Gewächshauskultur sollte in 1960er-Jahren Ernährung revolutionieren

Die Turmglashäuser des Othmar Ruthner - Vertical farming 1.0

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Die Reste des "Test-Hauses" im einstigen Gelände der WIG 74 (heute Kurpark Oberlaa). Foto: Christian Hlavac

In den 1960er-Jahren waren Hochhäuser in den meisten europäischen Städten eine Seltenheit. Daher darf uns nicht verwundern, dass damals neuartige Türme mit bis zu 54 Meter Höhe große Aufmerksamkeit erregten. Noch dazu, da in diesen Hochhäusern nicht Menschen wohnten oder arbeiteten, sondern Zier- oder Gemüsepflanzen in einem Paternoster ihre Runden drehten. Diese vertikale Gewächshauskultur geht auf den Wiener Ingenieur Othmar Ruthner (1912-1991) zurück, der seine Karriere im elektrochemisch-metallurgischen Industrieanlagenbau startete. Bekannt wurde er durch die Erfindung des Turmglashauses, das den Gartenbau und die Ernährungssituation in der Welt revolutionieren sollte. Es kam jedoch anders. Das zeigt sich daran, dass heute kein einziger Glashausturm mehr in Betrieb ist und die Suche nach den Resten dieser "grünen Technologie" der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleicht.

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Portrait des österreichischen Ingenieurs Othmar Ruthner 1964. Abb.: ÖNB

Die Person Othmar Ruthner

Im Jahr 1912 in Wien geboren, legte Ruthner an der Bundeslehr- und Versuchsanstalt für chemische Industrie (Wien) sein Abitur ab. Danach studierte er von 1932 bis 1937 an der Technischen Hochschule Wien. Schon von 1936 an war er Betriebsleiter beziehungsweise Leiter der Forschungs- und Prüfstelle bei den Böhler Ybbstalwerken in Niederösterreich. 1946 gründete er in Wien seine eigene Firma: "Ruthner Elektrochemisch-Metallurgische Industrieanlagen", sechs Jahre später folgte die Firmengründung von "Ruthner-Stahlbau". Anfang der 1960er-Jahre verschob sich sein beruflicher Fokus. Dies lässt sich auch aus der Liste seiner Patente herauslesen: Aus dem Jahr 1958 stammen seine ersten Verfahrenspatente aus dem Bereich des sogenannten Industriellen Pflanzenbaus. Sichtbares Zeichen war das Turmglashaus, das auch Turmgewächshaus genannt wurde. 1963 gründete er dazu eine eigene Firma: "Ruthner Industrieanlagen für Pflanzenbau GmbH". Im Laufe der Jahre meldete er in diesem Bereich mehrere Patente an, unter anderem für ein "Gewächshaus mit turmartigem Aufbau" (1963) und ein "Umlaufgewächshaus" (1969).

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Der Donauturm und der Ruthner-Turm (l. hinten) auf der WIG 64. Foto: Helmut Englinger/Familienarchiv Hlavac
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Der Bereich rund um den Ruthner-Turm im Donaupark (um 1965). Foto: Privatarchiv Brigitta Schopf
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Die beiden Türme in der Gartenbauschule Langenlois. Ausschnitt aus einem Inserat Ruthners in der Ausstellungsbroschüre zur WIG 64. Foto: Sammlung Christian Hlavac
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„Kommandostand“ des Turmglashauses in Langenlois (Sommer 1963). Foto: Fritz Weigl

Der Turm auf der WIG 64

Bereits Monate vor Eröffnung der Wiener Internationalen Gartenschau 1964 (WIG 64) auf dem Gelände des späteren Donauparks wurde in österreichischen Medien eine "Weltsensation" auf dem Gebiet der Gartenbautechnik und eine "Revolution im Pflanzenbau" angekündigt: das Turmglashaus Ruthners, welches während der Schau für 10 Schilling Eintrittsgebühr zugänglich war.

Das insgesamt 42 Meter hohe Rundgebäude mit einer Nutzfläche von 1000 Quadratmeter diente der Produktion von Jungpflanzen, Blumen und/oder Gemüse. Auf einem sich ständig im Umlauf befindlichen Paternoster hingen auf 282 Hängevorrichtungen in Summe 35.000 Blumentöpfe. An der tiefsten Stelle befand sich eine Tauchwanne, die mit Wasser und einer Nährlösung gefüllt war. In der offiziellen Broschüre zur WIG 64 hieß es: "Das Turmgewächshaus [. . . ] zeigt den letzten Stand der Entwicklung der Vertikalkultur. Das In- und Ausland wendet diesen Glashaustürmen lebhaftes Interesse zu. Sie leiten eine neue Entwicklung des Gartenbaues durch Übertragung industrieller Methoden in die Agrikultur ein, die erhöhte Wirtschaftlichkeit, Personaleinsparung, gleichmäßige Produktion und verbesserte Qualität unabhängig von Standort und Klima bedeuten. [. . . ] Es ist zu hoffen, dass diese in Österreich entwickelte Idee nicht nur dem europäischen, sondern auch dem überseeischen Gartenbau neue Impulse geben wird."

Dieses Turmgewächshaus hatte in der Schulgärtnerei der Gartenbauschule im niederösterreichischen Langenlois zwei deutlich kleinere Vorgänger. Der verglaste, sechseckige Prototyp aus 1963 mit Paternoster-Umlaufsystem für Saatkisten wies eine Gesamthöhe von 11 Meter auf. 1964 folgte ein zweites Exemplar, diesmal mit rundem Grundriss, 22 Meter Gesamthöhe, einer Polyester-Außenhaut und mit Klimamessgeräten. Dieser Turm wurde mit Pflanztöpfen für Blumen ausgestattet. Das Ziel war bei allen Turmglashäusern gleich: die Produktion von Pflanzen auf Fließbändern; hier eben vertikal.

Die "himmlische" Idee

Am Anfang der Geschichte des Glashausturmes stand ein hehres Ziel: die Produktion von Nutz- und Zierpflanzen zu vereinfachen und effizienter zu handhaben sowie auf einer geringen Grundfläche eine möglichst große Nutzfläche zu gewinnen.

Ein anonymer Autor in "Eipeldauers Gartenzeitung" schwärmte im September 1963 unter dem Titel "Macht euch die Erde untertan!" von der Erfindung: "Ein Wiener Ingenieur [. . . ] hatte einen genialen Einfall, der den Gartenbau und vielleicht sogar die Landwirtschaft revolutionieren wird. [. . . ] Damit wird die traditionell zweidimensionale Anbaufläche verlassen und der dreidimensionale Raum zur Pflanzenproduktion verwendet." Mit der Erfindung des Turmglashauses ist "auch der bäuerliche Mensch nunmehr in der Lage, sich die Erde untertan zu machen, er ist nicht mehr absolut den Naturelementen ausgeliefert." Der Autor sah das Turmglashaus als großen "Beitrag zur Bekämpfung des Hungers in der Welt". In der gleichen Zeitschrift hieß es im April 1964: "Eine wahre technische Sensation: Der Gärtner muss nicht mehr zu den Pflanzen hingehen, sondern die Pflanzen kommen nach einem wohldurchdachten Fließbandsystem in fortlaufender Auf- und Abwärtsbewegung zum Gärtner."

Bayer AG Leverkusen

Im Jahr 1965 errichtete man einen 23 Meter hohen Turm mit Kunststoff-Außenhaut auf dem Gelände der Bayer-Werke in Leverkusen. Dort wurden Pflanzen gezogen, bevor diese ins Freie versetzt und an ihnen Schädlingsbekämpfungsmittel erprobt wurden. Das Magazin "Der Spiegel" widmete Mitte 1965 diesem Turmgewächshaus unter dem Titel "Primeln im Paternoster" einen längeren Beitrag: "Der Gärtner sitzt im Lehnstuhl. Ohne sich zu erheben, düngt, jätet und begießt er das Gemüse: Im Fließbandtempo (1,4 Meter je Minute) kommen Salat- oder Tomaten-, Paprikaschoten- oder Pilzbeete an seinem Kommandostand vorbeigefahren. Mit einer handlichen Stiel-Brause pflegt er das Pflanzengut. Entspannte Gärtner, denen Rückenschmerzen fremd sind, und eine Menschheit ohne Hunger - solche humanitären Wunschträume soll eine Vorrichtung verwirklichen, die ein österreichischer Maschinenbau-Ingenieur ersonnen hat und Anfang dieses Monats im Forschungsgarten der Bayern-Werke, Leverkusen, in Betrieb genommen wurde [. . . ]." Der anonyme Autor wagte in dem Artikel auch eine Prognose, die jedoch nie eintraf: "Jedes kleine Gemeinwesen wird sich dereinst mit eigenen Glastürmen autark versorgen können."

Der menschliche Körperkraft sparende Ansatz Ruthners wird auch in einem Foto aus dem Sommer 1963 deutlich: Dieses Foto aus der Gartenbauschule Langenlois zeigt einen sitzenden Gärtner, der mit einer Brause die vorbeikommenden Pflanzentöpfe gießt. Der "Spiegel"-Autor sprach in diesem Zusammenhang sogar von "schlaraffenähnlichen Arbeitsbedingungen" für den Gärtner. Demnach kam die Pflanze zum Gärtner - und nicht umgekehrt: Er lässt "die Gondeln zu sich heranschweben, stoppt sie für die Zeit der nötigen Handgriffe und setzt dann den Paternoster wieder in Bewegung. Messinstrumente geben ihm Aufschluss über die Feuchtigkeit, die Temperatur u. a."

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Das Turmglashaus (2016) in Wiener Neustadt vor dem Abbau. Foto: Werner Sulzgruber
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Im Inneren des Turmglashauses in Wiener Neustadt. Foto: Werner Sulzgruber
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"Kulturrohr" mit Gurken im "Umlaufgewächshaus". Aus der Dissertation von Othmar Ruthner (1972). Reproduktion: Christian Hlavac
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„Ein-Klima-Turmgewächshaus“ für Blumenkulturen in Chorzów (Polen). Aus der Dissertation von Othmar Ruthner (1972). Reproduktion: Christian Hlavac

Wiener Neustadt

Auch in Wiener Neustadt (Niederösterreich) stand auf dem Gelände der (inzwischen ehemaligen) Stadtgärtnerei ein Ruthner-Turm. Er wurde - laut den von Werner Sulzgruber ausgewerteten Bauakten - 1964/1965 errichtet. Die heute noch erhaltene Betriebsanleitung für das Wiener Neustädter "Turmgewächshaus 70 m²" stammt aus dem Juli 1964. Alle Pläne sind hingegen im November 1963 gezeichnet worden, und somit in einer frühen Phase des Baues von Turmgewächshäusern. Trotzdem fand die kommissionelle Schlussüberprüfung durch das Bauamt erst im Oktober 1965 statt. Der Turm wies einen sechseckigen Grundriss und eine Gesamthöhe von 10,5 Meter auf. Die Umlaufgeschwindigkeit des Paternosters betrug rund 1,8 Meter pro Minute, die Umlaufzeit rund 20 Minuten. Auf die Hängevorrichtungen konnte man Töpfe, Schalen oder Blumenkästen stellen.

Der Schweizer und der polnische Turm

In Rüfenach nahe Brugg (Kanton Aargau) stand von 1965 an in der Gärtnerei von Ernst Haller ein 18 Meter hohes, achteckiges Turmgewächshaus für Zierpflanzen. Es war das erste und einzige seiner Art in der Schweiz. Die Pläne stammten von Ruthners Firma, sie wurden jedoch von einem Unternehmen für Gewächshausbau in Baar verbessert und danach umgesetzt. Bei einer Grundfläche von 20 Quadratmetern schuf man Platz für 5500 Topfpflanzen. In der "Schweizer Filmwochenschau" verglich man im Februar 1966 dieses Glashaus mit den sogenannten Hängenden Gärten der Semiramis und ergänzte: "Dieser Garten hängt nicht nur, er wandert auch - und zwar auf und ab."

Die Schweizer Fachzeitschrift "Der Gemüsebau" berichtete Anfang November 1965 über die soeben erfolgte Einweihung dieses "Wunderwerks": "Für näher Eingeweihte und Kenner der einschlägigen Materie war die Neuheit nicht so überraschend, wie das für einen Laien der Fall gewesen sein wird. [. . . ] Die Ausweitung der traditionellen, horizontalen, zweidimensionalen und daher begrenzten Kultivationsfläche durch die Erschließung des dreidimensionalen Raumes mit Hilfe eines kontinuierlichen, vertikal und horizontal umlaufenden Fließbandsystems ermöglicht erstmals die vollständige Ausnützung des verfügbaren Kultivationsraumes. Unabhängig von Standort und Jahreszeit können die für das Wachstum der Pflanzen notwendigen Umweltfaktoren automatisch geregelt und damit bei größter Wirtschaftlichkeit zu günstiger Wirkung gebracht werden. [. . . Die Verfahren] sind in der Lage dem Pflanzenbau einen neuen wirtschaftlichen Ausgangspunkt durch folgende kultivatorische und arbeitstechnische Vorteile zu sichern: Günstigste Lichtbedingungen durch maximale Nutzung des Morgen- und Abendlichtes. Selbstbeschattung der Pflanzen durch die ständige Bewegung im Raum. Bedeutende Bodenflächeneinsparung und Raumnutzung."

1965/1966 errichtete man in Chorzów nahe Katowice einen prestigeträchtigen 54 Meter-Turm im "Wojewódzki Park Kultury i Wypoczynku". Der "Kultur- und Erholungspark" war Teil der polnischen Industriestadt in der Woiwodschaft Schlesien. Der im Juni 1968 während der polnischen Gartenbauausstellung feierlich eröffnete Turm mit einem Durchmesser von 11,2 Meter und einer Grundfläche von 100 Quadratmetern diente der Produktion von Zierpflanzen.

Der "Club of Rome"

Im Jahre 1972 veröffentlichte ein Zusammenschluss von Experten den Bericht "The Limits to Growth", der noch heute interessant zu lesen ist. Er zeigt die bereits damals erkannte Endlichkeit der Ressourcen auf. Liest man die Dissertation von Othmar Ruthner aus dem gleichen Jahr, findet sich dieses Moment auch hier angesprochen. In der Kurzfassung seiner Dissertation mit dem Titel "Studie und experimentelle Untersuchungen über ein phytotechnologisches Verfahren für die kontinuierliche Produktion von Pflanzenrohstoffen" heißt es: "Lange Zeit konnte er [= der Mensch] das biologische Gleichgewicht, d. h. die natürliche Umwelt für seine Zwecke mißbrauchen, ohne daß er, mit geringen Ausnahmen, selbst Schaden nahm. Mit Schrecken muß er nun erkennen, daß der Raubbau an der Natur bereits so weit fortgeschritten ist, daß es heute nur mehr mit großen Anstrengungen möglich sein wird, das Dasein des Menschen für die Zukunft zu sichern, zumal der Erde in wenigen Jahrzehnten auch noch eine Überbevölkerung droht. Eines der größten zu lösenden Probleme wird daher das der Ernährung sein." Mit seinem neuen Prinzip wolle er daher "Pflanzenrohstoffe [dies sind unter anderem Lebensmittel] in beliebigem Ausmaße unabhängig vom Standort und Jahreszeit produzieren" können. In seiner neu entwickelten "Produktionsanlage, in der die Energietransformation elektromagnetischer Strahlungsenergie (Sonnenlicht und Kunstlicht) in biochemische Energie erfolgt, werden mit dreidimensional geführten Fließbändern Pflanzen in künstlichen Wurzelräumen hydroponisch kultiviert." Er wolle mittels der "kurzzeitigen Konsumzuführung an Frischgemüsen" eine "gesunde Ernährung und die ganzjährige Pflanzenproduktion, vor allem in Ballungszentren der Millionenstädte ein gesundes Überleben" ermöglichen.

Den Begriff "Phytotechnologie" hatte Othmar Ruthner erfunden. Sein in der Studie dargelegtes Prinzip sollte nun mit einer "Multi-Testanlage" in die Praxis umgesetzt werden. Dazu brauchte es eine Tragkonstruktion, eine Außenverkleidung, ein Umlaufsystem, ein Gehänge, die Pflanzenträger und eine Luftkonditionierungsanlage; also Elemente, die er in seinen bisherigen Turmgewächshäusern und im 1971 errichteten Versuchshaus ("Drei-Klima-Umlaufgewächshaus" mit 1000 m² Grundfläche) auf dem Versuchsgelände der Wiener Hochschule für Bodenkultur schon großteils erproben hatte können. Die neue Testanlage diente der Entwicklung des "Industriellen Pflanzenbaus", dessen Ziele aus seiner Sicht vor allem die Deckung des Nahrungsmittelbedarfs für die ganze Weltbevölkerung und die Verringerung der Betriebskosten im Pflanzenbau waren.

Das vollklimatisierte Test-Haus mit drei Klimazonen errichtete man 1973 auf dem Gelände der zukünftigen Wiener Internationalen Gartenschau 1974. Der von Ruthner "Digitalishaus" genannte Doppelturm-Komplex diente der Produktion von "Biorohstoffen". Im Gegensatz zu seinen Vorläufern hatten die beiden Türme einen rechteckigen Grundriss.

Die Gründe für das Scheitern

Einer der Hauptgründe für den Abbau des Turmes in Polen war die im Laufe der Zeit einsetzende Reduktion der Lichtdurchlässigkeit der Polyester-Außenhaut, die gerade in einem Industriegebiet mit Kohlemienen und Hochöfen stärker voranschritt als in Gebieten ohne Hüttenindustrie. Die für den Turm verwendeten Materialien waren einfach nicht ausgerichtet auf die extremen Umweltbedingungen vor Ort. Zusätzlich machten die hohen Kosten für den Strom und die laufende aufwendige Wartung eine effiziente Produktion unmöglich. Die beiden letzten Faktoren waren auch im Falle des Turmes in Wiener Neustadt die ausschlaggebenden Gründe für die Stilllegung. Zusätzlich führte der beträchtliche Temperaturunterschied zwischen dem unteren und dem oberen Teil des Turmes dazu, dass die darin kultivierten Pflanzen einem permanenten "Temperaturwechselbad" ausgesetzt waren.

Wie Werner Sulzgruber festgehalten hat, waren die Stromkosten nicht nur aufgrund des permanent laufenden Paternosters so hoch. Es bedurfte - gerade bei den großen Turmgewächshäusern - mehrerer Ventilatoren, welche die sich im oberen Teil des Turmes ansammelnde warme Luft nach unten befördern mussten. Das heißt: Das Ziel, den Pflanzen überall im Turm die gleichen klimatischen Bedingungen zu bieten, war nur durch einen hohen Energieeinsatz zu erreichen. Die steigenden Strompreise im Zuge der Energiekrisen in den 1970er-Jahren trugen das ihre zu den hohen Betriebskosten bei. Nicht zu vergessen ist die aufwendige Steuerung, die zum einwandfreien und effizienten Betrieb notwendig war. Das Grundproblem bei allen Türmen: Das Investment war zu hoch bei den geringen Einnahmen und der fehlenden Kostenwahrheit im Pflanzenbau. Somit dauerte die Amortisationszeit viel zu lange. Die Verlagerung der Anbauflächen in die Länder des Südens verstärkte das Problem.

Was wurde aus den Turmglashäusern?

Auch wenn es heute leider unmöglich ist, alle Standorte zweifelsfrei zu bestimmen, lässt sich eine "Biographie der Turmglashäuser" in Ansätzen erstellen. Die Zahl der Turmglashäuser, die jemals errichtet wurden, wird 29 Stück betragen haben. Doch kein einziges von ihnen ist heute noch in Betrieb; alle wurden abgebaut. Das Turmgewächshaus auf der WIG 64 trug man nach Ende der Gartenschau ab, da das Gelände in einen öffentlichen Park umgewandelt wurde. Der Turm wurde nach Krefeld verkauft und dort in einem Gärtnereibetrieb ausschließlich für die Anzucht von Anthurien verwendet. Mit der Verbauung des Gärtnereigeländes in den 1980er-Jahren verschwand auch dieses Exemplar. Der Turm in Chorzów wurde 1984 abgerissen. Das Exemplar in Leverkusen stand bis zur Mitte der 1980er-Jahre. Spätestens ab 1965 existierte auch ein Turmglashaus in der Gärtnerei von Robert Mayer in Bamberg (Bayern). Hier produzierte man Primeln und Alpenveilchen. Wann dieses Exemplar abgebaut wurde, ließ sich bisher nicht klären. Ein Turmgewächshaus in Imst (Tirol) stand im Gartenbaubetrieb der Landwirtschaftlichen Landeslehranstalt. Im Zuge der Auflassung des Betriebes wurde der Turm 2005/2006 entfernt.

Auch die beiden Türme in Langenlois existieren nicht mehr: Der kleinere der beiden musste aus technischen Gründen außer Betrieb genommen werden, denn die Umlaufkette auf der Südseite erwärmte sich bei starker Sonneneinstrahlung stärker als jene auf der Sonne abgewandten Nordseite. Durch die dadurch verursachte ungleiche Ausdehnung kam es immer wieder vor, dass eine Kette aus dem Zahnrad sprang und letztendlich die Gehänge mit den darin befindlichen Pflanzenkulturen abstürzten. Anfang der 1990er-Jahre war der kleine Turm so desolat, dass er abgebaut wurde. Der große Turm war bis in die 1990er-Jahre in Verwendung. Er musste 1998 dem Projekt "Landschaftsgärtner-Lehrbauhof" weichen und wurde als Altmetall entsorgt.

Vom "Digitalishaus" in Wien-Oberlaa existiert am Originalstandort nur mehr die metallene Außenhaut samt Nebengebäuden - hinter Bäumen und Sträuchern versteckt. Der Turm in Wiener Neustadt wurde 2006 außer Betrieb genommen. Er musste einem Hotel-Projekt weichen und wurde im Jahr 2017 zerlegt und danach in den Alten Schlachthof gebracht, wo er heute im Freien - und daher kaum geschützt - sein Dasein fristet. Die Besonderheit in diesem Fall: Es handelt sich um das mit großer Wahrscheinlichkeit einzige erhaltene Turmgewächshaus von Othmar Ruthner auf der ganzen Welt, das außerdem noch funktionstüchtig wäre.

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Zeichnung des "Test-Hauses" (auch "Digitalis-Haus") für das WIG 74-Gelände. Aus der Dissertation von Othmar Ruthner (1972). Reproduktion: Christian Hlavac
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Das "Test-Haus" auf dem Gelände der WIG 74. Foto: Österreichisches Gartenbaumuseum

Das Ende, oder: Was bleibt?

Ende der 1980er-Jahre beendete die Firma Ruthner ihr Engagement im Bereich der Turmglashäuser. Mit der nötigen zeitlichen Distanz lässt sich festhalten, dass die noch heute Aufsehen erregenden Ideen Othmar Ruthners nicht nur in der Praxis scheiterten, sondern auch im Ansatz selbst. Die damaligen Erwartungen waren hoch gesteckt und ignorierten Erkenntnisse, die im Zuge der Ökologiebewegung und der Ökosystemforschung immer deutlicher formuliert wurden. So wissen wir heute, dass ein humoser Boden als komplexes, lebendes System nicht einfach zu ersetzen ist beziehungsweise der Boden nicht beliebig generiert werden kann. Ruthner entfernte sich - im guten Glauben - mit seinen Turmglashäusern vom erdbodengebundenen Pflanzenanbau, um unter anderem die Versiegelung von Flächen zu reduzieren und die Bevölkerung in jenen Gebieten zu versorgen, in denen bestimmte Lebensmittel nicht angebaut werden konnten. Dass die notwendige Energieversorgung bei einem großflächigen Einsatz der Turmglashäuser indirekt zu großen Flächenverlusten geführt hätte, übersah man damals noch. Erst in der Zeit der Energiekrisen in den 1970er-Jahren erkannte man, dass der Strom nicht einfach aus der Steckdose kommt. Zusätzlich erschwerte die Verlagerung der Produktion von Gemüse und Zierpflanzen in den Süden einen betriebswirtschaftlichen Erfolg.

Inzwischen hat sich in manchen Bereichen der Lebensmittelproduktion der Ansatz regionaler Lebensmittel durchgesetzt. Wenn Othmar Ruthner - laut dem Magazin "Der Spiegel" - "frischen Salat auf dem Montblanc, rote Erdbeeren in der Arktis, Januar-Erdbeeren am Dach eines Wolkenkratzers in Chicago als Zukunftsvisionen für durchaus realistisch" hielt, widersprach dies genau dem Ansatz der Regionalität, den er propagierte.

In zahlreichen Berichten über das Turmglashaus ist die Technikeuphorie der 1960er-Jahre deutlich herauszulesen. So meinte zum Beispiel der "Spiegel"-Autor 1963 zum Turmglashaus, dass hier "nichts mehr dem Zufall überlassen bleibt". Dieser Technikansatz scheiterte - vor allem am hohen Investment und an den hohen Betriebskosten. Und trotz dieser ernüchternden Bilanz darf Othmar Ruthner auf der einen Seite als ein österreichischer Pionier des Vertical und des Urban Farmings gelten. Auf der anderen Seite war er ein Pionier des Industriellen Pflanzenbaus.

Das Schlusswort gehört jedoch dem Schweizer Gärtner Ernst Haller aus Rüfenach, der 1963 den Einsatz "seines" Turmglashauses als Experiment auffasste. Er sah nämlich - ohne dass ihm dies bewusst war? - die prinzipielle Schwäche der Ansatzes Ruthners: "Allen technischen Errungenschaften zum Trotz spielt in der Pflanzenkultur der Mensch die Hauptrolle." Und der Boden selbst ist Grundlage für die "Mittel zum Leben".

Für freundliche Auskünfte ergeht ein Dank an Fritz Weigl, den langjährigen Direktor der Gartenbauschule Langenlois, an Dr. Werner Sulzgruber (Wiener Neustadt) und Oswald Ruthner (Wien).

Literatur

Hlavac, Christian: 50 Jahre Wiener Internationale Gartenschau. Von der Wiener Internationalen Gartenschau 1964 zum Donaupark. In: Stadt+Grün/Das Gartenamt. Nr. 4/2014, S. 40-45.

Kleszcz, Justyna; Kmiecik, Piotr; Swierzawski, Jakub: Vegetable and Gardening Tower of Othmar Ruthner in the Voivodeship Park of Culture and Recreation in Chorzów. The First Example of Vertical Farming in Poland. In: Sustainability, Vol. 12, Issue 13. MDPI (Hrsg.). Basel 2020.

Ruthner, Othmar: Studie und experimentelle Untersuchungen über ein phytotechnologisches Verfahren für die kontinuierliche Produktion von Pflanzenrohstoffen. Dissertation an der Technischen Hochschule Wien 1972.

Sulzgruber, Werner: Das Ruthner'sche Turmgewächshaus in Wiener Neustadt - das letzte seiner Art. In: Unser Neustadt. Blätter des Wiener Neustädter Denkmalschutzvereines, Nr. 3-4/2016, S. 1-12.

Sulzgruber, Werner: Der Wiener Neustädter Ruthner-Turm. Neue Erkenntnisse. In: Unser Neustadt. Blätter des Wiener Neustädter Denkmalschutzvereines, Nr. 4-2018/1-2019, S. 12-19.

Dr.- Ing. Christian Hlavac
Autor

Gartenhistoriker und Gartentouristiker am Zentrum für Garten, Landschaft und Tourismus, Wien

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