Schneitelbäume in der Stadt

von:

Stefan Körner

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Königsplatz, Kassel, im Winter. Foto: Stefan Körner
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Friedrich-Ebert-Straße in Kassel. Foto: Stefan Körner

Bäume in der Stadt zu pflanzen wird angesichts des Klimawandels immer wichtiger, um Bodenbeläge und Fassaden zu beschatten. Doch steht immer weniger Raum zur Verfügung, weil er immer intensiver ausgenutzt wird: Gehwege werden immer schmaler, das unterirdische Leitungsnetz immer dichter, der Brandschutz auch im Außenraum immer wichtiger und schließlich vertragen die traditionellen Bäume immer weniger das noch wärmer und trockener werdende Stadtklima. Über neue Baumarten wird geforscht, doch wird kaum über alternative Pflegeformen bei den Stadtbäumen nachgedacht, mit deren Hilfe man auch noch bei knappem Raum arbeiten kann und die eine größere Vitalität sichern können.

Grundsätzlich wird in Deutschland - in benachbarten europäische Ländern ist das zum Teil anders - die scheinbar natürlich gewachsene Krone bevorzugt. Doch wird in diese, gerade bei Straßenbäumen, intensiv eingegriffen: Nicht nur das Lichtraumprofil ist zu gewährleisten, sondern auch die Wegesicherung. Das führt zu den bekannten hoch aufgeasteten Bäumen mit durchgehendem Leittrieb. Werden entsprechende Sorten ausgelesen, dann sehen sie oft aus wie Klone und brauchen lange, bis sie einen individuellen Habitus entwickeln. Dennoch gilt der natürlich gewachsene Baum als Vorbild der Baumpflege. Werden die Bäume zu offensichtlich geschnitten oder gar eingekürzt, dann gilt dies schnell als Baumfrevel. Doch wären professionell gekappte Bäume durchaus eine Antwort auf die immer schwieriger werdenden Platzverhältnisse, die nicht nur auf eine Notsituation reagieren, sondern in bestimmten Raumsituationen auch architektonisch bereichernd sein können.

Auch für derartige Bäume gibt es tradierte Vorbilder. Wer kennt nicht die typischen Platanen im mediterranen Raum, die im Winter geschnitten und schirmförmig über die Straßen und Plätze gezogen werden, um im Sommer wie natürliche Sonnenschirme zu wirken. Im Gegensatz zu Schirmen heizt sich die Sonne nicht unter ihnen auf, sondern sie kühlen durch ihre Verdunstung zusätzlich. Da sie extrem regenerationsfähig sind, werden sie alt, selbst wenn sie Höhlungen haben oder beengt im Asphalt stehen. Bekannt sind auch die uralten Olivenbäume, die alle sieben Jahre herunter geschnitten werden, um ihre Ertragsfähigkeit zu sichern. In ihren Höhlen brüten Wiedehopfe und andere Vögel. Ähnliches ist es bei unseren Kopfweiden.

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Linden an der Mensa der Universität in Kassel: Hier waren in den 1980er Jahren Linden ringförmig vor der Mensa gepflanzt worden, eine Reihe davon sehr dicht vor Fassaden. Foto: Stefan Körner
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Linden an der Mensa der Universität in Kassel: Hier waren in den 1980er Jahren Linden ringförmig vor der Mensa gepflanzt worden, eine Reihe davon sehr dicht vor Fassaden. Foto: Stefan Körner

Diese Schneiteln genannte Schnittform stammt ursprünglich aus der Landwirtschaft. Werden Bäume immer auf gleicher Höhe eingekürzt, entstehen sogenannte Kopfbäume, die immer wieder an denselben Stellen austreiben und dort mit der Zeit Köpfe ausbilden. Auf diese Weise wurde vor allem mit Eschen und Linden, aber auch mit Ahornen Laubfutter und Einstreu zur Ergänzung der Viehfütterung produziert, auch als Notreserve bei Sommerdürre, wenn die Wiesen vertrocknen, oder in getrockneter Form als Wintervorrat. Ein weiterer Nutzen von Kopfbäumen war die Erzeugung von Weiden- oder Haselnussruten für die Flechterei und Ausfachung von Fachwerk im Hausbau oder von Birkenreisern für die Besenherstellung (Machatschek 2012). In den Tälern des Piemont wurden Esskastanien wie die Olivenbäume immer wieder geköpft, um den Fruchtansatz zu fördern, und die hohlen Stämme ausgebrannt, um sie haltbar zu machen. Noch heute kann man zum Beispiel in den Dickichten des Val Grande uralte Bäume auf mageren Böden finden, was ebenfalls zeigt, dass Schneiteln, so brutal es aussehen mag, baumerhaltend wirken kann.Wenn man die Grundäste zunächst in die erforderliche Höhe und dann in die Breite zieht, entstehen Schirm- oder auch Kandelaberbäume, deren Krone man durch den Schnitt genau kontrollieren kann. Schneitelbäume können also in nahezu jede Form gezogen werden, auch als schmale Wände mit definierter Breite und Höhe. Im Kasseler Umland stehen häufig noch geschnittene Linden als Eingangsbäume von Gast- oder Privathäusern dicht an den Fassaden. Früher saßen die Dorfbewohner hier auf schattigen Bänken und konnten das Straßengeschehen beobachten.

Doch ist diese Tradition weitgehend in Vergessenheit geraten. Wenn aber die im Zuge der Stadtbegrünung vor circa 30 Jahren gepflanzten Bäume jetzt langsam in die Jahre kommen, aber oft zu dicht auf Fassaden gepflanzt wurden, weil man ihre künftige Kronenentwicklung nicht bedachte, dann wird dann doch gekappt. Ein Beispiel sind die von Beuys im Rahmen der documenta 7 gepflanzten Platanen in der Friedrich Ebert Straße in Kassel. Eigentlich sind sie hier fehlplatziert. Vor ein paar Jahren begann man sie im Rhythmus von etwa drei Jahren einzukürzen, dann erreichten sie jeweils wieder die Fassaden. 2017 wurden nur die hausseitigen Äste entfernt; man kann sich offenbar nicht so richtig entscheiden, was zu tun ist und vielleicht wollte man auch zur documenta 14, wo die Besucher immer auch die Beuysbäume aufsuchen, einen radikalen Schnitt vermeiden. Doch ist zu befürchten, dass die Bäume irgendwann einmal zur Disposition gestellt werden, weil sie bei halbherziger Kappung letztlich nicht zu halten sind.

Dass Schneiteln mitunter die einzig mögliche Form von Baumerhaltung ist, haben wir in einem ähnlich gelagerten Fall, mit dem wir an der Universität Kassel konfrontiert waren, gelernt und ausprobiert. Hier waren in den 1980er-Jahren Linden ringförmig vor der Mensa gepflanzt worden, eine Reihe davon sehr dicht vor Fassaden. Als Reaktion darauf waren sie Anfang der 2000er-Jahre einmal gekappt worden und dann wieder durchgewachsen, weil man sich nicht mehr um sie kümmerte. Das Ergebnis war weder ästhetisch ansprechend noch funktional; es kam zur Bildung erster Faulstellen an den Stämmen. Die Idee von Dr. Florian Bellin-Harder und mir war im Rahmen unserer Diskussionen über Stadtbäume, sie zu Spalierlinden umzuerziehen, weil die Linden wegen der Feuerwehrzufahrt nicht über ihren knapp bemessenen Baumstreifen hinauswachsen durften. Sie wurden von uns in der Höhe gekürzt und die Faulstellen entfernt sowie mit Tonkinstäben jeweils vier Hauptäste in die Breite gezogen. Die anderen Äste wurden am Stamm entfernt. Etwas mühsam war die Erziehung des Grundgerüsts der Bäume, in der Folge waren dann immer nur noch im Winter die neu entstandenen Austriebe mit der Rosenschere zu entfernen. Für zusätzlichen Aufwand sorgen allerdings die Stammaustriebe, die im Spätsommer entfernt werden. Als wir mit der Arbeit begannen, war der Aufschrei der Studierenden und Angestellten der Universität groß, und wir mussten uns vernichtende Kommentare anhören. Die Leute reagierten dann aber auch verdutzt, wenn wir erklärten, dass die Bäume nur so erhalten werden könnten und dass wir in den Astquirlen häufig Vogelnester fänden. Mit Ausnahme von drei Demonstrationsexemplaren an der Bibliotheksfassade sind jedoch mittlerweile alle Bäume im Zuge der umstrittenen Neugestaltung des Nordcampus und damit auch des Mensavorplatzes gefallen.

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Linden am Hauseingang. Foto: Stefan Körner
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Geschnittene Straßenbäume auf der Mittelmeerinsel Mallorca. Foto: Stefan Körner
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Maschinell geschnittene Linden in Schwetzingen. Foto: Stefan Körner

Die Pflege von Schneitelbäumen ist einfach und kann ohne viel Fachwissen durchgeführt werden. Nach dem Austrieb wirken sie oft sehr homogen und sind sehr vital, was durch größeres und dunkleres sowie länger anhaftendes Laub angezeigt wird. Der späte Austrieb ermöglicht eine Besonnung von Plätzen im Frühjahr, wenn man die Sonne schätzt. Die dichte Belaubung setzt dann pünktlich mit der Hochsommerhitze ein und fällt oft erst im November Bei den Mensalinden waren die mehr als handtellergroßen Stammwunden, die bei der Kürzung entstanden, schnell überwallt. Nach vier Jahren bildeten sich erste Köpfe aus. Doch entstehen bei Schneitelbäumen immer auch wieder Faulstellen. Mitunter kann man diese aber entfernen und durch neue Köpfe ersetzen. So einfach die Pflege sein mag, es gilt: hat man sich einmal für derartige Bäume entschieden, muss man sie regelmäßig schneiden.

Die Vorteile dieser Pflegeform sind mit den Kosten ihrer Herstellung abzuwägen. Da sie im regelmäßigen Rhythmus bearbeitet werden müssen, gilt ihre Unterhaltung als teurer als die der natürlich anmutenden Bäume. Wie aber Claus Prinz in seiner Dissertation am FG Landschaftsbau, Landschafts-management und Vegetationsentwicklung der Universität Kassel feststellte, gilt dies jedoch nicht pauschal. Prinz ermittelte zunächst für Deutschland mittels einer empirischen Umfrage, dass im Verhältnis zur frei wachsenden Krone geschnittene Bäume zwar nicht sehr häufig und regional unterschiedlich vorkommen, am ehesten noch in Nord- undSüddeutschland, dass sie aber nicht völlig ungebräuchlich sind, sei es aus repräsentativen oder aus denkmalpflegerischen Gründen. Er flankiert seine Untersuchung mit einer Literaturrecherche, die zeigt, dass geschnittene Bäume in der Vergangenheit zwar immer wieder thematisiert, jedoch nie tiefergehend behandelt wurden. Allenfalls Ehsen (2001, 2002) äußerte sich wie auch schon Shigo (1991) dahingehend, dass Formschnittbäume gegenüber frei wachsenden nicht nur pflegeleichter, sondern auch kostengünstiger zu unterhalten seien. In der Folge wurden diese Denkanstöße jedoch nicht weiter aufgegriffen.

In diese Forschungslücke stößt Prinz und untersucht vier Pflegformen: den scheinbar natürlich gewachsenen Baum, Prinz nennt ihn auch den Baum mit artgerechtem Kronenaufbau, was allerdings nur bedingt stimmt, weil auch diese Bäume - und das ist ja das Problem - den technischen Notwendigkeiten der Stadt angepasst sind. Weiter wird der als Baumhecke geschnittene Spalierbaum, der schirmförmige Schneitelbaum und der Kopfbaum beziehungsweise die Stammkopfkrone betrachtet. Einen großen Anteil der Dissertation nimmt die Berechnung der Investitions- und Unterhaltungskosten zunächst für Einzelbäume und für einen Zeitraum von 60 Jahren ein. Prinz unterlegt seine Schlussfolgerung konsequent mit kalkulatorischen Daten und führt eine plausible Quantifizierung durch. Es zeigt sich, "dass alternative Pflegestrategien, verglichen mit dem artgerechten Kronenaufbau, nicht grundsätzlich unwirtschaftlich sind. Auch dann, wenn im Zeitraum von 60 Jahren keine über die gewöhnliche Kronenpflege hinausgehenden Maßnahmen (…) an Bäumen mit artgerechtem Kronenaufbau erfolgen, ist diese Pflegestrategie im gesamtwirtschaftlichen Vergleich mit den alternativen Pflegestrategien kostentechnisch im Mittelfeld positioniert. Zwar führt der artgerechte Kronenaufbau in den ersten Jahren zu einem geringeren Investitionsbedarf, dieser Kostenvorteil geht jedoch mit Alterung des Baumes zunehmend verloren. Die (…) alternativen Pflegestrategien zeigen eine umgekehrte Kostenentwicklung" denn der höhere Investitionsbedarf bei der Erziehungspflege sinkt mit dem Übergang zur Unterhaltungspflege (Prinz 2017, 219f.). Diese Kostensituation variiert dann noch, wenn man nicht Einzelbäume, sondern Baumreihen betrachtet, mit denen Kronenschluss hergestellt werden soll. Stammkopfkronen eignen sich hierfür wenig und sind dann auch nicht wirtschaftlich. Schirmbäume sind mit Abstand die kostenintensivsten und werden daher nur in besonderen städtebaulichen Situationen zum Einsatz kommen, wohingegen die maschinell geschnittene Baumhecke gegenüber frei wachsenden Kronen deutlich im Vorteil ist. Allerdings sieht sie auch sehr formal aus. Im Fall der von uns händisch geschnittenen Mensalinden zeigte sich jedoch, dass eine strenge architektonische Fassung des Platzes angemessen wirkte und zudem reizvoll mit den freiwachsenden Sophoren der auf diesen Platz stoßenden sog. Diagonalen kontrastierte.

Die Kostensituation ist mit dem sonstigen Nutzen von geschnittenen Bäumen ins Verhältnis zu setzen. So können Stammkopfkronen und Heckenbäume nicht nur in räumlich engen Situationen zum Einsatz kommen, sondern ihr großer Vorteil liegt auch darin, dass man mit ihnen genau den Schattenwurf 'einstellen' kann (vgl. Bellin-Harder 2017: 64 ff.). Hinzu kommt, dass sie - obwohl man gemeinhin denkt, sie führen zu statisch problematischen Faulstellen - durch ihre hohe Vitalität, die permanente Kontrolle ihrer Krone durch den Schnitt und ihr geringeres Kronenausmaß als stand- und bruchsichergelten können (ebd., 220). In Zeiten zunehmender Wetterextreme ist das sicherlich kein geringer Vorteil.

Literatur

Bellin-Harder,

F. 2017: Autonome Aneignung und planerische Regel in der Kasseler

Schule. In: Hauck, T. et al. (Hrsg.): Aneignung urbaner Freiräume.

Bielefeld. S. 47-74 Ehsen, H. 2001: Vom Köpfen und Kappen bei Bäumen. Neue Landschaft (10): 647-651. Ehsen, H. 2002: Aspekte zum Schnitt von Bäumen mit besonderer Kronenform. Neue Landschaft (1): 42-46. Machatschek,

M. 2012: Laubgeschichten. Gebrauchswissen einer alten Baumwirtschaft, Speise- und Futterlaubkultur. Wien, Köln, Weimar. Prinz,

C. 2017: Untersuchungen zur Relevanz und ökonomischen Tragweite

alternativer Pflegestrategien bei der Straßenbaumpflege. Kassel. Shigo, A. 1991: Baumschnitt. Leitfaden für richtige Baumpflege. Braunschweig.

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