Seine Entstehung ist eng mit der Kieler Stadtgeschichte verbunden

Der Kieler Grüngürtel feiert das 100. Jubiläum

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Grüngürtel Ausgleichsflächen
1 Der Ratsdienergarten am Kleinen Kiel im Frühjahr. Foto: Landeshauptstadt Kiel, Petra Holtappel

Nach der Gründung durch Adolf IV. von Schauenburg erhielt Kiel 1242 das lübsche Stadtrecht. Lange Zeit war die Stadt Mitglied der Hanse (1284-1518) konnte jedoch nie eine größere Bedeutung gewinnen. Die Einwohner*innenzahl betrug zur Gründung etwa 2500.

Von der Stadtgründung bis zum Ersten Weltkrieg

Um 1800 war Kiel auf ca. 7000 Einwohner*innen gewachsen. Die Adelshäuser aus herzöglich Gottorfer Zeit begannen die Stadt mitzuprägen, erste kleinere Erweiterungen erfolgten. Vor allem aber hatte sich Kiel den Ruf als landschaftlich schön gelegener Ort erobert. Es war die Zeit der Neuentdeckung der Landschaft und der Natur als Lebensgefühl. Christian Cay Lorenz Hirschfeld wurde 1773 zum Professor der schönen Literatur an die Kieler Universität berufen. 1784 gründete er auf königlichen Befehl eine Fruchtbaumschule im Stadtteil Düsternbrook an der Förde - eine herrliche landschaftlich durch Wald und Hügel mit zahlreichen Ausblicken auf das Wasser der Förde gelegene Gegend, die Hirschfeld sicher einige Inspiration zu seinem berühmten Werk die "Theorie der Gartenkunst" geliefert hat.

Mitte des 19. Jahrhunderts begann allmählich das Wachstum der Stadt, das vor allem durch den Bau der Altonaer Chaussee und die Errichtung der Eisenbahnstrecke nach Hamburg befördert wurde - 1855 hatte Kiel ca. 16.000 Einwohner. Ab 1871, also mit der Einrichtung Kiels als Reichskriegshafen explodierte die Stadt regelrecht: 1918 lebten in Kiel 243 248 Menschen.

Dies stellte die Stadtplanung vor große Herausforderungen. Der Stadtbaurat Josef Stübben legte 1901 einen Stadterweiterungsplan vor, der Wohnungen für 1 Million Einwohner*innen vorsah, überwiegend in der zeittypischen gründerzeitlichen Blockrandbebauung. Ein zusammenhängendes Grünsystem oder eine funktionale Aufteilung von Grünflächen war darin noch nicht zu erkennen. Der Plan stellt vor allem repräsentative Schmuckplätze und kleinere, landschaftlich gestaltete Parkanlagen dar, sowie Friedhöfe und Wald, die im Stadtgebiet relativ wohnungsnah verteilt waren und teilweise durch Chausseen verknüpft wurden.

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2 Blick über den Grüngürtel in Richtung Innenstadt. Die Kleingärten und der Schützenpark sind deutlich zu erkennen, um 1920. Abb.: Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte (Hrsg.), 1995: Denkmaltopographie Landeshauptstadt Kiel, S. 19.
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3 Grünflächen- und Siedlungsplan von Willy Hahn und Leberecht Migge, 1922. Abb.: Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte (Hrsg.), 1995: Denkmaltopographie Landeshauptstadt Kiel, S. 73

Der Freiflächen- und Siedlungsplan von Leberecht Migge und Stadtrat Willy Hahn von 1922

Das Ende des ersten Weltkrieges brachte soziale und wirtschaftliche Veränderungen mit sich. Vor allem die Einstellung des militärischen Schiffbaus auf den Kieler Werften und die veränderte Bedeutung der Marine brachte Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot mit sich. Kiels Wachstum stagnierte. In den 1920er-Jahren entwickelten der Stadtbaurat Dr. Willy Hahn und der Landschaftsarchitekt Leberecht Migge eine neue, umfassende Stadtentwicklungsplanung. Es sollte ein städtebaulich künstlerisches Gesamtbild entstehen. Die Stadt sollte angelehnt an das Vorbild der Gartenstadtidee, die von Ebenezer Howard und Theodor Fritsch bereits Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde, erweitert werden. Um die so genannte Hochbauzone der Stübbenschen Zeit sollte ein Grüngürtel gelegt werden, der überwiegend aus Pachtgärten, Parks, Wäldern und Friedhöfen bestehen sollte. Entlang der Ausfallstraßen aus der Hochbauzone sollten Flachbauten entstehen. Die Achsen endeten in sogenannten Trabantensiedlungen außerhalb der eigentlichen Stadt. Diese wiederum befanden sich in einem Wald-und Wiesengürtel, der den Pachtgartengürtel nach außen hin erweiterte. Interessanterweise erhielt der Plan von 1922 den Titel "Grünflächen- und Siedlungsplan" - die Erstnennung der Grünflächen in diesem Titel zeugt von der hohen Bedeutung, die Hahn den Grünflächen seinerzeit beigemessen hat!

Das Konzept Migges umfasste weit mehr als eine strukturelle Grundgestaltung. Er entwickelte ein ganzheitliches neues Abfallsystem inklusive Kompostierung der Siedlungsabfälle, um die Pacht- und Siedlungsgärten mit Naturdünger zu versorgen. In Kooperation mit der Worpsweder Siedlerschule wurden zahlreiche Detailpläne entwickelt, bis hin zu einem 'Metroclo', welches die Konstruktion zur Gewinnung von Dünger aus menschlichen Exkrementen darstellt. In dem Gartenstadtteil Hammer in Kiel wurden zahlreiche soziale Gedanken Migges verwirklicht, zum Beispiel der Bau von Kleinsiedlerhäusern, die mit lokalen Baustoffen errichtet wurden und deren Grundstücke große Nutzgärten umfassten. Die Siedlung wurde durchzogen von öffentlich nutzbaren Sport- und Erholungsflächen inklusive einer Rodelbahn und einem Freiluftbad für Kinder auf einer Waldlichtung.

In den Parkanlagen, die im Grünsystem Kiels angelegt wurden, wird deutlich, dass Hahn auch die Ideen des sozialen Grüns bewusst waren, also das aktiv nutzbare Grün mit betretbaren Rasenflächen, "Tummelwiesen" für die Bewegung, Spiel- und Sportflächen. Besonders ist dies noch heute in der Gestaltung des Kieler Volksparks in Gaarden abzulesen. Nicht zuletzt mögen die Gedanken zum sogenannten Sanitären Grün von Martin Wagner in die Aufstellung des Freiflächen- und Siedlungsplanes eingeflossen sein. Denn Hahn löste Wagner, der konkrete Vorgaben über die Ausstattung und räumliche Zuordnung von Grün zu den Bewohner*innen einer Stadt entwickelt hatte, als Stadtbaurat in der Stadt Rüstringen (heute Stadtteil von Wilhelmshaven) ab.

Die Planung von Hahn und Migge war sehr nachhaltig. Trotz einiger Flächeninanspruchnahmen bildet der Grüngürtel aus dem Freiflächen- und Siedlungsplan bis heute das grüne Rückgrad der Stadt.

Nach dem zweiten Weltkrieg waren drei Viertel des Stadtgebietes in insgesamt 90 Luftangriffen zerstört worden. Hafen und Werften sowie die Stadt selbst mit ihren nun noch etwa 150.000 Einwohner*innen lagen in Trümmern. Der Wiederaufbau folgte dem Generalbebauungsplan des Stadtbaurates Jensen von 1947, das Prinzip: die gegliederte Stadt. Kiels Gesicht hatte sich jedoch, gerade in der Altstadt erheblich verändert, da ein Großteil der historischen Bausubstanz verloren gegangen war. Im Rahmen des Bebauungsplanes hatte das Grün wiederum eine besondere Bedeutung, insbesondere sollte es Gesundheit, Stadtgliederung und Erholung sowie gärtnerischer Nutzung und Waldbau dienen.

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4 Impression im Volkspark heute. Foto: Arne Biederbeck
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5 Planschbecken im Volkspark Kiel, historische Ansicht von 1929. Abb.: Dörte Beier, 2004: Kiel in der Weimarer Republik, S. 221

Landschaftspläne und Leitbilder der neueren Zeit

Die Landschaftsplanung begleitet seit den siebziger Jahren die Stadtentwicklung. In Kiel wurde 1985 der erste Landschaftsplan beschlossen. Auch er nimmt den historischen Grüngürtel als Grundlage auf.

Während das Thema Beteiligung bis hierher von untergeordneter Bedeutung war, beginnt nun die Ära der formellen Beteiligung. Der Naturschutz und die Landschaftspflege haben sich in Gesetzen niedergeschlagen und es wird eine TÖB-Beteiligung (Träger öffentlicher Belange) durchgeführt, ebenso erfolgt eine öffentliche Auslegung. Im Jahr 2000 wurde der zweite Kieler Landschaftsplan beschlossen.

Seit der Jahrtausendwende befindet sich Kiel im Wandel. Einige Flächen an der Förde, die zuvor von Gewerbe oder Militär belegt waren, werden nach und nach frei. Die Stadt möchte sich mit neuen Nutzungen zum Wasser wenden. Gleichzeitig verdichtet sie sich nach innen und entwickelt sich auch weiter nach außen in die freie Landschaft in Richtung Umland. Daher war das Ziel, mit einem "Freiräumlichen Leitbild Kiel und Umland" eine gemeinsame Willensbekundung der Landeshauptstadt Kiel mit den Umlandgemeinden darüber zu erreichen, welche Flächen von Bebauung freigehalten werden sollen. Gemeinsam als wichtig erachtete Erholungsflächen und Biotopverbundflächen wurden als Grundgerüst für das Leitbild definiert. Diese Freiflächen sollen das Grundgerüst für die städtebaulichen Entwicklungen der Teilnehmergemeinden bilden. Die verschiedenen Landschaftspläne wurden dazu in eine vereinfachte, gemeinsame Biotopverbunddarstellung überführt. Aus den Themenplänen Erholung und Biotopverbund wurden die Flächen verschnitten und ein anschauliches Leitbild entwickelt. Es besteht aus drei grünen Ringen, die sich um die Förde herum entwickeln: Der Fördering am Ufer, der Innenstadtring (Grüngürtel) am Rande der dichten Bebauung und der Landschaftsring, welcher den Kieler Außenrand mit dem Umland verbindet. Von der Förde aus führen Radiale in die Landschaft hinaus. Der Hauptgrüngürtel ist erneut der Migge'sche Grüngürtel aus dem Freiflächen- und Siedlungsplan. Allerdings wurden auch neue Ziele für den Grüngürtel definiert. So liegen einige Natur- und Landschaftsschutzgebiete innerhalb der Flächen des Grünsystems, insbesondere die typischen eiszeitlichen Seen sollen dem Schutz und der Entwicklung von Arten und Biotopen dienen. Im äußeren, dem Landschaftsring können im Zusammenhang des übergeordneten Biotopverbundes Ausgleichsflächen angelegt werden, auch vor den Toren der Stadt.

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6 Freiräumliches Leitbild Kiel und Umland. Landeshauptstadt Kiel (Hrsg.) 2007

Für die Großstadt Kiel ist der Bezug zu den umliegenden Naturparks im Erholungsverbund von großer Bedeutung. Für die Umlandgemeinden war es besonders interessant, schnelle, direkte Wege für Fußgänger*innen und Radfahrer*innen in die Stadt hinein zu gestalten, um die nicht-motorisierte Mobilität zu fördern.

Eine breite Bürger*innenbeteiligung hat bei der Aufstellung des Leitbildes nicht stattgefunden, hier lag der Schwerpunkt auf der regionalen Zusammenarbeit. Im Vordergrund stand die gemeinsame politische Willensbildung der Umlandgremien.

Das Leitbild ist in das Integrierte Kieler Stadtentwicklungskonzept (INSEKK) von 2011 eingeflossen, ebenso war der Förde-Ring Ausgangspunkt für den Rahmenplan Kieler Förde, welcher gemeinsam mit den an der Förde anliegenden Gemeinden 2013 entwickelt wurde.

In dem 2016 beschlossenen Kleingartenentwicklungskonzept (KEK) wurde nach intensiver Beteiligung der Öffentlichkeit und vor allem der Kleingärtner*innen die Bedeutung des Kieler Grüngürtels noch einmal bestätigt.

Die Kieler Stadtentwicklungsperspektive "Kiel 2042", die aktuell entwickelt wird, geht heute grundsätzlich von einem Wachstum der Stadt aus. Kiel hat daher vor einigen Jahren einen Wohnbauflächenatlas entwickelt, der Potenziale für Bauflächen öffentlich ausweist.

Daher war es wichtig, gleichzeitig die Aufstellung eines "Konzeptes Stadtgrün" einzufordern, welches die Wertigkeit und Bedeutung von Grün- und Freiflächen im Stadtgebiet bekräftigt. Das Konzept bestätigt inhaltlich vor allem die weitere Gültigkeit der Grundsätze aus den bereits vorliegenden Rahmenplanungen. Sie werden erweitert durch den Auftrag, sich der aktuellen Herausforderungen anzunehmen: Anpassung an den Klimawandel, zum Beispiel Starkregen- und Hochwasserereignisse, Maßnahmen zum Artenschutz, Förderung der nicht-motorisierten Verkehre, ein Ausgleichsflächenkonzept.

Unter anderem sollen künftig auch Teilraum-Grünkonzepte für die einzelnen Stadtteile entwickelt und einzelne Maßnahmen zur Aufwertung vorhandener Grünanlagen umgesetzt werden. Zur Beteiligung: Das Konzept wird im Sommer 2020 in die Beteiligung der Stadtteilgremien (Ortsbeiräte) gehen, nachdem es mit den Naturschutzverbänden zuvor grundsätzlich abgestimmt wurde. Anschließend erfolgt der Beschluss der Ratsversammlung.

Insbesondere bei den Teilraumkonzepten in den Stadtteilen und bei den Einzelmaßnahmen wird eine intensive Beteiligung stattfinden beziehungsweise bei laufenden Projekten wird diese bereits durchgeführt. Es hat sich gezeigt, dass die Menschen hier eine sehr direkte Betroffenheit verspüren und sich stark einbringen. Der Bezug der Nutzerinnen und Nutzer zu den Anlagen erzeugt ein großes Interesse an der Gestaltung und Ausstattung. Die Mitwirkung an der Planung, aber auch an der weiteren Betreuung der Grünflächen fördert die Akzeptanz für die Maßnahmen. Diese wiederum fördert die Nutzung, die soziale Kontrolle und Identifikation, sie vermindert Vandalismusschäden. In Kiel gibt es einige sehr lebendige und engagierte Interessengruppen für zentrale Parkanlagen.

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7 Blick über den Bootshafen zur Kieler Werft. Foto: Landeshauptstadt Kiel, Petra Holtappel
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8 Kiels zentralster Grünring: Grünfläche an der Kiellinie. Foto: Landeshauptstadt Kiel, Petra Holtappel

Literatur
  • Beier, Dörte (2004): Kiel in der Weimarer Republik. Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte (Hrsg.): Denkmaltopographie Landeshauptstadt Kiel 1995.
  • Von Buttlar, Adrian und Meyer, Margita Marion (Hrsg.), 1996: Historische Gärten in Schleswig-Holstein.
Autorin

Leiterin Grünflächenamt Landeshauptstadt Kiel

Grünflächenamt Landeshauptstadt Kiel

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