Sie stärkt Klimaanpassung, Erholung, Gesundheit und lokale Identität

Kleinste raumplanerische Maßnahme: einen Baum pflanzen

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1 Zeigen, was geht. Vier unterschiedliche Systeme zur Fassadenbegrünung werden in der Stadtgärtnerei gezeigt. Foto: Johannes Marburg, Genf

Der beste Zeitpunkt einen Baum zu pflanzen war vor 20 Jahren, der zweitbeste Zeitpunkt ist heute". Wem dieses Zitat zuzuschreiben ist, wissen wir nicht. Bäume sind zwar nur ein Aspekt für eine klimaoptimierte Stadtplanung, aber an ihnen vereint sich im Kleinen, was die Stadtplanung im Großen ausmacht: Platz im Untergrund, Luftraumprofil, Beitrag für die Biodiversität, die Klimaanpassung und die lokale Identität, Beitrag für unsere Erholung und Gesundheit, Maßnahmen, die an die lokalen Gegebenheiten und an das zu erwartende Klima ausgerichtet sind und zu guter Letzt entfaltet der Entscheid von heute erst in zehn bis zwanzig Jahren seine Wirkung. Etwas pointiert ausgedrückt ist der Stadtbaum das kleinste Element der Raumplanung.

Wie die klimaoptimierte Raumplanung genau gehen soll und was die Stadt Zürich auf öffentlichem und privatem Grund unternehmen will, haben wir mit entsprechenden Fachplanungen jüngst publiziert (z. B. die Vergrößerung der Kronenfläche von 17 auf 25 % bis 2050). Das wird sportlich werden, denn der Raumbedarf der Stadt Zürich wächst rasant. Bis 2040 wird erwartet, dass die Bevölkerung der Stadt Zürich von 420.000 auf 520.000 ansteigen wird - bei steigenden Wohnflächen pro Kopf. Ebenso in die Höhe gehen die Zahlen der heute schon über 200.000 täglichen Arbeitspendler*innen.

Wenn das Siedlungsgebiet bis an den Stadtrand reicht und die Baulandreserven weitgehend erschöpft sind, ist klar, was das bedeutet: Mehr Personen teilen sich den gleichen Raum. Die Zürcher Planungsrichtwerte öffentlicher Freiräume sind:

  • Entweder 8 Quadratmeter einfach zu erreichender Freiraum für Bewohner*innen oder fünf Quadratmeter je Arbeitstätigenden.
  • Auf 15 Prozent der Stadtfläche soll ökologisch wertvolles Grün wachsen.

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2 Schwammstadt-Baustein Giessereistrasse: vielfältiger Grünsaum der wichtige Ökosystemleistungen übernimmt - Bäume dürfen dafür nicht fehlen. Foto: Sabine Wolf
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3 Koch-Areal: Lageplan mit den einzelnen Baufeldern. Abb.: Thiesen & Wolf
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4 Bunt, lebendig, vielfältig und klimasensibel: das künftige Koch-Quartier (Visualisierung). Abb.: Janine Wiget

Der Wille von Stimmbevölkerung und Politik

Der Souverän und die Politik haben den Nutzen des städtischen Grüns erkannt und der politische Wille ist entsprechend formuliert (und oft auch finanziert). Die Stadt Zürich besitzt mit der Gemeindeordnung eine eigene Verfassung. Darüber verpflichtet sich die Stadt für den Schutz und den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen sowie den schonenden Umgang mit den Ressourcen (netto Null, 2000-Watt-Gesellschaft), den Schutz der Bevölkerung vor den negativen Auswirkungen des Verkehrs und den aktiven Schutz des öffentlichen Grünraumes, der ökologisch wertvoll, multifunktional, klimasensibel, attraktiv und der Nutzungsdichte entsprechend sein soll.

Stimmberechtigte können mit 3000 Unterschriften eine Volksinitiative starten (wie aktuell die Volksinitiative "Stadtgrün", für mehr Grün für Hitzeminderung). Einmalige Ausgaben über 20 Millionen CHF und neue, wiederkehrende Maßnahmen über 2 Millionen CHF müssen ebenfalls der Stimmbevölkerung vorgelegt werden. Der Gemeinderat (Legislative) kann zudem mit einem Referendum eine ihm wichtige Sachvorlage vors Stimmvolk bringen. Diesen Schritt wählte er mit dem Kommunalen Richtplan "Siedung, Landschaft, öffentliche Bauten und Anlagen", der unter anderem wichtige Grundlagen für das Stadtklima, die Stadtökologie und zur Sicherung der Grün- und Freiräume schafft. 2021 wurde die Volksabstimmung angenommen. Dieses Prozedere mag von der Ferne vielleicht etwas kurios erscheinen, letztlich entspricht das aber dem Schweizer (Demokratie-)Selbstverständnis.

Vom Wunsch zur Realität

Wie geht es weiter? Die Antwort ist auf den ersten Blick einfach: mit entsprechenden Projekten, welche die übergeordneten Vorgaben aufnehmen und konkretisieren. Zielkonflikte sollen so früh wie möglich ausgeräumt werden, indem Projekte integrativ über Amtsgrenzen hinweg abgestimmt werden. Das tönt so simpel wie "pflanz doch einen Baum!"; auf der grünen Wiese einfach, im Stadtraum ein Projekt.

Begleitend zu den Fachplanungen "Hitzeminderung" und "Stadtbäume" wurde darum entsprechende Umsetzungsagenden verfasst, in denen die geplanten Maßnahmen der Ämter formuliert und terminiert sind. Für die Themen "Stadtnatur" und "Regenwassermanagement" stehen weitere Planungen an.

Im Alltag wird es knifflig

Alle Absichten und Planungen bedürfen im Alltag nochmals vieler Abwägungen. Wenn wir viel Regenwasser zurückbehalten, bringt das Probleme in der Kanalisation auf, die mit anderen Kapazitäten gerechnet wurde? Wenn wir neue Zuchtformen von Bäumen pflanzen, wie wirkt sich das auf die Biodiversität aus? Trockenheitsresistentere Baumarten haben meist weniger Saftfluss und verdunsten weniger Wasser, sind sie also weniger klimawirksam? Und zu guter Letzt stellt sich immer wieder die Frage: Woher nehmen wir den Platz für das alles? Wir wissen es nicht, wir probieren es aus auf Basis einer guten Planung.

Genauso wie die Mischung unterschiedlicher Baumarten den Baumbestand resilienter macht, wird auch die Grün- und Freiraumplanung durch eine Mischung aus Planen und Machen kräftiger. So schaffen wir es immer öfter, den richtigen Zeitpunkt für die Baumpflanzung zu erwischen und die Zukunft genügend gut zu antizipieren. Wie sich das auf aktuelle Projekte auswirkt, beleuchtet die Stadtplanerin Dr. Sabine Wolf nachfolgend anhand aktueller Projekte.

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5 Der von der Stadt Zürich realisierte Park geht fließend in die Umgebung der Hochbauten über, auch die Landschaftsarchitekt*innen der einzelnen Baufelder arbeiten eng zusammen. Foto: Krebs und Herde Landschaftsarchitekten
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6 Vielfältigste grün-blaue Strukturen prägen die neue Umgebung des Wolkenwerks. Foto: Mavo Landschaften, Zürich
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7 Erlebbares Wasser ist ein wichtiges, auch kommunikatives Instrument, wenn es um klimaadaptives Bauen geht. Foto: Mavo Landschaften, Zürich

Den Rahmen ausfüllen

In der Projektentwicklung setzen die von Bund, Kantonen und insbesondere den Kommunen erlassenen Regelwerke und Fachplanungen wichtige Leitplanken. Dies insbesondere dort, wo sie bereits allgemein Verbindlichkeit entfalten und bei Baubewilligungsverfahren geprüft werden. Eine solche Regelung ist die in der Stadt Zürich bereits 1991 erlassene Pflicht zur Begrünung von Flachdächern. Aber auch dort, wo Vorgaben wie beispielsweise die Fachplanung Hitzeminderung derzeit noch vor allem verwaltungsintern verbindlich sind, liefern sie schon heute wertvolle Diskussionsgrundlagen und ebnen den Weg für die Stadt von morgen: indem sie ein klares Bild und eine leistbare Vision davon vermitteln, wohin sich die Stadt entwickeln wird - und mit ihr die Projekte der privaten und institutionellen Eigentümer*innen.

Koch-Quartier

Vier Bauträger arbeiten seit 2017 zusammen, um im Koch-Quartier Wohn-, Lebens- und Arbeitsraum für knapp 1000 Menschen entstehen zu lassen. Das grüne Herz des Projekts ist der gut 12.000 Quadratmeter große Koch-Park der Stadt Zürich. Da der Beginn der Areal-entwicklung vor der Inkraftsetzung der Zürcher Klima-Instrumente lag, war es umso wichtiger, gemeinsam eine Haltung zu entwickeln, vertrauen in den gemeinsamen Weg zu fassen und sich die nötigen Besteller*innen-Kompetenzen im Team zu erarbeiten. Eine von den Bauträger eingesetzte Gesamtprojektkoordination begleitete die Bauträger dabei. So wurden auch Lösungen möglich, die über den eigenen Perimeter hinausgehen und zusätzliche Sicherungsinstrumente wie Dienstbarkeiten erforderten. Stück für Stück entstand so ein Pionier- und Vorzeigeprojekt mit einem parzellenübergreifenden Regenwassermanagement, dem Erhalt von Altbäumen, hellen Oberflächen, minimierter Versiegelung, der Wiederverwendung von Bauteilen auch im Außenraum, Fassadenbegrünungen, naturnaher Gestaltung, wechselfeuchten Standorten und vielem mehr.

Wolkenwerk

Qualitätsvolle innere Verdichtung mit attraktiven, öffentlichen und klimawirksamen Freiräumen ist auch in Zürich Nord ein großes Thema. Das Erfolgsrezept: die Landschaft als "inneren Garten" in Kooperationen und über Baufeldgrenzen hinweg entwickeln! Ein fließendes, lineares Grün, an das - je nach Bereitschaft der Eigentümer*innen - jederzeit weitere grüne Gefüge andocken können. Das grüne Rückgrat ist (auch hier) das rechtlich gesicherte Ergebnis langer Verhandlungen. Damit die Parklandschaft in Etappen entstehen kann, hat das federführende Zürcher Büro Mavo Landschaften schon in der Testplanung 2010 ein einfaches Regelwerk entwickelt. Das Projekt Wolkenwerk, ein Teilprojekt des inneren Gartens, ist vom Dach bis hinunter in den Unterboden klimaoptimiert. Besondere Aufmerksamkeit verdient die hundertprozentige Aktivierung des Regenwassers auf dem Areal. Die wenigen versiegelten Flächen werden über die Schulter entwässert (ein Novum für Zürich!) und/oder zusammen mit dem restlichen Dachwasser in Rinnen gesammelt, die im naturnah gestalteten Stauvolumen münden. Damit wird Wasser auf dem Areal sicht- und erlebbar.

Stadtgärtnerei und weitere Pionierprojekte

Die Stadt Zürich verfügt mittlerweile über eine breite Expertise in klimasensibler Landschaftsarchitektur und gibt ihr Fachwissen zielgruppengerecht weiter. Aufschlussreich sind vor allem die eigenen realisierten und forscherisch begleiteten Projekte:

  • Auf dem Areal der Stadtgärtnerei hat Grün Stadt Zürich 2016 vier unterschiedliche Systeme von Fassadenbegrünungen realisiert, die sie bis heute pflegt und wissenschaftlich erfasst.
  • In der Gießereistraße in Zürich West realisierte die Stadt 2020 auf einer Länge von etwa 70 Metern ein Schwammstadt-Pionierprojekt im Straßenraum. Auch dieser Pilot nach dem Vorbild des "Wiener Systems", entwickelt von 3:0 Landschaftsarchitektur und von der Stadt Zürich für die lokale Situation adaptiert, wird wissenschaftlich begleitet. Hier konnten neun Bäume und verschiedenste Stauden in ein wasserspeicherndes Substrat gepflanzt werden. Belag und Gefälle der Straße sind angepasst, das Meteorwasser fließt durch neu entwickelte, im Winter abriegelbare Randsteine in den oberflächennahen Untergrund und steht den Pflanzen zur Verfügung.¹
  • Das neueste Labor ist eine Fassadenbegrünung am prominenten Triemli-Hochhaus, einem jüngst instand gesetzten Baukörper des städtischen Krankenhauses. Hier wurden auf der Südfassade durch das lokale Büro Raderschallpartner Landschaftsarchitekten im Frühjahr 2022 ganze 2300 Quadratmeter Vertikalgrün realisiert. Der neue Trittstein des Biotopverbunds wurde in einem Regalsystem mit Trögen realisiert, Be- und Entwässerung sowie die Nährstoffversorgung sind automatisiert. Für das Projekt - auch das noch nicht alltäglich - spannten Grün Stadt Zürich mit dem Amt für Hochbauten und dem Stadtspital Zürich zusammen.
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8 Ein für Zürich neuartiger See: er nimmt mit einem Stauvolumen das Regenwasser mehrerer Areale auch im Fall Starkregenereignissen auf. Foto: Mavo Landschaften, Zürich
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9 Vielfältige Fassadenbegrünung mit standortgerechten Leitarten. Foto: Adrian Reusser

Wie weiter?

Die Stadt ist ein dynamischer Organismus, dessen Herausforderungen wir künftig nicht mehr auf der einzelnen Parzelle lösen können. Wir müssen systemisch denken und ganzheitliche Lösungen suchen! Das gelingt nur im vielschichtigen Zusammen auf allen inhaltlichen wie auch räumlichen Ebenen. Und es bringt eine neue Komplexität in die Projekte, weil zum Gelingen parzellenübergreifende juristische Verankerungen erforderlich sind. Das hat nicht nur Einfluss auf die Planungsprozesse, es braucht mit Jurist*innen auch weitere Expert*innen am Tisch, um möglichst früh Dienstbarkeiten, Verträge und Vereinbarungen zu erarbeiten. So können auch personelle Wechsel, die es in langjährigen Projektentwicklungen immer gibt, ohne Qualitätsverlust abgefedert werden.

Das Zürich von morgen wird klimasensibler, grüner und insbesondere in Sommernächten hoffentlich bereits ein paar Grad kühler als heute sein. Gelingen wird der dafür erforderliche Stadtumbau jedoch nur, wenn alle an einem Strang ziehen. Spätestens mit den an den Standort angepassten Fachplanungen, die ganzheitliche Lösungswege aufzeigen, gibt es keine Ausreden mehr.

Grundlagen zur Hitzeminderung in der Stadt Zürich

  • Kommunaler Richtplan Siedung, Landschaft, öffentliche Bauten und Anlagen SLöBA: stadt-zuerich.ch/kommunaler-richtplan
  • Fachplanung Hitzeminderung: stadt-zuerich.ch/fachplanung-hitzeminderung
  • Fachplanung Stadtbäume: stadt-zuerich.ch/fachplanung-stadtbaeume
  • Umweltstrategie Klima Zürich: stadt-zuerich.ch/klima
  • Grünbuch der Stadt Zürich: stadt-zuerich.ch/gruenbuch

Fakten Koch-Quartier

Lage: Rauti-/Flur-/Flüelastrasse, 8047 Zürich
Auftragsart: Wettbewerb mit Präqualifikation, 2018/19; Dialogphase 2019/20; Realisierung 2023-2026
Koch-Park: Grün Stadt Zürich
Landschaft: Krebs und Herde GmbH, Winterthur
Architektur: PARK Dipl. Arch. ETH SIA BSA, Zürich
Baufeld A, Gewerbebau: SENN IFA AG, Senn Development AG
Architektur: ARGE Käferstein Meister und Ekinci Architekten, Zürich
Landschaft: KOLB Landschaftsarchitektur GmbH, Zürich
Baufeld B, Wohnungsbau mit Gewerbe: Allgemeine Baugenossenschaft Zürich (ABZ)
Architektur: Enzmann Fischer Partner AG, Zürich
Landschaft: Skala Landschaft Stadt Raum GmbH, Zürich
Baufeld C, Wohnungsbau mit Gewerbe- und Kulturräumen: Bau- und Wohngenossenschaft Kraftwerk1
Architektur: Studio Trachsler Hoffmann, Zürich
Landschaft: Atelier Loidl, Berlin

Fakten Innerer Garten, 2021

Lage: Zwischen Hagenholzstrasse und Fernsehstudio, 8050 Zürich
Auftraggeberschaft: Stadt Zürich, Amt für Städtebau, Grün Stadt Zürich (Grobkonzept, Gestaltungsrichtlinien); Nyffenegger AG; Leutschenbach AG; Swisslife (Innerer Garten West); Liegenschaftenverwaltung der Stadt Zürich (Teilabschnitt Schutz und Rettung)
Auftragsart: Testplanung auf Einladung 2010; Kooperatives Verfahren mit der Stadt Zürich 2011/12, Weiterbearbeitungen im Direktauftrag: 2013-2017; Bauzeit Wolkenwerk: 2017-20

Wolkenwerk

Testplanung: Nahoko Hara, Zeno Vogel Architekten, Wingender Hovenier Architekten, Metron Städte-bau, Alex Willener Soziologie, Mavo Landschaften
Realisierung: Landschaftsarchitektur: Mavo Landschaften, Zürich
Architektur: Ateliergemeinschaft Sihlquai, Zürich (von Ballmoos Partner Architekten/Staufer & Hasler Architekten)

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Katrin Gügler, Direktorin Amt für Städtebau. Foto: Stadt Zürich
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Simone Rangosch, Direktorin Tiefbauamt. Foto: Stadt Zürich
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Christine Bräm, Direktorin Grün Stadt Zürich. Foto: Stadt Zürich

Bewältigungsstrategien der Klimakrise in Zürich

Wie im Artikel erwähnt, gelingt die Klimaanpassung im Städtebau nur mit einer integralen Planung und in enger Zusammenarbeit der Ämter. Wir haben darum zwei Fragen an drei Direktorinnen der Zürcher Stadtverwaltung gestellt.

Frage: Welches ist für Ihr Amt die größte Herausforderung zur Hitzeminderung? Fragen Marc Werlen.

Katrin Gügler, Direktorin Amt für Städtebau
Das Zürcher Stadtgebiet wird maßgeblich durch Tal- und Hangabwinde mit Kaltluft versorgt. Hinsichtlich der Zunahme von Hitzetagen in der Stadt Zürich ist der Erhalt und Schutz des Kaltluftsystems eine neue und wichtige Herausforderung unter den hitzemindernden Maßnahmen. Bei Um- und Neubauten ist daher der Einfluss auf klimaökologisch relevante Faktoren wie Kaltluft, Windgeschwindigkeit sowie Kaltluftvolumenstrom zu prüfen. Die Thematik ist jedoch sehr komplex. Einfache Regeln gibt es keine und die Kaltluft ist immer "nur" als ein Beitrag zur Hitzeminderung zu verstehen. Dabei braucht es auch eine Güterabwägung zu anderen Zielsetzungen wie der Innenentwicklung oder der Lärmproblematik. Wir sind daran, Erfahrungen zu sammeln, um die Thematik stufengerecht in die Planung zu integrieren.

Simone Rangosch, Direktorin Tiefbauamt
Die Möglichkeiten, auf öffentlichen Flächen weitere Bäume zu pflanzen, sind begrenzt. Bei Strassenbäumen zeigt sich eine Raumkonkurrenz mit Flächen für den Fuss- und Veloverkehr. Zusätzlich gilt es zu beachten, dass Bäume für ihr Wurzelwerk Platz haben müssen. An vielen Orten in der Stadt ist der Untergrund aber fast vollständig mit Werkleitungen belegt, etwa für Wasser- und Stromleitungen.

Christine Bräm, Direktorin Grün Stadt Zürich
Einerseits bei der Anpassung unserer Stadt an die steigenden Temperaturen mit dem notwendigen Tempo voranzukommen, sowohl im öffentlichen, wie auch im privaten Bereich. Andrerseits die Abstimmung und Kohärenz der hitzemindernden Tätigkeiten aller städtischen Akteur*innen sicherzustellen. Die planerischen Grundlagen reichen nicht, es benötigt eine konstante Iteration von Tun, kritischem Hinterfragen und Verbessern, unter Einbezug aller Akteur*innen.

Frage: Welches Projekt hat für Sie Vorzeigecharakter und warum?

Katrin Gügler
Bei der Entwicklung des Josef-Areals, eines der letzten großen stadteigenen Areale in Zürich-West, haben wir dem Thema Hitzeminderung von Anfang an - also bereits in der Testplanung - ein hohes Gewicht beigemessen. Entsprechend schenkten wir der Baufeldereinteilung sowie der Stellung der Gebäude und ihren Höhen große Beachtung - auch im Hinblick auf die Durchlüftung des Areals. Auch eine gute Durchgrünung und die Realisierung eines möglichst großflächigen, nicht unterbauten Quartierparks mit unversiegelter Bodenfläche und vielen Bäumen war von Beginn weg ein wichtiges Ziel. Berücksichtigt wurden ferner Fassaden- und Dachbegrünungen. Basierend auf den Erkenntnissen der Testplanung haben wir ein Entwicklungskonzept erarbeitet, wobei der Hitzeminderung ein eigenes Kapitel gewidmet wurde. Der stufengerechte Umgang mit dem Thema Hitzeminderung ist enorm wichtig, weil der Städtebau einen großen Einfluss auf Hitzeminderung hat. Eine Berücksichtigung erst beim Wettbewerbsprogramm ist zu spät.

Simone Rangosch
In der Heinrichstrasse im Kreis 5, Abschnitt Viadukt- bis Hardstrasse, gestalten wir den Straßenraum neu - quartier- und klimagerecht. Wir pflanzen 48 zusätzliche Bäume, deren Lebensbedingungen mit einem speziellen Baumsubstrat und größerem Wurzelvolumen verbessert werden. Die Aufenthaltsbereiche werden entsiegelt: So entstehen 2100 Quadratmeter chaussierte Flächen und 600 Quadratmeter Grünflächen.

Christine Bräm
Nicht ein Projekt, sondern viele ganz unterschiedliche. So zum Beispiel die städtischen Pilotprojekte Schwammstadt Giessereistrasse, Fassadenbegrünung Hochhaus Spital Triemli, Ergänzungspflanzungen von Bäumen auf dem Turbinenplatz. Sie sind eine Kombination von schneller Umsetzung und gleichzeitiger Innovation, inklusive derer wissenschaftlichen Überprüfung, keine Selbstverständlichkeit für städtische Projekte. Aber auch die etlichen privaten Projekte, bei denen auch ohne bestehende gesetzliche Vorgaben hitzemindernde Maßnahmen umgesetzt werden, aus Verantwortungsgefühl und wohl der Annahme, dass sie längerfristig gedacht auch wirtschaftlich interessant sein werden.

Anmerkung

1 Siehe dazu: Dipl.-Ing. Axel Heinrich: Für ein besseres Stadtklima – Ansätze aus Zürich. Regenwasser-Management – Das Prinzip Schwammstadt, aus: Stadt+Grün 08/2021, ab Seite 32 sowie in direkter Nachbarschaft zur Gießereistrasse: Dipl.-Ing. Axel Heinrich: Wechselfeuchte Vegetationssysteme – der Turbinenplatz in Zürich. Fit für die Zukunft!?, aus: Stadt+Grün 09/2021, ab Seite 24.

 Marc Werlen
Autor

Leiter Kommunikation, Mitglied der Geschäftsleitung

Grün Stadt Zürich
Dr. sc ETH Sabine Wolf
Autorin

Landschaftsarchitektin BSLA

Mitinhaberin Thiesen & Wolf GmbH

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