Innovative Konzepte für pflegereduzierte Pflanzungen im öffentlichen Grün

Staudenmischpflanzungen

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Mischpflanzung aus Einjährigen, Ronneburg, Planung: P. Pelz. Foto: Cassian Schmidt

Die Staudenverwendung im öffentlichen Grün scheint nach Jahren der fast völligen Ignoranz in den letzten zehn Jahren zunehmend wieder in das Bewusstsein der Planungsabteilungen bei Grünflächenämtern und Gemeinden zu rücken. Vor allem auf Flächen im innerstädtischen Verkehrsbegleitgrün mit häufig problematischen Standortbedingungen sind getestete und in mehrjährigen Versuchen optimierte Staudenmischpflanzungen eine zunehmend genutzte Alternative.

Zusätzlich gewinnen Aspekte der Pflegeextensivierung an Bedeutung. Vor dem Hintergrund knapper öffentlicher Budgets und den Folgen des Klimawandels werden darüber hinaus die Stresstoleranz, der sparsame Umgang mit Ressourcen (vor allem Bewässerung und Düngung) und die Reduktion der Anlage- und Unterhaltskosten bei der Installation erlebnisreicher Staudenvegetation zum bestimmenden Faktor.

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Präriemix gelb-weiß, ABB Business-park, Ladenburg. Eine Präriemischpflanzung am Fortbildungszentrum im ABB Businesspark Ladenburg ist nicht nur aus den Räumen sichtbar, sondern von einem Holzdeck im Außenbereich auch direkt erlebbar. Planung: Bettina Jaugstetter Foto: Cassian Schmidt

Pflanzensoziologie und Gestaltung - Pflanzungen des "Hansen-Typs"

Die Verbindung von Gestaltung und Ökologie ist ein Thema in der Pflanzenverwendung, dass sich in Deutschland seit den frühen 1980er Jahren vor allem durch das Standardwerk "Die Stauden und ihre Lebensbereiche" (vgl. Hansen & Stahl 1981) etabliert hat. Der auf der Pflanzensoziologie und der Vegetationsökologie basierende Verwendungsstil nach Geselligkeitsstufen wurde seit den 1980er und 1990er Jahren zum stilprägenden Vorbild für die deutsche Staudenverwendung. Umso erstaunlicher ist es, dass Geselligkeitsstufen-Pflanzungen fast ausschließlich auf Gartenschauen gezeigt wurden.

Im öffentlichen Grün, insbesondere im Straßenbegleitgrün, waren differenzierte, artenreiche Staudenpflanzungen dagegen kaum zu finden. Vor allem wegen des hohen Planungsaufwandes und der notwendigen umfangreichen Pflanzenkenntnisse wurde und wird dieser Bepflanzungstyp - wenn überhaupt - fast ausschließlich von pflanzenbegeisterten Landschaftsarchitekten für hochwertige Privatgärten konzipiert. Auch der von Hansen schon Anfang der 1980er Jahre formulierte Ansatz, durch eine standortgerechte Staudenverwendung und die Berücksichtigung des natürlichen Wuchsverhaltens und Geselligkeitsbedürfnisses der Arten eine Reduktion des Pflegeaufwandes zu erzielen (vgl. Hansen & Stahl 1981), war in der Praxis nicht immer erfolgreich.

Der aus dem Geselligkeitsstufenprinzip weiterentwickelte neue Ansatz einer gleichmäßig-flächigen Pflanzenmatrix in zufälliger Anordnung, der so genannten Mischpflanzung, sollte vor allem den Planungsaufwand verringern und das Anordnen der Stauden auf der Pflanzfläche erleichtern. Durch das Zulassen dynamischer Prozesse sollte sich auch der Pflegeaufwand reduzieren. Die Idee der Pflanzenmatrix beruht darauf, das den Verteilungsmustern und Häufigkeitsverhältnissen natürlicher Pflanzengesellschaften zugrunde liegende Zufallsprinzip auf künstlich erdachte, gärtnerische Pflanzengemeinschaften zu übertragen.

Als gestalterische Vorbilder und vegetationsökologische Referenzmodelle für neue Pflanzkonzepte dienen in den letzten Jahren insbesondere stresstolerante Graslandschaften wie die nordamerikanische Prärie, die osteuropäische Steppe oder auch die heimischen halbnatürlichen Steppenheiden. Diese wiesenartigen Vegetationsvorbilder eignen sich aufgrund ihrer durchmischten, matrixartigen Struktur und ihrer Fülle an robusten, winterharten und lang blühenden Wildstauden und Gräsern besonders gut für die Umsetzung als Mischpflanzungen.

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Breite Mittelstreifen mit jungen Hochstämmen lassen sich mit trockenheitstoleranten Staudenkombinationen des Lebensbereichs "Trockene Freifläche" wirkungsvoll begrünen. Foto: Cassian Schmidt
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Eine speziell für den Standort zusammengestellte, stresstolerante Mischung aus Steppen- und Präriestauden begleitet Mitarbeiter und Besucher am Weg zum Werkseingang von ABB in Ladenburg. Foto: Cassian Schmidt

Mischpflanzungen - ein innovativer Bepflanzungstyp

Neue Pflanzkonzepte, die von verschiedenen Institutionen und dem Pflanzenverwendung im Bund Deutscher Staudengärtner vorwiegend seit 1998/1999 entwickelt wurden, bestehen aus standortabgestimmten Artenkombinationen. Sie sind in ästhetischer, ökologischer und ökonomischer Hinsicht anderen Vegetationsformen wie beispielsweise bodendeckenden Gehölzpflanzungen, aufwändigen Wechselpflanzungen oder Rasenflächen in vielen Situationen mittlerweile durchaus überlegen.

Der Begriff "Staudenmischpflanzung" wurde 1994 von Dr. Walter Kolb und Dr. Wolfram Kircher geprägt, die an der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim Anfang der 1990er Jahre erste Versuche zum Mischpflanzungsprinzip durchführten (Heinrich et. al. 2012). Ab 1994, nach seinem Wechsel nach Bernburg, entwickelte Prof. Dr. Wolfram Kircher an der Hochschule Anhalt ähnliche Versuche, die ab 1998 unter dem Markennamen "Perennemix" bekannt wurden (heute "Bernburger Staudenmix"). Parallel dazu wurde ab 1999 auf Initiative des Arbeitskreises Pflanzenverwendung im Bund deutscher Staudengärtner (BdS) die Mischung "Silbersommer" an zunächst 13 Standorten in Deutschland und der Schweiz aufgepflanzt und fünf Jahre geprüft.

Weitere Institutionen und Versuchsanstalten in Deutschland (LVG Erfurt, Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof) und der Schweiz (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW) befassten sich gleichzeitig ebenfalls mit Staudenmischpflanzungen und kreierten und testeten eigene Mischungen. Seit 2008 und 2010 werden weitere Mischungen vom Arbeitskreis Pflanzenverwendung an verschiedenen Versuchsstandorten getestet: Drei Module für absonnige bis halbschattige Gehölzrandsituationen mit frischen bis mäßig trockenen Böden und vier Module für schattig-trockene Bereiche unter Laubgehölzen. Für die Zukunft hat sich der Arbeitskreis die Konzeption und Evaluation von zwei ganz neuen Themenbereichen vorgenommen: Wuchskräftige Stauden in Kombination mit Blattschmuckgehölzen, die jährlich auf den Stock gesetzt werden sowie konkurrenzstarke Staudenkombinationen für nährstoffreiche, frische Böden.

Das Mischpflanzungsprinzip

Die Planungsstrategie der ökologisch, strukturell und farblich bis ins Detail abgestimmten Mischpflanzungen basiert wie bei den Geselligkeitsstufen-Pflanzungen des Hansen-Typs ebenfalls auf der Pflanzensoziologie. Die Stauden können allerdings ohne konventionellen Pflanzplan per Zufallsverteilung in annähernd gleichmäßigen Pflanzabständen auf der Fläche angeordnet werden, beginnend mit den Arten mit den geringsten Mengenanteilen. Damit das Ganze erfolgreich ist, werden die verwendeten Stauden zuvor nach Funktionstypen kategorisiert und in genau ausbalancierten Mengenanteilen in einer Pflanzliste zusammengestellt. Dabei sind insbesondere die Koexistenz und Konkurrenz zwischen den Arten zu berücksichtigen.

Funktionstypen und Höhenrelief in Staudenmischpflanzungen

  • 5-15 Prozent Gerüstbildner (hohe, formprägnante und langlebige Stauden, meist über 70 Zentimeter)
  • 30-40 Prozent Begleit- oder Gruppenstauden (halbhohe Stauden, 30-70 Zentimeter)
  • 40-50 Prozent Bodendeckstauen (niedrige, flächig wachsende Stauden, 5-30 Zentimeter)
  • 5 Prozent Füllstauden (kurzlebige, in Lücken versamende Arten)
  • Streupflanzen/ Geophyten (zusätzlicher Anteil, 20-50 Stück/ Quadratmeter)

Unter "Streupflanzen" fasst man überwiegend Blumenzwiebeln und Knollen für den Frühjahrsaspekt sowie Vorläuferstauden mit jahreszeitlich begrenzter Wirksamkeit zusammen. Streupflanzen benötigen keinen eigenen Pflanzplatz und müssen deshalb bei der Mengenermittlung der Stückzahl pro Quadratmeter nicht berücksichtigt werden.

In der Regel wurden die Mischungen danach mindestens fünf Jahre getestet und hinsichtlich ihrer Verwendungsmöglichkeiten optimiert. Ziel dieser Methode ist es, dem Planer pflegeextensive, getestete und reproduzierbare "Pflanzmodule" mit Rezeptcharakter vor allem für Problemstandorte im öffentlichen Grün zur Verfügung zu stellen. Die Zusammensetzung aus überwiegend stresstoleranten Arten (vgl. dazu ausführlich J.P. Grime, 2001) - angepasst an strahlungsreiche Standorte und Trockenperioden - garantiert das Überleben der Pflanzung auch ohne zusätzliche Bewässerung. Kennzeichnend in allen Varianten sind die exakte Orientierung am Standort (Lebensbereich) und eine ausgeprägte jahreszeitliche sowie langfristige Entwicklungsdynamik.

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Stadteingänge lassen sich mit Mischpflanzungen markieren und aufwerten. Stadt Büdingen, Planung: Anette Schött. Foto: Cassian Schmidt
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Steppenvegetation in Kirgistan mit Salvia, Achillea und Galium. Die reich blühenden Wiesensteppen Zentralasiens bieten eine Fülle stresstoleranter Arten und eignen sich daher als ideale Vorbilder für Mischpflanzungen. Foto: Cassian Schmidt
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Bei einer Fortbildungsveranstaltung für die Mitarbeiter des Grünflächenamtes Mannheim werden die angelegten Staudenflächen inspiziert. Mischung "Sommernachtstraum" in Mannheim, Schienenstraße. Foto: Cassian Schmidt
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Auch Kombinationen aus Stauden und blattschmückenden Gehölzen, die in regelmäßigen Zeitabständen bodennah zurück geschnitten werden müssen, sind möglich, Planung: Petra Pelz. Foto: Cassian Schmidt
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Prärie-Mischpflanzung in Weinheim, Viernheimer Straße. Foto: Cassian Schmidt
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Fragwürdige Mediterranisierung des Stadtgrüns als Ausdruck des Klimawandels. Die mehrhundertjährigen Oliven werden durch im Wurzelbereich verlegte Heizschläuche vor dem Erfrieren geschützt. Foto: Cassian Schmidt

Vorteile und Kennzeichen von Mischpflanzungen:

Vereinfachte Planung und Anlage

  • Planung und Anlage werden vereinfacht. Eine detaillierte Bepflanzungsplanung entfällt ebenso wie das Abstecken des Geländes; lediglich die Stückzahlen der vertretenen Arten sind zu ermitteln und anzugeben.
  • Getestete Pflanzenmischungen sorgen für Planungs- und Anwendungssicherheit durch optimierte Mengen- und Konkurrenzverhältnisse der Arten.

Geringer Pflegeaufwand:

  • Geringe Pflegekosten durch optimierte Standort- und Artenabstimmung.
  • Pflegeaufwand im Durchschnitt vier bis acht Minuten pro Quadratmeter im Jahr.
  • Mischpflanzungen brauchen insgesamt zwar wenig Pflegeaufwand, sie benötigen aber zur Steuerung der dynamischen Entwicklung geschulte und motivierte Pflegekräfte.

Ansprechende Ästhetik und hoher Erlebniswert:

  • Mit Staudenmischungen lassen sich erlebniswirksame, vielgestaltige und dynamische Staudenpflanzungen mit stets wechselnden Aspekten realisieren.
  • Es entsteht ein ästhetisch ansprechendes Pflanzsystem, Arten mit verschiedenen auffälligen Erscheinungsbildern, Ausbreitungsstrategien und Wuchshöhen ergänzen sich.

Hohe Dynamik und Dauerhaftigkeit:

  • Nachhaltigkeit durch optimierte, langfristig stabile Pflanzenzusammensetzung. Es entsteht ein weitgehend selbst regulierendes System.
  • Die Wirkung der Pflanzung als Gesamtbild ist wichtiger als das Überleben und die Wirkung einzelner Pflanzen.
  • Kurzlebige Arten dominieren in den ersten Jahren und werden später durch ausdauernde Stauden abgelöst (langfristige Dynamik).
  • Einwandernde Arten können im Einzelfall toleriert werden, sie sind gelegentlich sogar eine Bereicherung des gepflanzten Artenspektrums.

Grundlage jeder Mischpflanzung ist ein erprobtes Artenspektrum mit entsprechenden Mengenanteilen. Die Mischungen sind bewusst artenreich konzipiert (meist 15 bis 30 verschiedene Arten), um eine optimale Standortanpassung, Dauerhaftigkeit und vielfältige, erlebnisreiche Aspektfolge aus Blüten- und Blattschmuck zu erreichen. Um die Abfolge der Blüh- und Blattschmuckereignisse (Austrieb, besondere Texturen, Herbstfärbung, zierende Samenstände) aller Arten im Zusammenspiel darzustellen, wird im Vorfeld eine Ereignistabelle erstellt. Die Arten ergänzen sich mit ihren unterschiedlichen ästhetischen Merkmalen, Lebensformen, Wuchsformen und Ausbreitungsstrategien zu einem sich weitgehend selbst regulierenden System einer künstlichen Pflanzengemeinschaft.

Integration dynamischer Prozesse

Das Verschwinden von Arten oder einzelner Individuen im Laufe der Jahre ist natürlicher Ausdruck der konkurrenzbedingten Dynamik innerhalb des Pflanzenbestandes und gefährdet keineswegs das Fortbestehen der Gesamtpflanzung. Untersuchungen an einer gut 900 Quadratmeter großen "Silbersommer"-Mischpflanzung in Mannheim (Gruber 2011) haben gezeigt, dass fünf Jahre nach der Pflanzung rund ein Viertel der ursprünglich gepflanzten Stauden-Individuen nicht mehr vorhanden waren und einzelne Arten, insbesondere aus der Gruppe der Füllstauden, erwartungsgemäß sogar ganz fehlten. Dennoch war der Pflanzenbestand mit einer Deckung 80 bis 90 Prozent weitgehend geschlossen und entsprach damit der angestrebten optischen Wirkung einer lockeren Steppenpflanzung. Bei der Auswertung bezüglich der Einzelarten ergab sich für manche Arten eine deutliche Zunahme der Individuenzahl durch Selbstaussaat (zum Beispiel Calamintha nepeta ssp. nepeta) oder Ausläuferbildung der bodendeckenden Stauden (zum Beispiel Euphorbia cyparissias).

Zudem wurden durch die langsame seitliche Ausbreitung der Horste der höheren, meist konkurrenzstarken Gerüstbildner die konkurrenzschwächeren Begleiter in unmittelbarer Nachbarschaft verdrängt. Da zusätzlich die jeweiligen Standortbedingungen erheblichen Einfluss auf die Konkurrenzkraft einzelner Arten haben, entstehen trotz gleicher Mischung unterschiedliche Vegetationsbilder. Auch die Pflege übt einen wesentlichen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Module aus. Diese Einflussfaktoren und dynamischen Prozesse zu kennen, erscheint ganz wesentlich für das Verständnis der modularen Staudenmischpflanzungen. Die anfänglich oft geäußerte Kritik gegenüber der Standardisierung von Pflanzkonzepten bezog sich deshalb auch meist auf die vermeintlich fehlende Individualität solcher Module und nährte die Befürchtung einer damit verbundenen Vereinheitlichung des öffentlichen Grüns.

Anwendungsgebiete für Mischpflanzungen

Die Methode der Mischpflanzung kann sowohl für kleinräumige Situationen ab zehn bis 25 Quadratmeter (je nach Mischung) in Hausgärten wie auch für größere Flächen von 500 bis 1000 Quadratmeter realisiert werden. Je nach Artenzusammensetzung wirkt die Mischpflanzung eher wie eine Wiese (bei relativ einheitlichen Höhen meist ohne Boden-deckeranteil) oder sie zeigt ein deutliches Relief (Höhenstaffelung). Besonders auf kleinen Flächen sind in der Artenzahl deutlich reduzierte Mischungen mit unterschiedlichen Höhen und damit klarer Reliefbildung geeigneter. Wiesenartige Mischpflanzungen wie beispielsweise prärieartige Typen, kommen eher für größere Flächen in Frage. Hier können Aussaat und Pflanzung auch kombiniert werden.

Pflegeaufwand

Werden gut geschulte, motivierte Gärtner eingesetzt (die leider immer seltener zu finden sind), ist der Pflegebedarf von Staudenmischpflanzungen mit durchschnittlich 3,1 bis 7,3 Minuten/Quadratmeter/Jahr relativ gering - verglichen mit konventionellen Pflanzungen, die jährlich mindestens 12 bis 17 Minuten und mehr pro Quadratmeter benötigen (vgl. Schmidt & Hofmann 2010).

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Tab. 1: Auswahl typischer Anwendungsgebiete für Mischpflanzungen im Stadtgrün.
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Tab. 2: Pflegeaufwand von Staudenmischpflanzungen im Vergleich mit anderen Bepflanzungstypen. Durchschnitt aus 10 Versuchsjahren, ohne Rüstzeiten, Pflegestufen 1–3 (Schmidt et. al. 2010).

Erfahrungen und Akzeptanz im städtischen Grün

Das Ergebnis einer Fragebogenaktion (vgl. Schmidt 2007), die der Arbeitskreis Pflanzenverwendung im Bund deutscher Staudengärtner (BdS) 2006 bei über 30 städtischen Grünflächenämtern durchführte, bestätigt keineswegs das Vorurteil, Stauden seien für die Verwendung im öffentlichen Grün zu empfindlich, zu pflegeaufwändig und zu kompliziert in der Planung und Umsetzung. Es wird viel mehr ein zunehmender Trend zu mehr Stauden in der Stadt deutlich. Es hat sich offensichtlich herumgesprochen, dass Stauden bedeutend mehr leisten können als nur die funktionale Begrünung von Restflächen. Sie steigern durch ihre vielfältigen jahreszeitlichen Aspektwechsel und den naturnahen Charakter nicht nur den Erlebniswert im öffentlichen Raum, sondern können darüber hinaus bewusst als grüner Imagefaktor einer Gemeinde eingesetzt werden. Krautige, mehrjährige Pflanzen können beispielsweise ganze Straßenzüge oder Ortseingänge farblich prägen und optisch differenzieren.

Überraschend ist die Tatsache, dass sich die Staudenmischungen unter ganz unterschiedlichen klimatischen Bedingungen gleichermaßen bewährt haben: sowohl im niederschlagsreichen Norddeutschland (zum Beispiel Bremen, Kiel, Hamburg), im trocken Osten (zum Beispiel Erfurter Raum und Weimar), wie im trocken-warmen Südwesten (besonders im Würzburger und Stuttgarter Raum sowie im Rhein-Neckar-Dreieck). Die Städte Würzburg, Mannheim und Frankfurt haben in den letzten 10 Jahren jeweils mehrere 1000 Quadratmeter pflegeextensive Mischpflanzungen im Verkehrsgrün angelegt.

Als positive Aspekte wurde von den befragten Städten vor allem die hohe Akzeptanz bei der Bevölkerung, schöne Blühaspekte und eine gute, rasche Entwicklung genannt. Auch ökonomische Aspekte sprechen für die Verwendung von Stauden in der Stadt. In den Staudenflächen wurde weniger Abfall und Hundekot als auf üblichen Rasenflächen verzeichnet.

Argumente der Kommunen für die Verwendung von Mischpflanzungen:

  • Neues Bewusstsein für Stadtgrün mit spürbarem Imagegewinn
  • Ästhetische und ökologische Wirkung
  • Farbenfrohe Akzente in trockenen heißen Sommern (extremes Stadtklima)
  • Angemessener Pflegeaufwand im Verhältnis zur Wirkung (5-10 Minuten pro Jahr)
  • Trockenheitsverträglich (Wassergaben nur in der Einwachsphase)
  • Wertschätzung der Mitarbeiter durch neue gärtnerische Fachaufgabe
  • Einsatzmöglichkeiten der eigenen Berufsausbildung
  • Mehr Wertschätzung der Flächen und weniger Verschmutzung durch Hundekot

Deutlich wurde bei der Befragung, dass ein richtig aufbereitetes, eher mageres Substrat ohne Dauerunkräuter, bei steppenartigen Pflanzungen trockener Freiflächen verbunden mit einer mineralischen, fünf bis sieben Zentimeter dicken Mulchabdeckung aus Splitt oder Kies (optimale Körnung 8-16 Millimeter) den Unkrautaufwuchs und den Pflegeaufwand ganz erheblich reduzieren. So beurteilten 58 Prozent der Befragten den Pflegeaufwand ihrer Pflanzungen als niedrig (3-10 Ak-Minuten pro Quadratmeter im Jahr), 30 Prozent als mittel (10-20 Ak-Minuten pro Quadratmeter im Jahr) und nur 12 Prozent als hoch (über 20 Ak-Minuten pro Quadratmeter im Jahr).

Die Pflege wurde überwiegend von den Grünflächenämtern in Eigenregie übernommen (23 Nennungen). Dies ist bei Staudenpflanzungen auch durchaus sinnvoll, da nur so eine Kontinuität und Qualität in der Pflege gewährleistet ist. Ein geringer Teil der Flächen wurde durch den Bauhof einer Stadtgärtnerei oder durch eine Fremdfirma betreut. Trotz des geringen quantitativen Pflegeaufwandes sind nach Aussage der Befragten die gute Qualifikation und die Motivation des Pflegepersonals bei Staudenpflanzungen unerlässlich.

Der überwiegende Teil der befragten Städte griff auf die vom Arbeitskreis Pflanzenverwendung optimierten Staudenmischungen zurück (21 Nennungen). Aber auch der Anteil eigener oder modifizierter Mischungen war mit 10 Nennungen recht beachtlich. Die zeigt einerseits, dass sich die fertigen Pflanzkonzepte offensichtlich bewähren und den Planungsaufwand erheblich reduzieren, sie bieten andererseits aber auch eine gute Basis für Eigenentwicklungen und neue Kreativität. An die eigenen klimatischen Verhältnisse angepasste, leicht modifizierte Pflanzenmischungen bieten die beste Gewähr für Dauerhaftigkeit und gestalterische Vielfalt.

Mittlerweile stehen 34 getestete und optimierte Mischungen für unterschiedliche Anwendungsgebiete und Standortsituationen zur Verfügung. Von sonnigen, trockenen Freiflächen über sonnige Gehölzränder bis hin zu halbschattigen und absonnigen Flächen lassen sich verschiedene Standorte im öffentlichen Grün mit attraktiven Pflanzenkombinationen aufwerten. Mit der Qualität einer Grünfläche steigt die Attraktivität einer Stadt, ihr sozialer, ökonomischer und ökologischer Wert. Die inzwischen mehr als zehnjährigen Erfahrungen mit modularen Staudenpflanzungen zeigen, dass der Planungs- und Pflegeaufwand gegenüber konventionellen Pflanzungen deutlich verringert werden kann und gleichzeitig eine hohe Akzeptanz bei den Bürgern erreicht wird.

Als Landschaftsarchitekt und kreativer Pflanzenverwender muss man sich bei all den genannten Vorteilen dennoch die kritische Frage stellen, ob die Zukunft der Staudenverwendung allein in der Standardisierung und Technisierung der Pflanzkonzepte liegen kann. Wird nicht dadurch sogar der eigene Anspruch an hochwertige, dem Ort entsprechende Pflanzkonzepte relativiert und die Staudenverwendung als eine für jedermann ohne große Vorkenntnisse realisierbare Leistung dargestellt? Leicht anwendbare Rezepte könnten als willkommene Gelegenheit missverstanden werden, sich zukünftig in der Landschaftsarchitektur noch weniger mit Pflanzen beschäftigen zu müssen.

Mischpflanzungen sind nur eine von vielen Möglichkeiten der Pflanzplanung mit Stauden. Sie sind als Planungshilfe und als eine Vorauswahl bewährter Arten zu verstehen, die die eigene Kreativität keinesfalls einschränken sollen. Auch in Zukunft werden sich Staudenpflanzungen nur dann dauerhaft im Stadtgrün etablieren lassen, wenn kompetente Planung, fundiertes Pflanzenwissen und maßgeschneiderte Pflegekonzepte von vorn herein miteinander verknüpft werden. Nach mehr als 13 Jahren positiver Erfahrungen mit Staudenmischpflanzungen besteht dennoch weiterhin Forschungsbedarf, unter anderem hinsichtlich geeigneter, standardisierter Substrate für unterschiedliche Lebensbereiche, der Salzverträglichkeit der Arten und der Alterungsfähigkeit der Pflanzungen über zehn Jahre hinaus.

Unter www.stauden.de werden die 34 derzeit erhältlichen Mischungen mit genauen Pflanzenlisten beschrieben, die Kontaktpersonen genannt und zu jeder Mischung die Lieferanten aufgelistet, die die Mischungen quadratmeterweise komplett anbieten. Auch zu Anlage und Pflege sind Informationen eingestellt.


Literatur

Heinrich, A.; Messer, U. (2012): Staudenmischpflanzungen - Praxis, Beispiel, Tendenzen. Verlag Eugen Ulmer KG, Stuttgart.

Kircher, W; Schmidt, C. Schönfeld, PH. (2011): Staudenmischpflanzungen. aid-Infodienst Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz e.V. (Hrsg.), Bonn.

Schmidt, C. (2011): Staudenmischpflanzungen im Baukastensystem. Garten + Landschaft 121 (10/2011), 12-15. Verlag Georg D.W. Callwey, München.

Gruber, J.M. (2011): Entwicklung von standortoptimierten Staudenmischpflanzungen für den Bürgerparkkreisel Mannheim, auf Basis von Untersuchungen zur Vitalität und Dauerhaftigkeit von Staudenmischungen trockener Freiflächen im öffentlichen Grün. Bachelorarbeit an der Hochschule RheinMain, Geisenheim.

Schmidt, Cassian, Hofmann,Till (2010): Pflegebedarf - eine unbekannte Größe? DEGA GALABau 3/2010: 35-39, Verlag Eugen Ulmer KG, Stuttgart.

Schmidt, Cassian (2008): "Präriemorgen" in Speyer - Pflanzenverwendung in Zeiten des Klimawandels. Landschaftsarchitekten 2/2008:14; BDLA Bund Deutscher Landschaftsarchitekten (Hrsg.), Berlin.

Schmidt, Cassian (2007): Im Blickpunkt: Fragebogenaktion - Pflegereduzierte Staudenpflanzungen im öffentlichen Grün. ZVG Gartenbau Report 33 (6/2007), S. 28-29; FGG Fördergesellschaft Gartenbau, Bonn.

Schmidt, Cassian (2005): Neue Pflegekonzepte für nachhaltige Staudenpflanzungen. Stadt+Grün 54 (3), 30-35; Patzer Verlag, Berlin - Hannover.

Grime, J. P. (2001): Plant Strategies, Vegetation Processes and Ecosystem Properties, 2nd ed. Chichester: J. Wiley & Sons.

Hansen, R., Stahl, F. (1981): Die Stauden und ihre Lebensbereiche in Gärten und Grünanlagen. Stuttgart: Eugen Ulmer.

Prof. Cassian Schmidt
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Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof

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