Grundsanierung des Peterskirchhofs in Frankfurt/M. abgeschlossen

Umgestaltung mit Blühaspekt

von:
Friedhöfe
1 Die Gedenkstätte "Verletzte Liebe" für die an HIV und AIDS Verstorbenen – große Nägel in der Wand des Kirchenbalkons – wurde freigelegt, der Bereich davor für die Feier am 1. Dezember (Welt-Aids-Tag) mit Basaltpflaster befestigt. Foto: Thomas Herrgen

Wenn alte Friedhöfe einmal entwidmet und umgestaltet sind, leisten sie als Park- oder Grünfläche einen wertvollen Beitrag zur Naherholung und Vernetzung innerstädtischer Grünräume. Der 600 Jahre alte Peterskirchhof in Frankfurt am Main (S+G 12/2012 berichtete erstmals) diente bis 1828 als zentrale Begräbnisstätte der Freien Reichsstadt. Danach wurde er zu einem kleinen Park umgestaltet.

Seither nagte der Zahn der Zeit so stark an ihm, dass eine Grundsanierung anstand. Sie wurde in mehreren Bauabschnitten und mit verschiedenen Planern realisiert. Hinzu kamen Behinderungen und Verzögerungen, etwa durch einen Baukran für ein benachbartes Wohnhaus, die die Fertigstellung hinausschoben. Inzwischen - bis 2018 war diese erfolgt und im November 2020 lief die Entwicklungspflege über die Garten- und Landschaftsbaufirma planmäßig aus - pflegt und wässert sie 2022 nur noch die neu gepflanzten Bäume, die Pflege der Vegetationsflächen insgesamt ist an die Unterhaltungsabteilung des Grünflächenamts übergeben.

600 Jahre Geschichte

Der ab 1418 betriebene Peterskirchhof war 1508, 1641 und 1746 unter Beibehaltung der teilweise noch erhaltenen Grenzmauern nach Norden erweitert worden. Seit der Stilllegung im 19. Jahrhundert führten jedoch Straßen- und Hochbaumaßnahmen an den Rändern zu einer starken Beschneidung. Hinzu kam der Neubau der Peterskirche 1892 bis 1895 auf einer über dem Friedhof errichteten Terrasse, darüber hinaus der Neubau einer Schule auf einem Teil des Grabfeldes. Ein Straßendurchbruch 1904 schnitt schließlich noch den südlichen und ältesten Teil des Friedhofs ab. Die Toten dieses Bereichs wurden zum Frankfurter Südfriedhof an der Darmstädter Landstraße umgebettet.

Im Zweiten Weltkrieg war die Peterskirche zerstört und 1965 wiederaufgebaut worden. Inzwischen zur "Jugendkulturkirche Sankt Peter" umgebaut, ist sie heute ein Veranstaltungsort für Jugendliche, auch mit gastronomischen Einrichtungen. Das Frankfurter Grünflächenamt sanierte nach den Hochbauarbeiten den tiefer liegenden Park in mehreren Bauabschnitten. So konnte der Friedhof mit vielen historischen und baulichen Schichten für die Allgemeinheit wieder erlebbar gemacht und genutzt werden.

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Vom Nobelfriedhof zum "Unort"

Auf dem verbliebenen Areal des Peterskirchhofs ruhen viele Verstorbene aus Frankfurter Patrizier-, Unternehmer- und Bankiersfamilien. Die Namen Bethmann, Passavant, Fresenius, auch Nestlé oder von Metzler sind auf den Grabsteinen zu lesen. Schriftsteller wie die Brentanos und der Kunstsammler Johann Friedrich Städel (1728 bis 1816), nach dem das Museum "Städel" am Mainufer benannt ist, gehören zu den Prominenten. Die überwiegend barocken Grabmale sind reich verziert. Auch die aufwändig gestalteten separaten Ruhestätten von Johann Caspar Goethe (1710 bis 1782) und Catharina Elisabeth Goethe geb. Textor (1731 bis 1808), den Eltern von Johann Wolfgang von Goethe ruhen hier.

Im späten 20. Jahrhundert verwahrloste die Grünanlage zusehends und wucherte mit Rank- und Kletterpflanzen zu. Der Evangelische Kirchentag 2001 nutzte das Areal temporär als Kulisse und Veranstaltungsort für die Jugend, mit Rockkonzerten, Diskussionsforen und Picknick im Grünen. Danach entstand mit "Sankt Peter" das Jugendveranstaltungszentrum unter dem Dach der EKHN (Evangelische Kirche Hessen Nassau). Die grundhafte Sanierung der Grünflächen im Kirchenumfeld folgte.

Sanierung in Etappen

In einem ersten Schritt ab 2002 hatten ABM-Kräfte zunächst die Flächen entrümpelt. Die überwucherten Mauern und Grabstätten wurden freigelegt, erste Grabmäler unter der Regie des Historischen Museums von Steinmetzen restauriert, Aufschüttungen durch Trümmer und Schutt aus dem Krieg zum Teil abgetragen. Die beiden großen Durchgangswege erhielten zunächst eine wassergebundene Decke mit einer Einfassung aus Basaltgroßpflaster. Rasen bildet den grünen Teppich mit Bestandsbäumen wie Linden, Eichen, Robinien, Eschen und Immergrünen (Buxus, Pinus, Taxus) darin. Die Stellflächen für die Feuerwehr sind als Schotterrasen ausgebildet und kenntlich gemacht. Die malerische Zierkirsche (Prunus serrulata 'Kanzan') vor der Südmauer (vergl. S+G 12/2012, S. 23) war inzwischen abgängig und musste gerodet werden. Den Abschluss des ersten Bauabschnittes bildete der Einbau von gusseisernen Zäunen und Toren. Seither werden die drei Eingänge zwischen 22 und 6 Uhr verschlossen.

Zweiter Bauabschnitt: Sicherung

Im nächsten Schritt war die Grünanlage ab 2011 weiter saniert worden, dazu gehörte vor allem die statische Sicherung der nördlichen Mauern zur Bleichstraße. Eine Rosskastanie im Straßenbereich, deren Wurzeln starken Druck auf die rote Sandsteinmauer mit Grabplatten ausübte, musste gerodet werden und ist später durch eine neue, rote Art (Aesculus x carnea) ersetzt worden. Auch die halbkreisförmige Treppenstufenanlage war unsicher, teilweise marode, Blockstufen wackelten. Die Einzelteile wurden aufgenommen, nummeriert, saniert oder ergänzt und später in gleicher Lage auf einem neuen Betonfundament wieder aufgesetzt. Ein neuer Handlauf aus anthrazitfarbenem Stahl komplettiert die nun wieder sichere Anbindung an die gut 2 Meter höher liegende Straße. Die Freilegung der verbliebenen 188 Grabmale und Epitaphe, ihre Sicherung und Konservierung durch Steinmetze, unter Federführung des Kulturamts der Stadt Frankfurt, begann und wird noch bis 2026 andauern. Pro Jahr können dann etwa 18 Grabmale bearbeitet werden. Dazu gehört auch die Montage von Schutzblechen und -dächern gegen künftige Feuchtigkeitsschäden.

Letzter Bauabschnitt: Vervollständigung

Das mit einem neuen Landschaftsarchitekten zwischenzeitlich veränderte und fortgeschriebene Entwurfskonzept (grün³, Albrecht Schaal Landschaftsarchitekt BDLA, Frankfurt am Main) erfuhr mit den Bauarbeiten ab 2017 seine Vollendung. Der viel begangene Hauptdurchgangsweg erhielt nun eine feste Pflasterdecke aus Basalt. Vier neue Maulbeerbäume (Morus nigra) betonen Wegeeinmündungen und die Querverbindung, auch als Ergänzung des alten Maulbeerbaums am Grab von Goethes Mutter. Gelbliche Streifen aus Bohus-Granit markieren in den umliegenden Gehwegen und innerhalb der Anlage die drei früheren Kirchhofsteile beziehungsweise -erweiterungen. Darin eingelassene Messingplatten mit den Aufschriften "Peterskirchhof", "Goethes Mutter" und "Goethes Vater" erklären den Besucher*innen nachvollziehbar die früheren Dimensionen des Friedhofs und verweisen auf wichtige Persönlichkeiten. Die Ausstattung besteht aus Frankfurter Bänken und Abfalleimern an den Wegen, Info-Tafeln und neuen Mastleuchten entlang des Hauptweges.

Großes Augenmerk galt den feuchten, alten Mauern. Da die gesamte Friedhofsfläche nach dem Zweiten Weltkrieg mit Abraummaterialien aufgefüllt worden war ,wiesen alle Mauern am Fußpunkt Feuchtigkeitsschäden auf. Deshalb wurde das Friedhofsniveau vor den freigelegten Mauern etwa 30 bis 50 Zentimeter abgesenkt. Es entstand ein Dränagestreifen aus Basaltschotter, der Mauern und Epitaphe schützt und wieder zugänglich und erlebbar macht.

Im nur rudimentär erhaltenen Südteil plante der Landschaftsarchitekt einen blühenden Teppich vor die Kreuzigungsgruppe bis zur gegenüberliegenden, ehemaligen Diamantenbörse. Das mehrfach unterbrochene Beet mit Stauden, Gräsern und Bodendeckern zieht die Teilflächen wie eine Klammer zusammen und gibt auch hier einen Hinweis auf die historischen Friedhofsdimensionen.

Die Fläche vor dem bestehenden Memorial "Verletzte Liebe" (Entwurf: Tom Fecht), zum Gedenken an die an HIV und AIDS Verstorbenen, wurde mit Rasenpflaster aus großem Basalt befestigt und vergrößert. In diesem südöstlichen Mauerwinkel des "Balkons" der Peterskirche versammeln sich jährlich am 1. Dezember, dem Welt-Aids-Tag sehr viele Menschen zu einer Trauerfeier.

Pflanzkonzept

Grundsätzlich verfügte der Peterskirchhof über einen alten und teilweise dichten Baumbestand. So waren in Einzelbereichen lediglich Ersatz- und Ergänzungspflanzungen notwendig, wie die Maulbeerbäume oder Kornelkirschen, weiterhin Efeu und Wilder Wein. Als Frühlingsaspekt kamen 3000 Blumenzwiebeln (Blausterne, Scilla bifolia) hinzu, die die besonderen Bereiche vor der großen Rundtreppe im Nordosten und am Aids-Memorial betonen. Ganz neu entstand das Staudenband mit einem Konzept und einer Pflanzplanung von Anette Schött, Büdingen in Kooperation mit Albrecht Schaal, grün³, sowie in Zusammenarbeit mit dem Grünflächenamt vor und hinter der Kreuzigungsgruppe. Es ist von Straßen, Wegen und Rasenflächen durchbrochen, zieht dadurch aber die Friedhofsflächen symbolisch zusammen. So trägt auch die Bepflanzung dazu bei, für Besucher*innen erfahrbar zu machen, welche Dimensionen der Peterskirchhof früher einmal hatte.

Das Staudenband besteht aus vier Einzelteilen beziehungsweise -abschnitten, die mit dem gleichen Grundsortiment an Geophyten, Stauden und Gräsern bepflanzt und mit mineralischem Mulch abgedeckt wurden. Hinzu kam eine niedrige Umzäunung der Einzelflächen, um sie vor Kaninchenfraß und Hunden zu schützen. Zu den Leitstauden gehören etwa der Ungarische Bärenklau oder Balkan-Bärenklau (Acanthus hungaricus), die Rutenhirse (Panicum virgatum) als hohes dominantes Gras, die Silberraute (Artemisia ludovicana var. Albula 'Silver Queen') oder der Prärie-Igelkopf (Echinacea pallida) mit seinen rosa bis violettfarbenen Blütenblättern. Hinzu kommen unter anderem Astern-Arten, Ysop (Hyssopus officinalis) oder das Purpurglöckchen der Sorte 'Mocha' (Heuchera Hybride 'Mocha'), das mit seinen weißen Blüten und den roten bis rotbraunen Blättern eine ganz andere Farbe ins Beet bringt. Vier bis fünf Sorten Blumenzwiebeln, darunter Anemonen, Tulpen und Narzissen ergänzen das Pflanzkonzept für den Frühlingsaspekt.

Wie den Pflanzlisten (siehe Seite 44, links) zu entnehmen ist, sind viele Arten der Gruppe der Präriestauden entnommen und die Pflanzung insgesamt ist klima- und stresstolerant konzipiert. Dennoch oder gerade deswegen ist auch hier ein gewisses Maß an Pflege erforderlich, insbesondere Wässerungen bei längerer Extremtrockenheit, die Beseitigung von Gehölzkeimlingen sowie nicht erwünschtem Aufwuchs und einiges mehr.

Grünes Kleinod

In sechs Jahrhunderten wechselvoller Geschichte haben sich Materialien und Nutzungen im Peterskirchhof wie Schichten übereinander gelegt. Die Wandlung zu einem kleinen Erholungspark inklusive moderner Kirchennutzung hat ihn zu einem historischen und zugleich zeitgenössischen Juwel gemacht, eine Art Freilichtmuseum über Personen und Familien der Frankfurter Historie, aber auch ein lebendiger Ort der Gegenwart. Im Zentrum der Mainmetropole gelegen ist er neben den Wallanlagen die vielleicht wertvollste Grünfläche der Innenstadt. Mit dem vollendeten letzten Bauabschnitt und der teilweise bis 2022 beauftragten Pflege ist der Fortbestand des kleinen Parks für die nächste Zukunft zwar gesichert, Klimawandel, Trockenheit und starke Nutzung machen jedoch eine kontinuierliche Pflege, Sanierung und Unterhaltung notwendig. Während der Corona-Pandemie wurden die Grünflächen stark übernutzt, hinterlassene Abfälle wie Pizza-Kartons, Flaschen, Alufolie und Plastiktüten waren die Folge. Dem wurde mit zusätzlichen Abfallbehältern und engeren Takten der Leerung begegnet. Und so musste und muss auch in Zukunft die beliebte Anlage in der Frankfurter Innenstadt neue Herausforderungen annehmen.

Projektdaten

Adresse:
Peterskirchhofzw. Bleichstraße und Stephanstraße
60313 Frankfurt am Main

Auftraggeber:
Magistrat der Stadt Frankfurt am Main
Grünflächenamt

Planung (3. und letzter Bauabschnitt)
gruen³ Albrecht Schaal
Landschaftsarchitekt BdLA
60325 Frankfurt am Main
www.gruenhochdrei.de

Bauzeit:
April bis November 2017
Restarbeiten 2018
Fertigstellungspflege bis Nov. 2020
Wässerung der neuen Bäume bis 2022
Restaurierung der Epitaphe bis 2026

Ausführung GaLaBau:
WISAG Garten- und Landschaftspflege GmbH & Co. KG
Frankfurt am Main

Weiter Informationen:

www.peterskirchhof.de (Sanierungsarbeiten)

www.sanktpeter.com (Seite der Jugendkulturkirche)

www.frankfurt.de (Suchbegriff: Peterskirchhof)

Dipl.-Ing.(FH) Thomas Herrgen
Autor

Landschaftsarchitekt

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