Grüne Skulpturen: Gartenkunst oder Trend?

Geschnitten - beschnitten - verschnitten

von:
Gartenkunst Gartengestaltung und Grünflächengestaltung
Hidcote Manor, Gloucestershire, ein Garten vom Beginn des 20. Jahrhunderts mit Topiary in Englischer Tradition. Aus: Clarke/Wright 1988, 68

"Hallo, ich habe ein neues Hobby für mich entdeckt, ich schneide alle Pflanzen in meinem Garten kugelrund. Jetzt möchte ich mich auch mal an anderen Formen probieren und wüsste gern, [...] ob und wo man die Formen bekommen kann, an denen man die Buchsbäume entlang wachsen lassen und in die entsprechende Form schneiden kann."¹) Dieser Eintrag in einem Internetforum dürfte symptomatisch sein für die aktuelle Beliebtheit, die der Formschnitt zurzeit - wieder einmal - erlebt, und nicht nur in Deutschland.²) Und so bevölkern grüne Pflanzengestalten erst Baumschulen, Gartencenter und Baumärkte und später die Gärten. Während die Profession der Landschaftsarchitekten eher zu geometrischen oder abstrakten Formen tendiert, scheinen Gartenbesitzer in ihrer Vorliebe für figürliche Skulpturen keine Grenzen zu kennen. Für die einen Kunst, für die anderen Kitsch, scheint der Formschnitt für Gartenkunst schlechthin zu stehen.

ars topiaria - die Kunst des Gärtnerns

Als "Urbild" des figürlichen Formschnitts kann wohl der Garten am toskanischen Landsitz Plinius' des Jüngeren angesehen werden, wo die Terrasse "vermittels beschorener Buchsbaumeinfassungen in regelmäßige architektonische Formen abgetheilt [war], welche [...] zum Theil Zeichnungen von Thiergestalten in Bux enthielten", "einander gegenüberstehende Thiergestalten" zierten eine weitere Terrasse und auf einem kleinen Rasenstück "wandelt[e] der Bux selbst sich in tausend Gestalten, zuweilen in Buchstaben, welche bald den Namen des Besitzers, bald des Gärtners verkündigen".³)

Zwar sind geschnittene und gezogenen Pflanzen schon aus den alten Gartenkulturen rund um das Mittelmeer und Vorderasiens bekannt4), doch das Schneiden und Ziehen aus rein ästhetischen Gründen setzte erst ein, als der Garten nicht mehr allein als Lebensgrundlage dienen musste. Es entstanden Ziergärten (topia), für die ein eigener Gärtner (topiarius) verantwortlich war. Abgeleitet von topos (griech. Ort, Stelle, Gegend) bezeichnete der Begriff topia ursprünglich allerdings Wandgemälde.5) In den dort vorwiegend dargestellten mythologischen Landschaften findet der topiarius nach Mosser "seinen Namen und seine ikonographische Quelle" - sollte er doch das Typische der Landschaft aus der Zweidimensionalität in die Dreidimensionalität des Gartens übersetzen.6)

Den Schritt von der Landschaftsmalerei zur Gartenkunst ars topiaria machte bereits Plinius d. Ä. in seiner Historia naturalis (77 n. Chr.), wo er das Ziehen von Zypressen "zur Darstellung der Gartenkunst (in picturas operis topiarii)" beschreibt, da "ihr dünnes, kurzes und immer grünes Blatt die Umrisse von Jagden, Flotten und anderen Gegenständen" nachzeichnen kann. In diesem umfassenden Sinn lässt sich nach Wimmer ars topiaria übersetzen als "die Kunst, aus lebenden Pflanzen Kunstformen zu ziehen".7)

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Zierliche Bindewerke

Mit der Rückbesinnung Italiens auf die Antike zu Beginn des 15. Jahrhunderts erlebt die ars topiaria eine neue Blüte. Die zwar anschauliche, aber vielfach mehrdeutige Beschreibung des Plinius-Landsitzes sowie nachfolgende Ungenauigkeiten in der Übersetzung8) führten dazu, dass die Buchsfiguren, von denen nicht sicher ist, ob sie nicht eher flächig zu sehen waren, in die Vertikale gesetzt wurden. So aufgerichtet blieben die Motive Vorbild für all die grünen Figuren, die nachfolgen sollten.

Einen regelrechten Topiari-Boom löste Francesco Colonnas Hypnerotomachia Poliphili9) aus. Sie beschreibt den Traum des Poliphil, in dem er bei der Suche nach seiner Geliebten wundersame Landschaften durchstreift und schließlich auf der Insel Kythera, der Insel der Liebesgöttin, landet, wo er auch phantastische Gärten findet, deren Krönung Pflanzenfiguren sind - artificioso topiario in unvorstellbarer Größe und Differenziertheit.

Beschrieben wird unter anderem ein Riese, dessen Beine aus zwei Gefäßen wachsen. Er trägt einen Turm auf jedem Arm, beide oben durch einen Bogen verbunden, auf dem eine Blumenschale thront. Neben den Figuren, die aus einer Kombination von Immergrünen und Blütensträuchern bestehen, gibt es auch grüne Architekturen - Einfriedungen mit Türmen und Öffnungen geschmückt mit figürlichen Szenen wie Triumphzügen, See- und Landschlachten, Jagden und Liebesgeschichten.10)

Die starke Wirkung, der Hypnerotomachia Poliphili lässt sich nicht allein aus der bildstarken Liebesgeschichte oder der Neuartigkeit der ars topiaria erklären, denn für Letztere gab es bereits Vorbilder: Im Garten der Villa Quaracchi in Florenz standen zum Beispiel grüne Figuren, von Schiffen über Bauwerke und Tiere bis hin zu Papst und Kardinälen, "im bunten Durcheinander" um einen fünfstufigen Etagenbaum.11)

Colonna präsentiert vielmehr - erst auf den zweiten Blick erkennbar - eine Auseinandersetzung mit der Naturphilosophie und der Kunst- und Architekturtheorie der Renaissance, wie sie von Leon Battista Alberti (1404-1472) geprägt wurde. Die Natur selbst - ob Stein, Holz oder Pflanze - ist Vorbild für die Baukunst und liefert zugleich Material zur schöpferischen Weiterentwicklung. Erst durch den Menschen erlangt dieses seine Vollkommenheit, "Natur-Kunstwerk" wird zu "Kunst-Naturwerk". Dabei finden geordnete Natur (das Strukturelle, die Architektur) und kunstvolle Natur (Formenvielfalt, Ornamentik) erst in ihrer gegenseitigen Ergänzung Vollendung.12)

Die Landschafts- und Gartenbeschreibungen Colonnas und die im Text eingefügten Holzschnitte beflügelten die Phantasie von Bauherren und Gärtnern. In Frankreich veröffentlichte 1563, sieben Jahre nach dem dortigen Erscheinen der Hypnerotomachia, der Keramikkünstler und Gartentheoretiker Bernard Palissy gleichfalls die Vision von einem Garten mit grünen Architekturen aus Bäumen und Hecken. Figuren aus Pflanzen findet man bei Palissy dagegen nicht.13) Doch auch der französische Gartentheoretiker Olivier de Serres empfiehlt Motivpflanzungen aus Kräutern und regt an, "Bänke, Sessel, Gebäude, Pyramiden, Säulen, Menschen und Tiere aus Pflanzen zu formen", um die Schönheit der Gärten zu erhöhen.14) Ausgeführt wurden ars topiaria in den seit Plinius bekannten Motiven aus Buchs und Rosmarin im Lustgarten von Gaillon (bei Rouen) - nach Scheliga das einzige nachgewiesene Beispiel für diese Art in Frankreich.15)

Geradezu auf Colonnas Insel Kythera versetzt, fühlt man sich dagegen beim Fürstlichen Lustgarten zu Hessem.16) Zahlreich "wachsen" hier kunstvolle Figuren aus den exakt geschnittenen Hecken. Ihr Aussehen hat Johann Royer, von 1607 bis 1650 Meistergärtner in Hessem, in der 1648 erstmals erschienenen Beschreibung des ganzen Fürstlich Braunschweigischen Gartens in fünf Kupferstichen dargestellt und die Herstellung beschrieben.17)

Während bei Royer Binden und Leiten die Grundlage ist und der Schnitt lediglich ein nachträgliches Regulativ, geht der Rostocker Arzt Peter Lauremberg in seiner Horticultura (1631), die wenige Jahre vor der Gartenbeschreibung zu Hessem erscheint, davon aus, dass die Pflanzenfiguren allein durch Schnitt ihre Form erhalten. Im Unterschied zu den Hessemer "Bindewercken" sind die Musterentwürfe Laurembergs eindeutig dreidimensional angelegt.

Auch in England sind zu der Zeit figurale Bindewerke zu finden, die nach Scheliga für Hessem sogar "Pate gestanden" haben könnten.18) Ein weiteres Beispiel für englische ars topiaria ist das Gitterwerk mit den alten Plinius-Motiven, das Gervase Markham veröffentlicht.19) Solche Gitter wurden anlässlich von Königsbesuchen in England und Frankreich "palastähnlich" zusammengebaut und mit "phantasievoll zugeschnittene[n] Büsche[n]" geschmückt. "Man schnitt Figuren [...] aus aufrecht wachsenden Kletterpflanzen oder stellte sie mit Blumenmustern in Beeten dar".20)

Eine Mischung aus Pflanzenskulpturen und flächigen Ornamenten ist auch für Hampton Court überliefert, wo nach einem Reisebericht von 1599 "all manner of shapes, men and women, half men and half horse, sirens, serving maids with baskets, French lilies and delicate crenellations all round made from laths bound together and the aforesaid evergreen quick-set shrubs, or entirely of rosemary, all true to the life, and cleverly and amusingly interwoven"21) zu bewundern waren.

Selbst in Obstgärten konnte, wo kein Ertrag mehr zu erwarten war, der Gärtner unfruchtbares Holz noch zu Figuren schneiden - zum Beispiel zu Jagdszenen, "die weder das Getreide verwüsteten noch Geld kosten".22)

Dass grüne Figuren auch nicht immer "true to the life" sein mussten, zeigen die Phantasie-Gestalten im Garten von Levens Hall, den der Le Notre-Schüler Guillaume Beaumont Ende des 17. Jahrhunderts anlegte. Sie wurden zum Inbegriff des englischen Topiary.

Wie die ars topiaria - Pflanzenfiguren und grüne Architekturen - den Garten der Renaissance zu einem Gesamtkunstwerk verschmolzen, zeigen die Stiche des Niederländers Hans Vredemann de Vries (Antwerpen1583). Als "Musterbücher" für Künstler und Auftraggeber geben sie zudem einen Einblick in die niederländische Gartenkunst der Zeit. Deren Schwerpunkt lag nach De Jong auf "structural, decorative and expressiv topiary and green architectural forms".23) Figurale Bindewerke wie die überlebensgroßen Figuren und die Jagdszene auf der Hecke des Jagdschlosses Mariemont bei Brüssel waren wohl eher eine Ausnahme.24)

Schnittkunst

Wenn der Gartentheoretiker Dezaillier d'Argenville in seiner La Théorie et la Pratique du Jardinage zu Beginn des 18. Jahrhunderts rückblickend schreibt, dass in Gärten "ehemalen [...] tausenderley wunderliche Gestalten zu finden gewesen waren"25), dann wird deutlich, dass die ars topiaria, wie sie in der Renaissance üblich war, der Vergangenheit angehörte.

An die Stelle der aufwändigen Bindewerke waren grüne Architekturen und geometrische Figuren getreten. Der Begriff Topiari (englisch: topiary, französisch: topiaire) wurde zum Synonym für Schnittkunst und wird bis heute in diesem Sinn verwendet. In Deutschland setzte sich der Begriff "Formschnitt" durch, die geschnittene Pflanze ist ein "Formbäumchen".

In den Gärten Frankreichs dominierten die grünen Architekturen, die mit zunehmender höfischer Prachtentfaltung immer größere Dimensionen annahmen. Einen Höhepunkt an Ausschmückung und Schnittperfektion erreichten sie im 18. Jahrhundert zum Beispiel in Marly, einem der Filial-schlösser Versailles: Von Formbäumchen gekrönte Hecken, die mit ihren exakt eingeschnittenen Öffnungen Mauern gleichen, Arkaden, Säulengänge und Nischen bilden in kunstvollen Zusammenstellungen mit Treillagen Theater, Labyrinthe und Kabinette.26)

Die Parterres mit ihren "Broderien" aus geschnittenem Buchsbaum, farbigem Sand und Kies liegen wie Teppiche vor dem Schloss und entfalten ihre Wirkung nur bei der Draufsicht. Hier scheint die ars topiaria wieder zu ihrem Ursprung zurückgekehrt zu sein, zum Gemälde, zur Zweidimensionalität.

Die Formbäumchen - meistens immergrüne Kegel oder Pyramiden - dienen wie Statuen und Vasen der Ausschmückung und Strukturierung des Gartenraums. Je nach Anordnung geben sie "ein schnelleres oder langsameres Tempo für den darüber gleitenden Blick" vor, fordern zum Bewegen oder aber zum Verweilen auf.27)

Bizarr erscheinen die Eibenfiguren im Parterre de Latone in Versailles.28) "Tous dessinés d'après nature"29), erinnern sie in ihrer Zusammensetzung aus geometrischen Formen jedoch eher an Tänzer des Triadischen Balletts.30) Dass diese Art der Baum-Figuren den Menschen der Zeit selbstverständlich zu sein schien, zeigt ein Gemälde31), dem die umgekehrte Situation zu entnehmen ist: Zum königlichen Maskenball haben sich menschliche "Baum-Gestalten" unter die Gesellschaft gemischt.

Prinz Rokoko

Diese extremen Schnittformen, aber auch die Niedlichkeit und Überladenheit wie sie inzwischen in die holländischen Gärten der zu Wohlstand gekommenen Kaufleute eingezogen waren32), führten zu einem allgemeinen Unbehagen am figuralen Formschnitt. Als erster hatte sich bereits 1625 der Philosoph Sir Francis Bacon in seinem Essay Of Gardens33) dagegen gewandt, war jedoch vorerst mit seiner Meinung allein geblieben.34)

Erst mit dem neuen Naturgefühl im Zuge der Aufklärung richtet sich der Blick auf die Ursprünglichkeit der Natur in ihrer Schönheit und Eigenart. Den Anfang des Umdenkens markiert der Politiker und Philosoph Shaftesbury (1671-1713), der sich 1690 gegen den "zurechtgestutzten" Garten wendet.35) 1712 wird der Schriftsteller Joseph Addison im Spectateur noch deutlicher und kritisiert die zu mathematischen Figuren geschnittenen Bäume, in denen überall die Spuren der Schere sichtbar seien.36)

Der zeitkritische Dichter Alexander Pope (1688-1744) bezeichnet schließlich die beschnitten Pflanzen als "Coxcombs Nature" (Hahnenkamm-Natur)37) und bedauert die "inverted Nature", in der "trees cut to statues, statues thick as trees".38) Endgültig der Lächerlichkeit preis gibt er die Topiarys mit dem fiktiven Angebot eines Händlers, Familienmitglieder in Pflanzen zu schneiden, so dass "any ladies that please may have their own effigies in myrtle, or their husbands in horn-beam".39) Die dazu gestellte Verkaufsliste offeriert von Adam und Eva in Eibe, über Königin Elizabeth in Myrthe, St. Georg mit dem Drachen in Buchs bis hin zum Lavendel-Schwein und Noahs Arche in Hollunder - alle schon ein wenig lädiert aufgrund von Wassermangel, Sturmbruch oder weil man sie eine Woche im Regen vergessen hat.

Ende des 17. Jahrhunderts wendet sich auch in Deutschland die Kritik gegen "Baumverstutzerei", "Verstümmelung" sowie die Maßnahme "Bäume in Kegel, [...] oder in kindische Figuren [zu] verunstalten". Die Ursache dafür verortet der Autor nicht nur im "Folgen einer Mode", sondern eher im "Muthwillen" von Menschen, "in deren Gehirne es nicht so ganz richtig wäre".40) Gleichzeitig besingen die Dichter den frei gewachsenen Baum als "Herzog im Bezirk des Gartens"41) oder geben ihrem "Schmerz" Ausdruck, den sie "beim Fallen der Blätter durch die Schere" fühlen.42)

Der Formschnitt wird zum Symbol für das Alte, steht wie "Schnürleib und Reifrock" für das Überholte, Zwanghafte - nicht nur in der Gartenkunst, sondern auch in der hergebrachten Dichtkunst.43) Ihre "abgemessene [...] Architectonik" sieht Joseph von Eichendorf in den "damaligen geradlienigen Ziergärten" gespiegelt.44) In seinem gleichnamigen Gedicht (1857) personifiziert er die Formschnittpflanze dann auch als "Prinz Rokoko", Symbol für den Feudalismus, absolutes Herrschertum, den Zwang, den es abzulegen gilt, ums sich dem Aufbruch des Lenz' zu öffnen.45)

Revival

Doch bereits 30 Jahre bevor in Deutschland Eichendorffs Prinz Rokoko erscheint, feiert das Topiary in England eine fröhliche Wiederkehr. Jetzt steht der formale Gartenstil - wie er im England der Renaissance und des Barock ausgeprägt war - für ein historisches Vermächtnis, für alte Werte, für die glorreiche Zeit Englands und der eigenen Familie. Damit wird auch der Schnitt wieder selbstverständlich.

Hatte der Botaniker und Landschaftsarchitekt John Claudius Loudon die "Vegetable sculpture" zwar als "useful decoration"46) kategorisiert, aber eher der alten Gartenkunst zugeschrieben, bekennt der Baumeister T. James bereits 1839: "Ich liebe den Kunstverschnitt mit seinem offen eingestandenen künstlichen Charakter, er stößt beim ersten Blick das verlogene, feige celare artem-Prinzip zurück, und seine Pflanzenskulptur ist der geeignete Übergang von der Architektur des Hauses zu der natürlichen Schönheit von Hain und Wiese."47)

Schließlich will der Architekt Reginald Theodore Blomfield Natur weder an geraden noch an krummen Linien festmachen. Dem geschnittenen Baum räumt er genauso viel Natürlichkeit ein wie dem Waldbaum, macht zwischen Gras- und Baumschneiden kein Unterschied.48)

Nach dem Vorbild von Levens Hall entstehen zahlreiche Topiary-Gärten. Das wohl bekannteste ist Elvastan Castle (1851), ein Garten mit dem "abenteuerlichsten Baumverschnitt" aus verschiedenen Taxusarten "von dunkelstem Grün bis zum leuchtenden Goldgelb".49) In den Anlagen der 1890er-Jahre sind auch wieder "animals and birds of almost every kind, with tables chairs, churches and other objects"50) zu bewundern. Das Publikum pilgert zu diesen Gärten gleichsam Wallfahrtsorten und setzt, zudem inspiriert durch Bücher und Zeitschriften,51) die Anregungen in den eigenen Gärten um - zum Leidwesen der Experten, die dem Dilletantismus skeptisch gegenüberstehen.52)

Letztendlich steht das Bekenntnis des Architekten John D. Seddling "I have no more scruple in using the scissors"53) für den Sieg des Formschnitts am Ende des 19. Jahrhunderts.

Mit der Gartenkunst-Reformbewegung und der damit verbundenen Rückkehr zum formalen Garten zu Beginn des 20. Jahrhunderts zieht auch in Deutschland der traditionelle, jedoch eher geometrische, Formschnitt wieder ins Gestaltungsrepertoire der Gartenarchitekten ein. Die Laien scheinen dagegen mehr Freude an grünen Figuren zu haben - allen voran die Deutsche Bahngesellschaft, die in den 1920er-Jahren viele kleine Bahnhöfe Norddeutschlands mit possierlichen Topiari-Figuren schmückt.54) Danach verebbt der Boom.

Erwähnenswert ist allerdings noch der in den 1970er-Jahren angelegte Topiari-Garten, der dem Schloss Cecilienhof in Potsdam, einem Gebäude im englischen Landhausstil, eine adäquate Umgebung verschaffen sollte. Nach der Wende mussten die grünen Skulpturen allerdings aufgrund einer veränderten denkmalpflegerischen Zielstellung wieder weichen.55)

Seit den 1990er-Jahren ist das allgemeine Interesse am figuralen Pflanzenschnitt wieder kontinuierlich gewachsen.

An die Schere, fertig, los ... Topiari, eine Mitmach-Kunst?

Betrachtet man die Geschichte der ars topiaria, dann wird deutlich, wie sich deren Bewertung mit gesellschaftlichen, ökonomischen Bedingungen und dem Naturverständnis der jeweiligen Zeit verknüpft. Auffällig ist jedoch die Wellenbewegung, die sich mit wenig zeitlicher Verschiebung in den betrachteten Ländern wiederholt: Zeiten der Achtung, in denen Topiari für Avantgarde, für Gartenkunst steht, und solchen, in denen das Schneiden von Figuren mit Popular-Kunst und schlechtem Geschmack in Verbindung gebracht wird.

De Jong glaubt die modernen Historiker "amazed and puzzled", wenn sie die Ähnlichkeiten zwischen dem Ende des 18. Jahrhunderts und des 20. Jahrhunderts feststellen - wie "money, taste, social class and gardening again are very much interconnected and lead to the fashion of small gardens where boxwood and ornaments play a major role".56) Heute ist der Formschnitt in Zeitschriften und Gartenbüchern allgegenwärtig.57) So ist es nicht verwunderlich, dass bei der Suche nach Vorbildern für die Gestaltung des eigenen Gartens schnell der Formschnitt in den Blick gerät - und unbewusst der Schluss gezogen wird: Topiari gleich Gartenkunst. Eklektizistisch wird sich aus deren Repertoire bedient. Vielleicht auch mit dem Wunsch, dem eigenen Anwesen einem englischen Landsitz gleich etwas Herrschaftliches zu verleihen, finden Buchsfiguren im Hausgarten einen Platz. Die Frage nach "dem Ort" (Topiari von topos) scheint sich nicht zu stellen.

Häufig ist es auch der Reiz des Selbst-Gestaltens, der sich heute fast nur noch im Garten bietet und Schneiden zum "neuen Hobby" werden lässt. Hierbei verengt sich der Blick allein auf die Fertigkeit des Schneidens, während bei der ars topiaria künstlerische und handwerkliche Fertigkeiten zusammenkommen mussten, und Kenntnisse über die Eigenarten des Werkstoffs "Pflanze" Voraussetzung waren. Es gibt aber auch diejenigen, die nicht nach der Schablone arbeiten, sondern sich von der Erscheinung der Pflanzen inspirieren lassen. Sie binden, formen und schneiden, um herauszuho-len, "was in der Pflanze steckt".58) Die Grenzen zwischen "Grand Manner" und "Teapots and Peacocks"59) sind fließend.

Seit geraumer Zeit suchen Landschaftsarchitekten und Künstler dem Topiari ein neues Gesicht zu geben, es aus der konfektionierten Eindimensionalität herauszuholen und wieder in einen Gestaltungszusammenhang zu stellen, der auf den jeweiligen Ort zugeschnittenen ist. Ein Vertreter dieser Bewegung ist zum Beispiel der Landschaftsarchitekt Kamel Louafi, Berlin, dessen "Arabesken tanzende" Eibenkuben auf dem Opernplatz in Hannover oder die grünen Formen auf der Place de la Résistance in Esch-sur-Alzette "Geschichten erzählen sollen".60) Solche Pflanzenkunstwerke bedürfen allerdings oftmals eines zweiten Blicks zum Verstehen.

Angesichts der postmodernen Vielfalt, in der Expertenmeinung und Laiengeschmack häufig auseinander driften, hilft vielleicht die Aussage der viktorianischen Gartenschriftstellerin Shirley Hibberd (1825-1890)61, eine eigene Position zu finden. Hibberd kommt in der Abwägung zwischen geschnittener und natürlicher Form zu dem Schluss, "dass die natürliche Form eines Baumes die schönste ist", um dann aber festzustellen "dass wir nicht immer die schönste Form wünschen, sondern eine unserer eigenen Prägung, in der unsere eigene Erfindungsgabe sich versinnbildlicht."



Anmerkungen

¹) www.mein-schoener-garten.de/jforum/posts/list/14102.page [2013-03-21].

²) Vgl. De Jong 2004.

³) C. Plinii Epist. Lib. V, VI et Epist. II, XVII, zit. nach Gustav Meyer (1860) 1999: 18-22.

4) Vgl. Carroll-Spillecke, 1998.

5) Wimmer 1989a: 20.

6) Mosser 2004: 34.

7) Zur Ableitung des Begriffs Topiari vgl. Wimmer 1989a; Mosser 2004.

8) Vgl. Wimmer 1989a, Scheliga 2011.

9) Erste Auflage 1499, zweite Auflage 1545, französische Ausgabe 1556 (bis 1600 drei Neuauflagen), englische Erstausgabe 1592. Eine deutschsprachige Ausgabe gibt es bis heute nicht. "Eine deutsche Übersetzung der "Hypnerotomachia Poliphili" wird derzeit als eines der dringlichsten Desiderate der modernen Renaissanceforschung wie auch der Quellenerschließung von mehreren Seiten mit unterschiedlichem Ziel und Ansatz verfolgt." www.zikg.eu/main/forsch/stip/reiser.htm [2012-09-12].

Zur Diskussion um die Autorenschaft vgl. Stewering 1996.

¹0) Vgl. Wimmer 1989.

¹¹) Gothein, Marie Luise (1914) 2010: 222.

¹²) Vgl. Stewering, Roswitha 1996.

¹³) Zu Bernard Palissys Récepte véritable [...] vgl. Wimmer 1989: 50-58.

¹4) Zu Olivier de Serres Le Théatre d'Agriculture et Mesnage des Champs, vgl. Wimmer 1989, hier S. 80 und S. 82.

¹5) vgl. Scheliga (2011, 57), dem zufolge die Motivwahl einen direkten italienischen Einfluss vermuten lässt.

¹6) "Schloss Hessem" (Merianstich von 1654) wird aufgrund seiner Zugehörigkeit zum Ort Hessen am Fallstein (heute Ortsteil der Gemeinde Aue-Fallstein) meistens als Schloss Hessen bezeichnet. Zu Bau- und Gartengeschichte sowie ihrer Einordnung vgl. Scheliga 2004.

¹7) Royer zit. bei Scheliga 2004: 156.

¹8) Scheliga 2004: 159.

¹9) Wimmer 1989a: 23.

²0) Tacker 1979: 129.

²¹) zit. bei Jacques 2004: 74.

²²) Gervase Markham et.al. 1676: 54. [online 2013-04-02]

²³) De Jong 2004: 65. Zu de Vries und den Auswirkungen auf die niederländische Gartenkunst, vgl. auch Rohde 2001.

²4) Vgl. Scheliga 2011.

²5) LeBlond, Alexandre [Bearb.]: (1731) 1986: 79.

²6) Vgl. Mosser 2004: 42.

²7) Vgl. LeBond, Günther 1986: 510.

²8) Mosser 2004: 38.

²9) Ebd.

³0) Experimentelles Ballett (1919) von Oskar Schlemmer, bei dem die Kostüme der Tanzenden aus den drei geometrischen Grundformen Kreis, Quadrat und Dreieck gebildet werden.

³¹) Mosser 2004 : 47.

³²) Vgl. De Jong 2004, Tabarasi 2004.

³³) Bacon 1625, [oline 2012-10-15].

³4) Vgl. Jacques 2004: 75.

³5) Gothein (1914) 2010: 368.

³6) Joseph Addison's essay: No. 414 [online 2012-09-05].

³7) Alexander Pope: An Essay on Criticism [online 2012-09-06].

³8) Ders: Essay on Man 1713.

³9) Ders. in: Guardian 173, 29. September 1713, 261. [online 2012-09-18].

40) C.C.L. Hirschfeld (Hrsg.) 1783: 215-217. [online 2012-09-07].

4¹) Karsch (1761), in Engler 2010: 32f. Den Hinweis auf das Gedicht gab freundlicherweise Prof. Hubertus Fischer.

4²) Claudius, zit. bei Gothein 1914 (2010): 407.

4³) Zu Parallelen von Gartenkunst und Romantheorie in der Romantik vgl. Heinz 2004.

auch Addisson in: Spectateur 477 Sept. 3, 1712, 17 [online 2012-09-05]

44) Zit. bei Tabarasi 2004: 54.

45) J. v. Eichendorff (o. J.). Den Hinweis auf das Gedicht gab freundlicherweise Prof. Hubertus Fischer.

46) Loudon 1822, zit. bei Wimmer 1989: 283.

47) Zit. bei Gothein 1914 (2010): 447.

48) Blomfield 1892, bei Gothein 1914 (2010): 445.

49) Ebda: 450.

50) Elliott 1995: 102.

5¹) Z. B. die Zeitschrift Country Life oder die drei Bände Gardens old and new.

5²) Blomfield 1901, zit. bei Gothein 1926: 448-449.

5³´) John D. Sedding, zit. bei Elliott 1995: 102.

54 Wimmer 1989a: 30 bezieht sich auf Harry Maasz, Die Pflanze im Landschaftsbilde, Leipzig 1920.

55) Vgl. dazu Wimmer 2004.

56) De Jong 2004: 61-62.

57) Selbst in den Comic hat er es geschafft. Vgl. Gröning; Wolschke-Bulmahn 1992.

58) Vgl. Hellendahl, 2011.

59) Vgl. Clarke/Wright 1987.

60) Realisierung Esch-sur-Alzette im Sommer 2013

www.landschaftsarchitektur-louafi.de. [15.10.2012]

Vortrag am 12. Juli 2012 im Rahmen der Sommerakademie Herrenhausen 2012.

6¹) Zitat (übersetzt) bei Schneider 1927, 288.

Quellen

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Dr. Ursula Kellner
Autorin

Landschaftsarchitektin AKN und Fachjournalistin DFJV, Redaktionsleiterin „Stadt und Grün“ von 2001 bis 2011

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