Kommentar

Moral und Landschaft

von

Landschaft unterliegt heute einem dreifachen Wandel. Dem Wandel des physischen Raumes, etwa durch Windkraftanlagen, neue Gebäude, die Auswirkungen des Klimawandels etc. Dem Wandel gesellschaftlicher Verständnisse von Landschaft, etwa infolge der Veränderung ästhetischer Deutungen und Wertungen. Dem Wandel individueller Zugänge zu Landschaft, etwa durch Wohnortwechsel, Reisen etc. Sind die Veränderungen der Elemente des physischen Raumes allgemein mit den Sinnen wahrnehmbar, bleiben die gesellschaftlichen und individuellen Verständnisse von Landschaft meist außerhalb der Reflexion und Diskussion (was auch die Fachwelt betrifft).

Sowohl die gesellschaftlichen als auch die individuellen Verständnisse von Landschaft enthalten moralische Erwartungen an das, was wir Landschaft nennen. Nun sind moralische Vorstellungen durchaus veränderlich und mit der gesellschaftlichen Pluralisierung setzte auch eine Pluralisierung von Moralen ein. In Bezug auf Landschaft bedeutet dies beispielsweise: für die eine sind Windkraftanlagen moralisch gut, weil ein physisches Manifest des Kampfes gegen den anthropogen verstärkten Treibhauseffekt, für den anderen sind sie moralisch böse, weil sie als Zerstörung der Heimat empfunden werden. Dies ist schon insofern problematisch, da - so der Soziologe Niklas Luhmann - angesichts von Schwierigkeiten moralisiert und damit eine sachliche Kommunikation zumindest erheblich erschwert wird.

Dies wird noch kritischer, weil die moralische Deutung von den Objekten auf jene Personen übergeht, die eine andere Landschaftsdeutung vertreten. Anstatt sich zu bemühen, Beweggründe anderer zu verstehen, werden sie moralisch diskreditiert, letztlich pathologisiert. Und - so der Philosoph Alexander Grau - (moralisch) Kranke werden nicht als ebenbürtig verstanden. Sie werden höchstens zu Gegenständen therapeutischer Maßnahmen. Ein Austausch auf Augenhöhe wird nur mit Personen gleichen Wertekanons geführt. Da sich Moralen aber pluralisieren, drohen die Filterblasen immer kleiner zu werden. Und damit die Zahl der Diskreditierten immer größer.

Wie wäre es, auch in Landschaftsfragen mit: Ein bisschen mehr Sachlichkeit wagen?
Prof. Dr. Dr. Olaf Kühne

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 12/2019 .

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