Studieren in Zeiten von Corona

Sozialhilfe statt Studium

Studierende lernen in diesem Semester nur noch digital. Das Studiengebot ist eingeschränkt, Hochschulen verwaist. Foto: Jörg-Ulrich Forner

Die Studierenden warten bundesweit auf die Öffnung der Hochschulen und Universitäten. Seit knapp drei Monaten laufen die Module in Online-Seminaren ab. Die Akademiker*innen stehen vor existenziellen Problemen. Mangelhafte Studienangebote und Jobkündigungen bestimmen derzeit das Bild.

Jeder fünfte Studierende leidet gerade unter monetären Engpässen, ermittelte eine Studie des Personaldienstleisters Zenjo. 40 Prozent der knapp drei Millionen Auszubildenden an Hochschulen und Universitäten verloren demnach ihren Job, der essenziell ist, um das Studium zu finanzieren. Etwa 600 000 Studis mussten sich aus dem Freundes- und Verwandtenkreis schon Geld leihen, berichtet die Süddeutsche Zeitung (SZ). "Es kann nicht sein, dass jemand sein Studium abbricht, um Sozialhilfe zu bekommen?, sagt Eugen Esman, Vorsitzender des Astas der Uni Köln, gegenüber der SZ. Die Mehrheit der Studierenden arbeitet durchschnittlich neun Stunden die Woche zumeist im Dienstleistungssektor wie Gastronomie und Gewerbe. Der Corona-Krise zum Opfer gefallen sind vor allem diese Beschäftigungsstellen.

An der Berliner Beuth Hochschule für Technik konnte das Sommersemester beispielsweise mit dreiwöchiger Verspätung starten. Der Uni-Alltag ohne Präsenzveranstaltungen bringt in der Hauptstadt aber auch Chancen mit sich. Die von den Studierenden bemängelte technische und digitale Ausstattung wurde für den Ausnahmezustand qualitativ besser bereitgestellt. Das Anhören der Vorlesungen von Zuhause erspart den Studierenden den Fahrweg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Terminkalender wird damit entlastet, die dadurch gewonnene Zeit können Studierende effektiver in das Schreiben von Hausarbeiten etc. nutzen. Ein Einblick in den Bachelor-Studiengang der Landschaftsarchitektur zeigt, dass sich der fachliche Input in Form von Online-Seminaren mittlerweile gut eingependelt hat, doch der anhaltende Frontal-Unterricht lässt die Motivation und Lernbereitschaft zunehmend abflachen, da auch die Interaktion zu den Lehrkräften erschwert wird.

Etwa 40 Prozent der Studierenden haben ihren Job in Kneipen, Restaurants oder Büros verloren. Viele von ihnen wollen zurückkehren, das isolierte Lernen mindert die Motivation. Foto: Jörg-Ulrich Forner

"Der Studiengang lebe von Exkursionen und praxisnahen Projekten", sagt Prof. Dr. Jörg-Ulrich Forner, Dozent für Bautechnik in der Landschaftsarchitektur. Auch die Studierenden der Beuth drängen darauf, wieder in die Uni zu dürfen. Das Lernen in den eigenen vier Wänden hat seinen Reiz verloren. Die bautechnischen und planerischen Inhalte aus den Vorlesungen an realen Semesterprojekten anzuwenden, zeichnet den Studiengang aus, berichten die Studis der Beuth Hochschule. Viel mehr aber fehle der gegenseitige Austausch, das gemeinsame Lernen und ein geregelter Lernrhythmus mit den "Beuth-Buddies?, so der Grundtenor der künftigen Landschaftsarchitekten. Die face-to-face-Kommunikation unter den Kommilitonen sei unersetzlich, um die fachspezifischen Inhalte zu festigen. Mit digitalen Konferenzen per Zoom, Jitsi oder über das Deutsche Forschungsnetzwerk (DFN) sei zwar Abhilfe geschaffen, doch auch dabei kommt es bundesweit immer wieder zu Verbindungsstörungen, die teilweise über mehrere Tage die digitalen Lehrangebote lahmlegen.

Das kommende Wintersemester soll den Kultus-Ministern der Länder zufolge nicht vor dem 1. November stattfinden und es wird derzeit diskutiert, ob auch dieses digital abläuft, berichtet Die Zeit. Man müsse zeitnah und im verantwortlichen Maße wieder zum Präsenzunterricht zurückkehren, denn bei einem weiteren "rein digitalen Semester? könne der Bildungsauftrag der Hochschulen und Universtäten nicht wie angedacht erfüllt werden, meint Forner. Das haben sich auch die Studierenden anders vorgestellt, als sie sich für ein Studium entschieden haben. In Zeiten der Pandemie war es notwendig sich umzustellen, doch nun sei es wichtig mehr Normalität in das Studentenleben zu bekommen. Doch dann gibt es Stimmen, die meinen, es sollten große Vorlesungen besser nur noch online abgehalten werden, berichtet die FAZ. Die Studierendenschaft ist sich einig, sie fühlen sich im Stich gelassen von der Regierung vor allem finanziell. Landesweit bilden sich immer mehr Protestbewegungen in studentischen Kreisen, aus Angst sich für das Studium zu verschulden.

Danilo Ballhorn

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 07/2020 .

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