Junge Bäume wieder vital - Eine Berliner Methode etabliert sich

von:

Alexander Borgmann genannt Brüser

Klimabäume
Abb. 1: Reaktionen der Gehölze in den drei Behandlungsjahren, v. l.: Erste Bewertung im belaubten Zustand (24.5.2016), im 1. Behandlungsjahr (10.8.2016), im 2. Jahr (8.8.2017), im 3. Jahr (24.7.2018). Fotos: Sternberg & Borgmann genannt Brüser

Mit Hilfe der an der Beuth Hochschule für Technik Berlin entwickelten "Berliner Sanierungsmethode", konnte zwischen 2013 und 2015 ein großer Teil der noch jungen, jedoch schon stark in ihrer Vitalität beeinträchtigten Amerikanischen Sumpfeichen im Berliner Regierungsviertel revitalisiert werden. Dieser Beitrag verdeutlicht die praxisnahe Weiterentwicklung der Methode und zeigt Beispiele der erfolgreichen Anwendung an unterschiedlichen Standorten mit verschiedenen Gehölzarten und -sorten.

Das Jahr 2018 - mit Hitzerekorden und vielen Wochen bis Monaten ohne nennenswerte Niederschläge - macht deutlich, wie wichtig eine standortgerechte Gehölzwahl, eine möglichst gute Standortvorbereitung sowie eine an die speziellen Bedürfnisse der Pflanze angepasste gärtnerische Pflege sind, um urbane Baumpflanzungen langfristig und vital zu etablieren.

Jungbäume verlieren an Vitalität

Dass junge Straßenbäume in versiegelten Innenstadtgebieten gegenüber jenen an offenen zum Beispiel naturnahen Standorten schlechtere Bedingungen vorfinden, (Balder 1998), eine potenziell geringere Lebenserwartung aufweisen (Roloff 2013) und in manchen US-amerikanischen Innerstadtlagen (downtown) im Mittel lediglich sieben Jahre überleben (Plietzsch 2018), ist weithin bekannt.

Empfehlungen FLL 2010, Normen (DIN 18916, 18919, 18920) und Richtlinien (z. B. FLL 2017) der bekannten Institutionen tragen zusammen mit reichlich verkaufsfördernden Ratschlägen aus der "Baumpflege-Industrie" dazu bei, unsere Innenstädte mal mehr und mal weniger zu begrünen. Nur leider ohne Garantie. Und - summiert man die Kosten für Ersatzpflanzungen hinzu - zu welchem Preis? Mangelt es nämlich in Zeiten von Fremdvergabe und konsequenter Arbeitsteilung mitunter nur in wenigen Zwischenschritten, in Bereichen wie

  • konzeptioneller Vorarbeit (z. B. Standortanalyse, Standortvorbereitung, Gehölzwahl, Pflege- und Entwicklungskonzept u. a.)
  • fachgerechter Ausführung (Pflanzeneinkauf, Lagerung auf der Baustelle, Pflanzung, Anwässern, Bauleitung, Bauüberwachung usw.) oder
  • bedarfsgerechter Nachsorge (Fertigstellungs-, Entwicklungs- und Erhaltungspflege),

an der nötigen Sorgfalt, können auch langjährig geplante und sehr gut finanzierte Projekte bereits kurz- oder mittelfristig gefährdet sein. Auch wenn der vorzeitige Vitalitätsverlust von Jungbäumen als unnatürlich gilt und für so manchen kaum nachvollziehbar ist - warum sollten auch junge, gerade erst gepflanzte und angewachsene Bäume bereits wieder an Vitalität verlieren - ist dieser dennoch oft gegenwärtig.

Anschaulich wird dies an Beispielen aus

  • Koblenz mit der Umgestaltung und einhergehenden Neupflanzung von Stieleichen (Quercus robur) zur Bundesgartenschau (2011)
  • der Landeshauptstadt Wiesbaden bei der Pflanzung von Gemeinen Eschen (Fraxinus excelsior i. S.) in einem neuen Wohnquartier
  • und in der kleineren Gemeinde Leopoldshöhe in Ostwestfalen, in welcher bei der Neugestaltung des zentralen Ortsplatzes Schmalblättrige Eschen (Fraxinus angustifolia 'Raywood') ausgewählt worden sind.

Dass die Revitalisierung von mehrjährig geschwächten, also im Triebwachstum stagnierenden Jungbäumen physiologisch möglich ist und ökonomisch sinnvoll sein kann, wurde in einem 3-jährigen Feldversuch an 238 Amerikanischen Sumpfeichen (Quercus palustris) herausgestellt. Die sachkundige Begleitung des mehrjährigen Vitalisierungsprozesses wird als "Berliner Sanierungsmethode" bezeichnet (Balder et al. 2016, Borgmann genannt Brüser 2014, Borgmann genannt Brüser et al. 2015).

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Abb. 2 (l.): Das Bodenprofil offenbart die Überreste einer ehemaligen Sportplatzanlage am Standort der Eichen. Abgesehen von einer gut vorbereiteten Pflanzgrube (ca. 1 m³), wurde den Gehölzen weiter kein gut bereiteter Raum für die Auswurzelung bereitgestellt. Der anstehende Unterboden ist sehr stark verdichtet und ohne Aufwertung wahrscheinlich nicht durchwurzelbar. Aufnahme: 24.5.2016 Foto & Grafik: Sternberg & Borgmann genannt Brüser
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Abb. 3 (r.): Anordnung der Gruppen unterschiedlicher Behandlung auf dem Versuchsfeld. Foto & Grafik: Sternberg & Borgmann genannt Brüser
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Abb. 4: Sehr schwacher Baum, VS 3,0 (Aufnahme Baum, li.: 24.05.2016) mit Stammnekrose und einem sekundären Befall mit dem Spaltblättling (Schizophyllum commune) sollte ersetzt werden. (Aufnahme Detailansicht Pilz: 04.04.2017. Aufnahme Baum, re.: 24.07.2018). Fotos: Sternberg & Borgmann genannt Brüser

Praxisbeispiele an unterschiedlichen Standorten

Koblenz, 61 Stieleichen (Quercus robur)

Die im Jahr 2010 gepflanzten 61 Stieleichen stehen größtenteils in einer offenen Rasenfläche (Plateau unweit der Festung Ehrenbreitstein). Aufgrund einer absolut mangelhaften Standortvorbereitung verloren die Gehölze nach einer anfänglich guten Etablierung - also nach der Abnahme und durchlaufener Fertigstellungs- und Entwicklungspflege - an Vitalität. Die Vitalität des gesamten Pflanzenbestandes war im Frühjahr 2016 stark beeinträchtigt. Die meisten Gehölze bildeten im 7. Standjahr überwiegend Kurztriebe von wenigen Zentimetern (VS 2,0). Vereinzelt wurden Gehölze mit leichten (VS 2,5) und starken (VS 3,0) Absterbeerscheinungen sowie Einbohrlöcher von Eichensplintkäfer (Scolytus intrikates) - einem klassischen Vertreter aus der Gruppe der sekundären Schwächeparasiten - im Rahmen der ersten Inaugenscheinnahme der Einzelpflanzen dokumentiert.

Langfristig ist die Auswurzelung in die anstehenden Böden entscheidend

Zum Start des mehrjährigen Vitalisierungsprozesses musste geklärt werden, welche Form von bodenverbessernden Maßnahmen ggf. notwendig ist, um ein langfristig pflegeextensives Gehölzwachstum zu garantieren. Neben rein gärtnerischen Maßnahmen (wässern, düngen, schneiden) wurden ebenfalls unterschiedliche Kombinationen zur Bodenverbesserung eingeleitet. Ausgehend von der rein intensivierten gärtnerischen Pflege (IP) wurden 2016 noch zwei weitere Behandlungskombinationen angewendet, bei welchen zusätzlich die Böden aufgewertet (pneumatische Bodenbelüftung) und teilweise ausgetauscht wurden (pneumatische Bodenbelüftung + punktueller Bodenaustausch/ ein sogenanntes "Attraktionszentrum" (AZ)) (Abb. 3).

Die intensivierte gärtnerische Pflege (IP) führte bei fast allen Gehölzen zu einer sehr zufriedenstellenden Zurückgewinnung der Vitalität innerhalb von zwei bis drei Jahren (Abb. 1) und wurde für alle 61 Bäume in gleicher Weise durchgeführt mit den drei Komponenten

  • Bewässerung unterstützt durch Feuchtesensoren,
  • bedarfsgerechte Nährstoffversorgung mit Flüssigdünger,
  • und Gehölzschnitt (Seitenasteinkürzung bis Schwachaststärke) in der Vegetationszeit.

Die unterschiedlichen Formen der Bodenverbesserung brachten im Rahmen der Auswertung zum Ende des 3. Jahres bereits erste signifikante Reaktionen hervor und werden in einer späteren Veröffentlichung ausführlich behandelt.

Lediglich ein sehr schwacher Baum (VS 3,0 + Splintkäfer + Stammnekrose) muss aufgrund mangelnder Wüchsigkeit und einem weiteren sekundären Befall durch den Spaltblättling (Schizophyllum commune) ersetzt werden (Abb. 4). Im Ergebnis sehr positiv ist, dass letztlich von den ehemals sechs stark gefährdeten Gehölzen, mit einem gleichwertig kritischen Splintkäferbefall und schwacher Vitalität (VS 2,5), lediglich dieser eine Baum getauscht werden muss.

Wiesbaden, 26 Gemeine Eschen

(Fraxinus excelsior i.S.)

Das moderne Künstlerviertel in Wiesbaden mit dem zentralgelegenen öffentlichen Christa-Moering-Platz wurde vor zehn bis 15 Jahren neu gebaut und mit verschiedenartigen Gehölzen bepflanzt. Weder Planung noch Pflanzung erfolgten in Eigenregie des Grünflächenamtes. Alle Leistungen wurden, wie auch in Koblenz, von externen Firmen erbracht. Die zur Platzgestaltung verwendeten 26 Eschen (F. excelsior i. S.) verloren schon wenige Jahre nach der Pflanzung an Vitalität. Über die Jahre 2016 bis 2018 wurden sie jedoch größtenteils (23 von 26) erfolgreich revitalisiert (Abb. 5 & Abb. 6). Die in eine wassergebundene Wegedecke gepflanzten Bäume wurden analog zu vergleichbaren Projekten mit Feuchte-Sensoren ausgestattet, um die Bodenfeuchte in unterschiedlichen Tiefen zu überprüfen und die externe Bewässerung zu steuern.

Neubewertung des Pflanzenbestandes im Sommer und Herbst/Winter

Der Pflanzenbestand wurde im Projekt jährlich im Zuge der Sommer-Bonitur (Abb. 7) und Herbst-Bonitur neu bewertet, um daraus individuelle gärtnerische Maßnahmen wie grundsätzlichen Nährstoffbedarf, die Düngermenge und -zusammensetzung sowie gegebenenfalls die Schnittintensität abzuleiten.

Nach einer ersten pauschalen Grundversorgung aller schwachen Bäume im Mai 2016 wurde bei der Düngung in den Folgejahren unterschieden, wie "fit" die Pflanzen bereits sind; immer unter Einbeziehung der aktuellen Nährstoffwerte. Anhand der vitalitätsbeschreibenden Parameter Wuchspotenz, Laubgestalt und jährlichem Zuwuchs im Stammumfang in 100 Zentimeter Höhe (Messung i. d. R. in der Vegetationspause), wurde beispielsweise entschieden ob, wieviel und welchen Dünger die Einzelpflanzen bekommen.

Der beste Zeitraum für die Bewertung junger Bäume hinsichtlich Vitalität und Versorgungszustand sind in unseren Breiten die Monate Juli und August. Dann sind sowohl der diesjährige Trieb (1. Vitalitätskriterium) gut sichtbar sowie die Gestalt der Belaubung (2. Vitalitätskriterium) und vor allem ist die Laubfarbe gut ausgeprägt (diese Beurteilung ist bei vielen Gehölzarten und -sorten möglich). Für die Entnahme von Blattproben zur Nährstoffanalyse (Blattspiegelwerte) ist dieser Zeitraum ebenfalls günstig. Im Juni ist bei den Gehölzen in der Regel sowohl der Jahrestrieb, insbesondere der Johanni/Sommertrieb (Prolepsis), als auch die Blattfarbe noch nicht voll ausgebildet. Im Monat September ist zwar der diesjährige Trieblängenzuwachs gut zu erkennen, allerdings kann bei jungen Bäumen, deren Vitalität beeinträchtigt ist, die herbstliche Färbung bereits eingesetzt haben, was eine differenzierte Bewertung der Laubgestalt in vier gut anwendbaren Bonitur-Stufen (Bonitur-Stufen: A, B, C, D. Abb. 8) unmöglich macht.

Natürlich könnte man auch den vorzeitigen Herbst als Zeichen mangelnder Vitalität deuten, nur ist dieses Merkmal zur Bestandsbewertung vergleichsweise ungenau und zudem aufwendig zu erfassen. Hierzu wären viele nicht im Vorfeld terminierbare Ortsbesuche nötig. Das Vitalitätsmerkmal Vorzeitiges Herbstlaub ist deshalb aus Gründen mangelnder Praktikabilität zur Bewertung von Jungbaumbeständen weniger geeignet.

Ergänzend zur Bewertung der Gehölze in der Vegetationszeit im Zuge der Sommer-Bonitur ist eine zweite Begehung in der Vegetationspause ratsam, um Stammumfänge (jährlicher Zuwuchs als 3. Vitalitätskriterium), die Kronenstruktur sowie den Jahreszuwachs im unbelaubten Zustand zu erfassen. Sollen Bodenproben entnommen werden, geschieht die Entnahme am besten im März, bevor das Wachstum startet.

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Abb. 5: 26 stark beeinträchtigte Gemeine Eschen auf dem Christa-Moering-Platz im Frühherbst 2016. Alle Gehölze wurden bereits im Mai mit Nährstoffen und Alginaten und im trockenen Spätsommer/ Frühherbst mit 200 Liter Gießwasser versorgt (2 Bewässerungssäcke à 100 Liter Fassungsvolumen). Aufnahme: 27.09.2016. Foto: Sternberg & Borgmann genannt Brüser
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Abb. 6: 23 Eschen auf dem Christa-Moering-Platz zum Zeitpunkt der Sommerbonitur 2018. Aufnahme: 23.07.2018. Foto: Sternberg & Borgmann genannt Brüser

Im Sommer bewerten - direkt im Frühling behandeln

Da der Zeitraum in direkter Folge zur Sommer-Bonitur (Juli, August) für starke gärtnerische Eingriffe nicht mehr optimal ist, fließen die Erkenntnisse der diesjährigen Bewertung vor allem in Empfehlungen für Maßnahmen im Folgejahr ein. Der Düngeplan für die Frühjahrsdüngung 2018 im April basiert folglich auf den Ergebnissen der Bewertungen aus 2017 (Sommer- und Herbst-Bonitur 2017). Vergleich: Abb. 7 (So-Bo 2017) und Abb. 9. Diese Herangehensweise eröffnet zwei Vorteile: Die relativ kurze Zeitspanne (April bis August), in der Düngemaßnahmen in flüssiger Form zweckdienlich sind, kann optimal genutzt werden, wenn Nährstoffe direkt in den Frühjahrstrieb hinein gegeben werden können und dabei auf einer sicheren Einschätzung der Situation aus dem Vorjahr (als die Bäume voll ausgebildete Blätter hatten) beruhen.

Die frühzeitige Planung ist besonders aufgrund der Beschaffung benötigter Düngemittel sowie der Ausschreibung und Organisation der Arbeiten dienlich. Würde die Bewertung der Pflanzen beispielsweise erst Mitte des Monats Mai stattfinden - was Perse keine vergleichsweise gut differenzierten Ergebnisse nach sich zöge - fände die Düngung womöglich erst im Juli statt. Zwar ist im Juli das "Düngejahr" noch nicht vorbei, jedoch liegt bereits in etwa die halbe Vegetationsperiode in der Vergangenheit. Natürlich nehmen die Pflanzen den Dünger weiterhin gut auf, jedoch ist der Wirkungsgrad über das Jahr, also die photosythetische Leistung in Summe geringer, da den Blättern wesentlich später die Möglichkeit gegeben wird unter anderem ihre Größe und ihren Chlorophyllgehalt zu verändern.

Da eine Stärkung von unterversorgten Gehölzen auch bei späteren Nährstoffgaben bis in den August hinein gute Ergebnisse bringt, sollten etwaige Verzögerungen niemanden von einer späteren Sommerdüngung abhalten. Hier gilt es lediglich die Stickstoffmenge an den Entwicklungszustand der Gehölze anzupassen. Diese ist in der Regel gegenüber der Düngung im April zu reduzieren, um keine Überreaktionen wie "weiches Holz" zu provozieren.

Bei stark ausgeprägtem Mangel sind oftmals sogar zwei Termine gegenüber der Einzelmaßnahme zu bevorzugen - also eine Frühjahrs- (April) und eine Sommerdüngung (August) - um den Ernährungszustand der Pflanzen langsam mit vergleichsweise moderaten Gaben zu verbessern.

Im Weiteren ist vor allem eine ausreichende Wasserversorgung ab der ersten Düngung notwendig, um die Vorteile der Nährstoffgabe(n) voll auszunutzen, da nur bei einer ausreichenden Bodenfeuchte die Nährstoffe gelöst bleiben und den Pflanzen in der Bodenlösung zur Verfügung stehen.

Beispiel Leopoldshöhe, 13 Schmalblättrige Eschen

(Fraxinus angustifolia 'Raywood')

Im Zuge der Neugestaltung des zentralen Ortsplatzes wurde auf schmalblättrige Eschen (Fraxinus ang. 'Raywood') gesetzt, die eine vergleichsweise hohe Trockenheitstoleranz mitbringen. Die in strukturstabiles Substrat (12 m²/Baum) gesetzten Gehölze konnten sich nach anfänglich guter Entwicklung nicht in der gewünschten Form etablieren.

Das Prozedere zur Rückgewinnung der Vitalität gleicht den Maßnahmen der Beispiele aus Koblenz und Wiesbaden. Auch in diesem Fall wurden die Bäume über einen Zeitraum von drei Jahren bedarfsgerecht gedüngt, gewässert und jährlich erneut bewertet.

Erst stärken, dann schneiden

Anders als bei den ersten Versuchen (Berlin 2013) fand ein Gehölzschnitt jedoch erst im zweiten Behandlungsjahr nach einer ersten Stärkung der Gehölze statt. Die physiologische Stärkung der Gehölze durch Bewässerung und Düngung im ersten Behandlungsjahr besticht durch die beiden Vorteile, dass zum einen die Schnittintensität stark reduziert werden kann und zum anderen Überreaktionen der Gehölze weitestgehend vermieden werden.

Auch durch die zuerst vergleichsweise moderate Behandlung verbessert sich der Zustand der Gehölze im ersten Jahr merklich. In der Regel werden die Blätter deutlich grüner und größer, entsprechen oft schon der arttypischen Belaubung. Durch die verbesserte photosynthetische Aktivität können mehr Assimilate (Zucker u. a.) produziert werden. Der im Folgejahr kräftezehrende Eingriff durch den Gehölzschnitt wird, da der Baum nun auf die Reservestoffe zurückgreifen kann, besser vertragen (u. a. ist der Durchtrieb stärker). Deshalb kann die Schnittintensität zur Erzielung eines guten und gleichwertigen Neuaustriebs - der zwingend nötig ist, um oftmals abgestorbene Kronenteile und den Leittrieb neu aufzubauen - deutlich gesenkt werden.

Die Reduzierung des Kronenvolumens bei den Amerikanischen Sumpfeichen (Q. palustris) um 66 Prozent brachte im Jahr 2013 (Schnitt im 1. Behandlungsjahr) noch die besten Ergebnisse (Borgmann gen. Brüser 2014, Borgmann gen. Brüser et. al. (2015, 2016)). Nach konsequenter anfänglicher Pflanzenstärkung liegt die nötige beziehungsweise optimale Intensität des Schnittes im zweiten Jahr nach bisherigem Kenntnisstand lediglich zwischen circa 10 und 30 Prozent des Kronenvolumens. Auf der Grundlage von im Triebwachstum mehrjährig stagnierenden Jungbäumen konnten hierbei zwischen den bislang behandelten Gehölzarten und -sorten keine nennenswerten Unterschiede beobachtet werden.

Entscheidender als die zu behandelnde Gehölzart und -sorte ist neben dem Vitalitätszustand die Reaktionsfreudigkeit der Gehölze. Der "Vergreisungsgrad" - also ob Jungbäume beispielsweise drei Jahre im Triebwachstum stagnieren oder bereits seit sechs Jahren - entscheidet vor allem darüber wie hoch die Menge und die Anzahl an Nährstoff- und Wassergaben sein muss, bis das Gehölz reagiert und letztlich gestärkt aus den ersten Maßnahmen herausgeht. Ist der zuvor kurztriebige und kleinblättrige Jungbaum gestärkt und bildet arttypisches Laub, beschränkt sich der Schnittaufwand in aller Regel auf einen Kronenaufbau- und Erziehungsschnitt sowie auf leichtes Einkürzen der Seitenäste bis Schwachaststärke (Durchmesser: 3 bis 5 cm).

Ein weiterer Vorteil dieser Behandlungsform - erst stärken, dann schneiden - ist in der Vermeidung von Überreaktionen zu finden. Indem man sozusagen "die Pflanzen langsam kennen lernt", also die Reaktionen auf die zurückliegenden ersten Dünger- und Wassergaben bewerten kann, sind Fehleinschätzungen weniger wahrscheinlich. (Abb. 9)

Bei falsch eingeschätzter Reaktionsfreudigkeit können durch übertriebene gärtnerische Zuwendungen beim Schnitt oder beim Düngen (v. a. durch Stickstoff) Überreaktionen eintreten. Starke Neuaustriebe in der Krone und am Stamm und/oder unnatürlich große Blätter sind klassische Beispiel für "zu viel des Guten". Auch wenn bislang bei Überreaktionen keine negativen Spätfolgen (z. B. Frostschäden am jungen Trieb) eingetreten sind, sollten derartige Reaktionen möglichst vermieden werden, da beispielweise das Entfernen von Stammaustrieben unnötige Arbeit macht beziehungsweise Kosten verursacht und keinen physiologischen Vorteil bringt.

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Abb. 7: Ergebnisse der jährlichen Bewertungen des Pflanzenbestandes bzw. der Sommer-Bonituren der Jahre 2016, 2017 und 2018. Grafiken: Sternberg & Borgmann genannt Brüser
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Abb. 8: Bonitur-Stufen der Laubfarbe bei Gemeiner Esche (Fraxinus excelsior) v. l.: A = arttypisch grünes Laub, B = chlorotisches (leicht gelbliches) Laub, C = stark chlorotisches (sehr gelbes) Laub. Bonitur-Stufe D = nekrotisches (welkes) Laub wurde nicht dokumentiert. (Aufnahme: 10.08.2016). Foto: Sternberg & Borgmann genannt Brüser
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Abb. 9: Die Versorgung aller Gehölze mit 200 g Magnesiumsulfat bzw. Bittersalz (Mg16, S 32,5) gelöst in 200 Liter Gießwasser dient der Magnesium-Versorgung. Bodenwerte Herbst 2016: 6,2 Milligramm pro 100 g Boden (Gehaltsklasse B). Die Grundlage der Empfehlung ist die Sommer-Bonitur aus dem Vorjahr 2017, Abb. 7 (So-Bo 2017). Grafik: Sternberg & Borgmann genannt Brüser

Grenzen der Übertragbarkeit

Die Grenzen der Übertragbarkeit der "Berliner Sanierungsmethode" können physiologischer und ökonomischer Natur sein oder aus einer Kombination Beider bestehen. Die gewählten Beispiele aus Koblenz, Wiesbaden und Leopoldshöhe unterscheiden sich erheblich hinsichtlich der Standorteigenschaften und ebenfalls in der Wahl der Gehölze, sind jedoch trotzdem gut für die Übertragung geeignet. Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen den Bäumen in Rheinland-Pfalz, Hessen und Ostwestfalen-Lippe, welche die Zurückgewinnung der Vitalität in zwei bis drei Vegetationsperioden begünstigten.

Zu nennen sind:

  • es sind keine Einzelpflanzen, sondern Gehölzgruppen
  • zeitgleiche Pflanzung und in etwa gleichzeitiger Vitalitätsverlust
  • wenig Vorschäden wie zum Beispiel Stammnekrosen und sekundärer Pilzbefall
  • mehrjähriges, mehr oder weniger stagnierendes Triebwachstum, also noch ausreichend Restvitalität
  • standardisierte Bauweisen an den jeweiligen Standorten
  • gutes Verhältnis zwischen den Kosten der Maßnahmen und dem späteren Nutzen beziehungsweise dem Wert der Gehölze.

Handelt es sich zum Beispiel um Einzelpflanzen rechnen sich die Kosten für Bodenanalysen, Technikeinsatz (Feuchte-Sensoren) und regelmäßige Bewertungen meist nicht (teure Solitäre zum Beispiel StU 80-100 können eine Ausnahme bilden), auch wenn sich die gärtnerischen Kosten der Vitalisierung erfahrungsgemäß nie über 500 Euro aufsummieren. Zur Amortisierung der Kosten für die Begleitung braucht es in Abhängigkeit zum Gehölzwert eine entsprechende Anzahl an Gehölzen. Eine Kosten-Nutzen-Analyse vor Projektstart kann Auskunft liefern, ab welcher Baumanzahl sich die Herangehensweise lohnt.

Sind junge Gehölze zu stark in ihrer Vitalität beeinträchtigt (VS 3,0), also bereits beträchtliche Kronenteile abgestorben, kann nur zu Gunsten einer Neupflanzung entschieden werden. Selbst wenn es gärtnerisch denkbar wäre die Kronen über sehr viele Jahre (> 5 Jahre) wiederaufzubauen, lassen sich die Kosten für gärtnerische Maßnahmen und Begleitung nicht rechtfertigen. Der gesamte Prozess sollte nicht länger als drei bis vier Jahre in Anspruch nehmen. Hierzu müssen die Jungbäume bereits im ersten Jahr auf die Maßnahmen zur Pflanzenstärkung reagieren.

Wenn die Vorschädigung der Jungbäume, wie vor allem bei starken Stammnekrosen und sekundärem Pilzbefall, keine langfristig stabile und kostengünstige Entwicklung ermöglicht, sollte zu Gunsten einer Neupflanzung entschieden werden. Ob auch Gehölze mit leichten Rindenschäden (z. B. Frostrisse) revitalisiert werden sollten, muss von Fall zu Fall entscheiden werden, da auf der einen Seite die Vitalisierung möglich ist und auch ein mittelfristig guter Zustand der dann vitalen Pflanze prognostiziert werden kann, jedoch auf der anderen Seite bereits Eintrittspforten für holzzerstörende Pilze gegeben sind und nach bisherigem Stand der Wissenschaft nicht durch vitalisierende Maßnahmen vollständig und sicher geschlossen werden können (Stichwort: Frostleiste). Auch beispielsweise den gerne in Folge von zum Beispiel Stammnekrosen parasitierenden Spaltblättling (S. commune), lediglich durch vitalisierende Maßnahmen vollständig auszumerzen sollte kaum gelingen. Jedoch können Gehölze bei optimierter Wasser- und Nährstoffversorgung beziehungsweise mit wiederhergestellter Vitalität ihr natürliches Abschottungsvermögen (Stichwort: Unterstützung des Baumes bei der Selbsthilfe) optimieren und so beim Pilz Paroli bieten.

Gegebenenfalls könnten neuartige Trichoderma - Produkte ein Schlüssel für diese Problematik sein. Die bei Untersuchungen unter kontrollierten Bedingungen (Petrischalen - Versuche im Labor) und an einigen Einzelexemplaren erzielten vielversprechenden Ergebnisse Schadpilze, mit diesen speziellen Trichoderma-Pilzen, in Schach zu halten oder gar zu verdrängen, lassen hoffen (Kutscheidt & Brinkmann).

Klimabäume
Abb. 10: Reaktionen der Gehölze in den drei Behandlungsjahren v. l.: Erste Bewertung im belaubten Zustand 18. 5. 2016, im 2. Behandlungsjahr 10. 5. 2017, im 2. Behandlungsjahr nach der 2. Frühjahrsdüngung vor dem Schnitt 13. 6. 2017, im 2. Behandlungsjahr nach dem Schnitt 14. 6. 2017, im 3. Behandlungsjahr zur Herbstbonitur 11. 10. 2018. Fotos: Sternberg & Borgmann genannt Brüser

Fazit

Durch ein kooperatives Zusammenspiel aus Grünflächenamt (Straßenbaumabteilung des Bezirksamtes Berlin-Mitte), Wissenschaft und Lehre (Beuth Hochschule für Technik Berlin) und der Industrie (Compo expert GmbH) konnte zwischen 2013 und 2015 im Berliner Regierungsviertel ein positives Beispiel zeigen, wie sinnvoll es ist in die Revitalisierung von Jungbaumbeständen zu investieren. Dass die Übertragung der "Berliner Sanierungsmethode", also der Ansatz mehrjähriger Projektbegleitung mit alljährlich neuen Bewertungen der gärtnerisch - baumpflegerischen und der gegebenenfalls nötigen bodenverbesserden Maßnahmen, gelingt, konnte in den letzten Jahren an diversen Standorten mit unterschiedlichen Baumarten und -sorten belegt werden. Weitere Pilotprojekte in größeren und kleinen Städten konnten bereits erfolgreich abgeschlossen werden oder sind auf einem guten Weg.

Welche Form der Standortaufwertung für die speziellen Situationen notwendig ist, muss von Fall zu Fall entschieden werden. Nach kurzfristigen Vitalitätsgewinnen werden Gehölze mit wenig durchwurzelbaren Raum ohne eine kontinuierlich stattfindende intensivierte Pflege wieder an die Entwicklungsgrenzen stoßen und zwangsläufig erneut an Vitalität verlieren. Letztlich bedingt vor allem der Standort die Gehölzvitalität langfristig, auch wenn eine Revitalisierung durch intensivierte gärtnerische Pflege (gießen, düngen, schneiden) kurzfristig möglich ist um Gehölze wieder vital wachsen zu lassen. Trotzdem sollte auch bei schlechten Sonderbedingungen genau hingeschaut werden, ob wirklich die Notwendigkeit besteht, bereits dort wachsende Bäume zu fällen oder es nicht sinnvoll ist, eine Standortsanierung im Bestand vorzunehmen.

Da das Wurzelwerk der geschwächten Jungbäume in der Regel noch recht lokal entwickelt ist - also lediglich in der ehemaligen Pflanzloch - kann oftmals in angrenzenden Bereichen beispielsweise durch pneumatische Bodenbelüftung oder durch partiellen oder gar vollständigen Bodenaustausch ein langfristig guter Standort geschaffen werden. Die Kosten für die bodenverbessernden Maßnahmen und gärtnerischen Mehrkosten (erfahrungsgemäß nie mehr als 500 Euro) lassen sich vielfach mit den alternativ anfallen Kosten für die Neubepflanzung und deren Etablierung (Alleebaum 3 x v., StU 18-20 cm + Fertigstellungs- und Entwicklungspflege, 4 Jahre: ca. 1400 bis 1700 Euro) rechtfertigen.

Zudem spricht für den Erhalt die Wertsteigerung der Pflanzung am Endstandort in den bereist absolvierten Standjahren (Stichwort: Ertragsdenken). Letztlich können solche Sondermaßnahmen im Vorfeld vermieden werden, wenn alle Arbeitsabläufe von der Baumschule bis zum pflegeextensiven, gut etablierten und gepflegten (Straßen)baum optimal aufeinander abgestimmt sind. Solange vielerorts jedoch die Prozesse der unterschiedlichen Akteure derart schlecht ineinandergreifen, wird es auch in Zukunft wieder Fälle von vorzeitigem Vitalitätsverlust bei Jungbaumpflanzungen geben. Mit der "Berliner Sanierungsmethode" gibt es eine Möglichkeit dem entgegenzusteuern und zu erhalten statt wieder von vorne zu beginnen.

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