Wiesbaden

Der Nerotalpark wird 125 Jahre alt

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Englische Gärten Parks und Gärten
Eine der sechs Brücken über den Schwarzbach mit kunstvoll geschmiedeten Geländern. Foto: Renate007 eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Vor 125 Jahren entstand aus einem Wiesental am nordöstlichen Rand der hier noch unbebauten Kurstadt Wiesbaden der Nerotalpark.

Der im englischen Landschaftsstil gestaltete Park ist ein harmonischer Übergang von der nahen urbanen Stadtlandschaft in die Kulturlandschaft des Taunus. Im "Curkalender von 1855" hieß es: ". . . das lieblichste Tal der Wiesbadener Umgebung. Ein entzückender Wiesenteppich mit dem bunten Gemisch seiner mannigfaltigen Blumen. Rechts und links dehnen sich Gärten, Fluren und Weinberge, auch ein Reichtum edelster Obstbäume, den Berg hinan an".

eglischEin historischer Reiseführer um 1825 empfiehlt "angenehmste Spaziergänge" in dem einsamen Wiesental, mit mannigfaltiger Vegetation, eingeschlossen von sanft gewölbten Bergen. Lachende Felder und fruchtbare Wein- und Obstpflanzungen wechseln vertraulich miteinander ab".

Im 19/20. Jahrhundert wuchs Wiesbaden rasant. Es gab Überlegungen, auch das Nerotal zu bebauen. Doch es kam anders. Das Kurbad entwickelte sich zur Weltkurstadt. Clevere Badeärzte ergänzten die Badekultur um die Trinkkultur, damit änderte sich das Kurverhalten, man wandelte nun mit dem Trinkbecher in der Hand in den Parkanlagen.

Der 1810 angelegte Kurpark, 1852 als englischer Landschaftsgarten erweitert, sowie der 1859/1860 angelegte Park "Warmer Damm" genügten nicht mehr der stark zunehmenden Zahl der Kurgäste und ihren Ansprüchen an das gesellschaftliche Leben. "Sehen und gesehen werden" war mindestens ebenso wichtig wie die Kur selbst. Da bot sich das noch unbebaute Nerotal an, ebenso wie einige Jahre später das Dambachtal und das Walkmühltal, die heutigen Albrecht-Dürer-Anlagen.

Zusätzliche Bänke für Ältere

Der damalige Stadtbaumeister Felix Genzmer legte für das Nerotal eine entsprechende Planung vor, ergänzt durch Entwürfe der Firmen Weber&Comp., des Gartenarchitekten Siesmayer aus Frankfurt, dem Schöpfer des Frankfurter Palmengartens, und den Wiesbadener Gärtnern Hoffmann und Schetter. Letzter wurde schließlich mit der gärtnerischen Ausführung beauftragt. Eine Million Goldmark ließ sich die Stadt den Park kosten, davon allein 951 400 für den Grunderwerb. Das war eine stattliche Summe, die heute etwa den zehnfachen Wert hätte.

Der ca. 5,7 Hektar große, fast 800 Meter langgestreckte, im Durchschnitt nur 100 Meter breite Park, mit dem munter murmelnden Schwarzbach, der zwei Seen und eine artenreicher Flora speist, gilt als der schönste in Wiesbaden. Ein Park erlebt man räumlich durch die komponierten, in einander übergehenden Parkräume und natürlich durch die Pflanzenwelt. Die so entstehenden Sichtachsen lassen den Park größer erscheinen. Die geschwungenen Wege sind typisch für einen Englischen Garten, im Gegensatz zu den gradlinigen Alleen des Barockgartens.

Beachtenswert auch die auffallend vielen Details: Das Schweizer Häuschen, ursprünglich wurde hier Milch ausgeschenkt, etliche Denkmale, die sechs Brücken über den Schwarzbach mit kunstvoll geschmiedeten Geländern, die der Natur nachempfundenen Wasserfälle. Hinzu kommt das begleitende städtebauliche Ambiente prachtvoller Villen beidseitig des Parks, deren Gärten den schmalen Park optisch verbreitern. Insgesamt ein kostbares Zeitzeugnis des 20.Jahrhunderts, der Wiesbadener Kurgeschichte und der Gartenkultur. Zudem ist das Nerotal - wie alle zur Stadt führenden Taunustäler - ein wichtiger Frischluftkanal für die überwärmte Innenstadt. Zu Recht wurde der Park unter Denkmalschutz gestellt, doch der lässt leider zu wünschen übrig!

Eine Pflanzenliste aus dem Jahr 1905 ergibt, dass seinerzeit 5000 bis 6000 Pflanzen im englischen Landschaftsgarten Verwendung fanden. Die Auswahl der Pflanzen waren sehr vielfältig und sortenreich, etwa 300 Laubgehölzarten, 75 Nadelgehölzarten sowie70 verschiedene Stauden und Gräserarten waren verzeichnet. Man bezeichnete den Park als "botanischen Garten".

Diese Vielfalt gibt es heute nur noch im Ansatz. Noch erlebt man etliche der über 125 Jahre alten Solitärbäume, wie Eichen, Linden, Buchen, Schwarznuss, Fichten und etliche Exoten wie Sumpfzypressen, Ginkgo, Liquidambar, Paulownia, Catalpa sowie einen mächtigen Mammutbaum. Sie stehen solitär oder in "clumps" (Gruppen) und bilden das Gerüst des Parks, formen die vielfältigen Blickachsen. Hinzu kommen zahlreiche Blütengehölze wie Rhododendron, Flieder, Goldregen, Wildäpfel, japanische Kirschen, Kornelkirschen, Zaubernuss, Spiräen, Hibiskus und viele Arten mehr. Doch die Zahl der Bäume und Gehölze nehmen immer mehr ab. Auch der Zustand der Wege könnte besser sein, bei feuchtem Wetter sind sie "pampig".

Felix Genzmer legt Planung vor

Da immer mehr ältere Menschen den Park nutzen, wären zusätzliche Bänke wünschenswert. Besonders ins Gewicht fällt jedoch der Verlust vieler Bäume, sie mussten altersbedingt entfernt werden oder wurden Opfer kräftiger Stürme. Viele Baumstümpfe erinnern an die einst hier gestandenen Solitäre. Die Stümpfe müssten ausgefräst und die verlorene Art nachgepflanzt werden, das wäre denkmalgerechte Pflege. Ebenso wünschenswert wäre der Auswechsel der über weite Strecken langweilige Gehölz-Monokulturen, die etwa mit Blütengehölzen ergänzt würden.

Auch die nur noch im Ansatz vorhandenen Staudenrabatten und Rosenrondelle könnten erneuert werden. So verliert der Park immer mehr an Erlebniswert, an seinem kulturellen Wert, an seinem Denkmalwert. Mit einem Baudenkmal würde man sicherlich nicht so respektlos und willkürlich umgehen. Dringend erforderlich ist deshalb die Umsetzung eines für die Gartendenkmale obligatorischen Parkpflegewerks. Das Jubiläumsjahr wäre hierzu gegebener Anlass.

Hildebert de la Chevallerie

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