besonders gut.

Das Klima der Gegend, in dem der zweite "Garten" liegt, ist durch sehr heiße Sommer gekennzeichnet, die Temperaturen klettern oft über 30 Grad Celsius, auch 35 Grad Celsius und mehr sind keine Seltenheit. Nachts sinken die Temperaturen dann oft nicht unter 20 Grad Celsius, was zu gesundheitlichen Belastungen insbesondere der älteren Bevölkerung führt.

Der "Garten" wurde 2020 angelegt, nachdem zuvor das alte Haus abgebrochen und der vorhandene Garten vollständig abgeräumt worden waren. Nur ein Nussbaum in einer Gartenecke überlebte. Jetzt prägen schwarze Steine und schwarze Betonstufen das Bild und das Kleinklima, denn schwarze Steine sind optimale Wärmespeicher, weil sie fast die gesamte Energie der einfallenden Sonnenstrahlen absorbieren. Der rechts im Anschluss an die Steine verlegte Kunstrasen kann nichts zur Verminderung der Hitze beitragen, denn nur durch die Evaporation von Pflanzen entsteht Kühle.

Beide Gärten beeinflussen das Kleinklima in ihrer Nachbarschaft, aber auch das Vorkommen von Pflanzen und Tieren in Abhängigkeit davon, in wie weit sie als Lebens- oder Teillebensraum zur Verfügung stehen.

Wann, wie und warum kam der gesellschaftliche Konsens darüber abhanden, was unter einem Garten zu verstehen ist? Lassen Sie uns auf Spurensuche in der jüngeren Vergangenheit gehen.

Nach dem Krieg dienten die Hausgärten noch der Selbstversorgung mit Obst und Gemüse und auch Blumen wurden kultiviert. Mit steigendem Wohlstand und sicherer Versorgungslage trat der Aspekt der Pflegeleichtigkeit vermehrt in den Vordergrund und Beete wurden zur Rasenflächen, Laubgehölze wurden durch Koniferen ersetzt, die Zierkoniferen traten ihren Siegeszug an. Diese Entwicklung rief in den umweltbewegten Zeiten der 1970er-Jahre die erste Gegenbewegung auf den Plan. Neben der Durchsetzung von Verbesserungen beim technischen Umweltschutz ging es auch darum, den Naturschutz oder die Natur in jeglicher Form voranzubringen, nicht nur in der Landschaft, auch in der Stadt.

Louis G. Le Roy schrieb 1973 sein Werk: "Natur ausschalten Natur einschalten". Le Roys übte harsche Kritik an öffentlichen Grünanlagen: "rechteckige, glattrasierte Rasenflächen mit einzelnen beschnittenen Bäumen und ein paar ordentlichen, abgegrenzten Blumenbeeten, von denen manche Menschen Depressionen bekommen." Hinsichtlich der Pflanzenverwendung war Le Roy der Meinung "Man soll wachsen lassen, was wächst und menschliche Eingriffe auf das Allernotwendigste beschränken." Auf diese Weise entwickelten sich die nach seinen Ideen gestalteten Grünräume zu artenreichen Biotopen für Pflanzen und Tiere, wobei die Pflanzenartenzahl mit zunehmendem Alter der Anlagen wieder abnahm, was typisch für natürlich ablaufende Sukzessionen ist. Le Roys Ideen blieben nicht folgenlos.

1980 erschien "Der Naturgarten" von Urs Schwarz. Das erste Kapitel heißt "Natur im Rückgang" und beginnt: "Das Aussterben von Pflanzen und Tieren schreitet voran. Unsere Umwelt erleidet nicht wiedergutzumachende Schäden." Heute, 40 Jahre später, ist die Situation noch viel dramatischer, das Artensterben hat nie gekannte Ausmaße angenommen. Urs Schwarz beschreibt, wie öffentliche Grünflächen, aber auch Schulgrundstücke sowie Haus- und Nutzgärten durch das Anlegen von Feucht- und Trockenbiotopen, Hecken und Wiesen vielfältiger werden und heimischen Tieren und Pflanzen dadurch Lebensraum zurückgeben wird.

Was blieb von diesen Ideen? In der Folge extensivierten viele Städte die Pflege ihrer Grünflächen und Parks, teils in der Hoffnung, dadurch Kosten einzusparen. Karlsruhe wurde zu einem Vorreiter bei der Umwandlung von Vielschnittrasen in zwei- bis fünfschürige Wiesen, wodurch Artenvielfalt und Blühaspekte besonders auch auf sandigen Böden zunahmen, was sich zudem positiv auf das Insektenvorkommen auswirkte.

Gernot Minke und Gottfried Witter schrieben 1983 "Häuser mit grünem Pelz", ein Handbuch zur Hausbegrünung, beileibe nicht der einzigen Titel zu diesem Thema. In den Folgejahren war Fassadenbegrünung "in" und fand Eingang in die Festsetzungen von Bebauungsplänen. Architekten entwarfen Häuser mit stark gegliederten Fassaden und Dachlandschaften. An Erkern und Balkonen wurden bereits Rankhilfen für Kletter- und Schlingpflanzen vorgesehen. Es folgten Förderprogramme zur Begrünung von Altbauten.

In Tübingen, Freiburg, Karlsruhe und anderswo entstanden so genannte Ökosiedlungen. Bei den Gebäuden wurde mit alternativen Materialien und Heizmethoden, aber auch Wintergärten experimentiert. Die Gartengestaltung machte auch vor dem Gebäude nicht halt, es wurden Fassaden und Dächer begrünt. Zu ebener Erde entstanden Naturgärten mit hoher Toleranz gegenüber Wildpflanzen, in denen aber auch Nutzpflanzen ihren Platz fanden, etwa in einer Kräuterspirale. Im Baugesetzbuch wurde verankert, dass Eingriffe in den Naturhaushalt, die durch Baumaßnahmen verursacht werden, durch Ausgleichsmaßnahmen auszugleichen sind. Bei der Bilanzierung von Eingriff und Ausgleich wird dabei selbstverständlich zugrunde gelegt, dass die geplanten Gärten als Grünflächen angelegt und unterhalten werden, das heißt, dass dort Pflanzen kultiviert werden.

War das alles zu viel Wildwuchs, zu viel Unordnung, gar zu viel Leben im Garten, waren das zu viele Blüten und zu viel Liebe zum Detail bei der Fassadengestaltung? Oder nur zu viel Arbeit? Heute ist jedenfalls eine deutliche Gegenbewegung zu beobachten hin zu klaren, einfachen Formen in nüchternen kühlen Farben bei der Architektur und äußerster Zurückhaltung bei der Pflanzenverwendung im Garten. Letztere ist ein Problem für uns alle und unsere natürlichen Lebensgrundlagen.

Theoretisch hätte diese Entwicklung der Gärten hin zur Verarmung und Versteinerung gar nicht stattfinden dürfen, denn wie Klimawandel und Artensterben zu begegnen sind, fand auch Eingang in das Baugesetzbuch, das alle für die Bauleitplanung relevanten Gesetze in einem Gesetzeswerk zusammenfasst und die Regeln für die Abfassung von Bebauungsplänen aufstellt. Seit Jahrzehnten wird in diesen festgeschrieben, dass die Befestigung von Flächen auf ein Minimum zu beschränken ist und, wenn unbedingt notwendig, dann wasserdurchlässig zu erfolgen hat. Auch wird festgesetzt, dass das Anlegen von Schotterflächen in Vorgärten unzulässig ist.

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Abb. 3: Der Bebauungsplan setzte fest, dass die Befestigung von Flächen auf ein Minimum zu beschränken und, wenn unbedingt erforderlich, dann wasserdurchlässig zu gestalten ist. Foto: Anke Henz

Ein Phänomen in diesem Zusammenhang ist das Ignorieren von Festsetzungen aus gültigen Bebauungsplänen, was sicher auf der Vorstellung beruht, selbstverständlich der eigene Herr, die eigene Herrin im eigenen Garten sein zu dürfen. Problematisch wird es jedoch dann, wenn sich daraus negative Folgen für die Allgemeinheit ergeben.

Ein guter rechtsverbindlicher Bebauungsplan bleibt ein zahnloser Tiger, wenn die Bauaufsichtsbehörden keine Kontrollen zur Durchsetzung der Festsetzungen durchführen, verbunden mit Rückbauverpflichtungen zu Vegetationsflächen für Schotterflächen und versiegelte Flächen, die nicht der Erschließung dienen. Das spricht sich rum und reduziert den Kontrollaufwand in der Zukunft erheblich. Leider werden Kontrollen dieser Art von Seiten der Politik häufig als Gängelung der Bürger und Bürgerinnen empfunden, anstatt anzuerkennen, dass durch die Anlage und den Erhalt von Vegetationsflächen dem Allgemeinwohl gedient wird.

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Abb. 4: Formschnitthecken lassen sich durch Betonkuben ersetzen, das spart Arbeit. Foto: Anke Henz

Liebe Kolleginnen und Kollegen der planenden und ausführenden Zünfte! Geht die angesprochenen Probleme mit Kreativität und Gestaltungswillen an! Zeigt euren Auftraggebern, dass ein formvollendeter Garten, der mit der modernen Architektur des Hauses korrespondiert, nicht aseptisch, geschottert und versiegelt sein muss. Schafft Strukturen aus blühenden Gehölzen, legt formale Pflanzflächen an, zum Beispiel mit einer artenreichen Mischung aus trockenheitsertragenden Stauden, die gleichzeitig Augen- und Bienenweide sind! Werbt für Toleranz gegenüber blühenden Wildkräutern im Rasen! Begrünt jedes Eckchen! Seid zurückhaltender beim Einsatz von Hecken- und Astschere! Überzeugt den Hochbauarchitekten davon, dass man die Gliederung der Fassade nicht einem dunkelgrauen Streifen überlassen muss, dass auch ein formal gestaltetes Rankgerüst mit einer blühenden Pflanze diese Funktion übernehmen kann! Seid einfallsreich und verantwortungsvoll beim Wassermanagement, sprich: sammelt, speichert, versickert, bewässert damit die Gärten auch in trockenen Zeiten eine grüne Zukunft haben!

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Abb. 5: Baum gefällt, Hecke gerodet, Schotter geht auch senkrecht. Foto: Anke Henz

Kurz gesagt: Zurückhaltung bei der Pflanzenverwendung war gestern! Überzeugt eure Auftraggeber davon, dass formale Strukturen und pflanzliche Vielfalt keine unüberwindlichen Gegensätze sind. Klimaschutz und Artenvielfalt gibt es dann gratis oben drauf.

Schluss mit dem Minimalismus! Üppig ist das neue Cool!

Dipl.-Ing. Anke Henz
Autorin

Grünordnungsplanerin im Gartenbauamt Karlsruhe

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