Ein vermeintliches Relikt als Gestaltungsmittel neu betrachtet

Sichtachsen für mehr Aufenthaltsqualität und Artenvielfalt

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1 Botanischer Garten Leuven, Belgien: Vordergrundobjekte – ob Baum, Teppichbeet oder Skulptur – vertiefen den anschließenden Raum. Soll die Achse gerahmt oder nur einen Akzent erhalten? Bäume müssen gelegentlich hoch aufgeastet werden, um den Blick freizuhalten. Foto: Wolfgang Borchardt

Sind Blickachsen, Ein- und Ausblicke wirklich etwas historisch Angestaubtes? Gern in klassischen Landschaftsparks zu besichtigen, aber eben nicht auf der Höhe der Zeit? Viele neuere Gestaltungen lassen diesen Schluss zu. Und das, obwohl wir die planerischen, früher nicht gekannten Möglichkeiten haben, durch noch ungebaute, unbepflanzte Freiräume vorab virtuell zu flanieren. Folglich sollte es nicht mehr passieren, dass ein Weg im "Nirgendwo" endet.

Blickpunkte und Blickziele

Wie sehr Wege mit Ein-, Aus- und Durchblicken verknüpft sind, wird schnell daran deutlich, dass sie oft genug an Punkte führen, wo es etwas zu sehen gibt ("Blickpunkte"). Während Durchblicke in den Grenzen des Gartens oder Parks bleiben, gehen Ausblicke nach draußen und erschließen meist Blickziele in der Ferne. Sollen bestimmte Perspektiven erlebt werden, sind sie gewöhnlich durch Wege zu erreichen. Vor Ort erhalten sie einen den Blickwinkel begrenzenden Rahmen. Dafür gibt es in großen Parks das "Baumfenster", in kleinen Gärten tut es die Lücke in der Schnitthecke, im Rankgerüst oder der Mauer - anderenorts der gebaute "Bilderrahmen". Gebaute Durchblicke wecken Aufmerksamkeit und profitieren von dem immer spannungsvollen und wirkungssteigernden Gegensatz zwischen Gebautem und Gewachsenem, Disziplin und Spontanität.

Hecken unter Augenhöhe erlauben Einblicke - etwa in den Vorgarten - oder Ausblicke, wenn es sich lohnt - etwa bei Öffnungen in die angrenzende Landschaft. Hier muss nicht mit störenden Einblicken gerechnet werden, aber die "geborgte Landschaft" gibt dem Garten eine besondere Perspektive und Erlebnisqualität. Erhebungen können Einblicke in den eigenen Garten und Ausblicke in die Ferne bieten. Sie werden immer gern erklommen. Lohnt sich das nicht, ist die Enttäuschung spürbar. Dann besser bepflanzen! Durchblicke vernetzen angrenzende Gartenräume miteinander. Schräg zur Blickachse gestaffelte oder sich quer deckende Heckenriegel verwehren im Bedarfsfall den Durchblick, nicht den Durchgang. Einblicke in den Vorgarten sind zwar nicht immer lohnend, aber meist erwünscht und werden durch eine nur niedrige Hecke unterstützt. Unangenehm ist der Einblick von oben, etwa aus Fenstern oder dem höhergelegenen Weg oder Nachbargrundstück. Eine dicht begrünte Pergola bildet eine undurchschaubare Raumdecke, die verlässlich gegen Neugier wappnet.

Nicht alle mit dem festgelegten Ausblick präsentierte und ästhetisch begründete Blickziele sind auch funktional unentbehrliche Wegeziele. Denn nicht jeder weit entfernte Berg kann und muss erstiegen werden. Aber das Blickziel ist unverzichtbar. Von erstaunlich vielen Bänken gibt es nichts zu sehen. Wer nicht zu müde oder im spannenden Gespräch befangen ist, erhebt sich rasch wieder. Aber nicht jedes Wegeziel bedarf auch befestigter Wege. Auch über stets kurz gehaltenen Rasen darf gegangen werden, wenn es nicht zu häufig geschieht. Den nötigen Anreiz liefern locker gestellte, hochstämmige Bäume und kahlfüßige Großsträucher oder ganz offene Partien, die von dichten, bis zum Boden reichenden Gehölzen seitlich begrenzt werden. Die inszenierten Raumöffnungen wecken nicht nur Neugier, sie führen auch, ohne auf aufwändig gebaute Wege angewiesen zu sein. So wie man hohe, von einer Einkehrmöglichkeit gekrönte Berge gern ersteigt, so sehr werden geringfügige Erhebungen auch unter Kniehöhe erfahrungsgemäß gemieden. Damit ist über Gehölzhecken hinaus eine weitere Möglichkeit der Besucherlenkung gegeben. Im besten Fall lockt ein erkennbares Ziel, sei es eine Sitzgelegenheit oder eine Skulptur. Das funktioniert mindestens in Hausgärten sehr gut, wo ein Übermaß an Wegen Rasen- und andere Vegetationsflächen unnötig zerschneidet.

Im Beziehungsgeflecht zwischen Wegen und Blickzielen können Bäume selbst zum Blickziel hinreichender Qualität avancieren. Das kann ein Baum sein, der durch sein Alter und die daraus resultierende Größe und markante Wuchsform die Wegeplanung bestimmt. Für Neupflanzungen werden weithin sichtbare Säulenbäume (Säulen-Eiche u. a.) oder Überhänger (wie Cercidiphyllum japonicum 'Pendulum') ebenso gern bevorzugt wie Gehölze mit roten oder silbergrauen Blättern, Blütenschmuck und Herbstfärbung. Wege führen zu Punkten mit wechselnden Baumansichten, mithin nicht auf gerader Strecke zum Baum selbst, der aber meist doch erreicht wird.

Aufgehoben im Achsenkreuz

Wege sind mehr als die Verbindung von A nach B und mehr als ein Mittel der Flächengliederung. Wer sich in einer Wegeachse, insbesondere im Schnittpunkt von Wegen mit Blickzielen rundum befindet, fühlt sich darüber hinaus in den Freiraum integriert. Die Blickachse, in der ich stehe, gehört mir! Der Weg, den wir gehen und das, was wir dabei zu Gesicht bekommen lässt uns zu einem Teil des gestalteten Wege- und Blicknetzes werden. Das gilt insbesondere auch für die Schnittpunkte von Sicht- und Wegeachsen. Dieser Effekt des "Aufgehobenseins" kann in jedem gut gestalteten Garten oder öffentlichen Freiraum erreicht werden. Sind wir es, die - von Wegen geleitet - Blickziele entdecken oder geraten wir in deren Fokus? Immerhin sind wir angesichts eines attraktiven Baumes oder einer augenfälligen Skulptur häufig gezwungen, innezuhalten, was auf Wechselwirkungen deutet.

Während im formalen, gewöhnlich axial-symmetrischen Garten Wege- und Blickziele deckungsgleich sind, schwingen sie im frei gestalteten Landschaftsgarten um geradlinige Blickachsen, die sie wiederholt kreuzen. Ein Baumpaar ("Baumfenster") kann die Sichtlinie rahmen und das Blickziel in sich einschließen, ebenso in Richtung des Betrachterstandpunktes vorverlegt werden. Um den Durchblick zu garantieren, müssen die verwendeten Bäume häufig extra hoch aufgeastet werden.

Dass die die Sichtachsen schneidenden Wegepunkte auch Blickpunkte sind, muss entdeckt, kann aber auch mit einer hilfreichen Aufforderung verbunden werden. In den Parks der Klassik-Stiftung Weimar etwa geben in den Boden eingesenkte Plaketten den Hinweis: "Hebe deinen Blick und verweile!". Schon in der Landschaft wird klar: Der vermeintlich nicht kürzeste, gekrümmte Weg hat Gründe. So werden Hindernisse umgangen, beschwerliche Anstiege und feuchte Senken vermieden, Waldränder und Flurgrenzen verfolgt. Im gestalteten Garten kann auch ein nachträglich gepflanzter Baum sowohl das die abweichende Wegeführung begründende Hindernis als auch attraktives Blickziel sein, von dem neue Perspektiven - auch im Rückblick - erschlossen werden. Immer noch schwingen Wege in neu entstehenden Parks, aber Sichtachsen und Blickziele sind ihnen häufig abhandengekommen. Gedankenlos oder zeitgemäß?

Blickziel oder Weg - was war zuerst? Die Antwort ist offen. Die Wegeführung wird vorhandene qualitätvolle Blickziele einbeziehen oder - sind die nicht da - vordergründig den Freiraum erschließen, neue Perspektiven eröffnen, Anstiege suchen oder bequem Höhenlinien folgen. Die danach zu planenden und zu möblierenden Verweilpunkte verlangen nach Blickzielen. Der Blick ins Leere und Belanglose ist nicht erfüllend. Oft genug wäre es nötig, in fernen Büros geplante Wege nach ihrer Absteckung im Gelände zu korrigieren. Viele Bauvorhaben bieten dafür keine Spielräume. Anders in privaten Gärten. Hier steht der besten Lösung, nämlich den Freiraum selbst zu "ergehen", nichts "im Wege". Das zwischen 1917 und 1941 entwickelte Landgut Holzdorf (Thüringen) stellt den Sonderfall dar, dass die Blickziele in großer Zahl vor der Gartenplanung vorhanden waren. Denn der Besitzer, Dr. Otto Krebs, war Sammler bedeutender Plastiken und Skulpturen. Folgerichtig hat der Gartenarchitekt Franz Wirtz in den formalen Teil des Parkes ein dichtes Netz parallellaufender und sich kreuzender Wege- und Sichtachsen geschaffen, das alle (heute hier nicht mehr vorhandenen) Objekte Augen und Füßen wirkungsvoll erschloss.

In "reifen" Bestandsgärten stellt eine anfangs durchgeführte Raumanalyse eine unentbehrliche Grundlage für eine bessere Neu- oder Umgestaltung dar. So können verwachsene Blickachsen wieder freigelegt, neue entdeckt und Neupflanzungen vermieden werden, die wichtige Blickziele verstellen.

Wege- und Sichtachsen, Wegeziele, Blickziele und Blickhindernisse mögen gelegentlich als eine über das Ziel hinausschießende Liebhaberei abgetan werden. Ein tieferes Verständnis sieht in diesen Gestaltungsmitteln nicht mehr (und nicht weniger) als etwas folgerichtig Gedachtes und konsequent Umgesetztes, das wesentlich zu einem funktionstüchtigen Freiraum beiträgt.

Ein Haus, ein Garten

Der Blick durch die Räume des Hauses in den Garten oder - ein seltener Vorzug - in die Landschaft verbindet Haus und Freiraum, wie es enger nicht geht. Dafür müssen Haus und Garten zusammen gedacht, entworfen und geplant werden. Bekanntes Beispiel ist die ehemalige Villa des Malers Max Liebermann am Wannsee in Berlin, heute als Museum für die Öffentlichkeit zugänglich. Hier ist es das Foyer, das den Blick auf See oder Garten gestattet. Aus dem Garten kann der Blick durch das Haus hindurch auf den See gehen. Auch die Umgestaltung eines Innenhofes kann eine Blickbeziehung nach draußen und umgekehrt eröffnen. Nun darf auch das Hoftor offenbleiben oder großflächig verglast werden. Moderne Gläser und Dämmtechniken erlauben auch den energiesparenden, im Sommer angenehm schattigen Blick nach Norden, wenn dort die sehenswerte Landschaft ist. Ein angebauter Wintergarten kann als Wind- und Kältepuffer dienen und den Ausblick optimieren.

Gehen wir einen Schritt weiter und suchen - über den Durchblick hinaus - weitere Verbindung zwischen Innen- und Außenraum. Da sind die Baustoffe, die sich wiederholen und im Idealfall der Weg oder die Terrasse, die sich nach Draußen fortsetzen. Die in Wintergärten verwendeten Pflanzen können im Außenraum durch frostharte, in Blattform und -färbung ähnliche Arten ergänzt werden. Diese Verbindung nach Draußen, erschließt sich sofort, wenn es sich um die gleichen Arten handelt. Beispiele sind Aucuba japonica und die mittlerweile an vielen Orten winterharte Zimmer(!)-Aralie Fatsia japonica.

Die große Diagonale

Ob "lange" oder "große" Diagonale, die diagonale Linie erschließt die größte Raumtiefe und ist deshalb ein wichtiges Gestaltungswerkzeug. Auch im kleinen Garten ist die Diagonale lang und "groß" und nicht weniger bedeutsam. Gewöhnlich ist es nicht sinnvoll, auf die Diagonale einen Weg zu legen. Die Diagonale ist nicht mehr als eine Hilfslinie, die - in eine Sichtachse verwandelt - dem Raum nicht nur mehr Tiefe verleiht. Links und rechts der Diagonalen können mehr Teilräume unterschiedlicher Größe, Inhalte und Nutzungen untergebracht werden als es entlang einer mittigen, Gartenflächen halbierenden Achse möglich ist. Aufgrund der zahlreichen, beidseitig wechselnden Eindrücke mit ihrer jeweils gebotenen Aufenthaltsqualität wird das Publikum auf- und festgehalten: Alles wird scheinbar größer. Dieser Eindruck wird durch tiefe Ein- und Durchblicke verstärkt. Die Diagonale ist dort ein bedenkenswerter Ansatz der Raumgliederung, wo eine frontal-mittige Achse - etwa aus repräsentativen Gründen - nicht zwingend erforderlich und genügend Fläche vorhanden ist. Wenngleich die Diagonale in schmalen Gärten nur wenig länger als eine der Grundstücksseiten ist, kann sie als asymmetrische Hilfslinie für die hier erforderliche Querstaffelung und damit zu erreichende Aufenthaltsqualität nützlich sein.

Die diagonale Hilfslinie erschließt mindestens zwei Möglichkeiten:

  1. Konzeption als offene Sichtachse innerhalb dichter oder halboffener Gehölzbestände.
  2. Bepflanzte Diagonale in offenen Freiräumen, die den Blick auf langem Weg in die Tiefe leitet und die Perspektive erweitert.

Der von Pückler geschaffene Muskauer Park zeigt die Vorgehensweise beispielhaft. Der gesamte Park (830 ha) wird von diagonalen Sichtachsen erschlossen, gipfelnd in der "Großen Diagonale" über Alles.

Ein die Raum-/Grundstücksgrenzen tangierender Rundweg, verbunden mit einer geschickten Gehölzanordnung, macht alle Diagonalen in beiden Richtungen sichtbar und kann darüber hinaus einsehbare Teilräume und Raumnischen erschließen. Diese "große Umgehung" vervielfacht die Zahl möglicher Sichtbeziehungen, vergleichbar den "großen Umfahrungen", die historische Landschaftsparks häufig aufwiesen.

Wege nach Nirgendwo: Wenn Blickachsen das Publikum verstören

Wege, die enden, brauchen ein Ziel, wie jedes Satzende seinen Punkt. Gewöhnlich geht der Blick in Marschrichtung, anderes ist nicht gefahrlos machbar. Dass nicht nur die Füße, vielmehr noch die Augen ein Ziel haben wollen, wird in Gärten und öffentlichen Grünanlagen häufig nicht bedacht. Gern findet das Auge etwas, an dem es sich "festhalten" kann, wenn der Weg sich abwendet. Wege- und Blickachsen, die im Nirgendwo enden, lassen Fragen offen und Gestaltungspotenzial ungenutzt. Wegeführung ohne Ziel steht für Perspektivlosigkeit und lässt nach eigenen Pfaden suchen. Ein Weg, der sich über einen anderen Weg hinaus nicht fortsetzt, sollte wenigstens einen angemessenen, zufriedenstellenden Schlusspunkt - Skulptur, Pflanzung, Brunnen u. ä. - erhalten. Der Rundumblick aus Fußgängerperspektive liefert sowohl im vorhandenen Bestand, als auch im Planungsprozess die besten Ideen. Henning Boëtius schildert in seinem Lichtenberg-Roman, wie begrenzend die vor den Göttinger Wallanlagen des 18. Jahrhunderts abrupt endende Promenade wirkte. Die Öffnung des Walles eröffnete auch in den Köpfen Perspektiven: Alle strömten nun ins Freie ". . . statt sich wie sonst am Ende der Allee auf dem Absatz umzudrehen. Vorlesungen wurden versäumt, Schulden zurückgelassen."

Benutzen wir Wege, die die Gerade verlassen, geht der Blick zunächst doch weiter geradeaus. Hier braucht es ein Objekt, das entweder an der Wegekrümmung als "Hindernis" fungiert oder in der verlängerten Geraden ein Blickziel bietet (Baum, Skulptur . . . ). Eine vergleichbare Situation bietet der eine Kuppe erklimmende Weg. Während der Wegeverlauf nicht mehr erkennbar ist, geht der Blick gen Himmel. Schon ein Einzelbaum wäre ein hoffnungsfrohes und orientierendes Zeichen.

In der Gedenkstätte "Berliner Mauerpark" laufen Weg und Blick "gegen die Wand". Es gibt nichts Besseres, um die frustrierende Situation des "Eingesperrtseins" zu demonstrieren. Diesem abrupt endenden Weg fehlt das darauf hinweisende Zeichen nicht: Die Wand selbst ist hier das - assoziative - Symbol.

Perspektiven pflanzen

Lassen Folgen von Räumen kleine Gärten im Ganzen größer erscheinen, bezieht sich die Perspektive auf den vor Augen liegenden Raum unterschiedlicher Ausdehnung. Das gilt auch für Ein-, Durch- und Ausblicke, die von Baum- oder Heckenfenstern flankiert werden. Was bedeutet die "normale" Perspektive? Über lange Strecken rücken parallele Linien (Bahngleise, Alleen) und Einzelobjekte scheinbar zusammen. Großes ist nah, Kleines weit. Kräftige Farben (wie Gelb und Rot) verblassen mit wachsender Entfernung. Richtig genutzt, können geeignete Pflanzen lange Strecken augenscheinlich verkürzen und umgekehrt, ohne dass an der Streckenlänge selbst etwas geändert werden muss - was meist auch nicht möglich ist. Ob kleiner Garten oder öffentlicher Freiraum: Gute Pflanzenverwendung vermag den Raumeindruck zu verbessern.

Auf die künftige Fußgängerperspektive haben Wuchscharaktere der Gehölze, insbesondere die Lieferqualitäten der Bäume Einfluss. "Stammbüsche" sind bis zum Boden beastet, wirken schwer, werden mit wachsendem Durchmesser immer imposanter, verwehren aber Durchblicke und schränken die Flächennutzung zunehmend ein. Abstand haltende kahlfüßige Großsträucher (wie die Felsenbirne Amelanchier spicata) und hochstämmige Bäume behindern Durchblicke und Flächennutzung kaum, laden vielmehr dazu ein. Sollte der "Standard"-Hochstamm mit 2,20 Meter (Obstbäume 1,8 m) bis zum Kronenansatz im Einzelfall nicht genügend Blickfeld und Bewegungsraum bieten, sind von vielen Baumarten auch "verlängerte" Hochstämme bis 4,5 Meter in gewünschten Größen lieferbar. Anderenfalls werden die Stämme über mehrere Jahre von den unteren, störenden Ästen befreit ("aufasten", "auflichten"). Wenn sich die Krone am Stammende aufteilt und es keinen Leittrieb (Stammverlängerung) gibt, wird es mit dem nachträglichen "Aufasten" schwierig. Bei besonderen Kronenformen - Kugel, Überhänger - sitzt am Stammende häufig die Veredlungsstelle (Kopfveredlung), höher geht es hier nicht mehr.

Das "halb Verdeckte" oder "halb Offene" zwischen Vorder- und Hintergrund sorgt für die Neugier, das "Dahinter" entdecken zu wollen. Weil das "dahinter" Liegende weiter entfernt ist, erscheint der Raum tiefer. Dazu trägt auch ein geeignetes, den Blick nicht verstellendes Objekt im Vordergrund wesentlich bei. Links und rechts der Blickachse mal vorrückende, mal zurücktretende Gehölzränder, Hecken, Schnitthecken oder Einzelgehölze bilden Kulissen und in die Tiefe gestaffelte Bildebenen, die nicht nur einen besonderen Raumeindruck vermitteln. Sie machen neugierig und locken, neue Perspektiven auch jenseits der Wege zu entdecken.

Neben dem "Dahinter" ist das "halb Durchsichtige" eine weitere Ausdrucksform des "halb Verdeckten". Typische Gestaltungsmittel sind transparente Baumkronen mit "luftiger" Textur, etwa die von Birken und Lärchen. Eine Birke lässt noch so viel Durchblick zu, dass sie auch in die Mitte einer Blickachse gerückt werden kann. Im kleinen Garten können gestaffelte, farbige Glastafeln eingesetzt werden. Darüber hinaus sind hier die halb durchsichtigen "Stabgitter" von Bedeutung - vertikale Stangen, die einen den angrenzenden Raum vertiefenden Vordergrund schaffen, ohne die Objekte dahinter völlig zu verbergen. Im einfachsten Fall sind das Holzstangen, denen die gewünschte, mit der Pflanzung korrespondierende Farbe gegeben werden kann. Tradition haben Bambusgruppen, deren Halme auch eine Farbwahl bieten: Grün, Gelb, Gelb und Grün, Schwarz. Zu dicht stehende Halme behindern den Durchblick zu stark und müssen entfernt werden. Im Wald sind es häufig die Stämme von Bäumen, die als "Stabgitter" wirken. In reifen Gärten mit alten Bäumen ist es oft hilfreich, die Stämme von den unteren Ästen zu befreien und Sträucher nur wenige zu verwenden. Der entstehende, durch das Stabgitter der Stämme vertikal gegliederte "Stammraum" wird damit erlebbar und perspektivisch vertieft. Eine besondere Stimmung kann mit geeigneten Klettergehölzen entstehen, die die Stämme bedecken. Gerade Immergrüne, wie Efeu oder Lonicera henryi sind wertvolle Nist- und Schlafplätze für Vögel, Lebensraum für Insekten, Bienennährgehölze.

Und es gibt weitere Instrumente, die Blickachsen mehr Tiefe verleihen können. Davon sollten gerade die kurzen Achsen in kleinen Gärten profitieren, wenn Platz sparende Gestaltungsmittel in geeigneten Maßstäben verwendet werden:

  • Große Pflanzen, große Blätter (= grobe Textur) im Vordergrund, kleine Pflanzen mit kleinen Bättern (= feine Textur) im Hintergrund einsetzen, denn Großes ist gewöhnlich nah. Ein "Vordergrundbaum" mit diesen Merkmalen ist ein wichtiges Gestaltungswerkzeug für mehr Raumtiefe.
  • Starke Kontraste starker Farben stärken den Vordergrund, schwache Kontraste schwacher und kühler Farben wirken entfernt. An diesem Effekt ist die Farbperspektive (leuchtkräftige, warme Farben vorn; kühle hinten) ebenso beteiligt wie die Luftperspektive, die Farben mit wachsender Entfernung aufgrund des Dunstes in der Atmosphäre schwächt. Das gilt auch für Dunkles (wie Eibe, Crataegus x lavallei), das deshalb für den Vordergrund steht, weil es sich mit wachsender Entfernung aufhellt.
  • Alle prägnanten, klar begrenzten Konturen werden vorrangig wahrgenommen und stehen deshalb im Vordergrund besser, wenn dieser hervorgehoben werden soll. Konturstark sind formgeschnittene Gehölze, Kugelformen, Skulpturen und große Blätter. Dagegen vertiefen aufgelöste Konturen und feine Texturen ohne erkennbare Blattkonturen den Hintergrund.
  • Im Gegensatz zum immer weit entfernten Horizont scheint alles Vertikale - Säulengehölze, Stangen - in den Vordergrund zu drängen. Da gehören sie auch hin, wenn der angrenzende Raum optisch erweitert werden soll.
  • Trotz gleichbleibender Abstände scheinen sich Einzelpflanzen mit wachsender Entfernung zu verdichten. So gepflanzt, entsteht dieser Eindruck einer gesteigerten Perspektive auch auf kürzeren Strecken.
  • Ein Durchblick, der sich in Blickrichtung verengt, vertieft Perspektive und Raum. Und das selbst in kleineren Gärten mithilfe eines sich verjüngenden Hecken- oder Mauergangs. Soll die vermeintlich zugewonnene Wege- und Blicklänge nicht wieder eingebüßt werden, darf das Blickziel am Ende nicht zu groß, nicht zu farbig, nicht zu dunkel, nicht reflektieren und nicht zu konturenstark sein ("Perspektivumkehr"). Größennormierte Möbel täuschen größere Entfernungen vor, wenn sie am Wegende in verkleinerter Ausgabe platziert werden (Kindertisch und -stühle). Deutlich unter Lebensgröße, haben Skulpturen den gleichen Effekt.
  • Wer sich nicht daran stört, dass Spiegel sauber gehalten werden müssen, wird sie gern für die optische Erweiterung kurzer Wege nutzen, die eigentlich an der Gartengrenze enden. Erscheint das eigene Gesicht im Spiegel, ist die Illusion in jeder Hinsicht verloren. Deshalb: Spiegel ein wenig aus der Wege- und Blickachse drehen und stets für das gute Aussehen des gespiegelten Bildes sorgen! Gewöhnlich ist das eine geeignete Pflanzung, in die auch eine Skulptur einbezogen werden kann. Also - wenngleich erst auf den zweiten (Spiegel-)Blick - auch hier eine gepflanzte Perspektive!

Gute Aussichten für die Artenvielfalt

Von Gehölzen begrenzte Sichtachsen weisen Raumkanten auf. Diese Gehölzränder stellen Grenzbiotope dar, die meist durch einen besonderen Artenreichtum gekennzeichnet sind - typisch auch für Wegraine oder Gewässerufer. Insofern bringen sowohl durch Pflanzungen begrenzte als auch durch "Aushau" im Gehölzbestand geschaffene oder wiederhergestellte Sichtachsen einen Zugewinn für Erlebnisqualität, Artenvielfalt und einen Naturschutz, der nicht konserviert, sondern entwickelt.

Voraussetzung ist die Öffnung des Gehölzrandes für eine artenreiche Saumvegetation. Den Gehölzrand in der Draufsicht zu öffnen, bedeutet für Vorsprünge und Einzüge zu sorgen, die die Gehölzkante als Pflanzlinie verlängern. Zudem wird diese Staffelung der Ränder durch eine lebendigere Licht-Schatten-Verteilung und einen vertieften Raumeindruck belohnt. In der Ansicht wird die Gehölzbasis geöffnet, um Platz für Unterpflanzungen und einen mehrstöckigen, nun artenreicheren Gehölzaufbau bei gleicher Grundfläche zu haben. Die Verwendung hochstämmiger und kahlfüßiger, den Bodenbereich offenlassender Randgehölze unterstützt dieses Vorhaben. Artenvielfalt kann verloren gehen, wenn die am Standort konkurrenzkräftigsten Stauden zunehmend dominieren und die Oberhand gewinnen. Deshalb sind nicht zwangsläufig aufwändige, aber qualifizierte Pflegeeingriffe nötig. Biodiversität muss gestaltet werden!

Die Auflösung der Sichtachsen oder Wege begleitenden Gehölze hin zu nur noch locker miteinander verbundenen, sorgfältig zusammengestellten Einzelgruppen führt zur abwechslungs- und artenreichen "Landschaftsallee". Sie könnte manches Dickicht ersetzen, das derzeit Straßen begleitet. Mit den passenden Gehölzarten ist sie selbst in kleineren Gärten mit großem Effekt einsetzbar.

Die von Hermann von Pückler-Muskau für unentbehrlich befundene "Goldene Axt" erhält insofern eine ganz neue, umfassendere Bedeutung. Denn: Die halboffenen Landschaften sind nicht nur die ästhetisch spannendsten, sondern auch die artenreichsten. Landschaftsparks und Friedhöfe stellen Zeugnisse der Gartenkultur dar, leisten aber aufgrund ihrer Strukturvielfalt, meist artenreichen und höhengeschichteten Gehölzbestände auch einen wesentlichen Beitrag zum Naturschutz.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 11/2022 .

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