Plädoyer für einen stimmigen Sprachgebrauch

Über das Grün

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Grüne Infrastruktur Biodiversität
Abb. 1: Berührung mit der Natur durch Bewegung. Foto: Henning Schlottman, Wikimedia Creative Commons, CC BY 1.0

Die sprachliche Dominanz und die teilweise Vereinnahmung durch übergeordnete, meist politische Ziele, Programme, Planungen sowie neue wissenschaftliche Schlagworte zum Grün wie zu Natur, Ökologie und Umwelt können zu einer Vernachlässigung der Sprache über das führen, was Menschen durch Grün, Natur und Umwelt wirklich berührt.

Vielleicht liegt es daran, dass sinnliches Wahrnehmen, zum Beispiel das Empfinden und Erleben im Umgang mit Natur und Pflanzen in Garten und Landschaft inzwischen für etwas Selbstverständliches gehalten wird, über das man nicht weiter nachdenken und demnach auch nicht mehr reden muss.

Für diejenigen allerdings, die für das konkrete Herstellen und Unterhalten grüner Räume durch Entwerfen, Planen, Bauen und Pflegen derselben verantwortlich sind und all jene, die solche Räume nutzen, würde Sprachlosigkeit eine fatale Nichtbeachtung ihres entsprechenden Fühlens, Denkens und Tuns bedeuten.

Deshalb kommt der umfassend zuständigen Sprache eine herausgehobene Bedeutung auch für das Grün der Stadt zu. Weil es einer bis in die Einzelheiten verbindlichen Verständigung über dessen Entstehen und Fortbestehen bedarf. Denn das Grün der Stadt ist nicht von Hause aus vorhanden. Es wird von Menschen künstlich geschaffen und genutzt. Deshalb muss eben allen, die daran Teil haben, auch daran gelegen sein, dass ein Sprechen über das Grün für Stimmigkeit im Denken und Handeln stehen muss.

Wie durch einen wenig geeigneten Sprachgebrauch ein Schatten auf ein unbestritten wichtiges Anliegen fallen kann, soll einführend an einem Beispiel veranschaulicht werden. Als ein gutes Ziel für den Schutz und die Entwicklung der Pflanzen- und Tierwelt wird deren Reichtum an Arten angesehen. Das Wort Biodiversität hebt die hierzu aus der Wissenschaft eingespeiste Verschiedenartigkeit und Vielfalt der Arten als Zeichen eines - optimalen - natürlichen Lebenssystems besonders hervor.

Deshalb muss es gelten, diese Verschiedenheit und Vielfalt aus Sicht des Naturschutzes auf der ganzen Welt zu erhalten und zu fördern. Das ist einleuchtend. Nun gibt es aber Arten, die verdrängend auf andere Arten wirken. Das hat zwar in der gesamten Evolution nachweislich stattgefunden und kann demzufolge auch heute noch in der außermenschlichen Natur vorkommen. Wenn das jedoch eindeutig durch menschlichen Einfluss seit Jahrhunderten hervorgerufen wurde und noch geschieht wie bei der bewussten Einfuhr von Pflanzen aus aller Welt, die als Kulturpflanzen genutzt werden oder auch durch versehentlich über Transporte eingewanderte sogenannte Neophyten, dann entsteht für den Naturschutz ein Problem. Denn solche Einwanderung gebietsfremder Pflanzen kann zu Florenverfälschungen oder dem Verdrängen heimischer Arten bis zu deren Aussterben führen.

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Abb. 2: Welche Flächen stehen für Grüne Räume? Foto: Marc Boberach, pixelio.de

Die Frage ist, wie geht man konkret mit dem Problem um und wie bringt man es sprachlich zum Ausdruck? Man könnte diese Pflanzen wie beim Arbeiten im Garten als störende - also sogenannte Unkräuter oder schlechte Kräuter (französischer Sprachgebrauch) mechanisch - nicht chemisch! - entfernen.

Auf keinen Fall sollte man sie neu pflanzen oder aussäen. Wenn man sie darüber hinaus als nützlich für die Ernährung (z. B. Giersch oder Vogelmiere als Salat) oder andere Zwecke, zum Beispiel der Bereicherung der Vielfalt und der natürlichen Schönheit oder als Leistungsträger im Vegetationsspektrum des zu erwartenden Klimawandels, entdecken würde und steuern könnte, dann wären sie vielleicht kaum noch einer problemschwangeren Rede wert.

Stattdessen geschieht durch die aktuell im Naturschutz verwendete Sprache im Hinblick auf das Problem etwas ganz Anderes.¹ Der Unterschied zwischen den heimischen Pflanzen und den aus "aller Welt" bewusst oder per Zufall eingeführten wird durch den Wortgegensatz "heimisch-fremd" besonders betont. Die potenziell störenden, weil verdrängend auf andere wirkenden, Pflanzen werden dabei als "invasiv" bezeichnet (invasiv bedeutet eigentlich nur eindringend, nicht verdrängend!). Ohne Zweifel wird mit dem Adjektiv invasiv eine militärische Invasion, also das gewaltsame Eindringen feindlicher Mächte in ein fremdes Gebiet, assoziiert. Dadurch wirft dieses Wort einen Schatten auf eine meist bewunderte Eigenschaft des sich selbst organisierenden Lebenssystems Natur, nämlich vielfältig und verschieden zu sein.

Wenn darüber hinaus auch noch zur Identifizierung der invasiv eingeschätzten Pflanzen "Steckbriefe" beabsichtigt sind, lässt dies eigentlich nur einen Schluss zu, Teile der Natur, die aus der Fremde als Pflanzen zu uns gekommen sind, sprachlich durch das Heranziehen von Begriffen aus dem Militärischen und der Verbrechensbekämpfung in ein schlechtes Licht zu rücken. Das ist sicher so nicht beabsichtigt. Faktisch geht das auch gar nicht, weil Natur auch wissenschaftlich nicht in Wirkungsmustern einer solchen Sprache vorstellbar ist. So fühlt, denkt und handelt nur der Mensch. Ganz sicher ist man sich beim Naturschutz im Sprachgebrauch offensichtlich auch nicht. Das geschieht, wenn etwa aus dem allgemein kaum missverständlichen heimisch ein verstärktes "echt-heimisch" gemacht wird.

Verständlich sind die Bemühungen des Naturschutzes, die heimische über Jahrhunderte entwickelte Artenvielfalt, sei es auch durch steuerndes Eingreifen gegen verdrängende neue Arten aus der übrigen Welt, durch pflegendes Entwickeln zu erhalten. Nicht verständlich ist es, sich dafür einer wenig geeigneten, nicht stimmigen Sprache zu bedienen.

Zudem stellen sich zum Programm gegen die fremden invasiven Pflanzen zwei kritische Fragen: Die erste ist die nach einer sprachlichen Verwandtschaft zur aktuellen politischen Diskussion über Migration und Rassismus.

Die zweite ist die nach den Pflanzen, die infolge des Klimawandels zukünftig ein lebendiges System unter den Dachbegriffen Natur, Ökologie und Umwelt überhaupt erhalten können. Womit die Überleitung zu weiteren Sprachbegriffen bezüglich deren Stimmigkeit erfolgt. An vier für die Schaffung und Erhaltung von Grün in der Stadt wesentlichen Begrifflichkeiten soll gezeigt werden, wie wichtig es ist, dass ein Sprechen darüber die damit gemeinten Inhalte stimmig trifft.

Natur, Ökologie, Umwelt ist eine Gruppe von zusammenhängenden Dachbegriffen, die ohne gleichzeitiges Bewusstsein über die reale Wahrnehmbarkeit nahezu beliebig angewendet werden können. Die Grünfläche ist nur einseitig korrekt und verfehlt exakt das, wofür sie inzwischen am häufigsten steht. Grüne Infrastruktur ist in ihrer Mehrdeutigkeit zu hinterfragen.

Das Grün ist ein Überbegriff mit einem eindeutigen Wirklichkeitsbezug seit der Antike.

Bei allem wird Natur zumeist als die der außermenschlichen Lebenswelt der Pflanzen und Tiere verstanden. Sie wird erfahren in individueller Wahrnehmung, gleichsam einem Berührt-Werden und Berühren. Das beginnt von Kind an und hört bis ans Lebensende nie auf. Beflügelt wird diese Art des Wahrnehmens und Erlernens der Natur vor allem durch unmittelbare Kontakte, durch entsprechende Literatur und sonstige Medien.

Hochinteressant im Hinblick auf den oben angesprochenen Gegensatz heimisch-fremd ist die Frage, wo denn die Zugvögel ihre Heimat haben. In Skandinavien, Norddeutschland, im Mittelmeerraum, in Afrika vom äußersten Norden bis zur Südspitze, oder in einem sich über tausende Kilometer erstreckenden Luftraum dazwischen?

Die Frage, wo die Zugvögel denn nun echt-heimisch sind, kann nur in einer diffusen Wahrheit enden, oder positiv gesehen in einer vielseitigen, nahezu grenzenlosen auf der gesamten Erde. Aus Kindheits-Erfahrungen und zum Beispiel der NABU- Medienarbeit wird deutlich, dass nur die sinnliche Wahrnehmung als ursächlich zur Erklärung dessen dienen kann, was in der Wissenschaft erforscht, in politischen Diskussionen und im umgangssprachlichen Gebrauch in den Begriffen Natur, Ökologie, Umwelt wie selbstverständlich mittransportiert wird, häufig ohne sich dessen als Begründung bewusst zu sein.

Während die Natur der Pflanzen und Tiere in der sinnlichen Wahrnehmung durch den Menschen als ein recht klarer Dachbegriff einschließlich der Ökologie gelten kann, ist die Umwelt zumindest fragwürdig. Wenn unter Umwelt "die Gesamtheit der ein Lebewesen umgebenden anderen Lebewesen, Dinge und Vorgänge, mit denen es in Wechselwirkung steht" ² verstanden wird, so haben eigentlich nur die Menschen ein Bewusstsein über diese Wechselwirkungen. Die Pflanzen haben, soweit bisher erkennbar keines, die Tiere in artenspezifischen Weisen, die zumeist erst vermutet noch in entsprechenden Verhaltensforschungen herausgefunden werden müssen.

Der Umwelt-Begriff fordert aber sprachlich ein wie auch immer geartetes Bewusstsein eines betroffenen Lebewesens nahezu heraus. Die Frage: Was bedeutet die Welt um mich herum? kann nur der Mensch stellen und beantworten. Nur er kann auch die Welt um die anderen Lebewesen, die Tiere und Pflanzen herum erfassen und in den Wechselwirkungen mit diesen deuten.

Mit der Natur hat die Umwelt einen Wortzusatz gemeinsam, den Schutz. Der ist weder für den Naturschutz noch den Umweltschutz eindeutig. Beide Begriffe werden aber stets so verwendet als seien sie stimmig und deshalb selbstverständlich. Beide vermitteln sprachlich doch zunächst einmal nur, dass etwas Intaktes geschützt werden soll. Denn etwas Gestörtes oder gar Zerstörtes zu schützen, ist ja nicht sinnvoll. Unter Schutz wird aber bei Natur und Umwelt im allgemeinen Sprachgebrauch mehr verstanden. Auch das Verbessern durch ein Wiederaufbauen von beeinträchtigter oder sogar bereits zerstörter Natur und Umwelt sowie deren pflegende Entwicklung ist in dem Wort Schutz mit enthalten. So wird Schutz zu einer Art Mantelbegriff.

Man kann diesen Einwand für kleinlich halten, weil das angeblich eh jeder so verstehen würde. Für diejenigen aber, die mit der "Wiederherstellung" von Natur durch Planen, Bauen und Pflegen befasst sind, ist ein solch differenzierender Hinweis für die Anerkennung ihres Tuns in der öffentlichen Wahrnehmung hilfreich, weil er unterstützend infolge eines anerkennenden Verständnisses wirken kann.

Die Grünfläche ist nur einseitig korrekt und verfehlt genau das, wofür sie am häufigsten steht. Sie ist korrekt als technokratischer Begriff des Planungsrechts. Hiernach wird die Grünfläche gesetzlich festgelegt. Das Planungsrecht kennt gleichermaßen für Stadt und Landschaft nur Flächen, geodätisch exakt, nach Nutzungen unterschieden. Neben Grünflächen gibt es in der Stadtplanung zum Beispiel Bauflächen und Verkehrsflächen. Als Flächen erscheinen sie alle, wenn man sie aus einem Flugzeug in großer Höhe sieht.

Entsprechend solcher Sicht werden sie auf Plänen in Maßstäben ab 1:10.000 bis 1:50.000 dargestellt. Bei der Grünfläche ist so kein wesentlicher Unterschied zwischen einer Fläche aus Gras oder einem Baumkronendach auszumachen. Stammt letzteres von begleitenden Bäumen einer Straße handelt es sich natürlich nicht um eine Grünfläche, sondern um eine Verkehrsfläche.

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Abb. 3. Wo die wohl hinfliegen? Foto:: Raphael Reischuk, pixelio.de
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Abb. 4: Vogelfluglinie für Mittelstreckenzieher: Die Brutgebiete liegen in Europa, die Winterquartiere in Zentralafrika. Die Zugwege verlaufen größtenteils über Land. Abbildung: Lanzi, Wikimedia Creative Commons, CC BY-SA 3.0
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Abb. 5: Stadtgrün über einer Verkehrsfläche. Foto: Dietmar Rabich, wikimedia creative commons, "Dülmen, Halterner Straße (außerorts) — 2012 – 8790", CC BY-SA 4.0

Was von oben und auf einem Plan der erwähnten Maßstäbe wie eine grüne Fläche aussieht, ist jedoch in Wirklichkeit keine, sondern ein Raum. Und hier beginnt die sprachliche Krux mit der Grünfläche. Sie steht - wohl auf Grund ihrer planungsrechtlichen Einordnung - inzwischen auch in der Fachsprache für einen Grünen Freiraum. Ein solcher Raum ist aber unbestreitbar ein Ort, an dem sich das Leben (aller Lebewesen) abspielt. Auch ein letzter Versuch die Grünfläche zumindest sprachlich als Grundfläche eines grünen Raumes zu etablieren, muss an einer doppelten Unstimmigkeit scheitern. Weil die Grundfläche eines Raums Boden genannt wird, gleich ob in einer Wohnung oder im Freien. Ebenso wie bei einem Grünen Freiraum der fruchtbare Erd-Boden die lebenden Pflanzen trägt. Ein geometrischer Begriff Fläche vermag diese beiden Bedeutungen nicht korrekt zu vermitteln, selbst dann nicht, wenn er grün genannt wird.

Was also planungsrechtlich als Grünfläche bezeichnet wird, ist immer ein grüner, weil mit Pflanzen bewachsener und von diesen mit gebildeter Raum. Solch ein Raum wird von den Menschen in der Stadt individuell zur sinnlichen Wahrnehmung des Grüns "als Natur", wie auch zum Zusammenkommen mit anderen Menschen genutzt. Im Besonderen dient er den Menschen zur Erholung, so zum Spazierengehen, zur Bewegung in Spiel und Sport, wie auch zum Ausruhen und zur Kontemplation.

Die entscheidende Frage bleibt: Wie kann die Grünfläche, ein ausschließlich rechtlicher Planungsbegriff, einen grünen von Menschen genutzten Raum sprachlich ersetzen, der bis vor gar nicht so langer Zeit Garten - als eine Metapher für jeden grünen Freiraum in der Stadt - genannt wurde. Die zügige Umwandlung der meisten städtischen Gartenämter in Grünflächenämter bestätigt den raschen sprachlichen Wandel. Bestätigt wird offensichtlich dabei auch eine fehlende öffentliche Diskussion über die Chance einer einmaligen Werbewirkung für eine Stadt durch ihre Gärten. Denn in jedem Garten schwingt die Erinnerung an den ersten (von Gott) für vom Menschen geschaffenen und genutzten Raum immer mit, an dem der Mensch weiter bauen soll. Es war ein Garten voller Pflanzen und Tiere, der Garten Eden.

Wie auch immer sich die Benennung der Städtischen Freiräume weiter entwickeln wird, eines gilt als eherne Konstante in der Fachöffentlichkeit. Alle raumgestaltenden und - planenden Disziplinen wie die Architektur, die Stadtplanung sowie insbesondere wegen des Grüns die Landschaftsarchitektur und -planung bestehen auf der Unabdingbarkeit des Öffentlichen Raums in der Stadt zur freien Versammlung der Menschen.

Zu hinterfragen ist indes ein neuer Begriff mit derzeitiger Hochkonjunktur, die "Grüne Infrastruktur". Wozu soll sie dienen? Ein lexikalischer Hinweis zur Definition für Infrastruktur lautet: "Alle für die Wirtschaft und Daseinsvorsorge notwendigen Einrichtungen und Anlagen, die nur mittelbar der Produktion dienen, wie Straßen, Anlagen zur Energieversorgung, Kanalisation."³ Es liegt auf der Hand, dass das Grün in der Wertzumessung - auch wirtschaftlich - als notwendige Infrastruktur für das Leben in der Stadt gleichrangig zur sog. grauen Infrastruktur -Straßen, Energieversorgung, Kanalisation - anerkannt werden muss. Wie kann man sich das etwas konkreter vorstellen?

Entsprechend dem offiziellen Programm der EU geht es einleitend bei der Grünen Infrastruktur um ein strategisch geplantes Netzwerk wertvoller natürlicher Flächen mit weiteren Umweltelementen . . .4

Wie uneinheitlich, ja fast beliebig erscheinend, auch hier mit dem Gebrauch der Begriffe Fläche und Raum für nachvollziehbar richtige Ziele umgegangen wird, zeigt der unmittelbar folgende Absatz, in dem es heißt: "Insbesondere soll die Grüne Infrastruktur, die die räumlichen Voraussetzungen dafür bietet, dass die Gesellschaft die Leistungen der Natur nutzen kann, letzterer mehr Raum geben, damit sie eine Fülle wertvoller Ökosystemgüter und -dienstleistungen, wie reine Luft und sauberes Wasser, bieten kann."5 In solcher Art des sprachlichen Umgangs mit Fläche und Raum spiegelt sich vermutlich die Auffassung, dass die in der Planung verwendete Fläche synonym mit realem Raum verwendet wird, während die Hinweise zum Raum sich lediglich auf lebensräumliche Inhalte beziehen. Wenn das stimmen sollte, können zusammengehörende Form und deren Inhalte wirklich dermaßen auseinandergenommen werden?

Diese Art, sprachlich im abstrakt Übergeordneten zu bleiben, läuft zudem Gefahr, die für die Menschen konkret wahrnehmbaren Dinge in Natur und Umwelt zu vernachlässigen und damit eine große Chance für ein fundiertes Verständnis der Grünen Infrastruktur zu versäumen. Die in der EU-Werbe-Broschüre dominierenden, wissenschaftlich fundierten Schlagworte wie Ökosystem, Biodiversität, Klimawandel und zukünftig wohl auch Grüne Infrastruktur selbst, sowie eine Fassadenbegrünung zum Auftakt und den meisten von Bildern, jedoch selten real bekannten Eisvogel zum Abschluss der Broschüre mit einigen eingestreuten Images von Blumen-, Insekten-, grüner Stadt- und Landschaftsfotos können eine ausführlichere textliche Begründung für das Berührt-Werden der Menschen durch die Erscheinungen in Natur und Umwelt nicht ersetzen!

In eine solche kritisch hinterfragende Betrachtung fällt wie ein Paukenschlag eine Antwort wie die Grüne Infrastruktur durch einen großen Impuls mit Leben gefüllt werden könnte. "Tausende Gärten - Tausende Arten" heißt ein von der Deutsche Gartenbau Gesellschaft 1822 e. V. (DGG) mit Partner-Organisationen, auch des Naturschutzes, gestartetes konkret räumlich-inhaltliches Programm mit dem Untertitel "Bundesweite Kampagne für die Produktion und den Verkauf von echt heimischen Wildpflanzen"6

Fachlich unzureichend informierte Schnellkritiker könnten diese Kampagne für einen ausschließlich grün-populistischen Werbefeldzug zur Vermarktung von Wildpflanzen brandmarken. Das wäre insofern abwegig, weil die große Anzahl von individuell und öffentlich betreuten Gärten, auch als Auslöser für neu entstehende, die innigsten Begegnungen und Verbindungen zwischen Menschen und Pflanzen als den ersten und wichtigsten Lebewesen auf Erden bietet. Die vielen Gärten stellen dadurch so etwas wie die Kernzellen der Grünen Infrastruktur dar.

Mit der Kampagne lebt auch die Idee des Naturgartens wieder auf. In diesem Zusammenhang - und das erscheint besonders vielversprechend - würde das Zusammenspiel zwischen den üblicherweise in einem Garten dominierenden Kulturpflanzen mit den wilden heimischen Pflanzen zu neuen Gemeinschaften ohne Verdrängung der einen durch die anderen als eine neue Form von künstlicher gemeinsamer Pflanzenversammlung natürlich wie kulturell aufgezeigt werden, statt ständig im Gegensatz zueinander.

Eine dritte und für den Start des Programms entscheidende Antwort auf eine zu vorschnelle fachunkundige Kritik bezüglich einer reinen Vermarktungs-Werbung ist diese: Es gibt die Wildpflanzen in den vielen Arten und Mengen derzeit gar nicht im Markt-Angebot. Ein Herausholen der wild vorkommenden Arten aus der zum Teil geschützten Natur durch jeden Gartenbesitzer nach Belieben ist ausgeschlossen. Also müssen die Pflanzen kontrolliert von Fachleuten aus der Natur entnommen, für das Wachsen in Gärten kultiviert, vermehrt und in ausreichenden Mengen auf den Markt gebracht werden.

Ein großer Vorteil für das Netzwerk Grüne Infrastruktur durch die Kampagne "Tausende Gärten - Tausende Arten" liegt in der Beteiligung der vielen Gartenbesitzer- und Gartenfreundinnen an der Basis statt nur durch Projekte "von oben".

Das Grün ist ein Überbegriff mit eindeutigem Wirklichkeitsbezug seit der Antike. Grün war und ist die Identifikationsfarbe schlechthin für nahezu alle Pflanzen auf der Erde. Zur Erinnerung: Die Pflanzen sind die Grundlage des Ernährungskreislaufs und durch ihre Chlorophyll-Bildung - die CO2-Bindung und die Sauerstoff-Produktion bewirkend - die Garanten für ein Leben ermöglichendes Klima. Sie sind an den Erdboden gebunden. Überall dort, wo sie ihn finden bei ausreichend Licht, Wasser und sauberer Luft bilden sie mit der nicht lebenden Materie (Steine) und der Topographie Räume für das Leben aller. Der so beschriebene Zusammenhang von Pflanzen und Lebensraum ist allgemein bekannt. Dem Menschen bewusst wird er ursächlich durch ein Berührt-Werden oder ein Berühren mit den Dingen der Natur wie es der römische Dichter Lukrez schon vor 2000 Jahren beschrieben hat.7

Drei Ordensleute des Mittelalters Walahfried Strabo (808/9-849), Hildegard von Bingen (1089-1179) und Albertus Magnus (1193-1280) bestätigen das Berührt-Werden und Berühren durch Pflanzen in drei wesentlichen Zuwendungen, die bis heute Bestand haben: Das Arbeiten mit den Pflanzen beim Gärtnern gehört zu den innigsten Beziehungen zwischen Mensch und Natur.8 Das gezielte Sammeln und Anbauen von Pflanzen für eine gesunde Ernährung von Körper und Seele/Geist.9 Und das gestaltende Erschaffen eines Raumes mit Pflanzen, die in besonderer Weise die sinnliche Wahrnehmung anregen.10 Bei allen dreien führte das zu einer künstlichen Zusammenfügung von ausgewählten, aus der Natur gesammelten und kultivierten Pflanzen, an einem räumlich gesicherten Ort, einem Garten. Und alle drei nannten das so Geschaffene das Grün.

Was Albertus Magnus sich vor mehr als 700 Jahren für einen kleinen Garten ausgedacht hat, fand seine Verwirklichung in größerem Umfang in den Gärten und Parks der Städte seit dem 19.Jahrhundert. Das mögliche Sitzen auf dem Rasen des Albertus Magnus steht seit fast 200 Jahren für jegliche Erholungsnutzung in Garten, Park und Landschaft durch Bewegung in Spazieren, Spiel und Sport sowie Sitzen und Liegen auf Rasen und Wiesen und in ruhiger Anschauung und Kontemplation.

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Abb. 6: Die innigste Verbindung von Mensch und Natur zeigt dieses Bild von Georges-Pierre Seurat, Der Gärtner, Öl auf Leinwand, zwischen 1882 und 1883, Metropolitan Museum of Art. Abbildung: Wikimedia Creative Commons, Universal Public Domain, CC0 1.0
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Abb. 7: Die Verbindung von Kultur und Natur hat Zukunft! Foto: Christine Kuchem, Adobe Stock

Auch wenn die grünen Räume der Stadt sich über den engeren Begriff des Gartens hinaus wie etwa im Grün der Bäume an Straßen und auf Plätzen erweitert haben, galt der Garten bis vor einem halben Jahrhundert gleichsam als eine Metapher für alle grünen Räume der Stadt, was sich bis dahin über 100 Jahre lang im Namen der für das Grün zuständigen städtischen Behörden ausgedrückt hat. Sie hießen Gartenamt. Auch wenn die meisten heute - nicht stimmig wie oben beschrieben - in Grünflächenamt umbenannt worden sind.

Das Grün allerdings ist ein unstrittiger Identifikationsbegriff für pflanzenbestimmte Räume in der Stadt wie auch in der Landschaft. Er ist in diesem Sinne als sprachlich stimmiger, seit der Antike begründbarer Platzhalter zu verstehen.

Entscheidend bleibt dabei die Auffassung, dass es bei der Raumbildung weder allein um Pflanzen, auch synonym für Natur, noch nur um Nutzungen durch den Menschen und schon gar nicht nur um die Form geht.

Heute steht Das Grün für eine gemeinsame räumliche Entwicklung von Natur und Umwelt mit den sinnlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten und sozialen Nutzungen durch die Menschen, wie es in einem Zeitschriften-Titel Stadt + Grün, in einer Stiftung Die grüne Stadt und in einem Netzwerk Grüne Infrastruktur zum Ausdruck gebracht wird.

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Abb. 8: Berührung von Geist und Seele durch Natur. Foto: Graz, Wikimedia Creative Commons, CC BY-SA 3.0
Anmerkungen
  • ¹ Bundesamt für Naturschutz: Neobiota.de -Gebietsfremde und invasive Arten in Deutschland BfN-Skripten 352, 2013 bis BfN-Skripten 471, 2017
  • ² Gerhard Wahrig,1986/1987: Deutsches Wörterbuch. Müchen. S. 1323
  • ³ wie vor. S. 689
  • 4 Europäische Union, 2014: Eine Grüne Infrastruktur für Europa. S.7, erster Absatz
  • 5 wie vor. S.7, zweiter Absatz
  • 6 Deutsche Gartenbau-Gesellschaft 1822 e.V. 2020: Kampagne "Tausende Gärten-Tausende Arten"
  • 7 Lukrez, 2014: Über die Natur der Dinge - In deutsche Prosa übertragen und kommentiert von Klaus Binder- Mit einer Einführung von Stephen Greenblatt. Köln 2014
  • 8 Walahfrid Strabo, 2002/S2015: De cultura hortorum (Hortulus) Über den Gartenbau. Reclam Nr. 19301.
  • 9 Dieter Hennebo Alfred Hoffmann, 1962: Geschichte der Deutschen Gartenkunst. Band 1 - Dieter Hennebo -Gärten des Mittelalters. S. 39-40. Hamburg
  • 10 Stephanie Hauschild, 2005: Die sinnlichen Gärten des Albertus Magnus
Autor

Landschaftsarchitekt BDLA

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